Zusammenfassung
Hintergrund Die Gewährleistung eines wohnortnahen Zugangs zur
(haus-)ärztlichen Versorgung erhält in Anbetracht des fortschreitenden
Hausärztemangels auch für die Kommunen eine immer größer werdende Bedeutung. Das
Ziel der vorliegenden Studie ist es, die Perspektive der Kommunen in
Nordrhein-Westfalen (NRW) auf die gegenwärtige und zukünftige Sicherstellung der
hausärztlichen Versorgung zu eruieren und daraus Hinweise für die zukünftige
gesundheitspolitische Ausgestaltung einer wohnortnahen, bedarfsgerechten
Primärversorgung abzuleiten.
Methodik In einer Online-Umfrage im Frühjahr 2023 wurden in Kooperation
mit dem Städte- und Gemeindebund NRW, dem Landkreistag NRW sowie dem Städtetag
NRW die Bürgermeister*innen bzw. Gesundheitsdezernent*innen aller 427 Kommunen
(396 Städte und Gemeinden, 31 Kreise) in NRW zu ihrer kommunalen Perspektive auf
die (künftige) hausärztliche Versorgung befragt. Die Fragebogen-Items (n=28)
wurden in Anlehnung an zwei Erhebungen zur ärztlichen Versorgung in
Niedersachsen und in Baden-Württemberg, mit jeweils kommunalpolitischer
Zielgruppe, entwickelt und in wiederholten Pretests optimiert.
Ergebnisse An der Befragung nahmen 192 Kommunen teil (Rücklauf: 45,0%).
Die Mehrheit der Kommunen (86,6%) schätzt die Versorgung vor Ort in den nächsten
10 Jahren als (eher) nicht sichergestellt ein. Die Kommunen äußern den Wunsch
nach mehr eigenen Einflussmöglichkeiten (79,5% ja bzw. eher ja). Gleichzeitig
erachten sie ein stärkeres Engagement, insbesondere der Kassenärztlichen
Vereinigungen (85,4%), sowie eine Intensivierung landespolitischer
Verantwortungsübernahme (72,4%) für die Sicherstellung der Versorgung als
notwendig.
Schlussfolgerung Die Befragung verdeutlicht ein großes Problembewusstsein
der kommunalen Ebene für zukünftige hausärztliche Versorgungsdefizite vor Ort.
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Kommunen angesichts zunehmender
Versorgungsenpässe die Kassenärztlichen Vereinigungen sowie das Land in der
Pflicht sehen und künftig stärkeren politischen Druck ausüben werden. Die
kommunale Perspektive ist ein wesentlicher Baustein bei den Überlegungen, wie in
Zukunft die hausärztliche Versorgung sichergestellt werden kann. Die Kommunen
sollten daher von den verantwortlichen Akteuren stärker als bislang in die
Planungen und Maßnahmen zur Sicherung der hausärztlichen Versorgung einbezogen
werden.
Abstract
Background In view of the continuing shortage of general practitioners,
ensuring access to (primary) medical care close to home is also becoming
increasingly important for local authorities. The aim of the present study was
to analyse the current and future provision of primary care from the viewpoint
of the municipalities in North Rhine-Westphalia (NRW). From the results, it
should be possible to derive future health policy design of a needs-based
primary care close to home.
Methods In an online survey in spring 2023, we surveyed the mayors or
representatives of health departments of all 427 municipalities (396 cities and
communities, 31 districts) in NRW in cooperation with the NRW Association of
Cities and Municipalities, the NRW Association of Counties and the NRW
Association of Cities. The items of the questionnaire (n=28) were developed on
the basis of two other surveys on medical care in Lower Saxony and
Baden-Württemberg, each with a municipal policy target group. They were tested
in repeated pretests.
Results In total, 192 municipalities participated in the survey (response
rate: 45.0%). The majority of the municipalities (86.6%) considered the local
provision of primary care to be (rather) not ensured within the next 10 years.
The municipalities expressed the wish for more opportunities to exert their own
influence (79.5% yes or rather yes), but nevertheless considered a stronger
commitment, especially of the Associations of Statutory Health Insurance
Physicians (85.4%), as well as an intensification of assumption of
responsibility by the federal states (72.4%) to be necessary for ensuring
primary care.
Conclusion The survey shows that municipalities are quite aware of the
problem of future deficits in the supply of general practitioners at the local
level. The results also indicate that, in view of increasing supply shortfalls,
the municipalities see obligations for the Associations of Statutory Health
Insurance Physicians and the federal states to take responsibility and to exert
greater political pressure in the future. The municipal perspective is an
essential building block in considerations of how primary care can be ensured in
the future. The responsible stakeholders should therefore involve the municipal
level in the planning and measures to secure primary care more closely than in
the past.
Schlüsselwörter
Hausärztliche Versorgung - Gesundheitspolitik - Kommunen - Befragung - Primärversorgung
Keywords
primary care - survey - health policy - gp care - municipalities - cities and communities