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DOI: 10.1055/s-2000-7667
Altersmedizin an den Universitäten - selbständig oder fachintegriert?
Publication History
Publication Date:
31 December 2000 (online)

Das Editorial von Platt [1] scheint mir aus dem Elfenbeinturm universitärer Weltfremdheit zu kommen. Es berücksichtigt die Realitäten offensichtlich nicht. Platt spricht von der Dreiteilung der Aufgaben des Klinikers an der Universität bestehend aus Patientenversorgung, Lehre und Forschung. So weit, so gut. Aber wo haben wir eigentlich Kliniker und geriatrische Kliniken an Universitäten, die Patienten versorgen? Selbst Platt versorgt Patienten nicht in einer universitären Einrichtung, sondern an einem Städtischen Klinikum. Dies trifft auch für die anderen Lehrstühle für Geriatrie in der Bundesrepublik zu, die man übrigens an einer Hand abzählen kann. Es gibt keine geriatrische Klinik direkt an einem Universitätsklinikum. Das bedeutet immer noch, dass Altersmedizin an Medizinischen Fakultäten nicht für notwendig gehalten wird. Geriatrie muss akademisch verankert sein. Und so lange das nicht der Fall ist, wird dies unsere allererste Sorge sein! Und dann erst wird die Frage relevant: integriert oder selbstständig!
Wie steht es mit der Lehre? Geriatrie ist immer noch kein Pflichtfach und kein Examensfach. Es gibt immer noch kein Curriculum Geriatrie für die Ausbildung der Ärztegeneration, die in den nächsten Jahrzehnten die rapide zunehmende Zahl alter Menschen versorgen muss. Die wenigen Ausbildungsangebote an einigen Universitäten sind quantitativ völlig unzureichend und in der Regel auf die Initiative von nichthabilitierten Praktikern in der Geriatrie zurückzuführen, denen die Ausbildung von Studenten ein Anliegen ist und die dies im Rahmen von unbezahlten Lehraufträgen tun. Wo bleibt aber der flammende Appell von Platt für die Lehre im Fach Geriatrie an Universitäten?
Wie sieht es mit der Forschung aus? Zu Recht bemerkt Platt, dass sich die Geriatrie nur als »eigenständiges Fach entwickeln und anerkannt werden kann, wenn es durch Forschungsschwerpunkte überzeugt«. Wie soll die Geriatrie durch Forschungsschwerpunkte in diesem Land überzeugen,
wenn es kaum Lehrstühle an den Universitäten und entsprechend auch keine Forschungsmittel gibt? wenn ein Lehrstuhlinhaber wie Platt sich seit über 20 Jahren völlig aus der Geriatrieszene der Bundesrepublik zurückgezogen hat?
Gern würden die in Versorgungseinrichtungen tätigen Geriater den Autor des Editorials in der Vorreiterrolle für geriatrische Forschung sehen, gern würden sie von seinen Forschungsergebnissen profitieren! Bedauerlicherweise publiziert er seine unbestritten interessanten und weiterführenden Arbeiten nur selten in den nationalen und internationalen Journals, die für die Mehrzahl der praktisch tätigen Geriater relevant und zugänglich sind. Gern würden wir seinen Beiträgen auf Kongressen zuhören, aber ich habe Professor Platt zuletzt 1978 auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie in Berlin gesehen, seitdem nicht mehr (und ich habe die Veranstaltungen der beiden Deutschen Fachgesellschaften lückenlos besucht).
Platt erwähnt auch die Schrift »Was ist Geriatrie«, in der das Tätigkeitsfeld des Geriaters in 17 Thesen von beiden Deutschen Fachgesellschaften dargestellt wird. Professor Platt gehörte zu den Kritikern dieser Schrift. Dagegen ist nichts einzuwenden, im Gegenteil, Kritik war und ist erwünscht. Von einem Lehrstuhlinhaber erwarten wir jedoch eine konstruktive Auseinandersetzung mit diesen Thesen oder eine ganz eigene Darstellung. Diese Arbeit hat Platt jedoch nie geleistet.
Er hat auch nie konstruktiv zur Etablierung der Geriatrie in der Weiterbildungsordnung der Bundesärztekammer beigetragen. Dass es heute eine fakultative Weiterbildung Klinische Geriatrie gibt, ist ganz gewiss nicht ihm zu verdanken. Dafür haben die an der Basis tätigen Geriater gekämpft und es durchgesetzt!
Die Gegebenheiten in der Geriatrie sind heute offensichtlich anders, als Platt sie wahrnimmt. Die Deutsche Gesellschaft für Geriatrie hat inzwischen über 1200 Mitglieder. Es gibt über 400 Geratrische Kliniken und Abteilungen in Deutschland. Ähnlich wie in der Pädiatrie und in der Neurologie - beide Fachgebiete sind ebenfalls nicht ohne Kampf aus der Inneren Medizin hervorgegangen - wird die Entwicklung auch in der Geriatrie laufen: Sie wird ein eigenes, anerkanntes Fachgebiet im Konzert der anderen medizinischen Fachgebiete werden.
Von einem der wenigen Lehrstuhlinhaber darf man mehr Einsatz erwarten als ein gelegentliches weltfremdes Editorial zu wirklich drängenden Problemen der Geriatrie zu schreiben.
Niemand will Platt das Recht absprechen, zu Fragen der Geriatrie Stellung zu nehmen. Nur muss er wissen: Die Mehrzahl der in der Bundesrepublik aktiven Geriater hört ihm nicht mehr zu. Es reicht eben nicht aus, gelegentlich aus dem oben erwähnten Elfenbeinturm des universitären Wirkens und Forschens Klagen verlauten zu lassen. Man muss schon aktiv werden und in die mühevolle Kleinarbeit des realen Lebens herabsteigen, wenn man wirklich etwas für die Entwicklung der Geri-atrie in Deutschland bewirken will!
Literatur
- 1 Platt D. Altersmedizin an den Universitäten - selbständig oder fachintegriert?. Dtsch med Wschr. 1999; 124 1442-1443
Dr. med. Hansjörg Werner
Klinik
für Geriatrie
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