Balint Journal 2018; 19(01): 5-12
DOI: 10.1055/s-0043-122109
Originalarbeit
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Balints Gedanken in einer zeitgemäßen Form

Mentalisierung in der PrimärversorgungA contemporary form of Balint’s thinking will maintain a holistic general practiceMentalizing in Primary Care

Authors

  • Annette Sofie Davidsen

    1   Forschungseinheit und Sektion für Allgemeinmedizin, Medizinische Fakultät, Universität Kopenhagen Dänemark
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Publication Date:
14 March 2018 (online)

Zusammenfassung

In der Primärversorgung ist das Zusammenspiel zwischen Körper und Seele besonders wichtig. Im Gegensatz zu der Sekundärversorgung, wo Fachärzte sich um eine spezielle Symptomatik des Patienten kümmern, ist die Primärversorgung des Hausarztes dafür zuständig, sich zu dem komplexen Zusammenhang von körperlichen und seelischen Symptomen des Patienten zu verhalten, und ihn in einer gesamtheitlichen Perspektive zu verstehen. Balint interessierte sich für die Arzt-Patienten-Beziehung in der Primärversorgung und für die Behandlung der ganzen Person. Gemeinsam mit Enid Balint trainierte er Allgemeinärzte in einem ganzheitlichen Verständnisprozess, wo Körper und Seele in einer dynamischen Wechselwirkung stehen. Balints Gedanken waren jedoch nicht sehr deutlich beschrieben und haben in der Primärversorgung nicht Fuß fassen können. Heute wird die Primärversorgung in ihrer bestehenden Form für bedroht gehalten. Um dem entgegenzuwirken, benötigt sie einen theoretischen Zugang, der Körper und Seele als eine Einheit betrachtet. In diesem Artikel beschreibe ich verschiedene Begriffe, die für eine solche Theorie die Grundlage bilden könnten. Ich zeige, dass Balints Auslegung des Verständnisprozesses in der Arzt-Patient-Beziehung mit der Definition des intersubjektiven Verstehens der Mentalisierungstheorie übereinstimmt und darüber hinaus auch mit der phänomenologischen Einstellung, die eben die Unterscheidung von Körper und Seele ablehnt. Allgemeinärzte wie z. B. McWhinney und Rudebeck haben ein solches ganzheitliches Denken formuliert. In England überlebte die Primärversorgung in den fünfziger Jahren nur dank Balints Überzeugungen. Wenn die Primärversorgung heutzutage wieder bedroht ist, könnte dies mit dem erneuten Verschwinden des psychodynamischen Zuganges in Zusammenhang stehen. Die Mentalisierungstheorie ist grundlegend psychodynamisch. Sie stimmt mit den Haltungen Balints und der Allgemeinärzte, die sowohl von Balint als auch von der Phänomenologie inspiriert waren, überein. Allgemeinärzte können das Mentalisieren trainieren. Dabei würden sie den psychodynamischen Zugang und die Fähigkeit, sich in die gesamte Situation des Patienten hineinversetzen zu können, bewahren.

Abstract

In general practice the interplay between body and mind is especially important. Contrary to the secondary sector, where specialists are concerned about patients’ specific symptomatology, general practice must relate to the complex relationship between the patient’s bodily and mental symptoms and understand them in a coherent perspective. Balint was interested in the doctor-patient relationship in general practice and in the treatment of the whole person. Together with Enid Balint he trained general practitioners in a holistic understanding of the patient with body and mind in a dynamic interplay. However, Balint’s thoughts were not described very clearly and have not gained ground in general practice. By now general practice is considered to be threatened in its present form. To counteract this there is a need of a theoretical approach where body and mind are seen as a whole. In this article I describe different concepts that could form the basis of such a theory. I show that Balint’s view of the process of understanding in the doctor-patient relationship corresponds with the definition of the intersubjective understanding in mentalization theory and in addition with the phenomenological approach, which rejects the division between body and mind. General practitioners as for example McWhinney and Rudebeck have also formulated such holistic thinking. In the UK, it was Balint’s thoughts that made general practice survive in the fifties. When general practice is now once again threatened it could be attributable to the disappearance of the psychodynamic dimension. Mentalization theory is basically psychodynamic. It corresponds with the understanding of Balint and the general practitioners who were inspired both by him and by phenomenology. General practitioners could be trained in mentalization to maintain the psychodynamic approach and the ability to understand the patient’s overall situation.