Zeitschrift für Phytotherapie 2023; 44(S 01): S10
DOI: 10.1055/s-0043-1769525
Abstracts

Phytotherapie im 21. Jahrhundert

Autor*innen

  • K Kraft

    1   Universitätsmedizin Rostock, Rostock, Deutschland
 

In den Anfangsjahren der Bundesrepublik Deutschland war die Phytotherapie wegen einer sehr aktiven Pharmaindustrie mit Fokus auf chemisch definierten, patentierbaren Substanzen auch im akademischen Bereich nahezu bedeutungslos. Die Erstellung der Arzneipflanzenmonografien durch die Kommission E des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) in den 1980er-Jahren stieß jedoch auf großes internationales Interesse, auch bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die dieses Vorgehen als einen Baustein im Rahmen ihrer Strategiepapiere zur Weiterentwicklung der traditionellen und komplementären Medizin in ihren Mitgliedsländern empfiehlt. Der 1989 gegründete Dachverband der europäischen phytotherapeutischen Fachgesellschaften – die European Scientific Cooperative on Phytotherapy (ESCOP) – setzt die Monografieentwicklung bis heute fort. Im Rahmen der europäischen Harmonisierung wurde dann im Jahr 2004 der Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel (HMPC) bei der europäischen Arzneimittelagentur (EMA) eingerichtet. Dessen regulatorische Einstufung von pflanzlichen Zubereitungen beruht auf den vom HMPC publizierten und regelmäßig aktualisierten Monografien. Infolge dieser systematischen Arbeit weisen die derzeit in der EU zugelassenen oder registrierten pflanzlichen Zubereitungen eine hohe Qualität und Sicherheit auf.

Allerdings führte die im Jahr 2004 in Deutschland erfolgte Entlassung der infolge ihrer hohen Arzneimittelsicherheit nicht rezeptpflichtigen Phytopharmaka aus der Erstattungsfähigkeit durch die gesetzliche Krankenversicherung bei den ÄrztInnen nicht nur zur Substitution durch rezeptpflichtige chemisch definierte Arzneimittel, sondern langfristig auch zu einem abnehmenden Kenntnisstand hinsichtlich pflanzlicher Arzneimittel. Zudem greifen seit über einem Jahrzehnt insbesondere die AnwenderInnen vermehrt zu den scheinbar preiswerteren Nahrungsergänzungsmitteln mit pflanzlichen Inhaltsstoffen (Botanicals). Da außerdem in den letzten 20 Jahren die regulatorischen Vorgaben für die klinische Prüfung von Arzneimitteln in der EU ständig verschärft wurden, ist der Aufwand für den Nachweis der indikationsbezogenen Wirksamkeit massiv angestiegen. In den letzten Jahren wurde diesen Herausforderungen mit folgenden Maßnahmen begegnet: 1. Durch die Mitarbeit der Gesellschaft für Phytotherapie in den Leitlinienkommissionen der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) seit 2013 stehen allen Interessenten indikationsbezogene wissenschaftlich aufbereitete Erkenntnisse und Empfehlungen zu pflanzlichen Zubereitungen zur Verfügung. 2. Hinsichtlich der Botanicals finden staatlicherseits Aufklärungskampagnen statt, eine regulatorische Lösung dieses Problems auf der EU-Ebene steht allerdings seit langer Zeit aus. 3. Infolge der durch die Digitalisierung des Gesundheitswesens zunehmend zur Verfügung stehenden Real World Data auch für die pflanzlichen Zubereitungen ergeben sich jenseits des Goldstandards der randomisierten kontrollierten klinischen Studien neue Optionen zum Beleg ihrer Wirksamkeit.

Fazit Bisher haben sich die pflanzlichen Arzneimittel den Herausforderungen im 21. Jahrhundert erfolgreich gestellt.



Publikationsverlauf

Artikel online veröffentlicht:
14. Juni 2023

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