Subscribe to RSS
DOI: 10.1055/s-0033-1345197
Die neue Einschulungsuntersuchung in Baden-Württemberg: Welche Determinanten beeinflussen die schulärztliche Gesamtbewertung Intensiver pädagogischer Förderbedarf im kindlichen Entwicklungsfeld Sprache?
The New Preschool Examination in Baden-Wuerttemberg: What Determinants Influence the School Medical Evaluation Special Need for Language Promotion in Childhood Development?Publication History
Publication Date:
18 June 2013 (online)

Zusammenfassung
Hintergrund und Ziel der Studie:
Die neue Einschulungsuntersuchung in Baden-Württemberg soll relevante Entwicklungsrisiken für den späteren Schulerfolg frühzeitig vor der Einschulung feststellen, um Fördermaßnahmen einleiten zu können. Im Mittelpunkt steht dabei die Sprachkompetenz in der Schulsprache Deutsch, insbesondere von Kindern mit anderen Familiensprachen. Mit einem Sprachscreening (HASE und KVS/Sprachverständnis) und mit dem SETK 3–5 als Nachtest von im Screening auffälligen Kindern attestieren die Schulärzte einen Intensiven pädagogischen Förderbedarf Sprache. Diese Studie suchte nach Begleitrisiken, die Kinder aufwiesen, denen ein Sprachförderbedarf attestiert wurde. Die Gütemaße des 2-stufigen Sprachtest-verfahrens für den intensiven pädagogischen Förderbedarf Sprache wurden ermittelt.
Methoden und Ergebnisse:
Diese Querschnittstudie analysierte Befunde von n=80 781 Kindern aus der neuen Einschulungsuntersuchung des Landesdatensatzes Baden-Württemberg (Einschuljahrgang 2011). 56 352 Kinder (69,8%) sprachen Deutsch, 24 429 Kinder (30,2%) hatten eine andere Familiensprache. 20 461 Kindern (25,3%) wurde ein intensiver pädagogischer Förderbedarf im Entwicklungsfeld Sprache attestiert. Mittels logistischer Regression wurde ein Haupteffektmodell für die abhängige Variable Sprachförderbedarf modelliert. Die größten Effekte zeigten sich für eine andere Familiensprache (OR 5,1 [4,8; 5,2]), für eine auffällige simultane Mengenerfassung (OR 2,8 [2,7; 3,0]) und für einen auffälligen Befund in der Sprachentwicklung nach Angaben im Erzieherinnenfragebogen (OR 3,5 [3,3; 3,7]). Protektive Effekte waren ein höherer Schulabschluss der Mutter (OR 0,7 [0,7; 0,7]) oder des Vaters (OR 0,8 [0,7; 0,8]). Für die Effekte wurden Risikoscores anhand der Regressionskoeffizienten ausgewiesen. Der Risikoscore-Summe eines jeden Kindes wurde eine vorhergesagte Wahrscheinlichkeit zugeordnet. Die Sensitivität des Sprachscreenings für die als Goldstandard eingesetzte ärztliche Befundkategorie intensiver pädagogischer Förderbedarf Sprache betrug 0,95, die Spezifität 0,72 und der positive prädiktive Wert 0,53. Mit dem nachgeschalteten SETK 3–5 verbesserte sich der positive prädiktive Wert auf 0,9, wenn mindestens ein Untertest auffällig war. Je höher die Risikoscore-Summe eines Kindes war, umso höher war die Vortestwahrscheinlichkeit des Sprachscreenings mit konsekutiv höherem positiv prädiktivem Wert des Screenings ohne Nachtest.
Schlussfolgerung:
Das 2-stufige Verfahren in der neuen Einschulungsuntersuchung Baden-Württemberg (Sprachscreening und Nachtest auffälliger Kinder) zeigte in dieser Studie gute Effizienzmaße für die Identifikation von Kindern mit intensivem pädagogischem Förderbedarf Sprache. Gleichzeitig fanden sich bei diesen Kindern weitere Risiken. Über die Definition von Risikoscores begleitender Faktoren wurde ein Instrument entwickelt, das den Schulärzten bei knappen personellen Ressourcen Hinweise gibt, wie treffsicher ein auffälliges Sprachscreening auch ohne Nachtest einen Sprachförderbedarf vorhersagt.
