NOTARZT 2015; 31(01): 47-53
DOI: 10.1055/s-0034-1399823
Zusatzweiterbildung Notfallmedizin
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Die kritischen Blutungen nach Trauma im Notarztdienst

Treatment Options for the Critical Bleeding in the Out-of-Hospital Setting
M. Kulla
1   Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin, Sektion Notfallmedizin, Bundeswehrkrankenhaus Ulm
2   Arbeitsgruppe „Taktische Medizin“ des Arbeitskreises Notfallmedizin der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin
,
M. Bernhard
3   Zentrale Notaufnahme, Universitätsklinikum Leipzig AöR
4   Arbeitsgruppe „Trauma- und Schockraummanagement“ des Arbeitskreises Notfallmedizin der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin
,
D. Hinck
5   Abteilung für Allgemein-, Thorax- und Viszeralchirurgie, Sektion Gefäßchirurgie Bundeswehrkrankenhaus Hamburg
,
U. Schweigkofler
4   Arbeitsgruppe „Trauma- und Schockraummanagement“ des Arbeitskreises Notfallmedizin der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin
6   Notfall- und Rettungszentrum, Berufsgenossenschaftliche Unfallklinik Frankfurt am Main
,
M. Helm
1   Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin, Sektion Notfallmedizin, Bundeswehrkrankenhaus Ulm
2   Arbeitsgruppe „Taktische Medizin“ des Arbeitskreises Notfallmedizin der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin
,
B. Hossfeld
1   Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin, Sektion Notfallmedizin, Bundeswehrkrankenhaus Ulm
2   Arbeitsgruppe „Taktische Medizin“ des Arbeitskreises Notfallmedizin der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin
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Publication Date:
25 February 2015 (online)

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Zusammenfassung

Als „kritisch“ werden Blutungen bezeichnet, die für den Traumapatienten akut vital bedrohlich sind. Entsprechende Einsatzsituationen haben in der prähospitalen Notfallversorgung zwar eine geringe Inzidenz, gehen jedoch mit einer sehr hohen Letalität einher. Ein nicht unerheblicher Teil hämorrhagisch bedingter Todesfälle scheint durch den Einsatz geeigneter Algorithmen und vor allem durch Training in der Anwendung von Tourniquets, Beckenschlingen und Hämostyptika vermeidbar zu sein. Die reine Vorhaltung dieser Materialien ohne Schulung des Personals reicht jedoch nicht aus. Notarzt und rettungsdienstliches Fachpersonal müssen den Gebrauch dieser Hilfsmittel im Verbund mit Kompression (z. B. Druckverband) und Frakturschienung üben. Der prähospitale Einsatz systemischer Antifibrinolytika (z. B. Tranexamsäure) ist inzwischen Teil einer europäischen Leitlinie.

Abstract

Critical bleeding is a potential life-threatening factor for the severely injured patient. On one side the critical bleeding has a low incidence in the civilian setting, but is on the other side associated with a high lethality. A relevant proportion of early deaths caused by critical bleeding may be prevented, if all health care providers are trained in the use of tourniquets, pelvic binders and hemostyptic dressings. But procurement of this material and devices is not enough. Firstly the rescue-team has to be familiarized with the different devices; secondly the application must be trained in the context of the out-of-hospital treatment of severely injured patients as a whole. It is important to emphasize that these new options should be seen as an additional option to the classic measures such as compression bandage, or splinting of fractures. In addition to these local measurements to stop the critical bleeding, systemic use of tranexamic acid is part of an European guideline.

Kernaussagen

Zur Therapie kritischer Blutungen nach Trauma stehen mittlerweile weit mehr als der klassische Mullbindenverband zur Verfügung. Die Anwendung neuer Verbandsstoffe, Hämostyptika und Tourniquets muss jedoch im interprofessionellen Team trainiert werden. Vor lauter „Neuem“ dürfen dabei klassische Maßnahmen (z. B. Druckverband, Packing von Wunden) nicht vergessen werden. Nur wenn alle Maßnahmen in einem sinnvollen Kontext/Algorithmus gesetzt und durch systemische Ansätze wie die Gabe von Tranexamsäure ergänzt werden, ist mit einer Senkung der Frühletalität bei kritischen Blutungen zu rechnen. Auch muss realisiert werden, dass es weiterhin Blutungsprobleme gibt, die prähospital nicht beherrschbar sind. Diese nicht erreichbaren bzw. prähospital nicht zugänglichen Blutungen müssen als solche erkannt und der Patient schnellstmöglich einer Kausaltherapie durch chirurgische Blutstillung in einem geeigneten Traumazentrum zugeführt werden.