Zusammenfassung
Hintergrund In Zeiten einer pandemischen Bedrohungslage, wie bei COVID-19,
und der Notwendigkeit reduzierter direkter Arzt-Patienten-Kontakte rückte die
internetbasierte Videotelefonie mehr und mehr als Ersatzserviceleistung in den
Fokus. Um individuellen oder gesamtwirtschaftlichen Problemen entgegenzuwirken,
darf die Erkennung und Behandlung anderer Erkrankungen keine längerfristige
Unterbrechung erfahren. In kurzer Zeit stieg der Bedarf alternativer Methoden
zur Patientenbetreuung. Bisherige telemedizinische Einsatzgebiete lagen vor
allem im Bereich der radiologischen Befundung, der Nachsorge und des Monitorings
psychiatrischer und internistischer Erkrankungen sowie geriatrischer
Patientenbetreuung. Studien zur Einsatzmöglichkeit für eine
orthopädisch-unfallchirurgische Untersuchung des Kniegelenks existieren nach
Autoreninformationen bislang nicht. Wie sich der Einsatz einer Videosprechstunde
in der speziellen Anwendung für die Anamnese und Untersuchung bei Beschwerden
des Kniegelenks konzipieren und umsetzen lässt, soll im Rahmen dieser
Machbarkeitsstudie erarbeitet werden.
Material und Methodik 21 Schauspielpatienten (SP) mit simulierten
Beschwerden des Kniegelenks wurden für jede Diagnose einzeln zunächst über
Videotelefonie und anschließend im direkten Kontakt durch einen Facharzt (FA)
untersucht. Eine Gruppe der SP war medizinisch vorgebildet, die andere bestand
aus Laien. Von beiden Untersuchungseinheiten wurde die Zeit gemessen. Die
erkannten Symptome, die patientenseitige Durchführungsqualität der
Eigenuntersuchungsschritte und die abgeleitete Diagnose wurde auf einem
Bewertungsbogen durch den Arzt dokumentiert. Die SPs erhielten zum Abschluss
beider Untersuchungseinheiten einen Bewertungsbogen zur jeweiligen
Untersuchungsmethodik.
Ergebnisse Die Untersuchungseinheit der Videosprechstunde dauerte im
Mittel 8,63 (± 2,5) min, die der normalen Sprechstunde 5,63 (± 1,7) min
(p < 0,001). Die Dauer der Videountersuchung zeigte für die Gruppe mit
medizinischem Vorwissen einen Wert von 7,67 (± 1,4) min, wohingegen die
Untersuchung der Laiengruppe im Mittel 9,7 (± 3,1) min dauerte (p = 0,049). Ein
höheres Alter verlängerte die Dauer der Videountersuchung (p = 0,032; r = 0,47).
Im Mittel wurden 9,32 (± 0,4) von 10 Punkten für die Eigenuntersuchungen der
Beinachse, des Gangbildes und der Freiheitsgrade erreicht. Niedrigere
Mittelwerte erreichten die Funktionstests: Payr-Test 7,2 (± 2,3) Punkte,
Merke-Test 5,9 (± 2,8) Punkte, No-touch-Lachmann-Test 6,4 (± 2,7) Punkte,
Gravity-Sign-Recurvatum-Test 6,7 (± 2,4) Punkte. Die Durchführbarkeit der
Eigenuntersuchungen bewerteten die SP im Mittel mit 2,43 (± 0,98) von 5
Punkten.
Schlussfolgerung Die Videosprechstunde für muskuloskelettale Beschwerden
des Kniegelenks ermöglicht eine orientierende Fernuntersuchung und hilft, das
Patientenaufkommen in Kliniken und Praxen zu minimieren. Sie geht mit einem
zeitlichen Mehraufwand für den Arzt einher und findet ihre Limitierung in den
Funktionstests der Kniebinnenstrukturen. Die telemedizinische Untersuchung
ersetzt in der heutigen Form keine persönliche Sprechstunde.
Schlüsselwörter
Knie - COVID-19 - Untersuchung - Telemedizin - Videosprechstunde