Zeitschrift für Phytotherapie 2022; 43(S 01): S6-S7
DOI: 10.1055/s-0042-1749466
Abstracts Poster | Phytotherapie 2022 – innovativ

Supportivmedizin, Multimorbidität und Phytotherapie

Autor*innen

  • Reinhard Saller

    1   Universität Zürich, Schweiz
  • Maja Dal Cero

    1   Universität Zürich, Schweiz
 

Supportivmedizin und Multimorbiditäten (das heisst 2 oder mehr nicht (ausreichend) behandelte „chronic conditions“ bzw. „chronic conditions and concerns“, keine Hierarchisierung) umfassen eine umfangreiche und flexible Vielfalt von Behandlungsanlässen. Neu ist die Abwandlung des Begriffs „disease“ auf „condition“. Zusätzlich müssen akute Krankheiten, Symptome und Beschwerden miteinbezogen werden [1] [2] [3], da diese oft unmittelbare Behandlungsanlässe darstellen und Behandlungsverläufe modifizieren.

Multimorbidität gilt derzeit als das im Alter am häufigsten vorkommenden Krankheitsbild. Allerdings kommt sie in allen Altersklassen vor. Sie hängt mit vielen negativen Folgen zusammen (u. a. funktionellen Einschränkungen im Alltag, Verlust an Lebensqualität, Pflegebedürftigkeit, frühere Mortalität [1] [4]. Im Alter treten vermehrt auch seelische (v. a. Depressionen und Angststörungen) und neuropsychiatrischen Erkrankungen (u. a. dementielle Zustände) auf [1] [5] [6].

Die Nichtpriorisierung der Multimorbiditätsanteile ermöglicht individuell situationsgerechte therapeutische Flexibilisierungen und damit die Mit-Entscheidung der Patient:innen („Patient:in als Subjekt“), u. a. bzgl. Notwendigkeit, Priorisierung, Rangfolge von Therapiezielen. Mit Multimorbidität lassen sich heterogene Krankheitsbilder zusammenfassen, die sich wechselseitig beeinflussen (gegenseitige „Pathoplastik“). (Therapeutisch bedingte) Änderungen von Multimorbiditätsanteilen sind nicht einfach nur Additionen oder Subtraktionen im gesamten Krankheitsbild, sie können sich multiplikativ gestalten.

Zu gemeinsamen Pathophysiologien der verschiedenen „conditions“ gehören z. B. milde chronische Entzündungsvorgänge [1] [4] [7], die bei vielen Krankheiten als Basismechanismen fungieren, z. B. arteriosklerosebezogene Erkrankungen, Depressionen, Tumorerkrankungen und Metastasierung. Sie kommen im Alter wie auch bei Multimorbidität häufig vor [1] [2] [8] [9] [10] [11] [12] [13]. Chronische Entzündungsvorgänge stellen zudem ein Bindeglied zwischen Multimorbidität und somatischen bzw. funktionellen Einschränkungen [4] dar. Die Beeinflussung solcher Mechanismen ist eine Art antiinflammatorischer Basistherapie von Multimorbidität.

Selbstverständlich können sich auch andere multimorbiditätsbezogene Pathophysiologien herausbilden, nicht zuletzt beeinträchtigte Immunfunktionen, kanzerogene Mechanismen, reduzierte Ausheilungspotentiale, Homöostasestörungen sowie gestörte vaskuläre Autoregulationen.

Polypharmakotherapien sollten in vielen Behandlungssituationen wissenschaftlich zwangsläufig Heilmittel mit Mehrfachwirkungen aufnehmen (Multi-Target-Ansatz), insbesondere solche, die zahlreiche ganz oder weitgehend unabhängige Wirkmechanismen besitzen (pleiotrope Mittel). Es sollten Eigenschaften vorhanden sein, die neben indikationsbezogener Wirksamkeit auch Basismechanismen von Multimorbidität günstig beeinflussen, z. B. Wirkstoffe mit zusätzlichen entzündungshemmenden Eigenschaften [1] [4] [11].

Ausgeprägte und quasi genuine Pleiotropie und Multi-Target-Eigenschaften besitzen pflanzliche Therapiemittel mit Vielstoffcharakter (Phytotherapeutika, Mittel der herbal medicine) [1] [2] [6] [10] [14]. Entsprechend dem breiten Wirkungsspektrum kommt es aufgrund der Multifunktionalität meistens zu einem Zusammenspiel mehrerer Wirkweisen ([Abb. 1]): eine spezifische Wirkebene, d. h. eine Orientierung an Symptomen/Symptomkomplexen bzw. spezifischen Krankheiten, eine adaptogene Wirkebene, d. h. Orientierung am Gesamtorganismus und seinen Reaktionsweisen sowie eine systemische Wirkebene, d. h. Orientierung an Basisstörungen [15].

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Abb. 1 Supportivmedizin, Multimorbidität und Phytotherapie/herbal medicine: Wirkungsund Anwendungsvielfalt in komplexen Therapiesituationen. Quelle: R. Saller

Die Nichtselektivität pflanzlicher Mittel (Multi-Target-Ansatz mit breiter biologischer Aktivität) kann erhebliche Vorteile bieten, u. a. weil Multimorbidität auf dem komplexen Zusammenspiel zahlreicher, z.T. noch nicht genauer charakterisierter Targets beruht.

Gleiche Einzelkomponenten bzw. Stoffgruppen kommen in verschiedenen Arzneidrogen vor, so dass unterschiedliche Mittel vergleichbare Teilwirkungen aufweisen. Zahlreiche pflanzliche Wirkstoffe besitzen zwar antientzündliche Eigenschaften (systemisches Potenzial), unterscheiden sich aber in weiteren Wirkungen. Ein dem derzeitigen generell verfügbaren Wissens- und Forschungsstand angemessene, d. h. umsichtige und vermehrte Einbeziehung pflanzlicher Mittel in die Behandlung der Multimorbiditäten dürfte Therapien wirksamer, einfacher und verträglicher gestalten [1] [2] [14].

Entsprechend den patient:innenbezogenen therapeutischen Erfordernissen lässt aus der Vielzahl pflanzlicher Mittel mit systemischen antientzündlichen Eigenschaften ein Mittel auswählen, das weitere vorhandene Behandlungsanlässe aufgreift [1] [2], z. B. Johanniskrautextrakte mit antientzündlichen und antidepressiven Wirkungen [1] [12] oder beschwerdeorientiert z. B. bei Müdigkeit oder Erschöpfung. Nicht jeder Patient, der antiinflammatorisch behandelt werden sollte, benötigt daher ein separat antientzündlich wirksames Arzneimittel. In vergleichbarer Weise eignen sich zahlreiche Arzneidrogen und Kräutermischungen mit ihren Zubereitungen für supportive und multimorbiditätsbezogene Behandlungen, z. B. aus Ginkgo biloba, Echinacea spec., Curcuma spec., Crataegus spec., Panax ginseng, Urtica spec., Silybum marianum, Allium sativum, Mentha spec., Zingiber officinale, Thymus spec., Salvia rosmarinus, Calendula officinalis oder Withania somnifera [1] [5] [6] [10] [12].

Zahlreiche pflanzliche Mittel weisen ein relativ geringes Risiko für unerwünschte Wirkungen auf [16] und eignen sich auch deswegen für multimorbide Patient:innen. Für die jeweils relevanten Behandlungsanlässe lassen sich therapierelevante Daten (u. a. Sicherheit, unerwünschte Wirkungen) aus anderen Indikationsbereichen heranziehen (translationaler Ansatz).



Publikationsverlauf

Artikel online veröffentlicht:
13. Juni 2022

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