Abstract
Background and Aims:
The new examination before primary school enrollment in Baden-Wuerttemberg aims at detecting problems in infant development with regard to later school success in time to initiate supporting measures, especially to improve the language skills of children with other native languages. By a 2-level process composed of a screening of language skills (HASE and KVS) and an additional test (SETK 3–5) of children who did not pass the screening, the school physicians attested special needs for language promotion in the kindergarten. This study looked for associated risks of children with special needs for language promotion. The degree of test quality of the 2-level process for identifying special needs for language promotion was determined.
Methods and Results:
This cross-sectional analysis explored findings of n=80 781 children in the new examination before primary school enrollment of the data-set of Baden-Wuerttemberg (children with school enrollment 2011). 56 352 children (69.8%) were speaking German, 24 429 children (30.2%) had other family languages. 20 461 children (25.3%) had special needs for language promotion in the kindergarten. A logistic regression model to determine main risks of special needs for language promotion was developed. Main effects were other native languages (OR 5.1 [4.8; 5.2]), problems in subitising (OR 2.8 [2.7; 3.0]) and language development lags in the questionnaire of the nursery school teachers (OR 3.5 [3.3; 3.7]). Protective effects were an elevated graduation of the mother (OR 0.7 [0.7; 0.7]) or the father (OR 0.8 [0.7; 0.8]). Risk scores of the effects were defined. The corresponding predictive probability to different levels of risk scores was calculated. The true positive rate of the screening of language skills (HASE/KVS) in regard to special needs for language promotion was 0.95, the true negative rate was 0.72 and the positive predictive value was 0.53. The school physician’s findings of special needs for language promotion acted as gold standard. With the additional test (SETK 3–5) the positive predictive value improved to 0.9, if at least one of the subtests of the SETK 3–5 was not passed. The risk score-level corresponded with the pretest-probability and the consecutive positive predictive value of the screening of language skills.
Conclusions:
This study showed an adequate degree of test quality of the 2-level process in the new examination before primary school enrollment in Baden-Wuerttemberg (screening of language skills and additional test, if the screening is not passed). In addition children with special needs for language promotion had associated risks. Risk scores, that have been defined, offer an information tool to the school physicians concerning the positive predictive value of the screening of language skills without additional testing.
-
Literatur
- 1 Kelle H. Bedeutungswandel der ärztlichen Schuleingangsuntersuchungen. Grundschule aktuell 2006; 93: 24-26
- 2 Daseking M, Petermann F. Der Einfluß von Vorläuferfertigkeiten auf die Rechtschreib, Lese-,und Rechenleistung in der Grundschule. Gesundheitswesen 2011; 73: 644-649
- 3 Wegner R. Aufgaben des ÖGD im Rahmen der Kinder-und Jugendgesundheit. Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz 2005; 48: 1103-1110
- 4 Landesgesundheitsamt. Neukonzeption Einschulungsuntersuchung. Bericht des Arbeitskreises Einschulungsuntersuchung. http://smbw2.baden-wuerttemberg.de/fm7/1442/Stellungnahme%20AK%20ESU%20f%FCr%20Internet2. pdfApril 2006 p. S. 1–64
- 5 Petermann F, Daseking M. Screening und Schuleingangsdiagnostik. Gesundheitswesen 2011; 73: 635-636 Epub 2011/10/20. Screening und Schuleingangsdiagnostik
