Zusammenfassung
Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, vollzog sich in der damaligen
Gesundheitspolitik ein kompletter Paradigmenwechsel unter dem Grundsatz „Gemeinnutz
geht vor Eigennutz“. In den ersten Jahren gab es eine intensive Diskussion darüber,
ob die Tuberkulose (TB) mehr durch Erbanlagen oder durch Infektionen verursacht wird.
Schließlich wurden die Argumente von führenden TB-Spezialisten akzeptiert, dass TB
überwiegend eine Infektionskrankheit ist. Im Jahr 1939, dem Jahr, in dem Deutschland
den Zweiten Weltkrieg begann, war die TB-Mortalität auf dem niedrigsten Stand, nur
wenige Länder hatten niedrigere Raten. Die TB-Mortalität nahm während des Krieges
in allen Bereichen zu, sowohl in der zivilen Bevölkerung als auch in der Wehrmacht
sowie bei Kriegsgefangenen, ausländischen Zwangsarbeitern und in den Konzentrationslagern.
Arbeitsunfähige TB-Kranke galten als biologischer und sozialer „Ballast“. Sie waren
für die „Volksgemeinschaft“ wertlos und mussten sozial ausgegrenzt werden. So konnte
man ihnen das im Sommer 1933 eingeführte „Ehestandsdarlehen“ verweigern, ab 1935 auch
das Heiraten untersagen. Ab 1938 konnten „Offentuberkulöse“, die sich uneinsichtig
zeigten, als „asoziale Bazillenstreuer“ durch Amtsärzte der staatlichen Gesundheitsämter
– meist Lungenärzte – zwangsweise asyliert werden. Dort fielen unter gefängnisähnlichen
Bedingungen und bei knapper Verpflegung die meisten Patienten in kurzer Zeit der TB
zum Opfer. Besonders unmenschlich war der Umgang mit Häftlingen in den Konzentrationslagern,
wo die Krankheit stark gehäuft auftrat. Tausende erlitten dort den vorzeitigen Tod
durch planmäßige Vernachlässigung bis hin zum Verhungern, durch Missbrauch für medizinische
Experimente, oder sie wurden schlichtweg ermordet. Im Vergleich zu den Vorkriegszahlen
stieg die TB-Sterblichkeit um 160 – 240 % an. Mit Unterstützung der siegreichen alliierten
Mächte wurde das TB-Kontrollsystem umstrukturiert und die Institutionen wie DGP und
DZK neu gegründet. In den folgenden Jahren verbesserte sich die TB-Situation langsam,
in der BRD zunächst etwas rascher als in der DDR.
Abstract
When the National Socialists came to power in 1933, a complete paradigm shift took
place in the health policy under the principle “Public interest ahead of self-interest”.
In the early years there was an intense discussion about whether tuberculosis (TB)
is more caused by heredity or by infection. Finally, the arguments of leading TB specialists
were accepted that TB is predominantly an infectious disease. In 1939, the year Germany
started World War II, TB mortality was at its lowest, with only a few countries having
lower rates. TB mortality increased in all areas during the war, both in the civilian
population and in the Wehrmacht, as well as in prisoners of war, foreign forced laborers
and concentration camps. Incapable TB patients were considered biological and social
“ballast”. They were worthless for the “national community” and had to be socially
excluded. Thus one could refuse them the “marriage loan” introduced in the summer
1933, forbid starting from 1935 also the marriage. From 1938 on, TB-patients with
open TB, who showed themselves unreasonable, could be compulsorily isolated as “asocial”
by public health physicians – mostly pulmonary specialists. There, under prison conditions
and with limited food, most patients fell victim to TB in a short time. Especially
inhuman was the handling of prisoners in the concentration camps, where the disease
was very common. Thousands of people were killed prematurely through deliberate neglect,
starvation, abuse for medical experiments, or simply murdered. TB mortality increased
by 160 – 240 % compared to pre-war levels. With the support of the victorious Allied
powers, the TB control system was restructured and the institutions such as DGP and
DZK were re-established. In the following years, the TB situation improved slowly,
in the FRG initially slightly faster than in the GDR.