Hintergrund: Bislang fokussiert die Palliativmedizin in Deutschland vornehmlich auf onkologische
Patienten. Ansätze der Palliativmedizin können jedoch auch geeignet sein, die Versorgung
von Patienten mit nicht-onkologischen Erkrankungen zu verbessern. Eine wichtige Zielgruppe
bilden hochaltrige, multimorbide Patienten mit ihrem komplexen medizinischen, pflegerischen
und psychosozialen Versorgungsbedarf. Die vorliegende Studie hat zum Ziel, die Sichtweisen
von Ärzten und Pflegekräften zu explorieren, v.a. hinsichtlich des Verständnisses
von Palliativmedizin bei geriatrischen Patienten, der Einschätzung der Potenziale
und Grenzen sowie Wahrnehmung von system- und berufsgruppenbedingten Barrieren bei
der Umsetzung geriatrisch orientierter Palliativmedizin. Methoden: Qualitatives Design mit Durchführung von 5 Fokusgruppen, je eine mit Hausärzten,
Geriatern, Palliativmedizinern sowie Pflegekräften mit bzw. ohne Zusatzausbildung
in Palliative Care (insgesamt n=29 Teilnehmer). Verwendung eines Leitfadens entlang
der o.g. Fragen. Aufzeichnung, Transkription, Kodierung und inhaltsanalytische Auswertung
des Materials. Ergebnisse:Über alle Gruppen hinweg wird ein wesentlicher fördernder Faktor für die Umsetzung
geriatrischer Palliativmedizin in der zuletzt gestärkten – wenn auch noch suboptimalen
– Stellung der Hospiz- und Palliativversorgung in der Sozialgesetzgebung gesehen.
Als zentrale Barrieren werden Kommunikationsprobleme sowohl zwischen Ärzten und Pflegekräften
als auch zwischen Hausärzten und Fachärzten unterschiedlicher Disziplinen sowie unzureichender
Vergütung der zeitintensiven Betreuung von Palliativpatienten in allen Versorgungsbereichen
bemängelt. Kontroverse Sichtweisen zeigten sich in Bezug auf die Rolle von Hausarztmedizin
und spezialisierter Versorgung: Hausärzte sehen geriatrische Palliativmedizin als
originären Bestandteil ihrer Profession an, Geriater und Palliativmediziner hingegen
eher als Domäne ihrer Spezialgebiete. Während Hausärzte und Geriater die Zusammenarbeit
mit Pflegediensten überwiegend als sehr gut betrachten, wünschen sich die Pflegekräfte
eine stärkere Anerkennung ihrer Leistungen durch die Ärzte. Diskussion/Schlussfolgerungen: Kommunikationsprobleme zwischen Gesundheitsprofessionen und Fachdisziplinen sowie
unzureichende Vergütung werden von Ärzten und Pflegekräften als Hauptprobleme bei
der Umsetzung geriatrischer Palliativmedizin wahrgenommen. Die Implementierung der
spezialisierten ambulanten Palliativversorgung mit der Gesundheitsreform 2007 setzt
hier an. Allerdings sind erhebliche Abgrenzungsprobleme neuer (spezialisierter) Versorgungsformen
von bestehenden Leistungsangeboten zu erwarten.