Psychiatr Prax 2026; 53(01): 54
DOI: 10.1055/a-2760-3260
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Pionierin der Sozialpsychiatrie – Dr. Maria Rave-Schwank erhält die Wilhelm-Griesinger-Medaille

Mit der Verleihung der Wilhelm-Griesinger-Medaille 2025 ehrt die DGPPN Dr. Maria Rave-Schwank. Sie hat die Entwicklung der Psychiatrie in Deutschland über Jahrzehnte hinweg geprägt. Die Auszeichnung markiert einen besonderen Moment – nicht nur, weil sie als erste Frau in der Geschichte des Preises geehrt wird, sondern weil ihr Lebenswerk beispielhaft zeigt, was fachliche Exzellenz, unermüdliches Engagement und eine zutiefst menschliche Haltung in der Psychiatrie bewirken können.

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Prof. Dr. Euphrosyne Gouzoulis-Mayfrank (links), Dr. Maria Rave-Schwank (rechts). Copright: © DGPPN, Claudia Burger.

Bereits ihre berufliche Biografie liest sich wie ein strukturierender Leitfaden der deutschen Psychiatriereform: Studium und Facharztweiterbildung in Heidelberg, klinische Tätigkeit unter Walter von Baeyer und Heinz Häfner, Leitung der Heidelberger Tagesklinik ab 1967, später Direktorin des Philippshospitals Riedstadt – zu einer Zeit, als sie die einzige Frau in Deutschland war, die eine psychiatrische Klinik leitete. Früh verstand sie Psychiatrie als Teamarbeit, als gemeinschaftlich getragene Versorgungsaufgabe und als ethische Verpflichtung gegenüber Patientinnen und Patienten sowie ihren Familien. Ein zentraler Meilenstein ihres Wirkens war ihre Mitarbeit an der Psychiatrie-Enquete. Hier gestaltete sie grundlegende Konzepte einer gemeindenahen, multiprofessionellen Versorgung maßgeblich mit – Strukturen, die bis heute die Basis moderner psychiatrischer Arbeit darstellen.

In ihrer bewegenden und präzisen Dankesrede anlässlich der Preisverleihung rückte Rave-Schwank ein Thema ins Zentrum, das ihr über Jahrzehnte ein Herzensanliegen war: die Beteiligung und Unterstützung von Angehörigen. Dazu veröffentlichte sie 2002 in der Psychiatrischen Praxis ein vielzitiertes Editorial mit dem Titel „Was ich von den Angehörigen gelernt habe“ [1]. Darin analysierte sie sowohl die Erfolge der Angehörigenarbeit als auch die gewachsene Kluft zwischen professionellen Helferinnen und Helfern und den Familien psychisch erkrankter Menschen. Sie beschrieb differenziert die Belastungen, Hoffnungen und den unersetzlichen Beitrag von Eltern, Partnern und Geschwistern. Sie forderte, Angehörigenarbeit nicht als Zusatzangebot, sondern als integralen Bestandteil guter psychiatrischer Versorgung zu begreifen. Ihre Einsichten aus jahrzehntelanger Gruppenarbeit – u. a. die konsequente Vermittlung von Information, emotionaler Unterstützung und Hilfe im Alltag („die drei Juwele der Rückfallverhütung“) haben die deutsche Angehörigenarbeit nachhaltig geprägt. Ihre Überzeugung, dass professionelle Teams „im Rücken der Angehörigen“ stehen müssen, wirkt bis heute wegweisend.

Frau Dr. Maria Rave-Schwank stieß ab 1990 als erste Frau zu den Herausgebern der Psychiatrischen Praxis und wirkte bis 2002 in diesem Kreis. Zudem veröffentlichte sie in der Psychiatrischen Praxis über Jahrzehnte hinweg zu Kernthemen der sozialpsychiatrischen Versorgung: von Milieutherapie und soziotherapeutischer Kompetenz über psychoedukative Gruppen bis hin zu Fragen der Patientenorientierung und Stigmatisierung. Ihre Arbeiten verbinden stets klinische Erfahrung, evidenzbasierte Argumentation und einen klaren sozialpsychiatrischen Kompass. Zugleich engagierte sie sich für die historische Aufarbeitung der Medizinverbrechen im Nationalsozialismus und für eine Ethik der Psychiatrie, die Menschenwürde, Teilhabe und Beziehung in den Mittelpunkt stellt.

Die Verleihung der Wilhelm-Griesinger-Medaille würdigt nicht nur ein außergewöhnliches berufliches Lebenswerk, sondern auch eine Haltung, die die deutsche Psychiatrie nachhaltig verändert hat: Maria Rave-Schwanks konsequente Orientierung an den Menschen – Patient*innen wie Angehörigen –, ihre fachliche Weitsicht und ihr Mut, Fehlentwicklungen klar zu benennen. Ihre engagierten Worte zur Angehörigenarbeit bei der Preisverleihung erinnern die Fachwelt daran, dass Psychiatrie nur dann lebendig bleibt, wenn sie Beziehung, Verantwortung und gemeinsame Gestaltung ernst nimmt.

Die Psychiatrie in Deutschland verdankt Dr. Maria Rave-Schwank viel. Die Auszeichnung mit der Wilhelm-Griesinger-Medaille macht dies sichtbar und setzt ein Zeichen dafür, wie wichtig ihre Stimme und ihr Werk auch für kommende Generationen bleiben werden.

Steffi Riedel-Heller, Leipzig

Steffi.Riedel-Heller@medizin.uni-leipzig.de



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Article published online:
21 January 2026

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