Zusammenfassung
Aneurin beeinflußt in vivo und in vitro die Seroreaktionen bei der Syphilis, überwiegend in negativierendem Sinne.
Therapeutische Versuche mit geringeren Dosen, als von uns angewendet (täglich weniger als 500 mg), sind angezeigt, jedoch ist damit zu rechnen, daß die Wirkung nur 4—6 Wochen anhält.
Über die Wirkungsweise des Aneurins ist zu sagen: in geringen Dosen wirkt es hydratisierend, in größeren dehydratisierend. Dieser Effekt betrifft vor allem die α- und β-Globuline, die wiederum durch ihre Aggregierbarkeit und Hydrophilie mit den übrigen Globulinen immunologisch zusammenwirken. Stärkere Hydratisierung bedeutet jedoch schlechtere Flockbarkeit; dadurch erklärt sich die Abschwächung der Flockungsreaktionen (Kahn), der Agglutination (Blutgruppenversuche in vitro) und der Komplementbindung (WaR: Luesleber und Kardiolipin). Bei der Komplementbindung spielt noch die die Oberflächenspannung herabsetzende Wirkung des B1 auf das hämolytische System eine Rolle.
Die hydratisierende Wirkung hängt jedoch nicht nur von der Dosis des Aneurins, sondern von der Höhe der Ausgangshydratation ab. Ist die letztere hoch, können auch geringe B1-Dosen dehydratisierend wirken, umgekehrt kann bei einer normalen Ausgangshydratation eine gleiche dehydratisierende, und damit den Titer steigernde Wirkung nur durch hohe Aneuringaben erzielt werden.
Dadurch erklären sich nicht nur die In-vitro-Versuche, sondern auch die Ergebnisse der B1-Behandlung bei 50 seropositiven Fällen, die nur in zwei Dritteln zu einer Titerabschwächung geführt haben. Es ist verständlich, daß vor allem die Injektionsbehandlung mit Aneurin und Aneurinbenzoat, die hohe B1-Spiegel im Blut erzielt, zu dem gegensinnigen Effekt geführt hat.
Über die eigentliche Fragestellung hinaus haben die Versuche einen gewissen Einblick in die Rolle des Aneurins für den Wasserhaushalt vermittelt.