Z Orthop Unfall 2022; 160(06): 616-617
DOI: 10.1055/a-1483-0132
Junges Forum

Mitarbeitergewinnung, Mitarbeiterpflege und Mitarbeiterbindung: ein Appell

Marie Samland

Der Fachkräftemangel ist in aller Munde. Auch und gerade im Bereich Orthopädie und Unfallchirurgie bietet dieser Anlass zu großer Sorge. Im aktuellen Ärzteblatt 33–34/2022 wird die Marburger-Bund-Umfrage unter den eigenen Mitgliedern (der sog. MB-Monitor 2022) aufgegriffen, wonach viele Ärztinnen und Ärzte über einen Berufswechsel zeitnah nachdenken.

Wie soll man der immensen Herausforderung, auch in Zukunft genügend motivierte und gute Mitarbeiter im Fach O und U zu haben und zu halten, überhaupt noch Herr werden? Knapp ein Viertel der ärztlichen Kolleginnen und Kollegen an Krankenhäusern denkt bereits über einen zeitnahen Ausstieg aus dem ärztlichen Beruf nach (MB-Monitor 2022). Die Gründe dafür sind bekannt und schon oft genannt worden: Es werden die Arbeitsbedingungen im Allgemeinen aufgezählt (hohe Anzahl an Überstunden, 24-Stunden-Dienste) wie auch die steigende Arbeitsbelastung bei gleichzeitig nur knapp kalkuliertem Stellenschlüssel, hoher ökonomischer Druck und die mangelnde Vereinbarkeit von Familie, Privatleben und Beruf. Ein weiterer entscheidender Punkt verdient jedoch besondere Beachtung: Die fehlende ärztliche Wertschätzung.

Oft wird die Notaufnahme von ärztlichen Mitarbeitern in den ersten Weiterbildungsjahren besetzt, obwohl die Krankheitsschwere und auch die Anzahl der Patientenkontakte stetig zunimmt bei gleichzeitig teils prekärer personeller Besetzung (auch vonseiten der Pflege). Nicht selten erfahren junge Kolleginnen und Kollegen daher bereits in den ersten Jahren die ganze Bandbreite der Klagebereitschaft der Patientinnen und Patienten, müssen zu akribisch dokumentierten Beschwerden (oft in der eigenen Freizeit) Stellungnahmen schreiben und erleben dann auch noch verbale Gewalt, Drohungen oder sogar Übergriffe.

Es ist dabei eine große Ungerechtigkeit, dass sich die Beschwerden der Patientinnen und Patienten oft ausschließlich gegen die behandelnden ärztlichen Kolleginnen und Kollegen in der Notaufnahme oder auf Station richten und nicht etwa an die Geschäftsführung. Schließlich ist die Personalnot ein Ergebnis grundsätzlicher Fehlentwicklungen im gesamten deutschen Gesundheitssystem. Dass eine knapp kalkulierte personelle Besetzung nun auch zu einer nur ungenügenden medizinischen Betreuung mit nur kurzem Arztgespräch führt, ist offenkundig.

Wir beobachten auch vonseiten unserer Mitglieder im Jungen Forum O und U eine zunehmende berufliche Frustration; es herrscht großer Bedarf, über die eigene überbordende Arbeitsbelastung zu reden und wir bieten weiter Hilfe an, sich im Rahmen unseres Netzwerkes auszutauschen. Wir sehen einen Trend – gerade im Fach O und U – dass die Bereitschaftsdienste in der Nacht mit einer nahezu 100%-Aktivzeit einhergehen und dass trotz Gefährdungsmeldung und Überlastungsanzeigen an die Vorgesetzten keine Abkehr von bspw. 24-h-Diensten gewollt ist. An dieser Stelle weiter über Stellenstreichungen zu reden, verprellt wohl bald auch noch die verbliebenen ärztlichen Mitarbeiter.

Vor diesem Hintergrund ist der zunehmende Anteil hin zu Teilzeitverträgen nicht verwunderlich, entspricht die Wochenarbeitszeit mit Überstunden und Bereitschaftsdiensten doch bei Weitem nicht den Wünschen ärztlicher Angestellter, die neben dem Beruf auch noch ein Privatleben haben wollen. Da vonseiten der Arbeitgeber kein ausreichender Freizeitausgleich gewährleistet werden kann, bleibt nur der Weg in die Reduzierung der Arbeitszeit, um sicherzustellen, dass genügend Freiraum zur physischen und psychischen Erholung bleibt. Und es sind bei Weitem nicht nur junge Mütter, sondern auch kinderlose Männer, die auf Teilzeit reduzieren, was ebenfalls ein Hinweis auf eine zu hohe Arbeitsbelastung ist. Ein Fünftel aller Befragten im MB-Monitor gaben eine durchschnittliche geplante Wochenarbeitszeit von 60 Stunden und mehr an bei rund 6,2 Überstunden pro Woche; 26% berichteten zudem, weder eine finanzielle Vergütung noch einen Freizeitausgleich für die Überstunden zu erhalten.

Mitarbeiterpflege sieht anders aus. Es ist an der Zeit, das außerordentlich hohe Engagement der eigenen Mitarbeiter zu belohnen. Die Ärzteschaft akzeptiert bereits eine enorme Mehrarbeit weit über das durchschnittliche Maß hinaus und verdient Anerkennung dafür.