- 6 Schöler H, Schäfer P. HASE Heidelberger Auditives Screening in der Einschulungsuntersuchung Itemanalysen und Normen. http://www.ph-heidelberg.de/wp/schoeler/datein/hase-normen.pdf Pädagogische Hochschule Heidelberg 2004
- 7 Breuer H, Weuffen M. Lernschwierigkeiten am Schulanfang. Schuleingangsdiagnostik zur Früherkennung und Frühförderung. Weinheim: Beltz; 1994
- 8 Michaelis R, Niemann G. Entwicklungsneurologie und Neuropädiatrie. Das Prinzip der essentiellen Grenzsteine. Stuttgart: Thieme; 2004
- 9 Bode H. Gutachten über das Modellprojekt zur Einschulungsuntersuchung. http://smbw2.baden-wuerttemberg.de/fm7/1442/Gutachten_Neukonzeption_EinschU.pdf Ministerium fü Arbeit und Sozialordnung, Familie, Frauen und Senioren 2008
- 10 Penner Z. Sprachliche Frühförderung als Chance. Kinderkrankenschwester 2005; 24: 450-456 Epub 2005/12/13. Sprachliche Fruhforderung als Chance
- 11 Grimm H. Sprachentwicklungstest für drei-bis fünfjährige Kinder. Göttingen: Hogrefe; 2001
- 12 Spannenkrebs M, Kruegel C. Sprachforderung im Kindergarten im Landkreis Biberach – Ein mit Mitteln der Landesstiftung gefördertes Projekt. Gesundheitswesen 2005; 67: 777-780 Epub 2005/11/26
- 13 Ministerium für Kultus JuSB. Intensive Sprachförderung im Kindergarten (ISK). http://www.schule-bw.de/vorschule/isk/ Landesbildungsserver BW
- 14 Baden-Württemberg Sozialministerium. Verwaltungsvorschrift des Sozialministeriums zur Durchführung der Einschulungsuntersuchung und der Jugendzahnpflege. (VwV ESU und Jugendzahnpflege) 2008
- 15 Baden-Württemberg L. Arbeitsrichtlinien „Handbuch“ für die neu konzipierte Einschulungsuntersuchung und deren Dokumentation in Baden-Württemberg. Internes Dokument 2009;
- 16 Grimm H. Handreichung für Erzieherinnen und Erzieher zum SETK 3-5. Göttingen: Hogrefe;
- 17 Bender R, Lange S. The 2 by 2 table. Dtsch Med Wochenschr 2007; 132 (Suppl. 01) e12-e14 Epub 2007/05/29. Die Vierfeldertafel
- 18 Fried L. Expertise zu Sprachstandserhebungen für Kindergartenkinder und Schulanfänger. Eine kritische Betrachtung. http://www.dji.de/bibs/271_2232_ExpertiseFried.pdf Tag des Zugriffs:06.12.2011 2004
- 19 Ehlich K. Anforderung an Verfahren der regelmäßigen Sprachstandsfeststellung als Grundlage für die frühe und individuelle Förderung von Kindern mit und ohne Migrationshintergrund. Bildungsforschung [Internet] 2007 Band 11. Available from http://www.bmbf.de/pub/bildungsreform_band_elf.pdf
- 20 Schulentwicklung Lf, Baden-Württemberg SL. Bildung in Baden-Württemberg. Bildungsberichterstattung. Stuttgart: Landesinstitut für Schulentwicklung, Statistisches Landesamt Baden-Württemberg; 2011. 429 (41-64)
- 21 Kiese-Himmel C, Auberlen S, von Steinbüchel N. Ausgewählte Sprach-entwicklungsstandfacetten von Kindergartenkindern mit Migrationshintergrund in Deutschland. Zeitschrift für medizinische Psychologie 2012; 2: 80-88
- 22 Kompauer I, Krämer D. Sprachentwiclung bei Vier- bis Fünfjährigen. Jahresbericht 2010: Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg 2010;
- 23 Penner Z. Neue Wege der sprachlichen Frühförderung von Migrantenkindern. Berg: Kon-Lab; 2003. V, 64 S. p
- 24 OECD. Knowledge and skills for life. First results from PISA. http://www.oecd.org/dataoecd/44/31/33691612.pdf2000
- 25 Westheimer M. Parents making a difference. International research on the Home Instruction for Parents of Preschool Youngsters (HIPPY) program. Jerusalem: The Hebrew University Magnes Press; 2003
- 26 Daseking M, Petermann F, Simom K. Zusammenhang zwischen SOPESS-Ergebnissen und ärztlicher Befundbewertung. Gesundheitswesen 2011; 73: 660-667
- 27 Keilmann A, Moein G, Schöler H. Werden mit dem SETK 3-5 klinisch diagnostizierte Sprachentwicklungsstörungen erfasst?. HNO 2012; 1 Epub 1.1.2012
- 28 IQWIG IfQuWiG. Früherkennungsuntersuchungen auf umschriebene Entwicklungsstörungen des Sprechens und der Sprache. Abschlussbericht S06-01 [Internet] 2009