Zusammenfassung
An dem Vorkommen einer isolierten Perversion des Geschlechtstriebes, die ausschließlich
durch die Keimanlage bedingt ist, meist vor der Pubertät und mehr oder minder unabhängig
von psychogenen Einflüssen der Umwelt zum Durchbruch kommt und zeitlebens bestehen
bleibt („konstitutionelle” oder „angeborene” Homosexualität), kann wohl nicht mehr
gezweifelt werden. Zwischen dieser endogenen und den zufallsmäßigen transitorischen
Arten der Homosexualität gibt es alle möglichen Uebergangsformen. Fast alle Formen
sind entweder mit anderweitigen psychosexuellen Abnormitäten (Gynandrie oder Androgynie,
Transvestitismus) oder psychopathischen Symptomen verknüpft. Ueber die Art dieser
Verknüpfung ist bislang nichts Sicheres bekannt. Der endogene Ursachenkomplex ist
in einer komplizierten Störung der Anlage des endokrin-zerebralen Apparates zu suchen,
innerhalb dessen einer abnormen Anlage der Keimorgane, der Gehirndrüsen (Hypophyse
und Epiphyse) und der Nebennieren eine besondere Bedeutung zuzukommen scheint. Für
die Theorie Steinachs, daß die ausschließlich konstitutionelle Homosexualität ihre
alleinige Ursache in einer zwittrigen Anlage des Zwischengewebes der Keimdrüsen finde,
sind keine gesicherten Beweise vorhanden.