Gründe für eine längere berufliche Arbeitszeitreduzierung oder auch -unterbrechung sind mannigfaltig. Da in die Zeit der Facharztweiterbildung auch oft die eigene Familiengründung fällt, ist der häufigste Grund für die Arbeitsunterbrechung eine Schwangerschaft oder das Nehmen von Elternzeit. Auch der Wunsch und die Bereitschaft von Vätern, sich an der Kindererziehung und -betreuung zu beteiligen, nehmen immer weiter zu. Als Gründe für die Arbeitszeitreduzierung werden auch die Pflege von Angehörigen angegeben oder ein sog. Sabbatical, in dem gereist, Freiwilligendienst geleistet oder für Forschungsvorhaben Zeit eingeräumt wird. Eine Rückkehr in das Berufsleben kennt oft keine Gnade und kann schnell zu Überforderung führen. Die personelle Besetzung im ärztlichen Dienst ist zu schlecht, als dass für die Wiedereinsteiger über einen längeren Zeitraum eine Einarbeitungszeit nach etablierten Konzepten eingeplant wird. Auch hier liegt bereits der drohende Verlust von Mitarbeitern offenkundig vor uns. Gerade in einem operativen Fach benötigt es viel Zeit, Fürsprache, 1:1-Anleitung und Unterstützung, um den Wiedereinstieg nach einer längeren beruflichen Pause zu ermöglichen und die Mitarbeiter nicht zu verlieren.

In anderen Sektoren ist längst erkannt worden, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Alltag der entscheidende Faktor ist zur Mitarbeiterbindung. In O und U herrscht jedoch häufig noch die Meinung, dass man ein anderes Fach wählen solle, wenn der Wunsch nach einer eigenen Familie bestehe. Dabei ist die richtige Einstellung zum Thema Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben so essenziell, dass wir an dieser Stelle noch einmal einen dringenden Appell für mehr Mitarbeiterpflege setzen wollen. Denn die ärztlichen Mitarbeiter sind unverzichtbar in der Krankenversorgung und daher ist auch die richtige Mitarbeiterpflege unverzichtbar. Wenn wir es schaffen, das Fach O und U familienfreundlich(er) zu machen, haben wir glücklichere Eltern, ein flexibleres Team und motiviertere Mitarbeiter. Zufriedene Mitarbeiter fühlen sich stärker an ihr Haus gebunden und sind leistungsfähiger. Kliniken, die ihre Familienfreundlichkeit nach innen und außen darstellen, haben bei der Gewinnung neuer Fachkräfte klare Wettbewerbsvorteile. Einfach wird dies nicht, denn pauschale Lösungen kann es nicht geben. Es ist also noch mehr ein Umdenken in Hinblick auf Berufstätigkeit, Aufgabenverteilung in der Familie und Vereinbarkeit nötig. Wobei uns eine Sache noch ganz wichtig ist: Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf beschränkt sich nicht auf das Arbeiten in Teilzeit oder das Nehmen von Elternzeit. Zur Vereinbarung von Familie und Beruf gehören als Grundlage der Personalführung selbstverständlich auch für in Vollzeit tätige Mitarbeiter das Einhalten der maximalen Arbeitszeiten, die offene Kommunikation von Bedürfnissen der Mitarbeiter und die aktive Unterstützung bei der Organisation der Kinderbetreuung.

Der Arbeitgeber sollte im ersten Schritt signalisieren, dass er zu Mehraufwand für eine für alle zufriedenstellende Dienstplanung bereit ist. Die Mitarbeiter sollten dann geeignete Arbeitsmodelle vorschlagen – denn nicht alle Modelle funktionieren am jeweiligen Standort.

Als ein Positivbeispiel kann auf den aktuellen Beitrag „Arbeitszeitmodelle – ein Wunschkonzert?“ im „Ärzteblatt Sachsen“, Heft 11/2022, S. 16–19 verwiesen werden, in dem die Klinik für Orthopädie, Unfallchirurgie und Plastische Chirurgie des Universitätsklinikums Leipzig als eine Klinik vorgestellt wird, in der ein erheblicher Mehraufwand betrieben wird, um die Umsetzung verschiedenster Teilzeitmodelle und das Arbeiten während der Elternzeit zu ermöglichen. Besondere Aufmerksamkeit verdient die Auszeichnung mit dem Button des Deutschen Ärztinnenbundes „Schwanger? Hier arbeiten sie adäquat weiter“.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Arbeitgeber umso attraktiver für den Nachwuchs wird, desto reibungsloser Mitarbeiterwünsche umgesetzt werden. In Zeiten von Fachkräftemangel bringt die richtige Mitarbeiterpflege also einen erheblichen Wettbewerbsvorteil.

Die Vermutung liegt nahe, dass am Ende nicht die Krankenhäuser überleben werden, die den finanziellen Gewinn über das Wohlergehen der eigenen Mitarbeiter stellen, sondern die, die ihre ärztlichen Mitarbeiter auf viele Jahre halten können.



Publikationsverlauf

Artikel online veröffentlicht:
30. November 2022

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