Zusammenfassung
Die freie Arztwahl hat durch die Kosten- und
Qualitätsdiskussion im Gesundheitswesen sowie aufgrund des
Gesundheitsreformgesetzes von 1999 neue Aktualität erlangt. Ihre
Berechtigung für unser Gesundheitswesen ist erst dann sinnvoll zu
bewerten, wenn ihre Entstehungsgeschichte und die Motive der mit ihr
verknüpften gesellschaftlichen Interessensgruppen berücksichtigt
werden. Vor Beginn der Industrialisierung waren die ärztlichen
Qualifikationsprofile noch äußerst heterogen. Die Bevölkerung
wandte sich im Krankheitsfalle an heilkundige Personen des unmittelbaren
Lebensumfeldes. Die Industrialisierung veränderte jedoch die bestehenden
sozialen Netzwerke nachhaltig und machte den Aufbau neuer ärztlicher
Versorgungsstrukturen auf dem Lande und in der Stadt erforderlich. Der Staat
nahm sich dieser Herausforderung an, indem er unter anderem die Ausbildung der
Ärzte und das Niederlassungsrecht strukturierte und die Gründung von
Krankenkassen förderte. Das 1883 verabschiedete Krankenversicherungsgesetz
schuf für weite Kreise der Arbeitnehmerschaft eine Pflichtversicherung. Da
den Krankenkassen die Sicherstellung der Versorgung oblag, waren die
Versicherten im Krankheitsfall an den Arzt gebunden, mit dem ihre Kasse einen
Vertrag abgeschlossen hatte. Nachdem die Zahl ärztlicher Niederlassungen
gegen Ende des 19. Jahrhunderts drastisch angestiegen war, versuchte die
Ärzteschaft, über die Forderung nach freier Arztwahl einen Zugriff
auf das neu entstandene Marktsegment der Kassenversicherten zu erlangen. Der
1900 als Kampforganisation gegründete Leipziger Verband (Hartmannbund)
begann in den Folgejahren mit der Organisation von Ärztestreiks, die das
Ziel eines freien Zugangs der Kassenversicherten zu allen verbandlich
organisierten Ärzten verfolgten. Die fast 30 Jahre andauernden
Auseinandersetzungen konnten schließlich über eine 1931 erlassene
Notverordnung befriedet werden. Diese übertrug den Sicherstellungsauftrag
von den Krankenkassen auf die neu geschaffenen kassenärztlichen
Vereinigungen und schrieb die freie Arztwahl unter den zur Versorgung von
Kassenpatienten zugelassenen Ärzten fest.
Abstract
Due to discussions on the cost and quality of health care and a new
legislation on the German statutory sickness insurance system in 1999, the free
choice of doctors has recently become topical. To assess its legitimation for
the German health care system, its history and the groups of interest involved
should be taken into consideration. Before the period of industrialization no
homogeneous pattern of the medical profession existed. In case of illness
individuals who lived within reach and were known for their competence in
disease matters were approached. However, industrialization destroyed existing
social networks, and establishment of new structures of health care in rural as
well as metropolitan areas became necessary. The government approached this
challenge by structuring medical education, passing regulations on the
settlement of doctors and promoting the foundation of statutory sickness funds.
The Health Insurance Law of 1883 established a mandatory insurance system for a
broad array of industries. As it was the sickness funds‘ responsibility
to provide sufficient resources for medical care, a sick member was tied to the
physician under contract with his insurance. After a rapid increase in
practising physicians at the end of the 19th century, doctors‘
organisations were eager to gain access to the new market segment of insurance
members by calling for the free choice of physicians. The Leipzig association
(Hartmannbund) was founded in 1900 to organize strikes of doctors in order to
get their goals accepted. After 30 years of conflicts an appeasement was
achieved by a presidential emergency law in 1931. It transferred the
responsibility for the provision of sufficient health care resources from the
sickness funds to the newly created body of the Association of Sickness Fund
Physicians (Kassenärztliche Vereinigung) and determined the
patients‘ free choice among licensed sickness fund physicians.
Schlüsselwörter
Freie
Arztwahl - Kassenarzt - Sicherstellungsauftrag - Ärztestreik - Krankenversicherungsgesetz
Key words
Free Choice of Doctors - Statutory
Sickness Fund Physician - Responsibility for the Provision of
Sufficient Health Care - Strikes of Doctors - Health Insurance
Law
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Dr. Wilfried Kunstmann
Universität Witten/Herdecke, Bereich Sozial- und
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Alfred-Herrhausen-Straße 50
58448 Witten
Email: kunstman@uni-wh.de