Einleitung/Hintergrund: Noch immer besteht ein defizitäres Wissen über Schwangerschaft, Geburt und Elternschaft
behinderter und chronisch kranker Müttern. Gesicherte Aussagen können weder zum Anteil
behinderter Mütter unter allen Müttern getroffen werden, noch über den Verlauf von
Schwangerschaft, Geburt und Mutterschaft. In der UN-Behindertenrechtskonvention wird
das Recht auf Elternschaft nachdrücklich festgeschrieben. Vorliegende Daten (Eiermann
u.a 2000, Michel u.a. 2001, Michel u.a 2008) belegen, dass Frauen mit Behinderungen
zunehmend Mütter werden. Um sie optimal zu betreuen, gewinnen Forschungsarbeiten zum
Thema an Bedeutung. Im Beitrag werden erste Daten einer prospektiven Studie zu Einflussfaktoren
auf Fertilität, Schwangerschaft, Geburt und Elternschaft, gefördert durch die Roland
Ernst Stiftung für Gesundheitswesen in Sachsen, vorgestellt.
Daten/Methodik: Von April bis Dezember 2011 erfolgte in drei geburtsmedizinischen Kliniken in Sachsen
eine Screeningbefragung aller Frauen, die zur Entbindung kamen. Die Befragung lief
pro Klinik jeweils 6 Monate. Damit sollte der Anteil der Frauen mit chronischen Erkrankungen
und Behinderungen erfasst und Frauen gewonnen werden, die zu vertiefenden Interviews
bereit waren. Aus den vorliegenden 1.500 Screeningbogen konnten 44Mütter mit und 38
ohne Behinderung für die Teilnahme an diesen Interviews gewonnen werden. T0 wurde
innerhalb der ersten 4 Wochen nach der Geburt erhoben, T1 nach 6 Monaten und T2 folgt
nach einem Jahr. Die Datenerhebung erfolgt mittels teilstrukturierter Fragebogen als
schriftliche Befragung. Im Beitrag werden Ergebnisse der Messzeitpunkte T0 und T1
vorgestellt.
Ergebnisse: Frauen mit Behinderungen planen ihre Schwangerschaft überwiegend langfristig (88%),
95% gaben an, dass ihr Kind ein Wunschkind sei. Bereits 2010 konnten wir nachweisen,
dass Frauen mit Behinderungen ihre Schwangerschaft früher bemerken und früher ihren
Gynäkologen aufsuchen, als nichtbehinderte. Vorsorgeuntersuchungen werden behinderten
Frauen vom Arzt deutlich häufiger empfohlen, wobei sie erweiterte Ultraschalluntersuchungen
eher nutzen als invasive Untersuchungsmethoden. Ein Drittel der Frauen konsultierte
zur optimalen Betreuung während der Schwangerschaft ihren Facharzt. Beachtenswert
ist die hohe Sectio-Rate behinderter Frauen. Die Ergebnisse zum Geburtsverlauf bestätigen
die 2010 erhobenen Befunde bezüglich der Entbindungsart. Laut Perinatalberichterstattung
Sachsen 2009 entbanden 21,7% der nichbehinderten Frauen per Kaiserschnitt und 39,6%
der behinderten. Wir erhoben eine Sectio-Rate behinderter Frauen ebenfalls von 39%.
8 Kinder der behinderten Frauen wiesen Fehlbildungen auf, 6 Kinder waren Frühgeburten.
Auffällig ist die geringe Information der behinderten Mütter über Hilfs- und Unterstützungsangebote
(z.B. Vorbereitungskurse oder verlängerte Hebammenbetreuung). Die Auswirkungen der
Informationsdefizite sind Bestandteil der Befragung zum Messzeitpunkt T1, in dem es
vorrangig um Ressourcen und Bedarfe der Mütter bei der Betreuung ihrer Kinder geht.
Positiv bewerten alle Frauen die Hebammenbetreuung während der Geburt, etwas kritischer
die gynäkologische Betreuung und die Wöchnerinnenstationen.
Diskussion/Schlussfolgerung: Die Ergebnisse belegen, dass Frauen mit Behinderungen selbstbestimmt über die Geburt
ihrer Kinder entscheiden, die wesentlicher Bestandteil ihrer Lebensplanung sind. Um
Mütter optimal zu betreuen, Risiken und Folgekosten zu vermeiden, besteht Informationsbedarf
sowohl auf Seiten der Eltern als auch des medizinischen Personals. Die Ursachen für
hohe Sectio-Raten sind zu hinterfragen, ebenso der Unterstützungsbedarf der Mütter
während Schwangerschaft, Geburt und 1. Lebensjahr. Die Ursachen für Frühgeburtlichkeit
und Fehlbildungen sind zu diskutieren in Bezug auf die Versorgungssituation.
Literatur:
Eiermann N, Häußler M, Helfferich C (2000): LIVE. Leben und Interessen vertreten.
Frauen mit Behinderung. Lebenssituation, Bedarfslagen und Interessenvertretung von
Frauen mit Körper- und Sinnesbehinderungen, Schriftenreihe des BMFSFJ, Bd.183. Stuttgart
Michel M, Häußler-Sczepan M, Riedel S (2001): Frauen mit Behinderungen im Freistaat
Sachsen. Wissenschaftliche Begleitung beim Aufbau eines sächsischen Netzwerks von
Frauen mit Behinderungen. Freistaat Sachsen. Staatsministerin für die Gleichstellung
von Mann und Frau. Dresden
Michel M, Wienholz S, Jonas A (2010) Die medizinische und soziale Betreuung behinderter
Mütter im Freistaat Sachsen – eine medizinsoziologische Begleitstudie zum Aufbau eines
Kompetenzzentrums für behinderte Mütter. http://www.kompetenz-behinderte-eltern.de/veroeffentlichungen_eigen.htm