Zusammenfassung
Ziel der Studie: Im Rahmen einer von der Europäischen Kommission geförderten Studie wird die zeitliche Entwicklung der Unterbringungsraten (Zahl der Zwangseinweisungen pro 100 000 Einwohner) und -quoten (Anteil der Zwangsweisungen an allen stationärpsychiatrischen Aufnahmen) psychisch Kranker in den EU-Mitgliedstaaten analysiert. Methodik: Die Informationsgewinnung erfolgte mithilfe eines umfangreichen Fragebogens, der von Experten in den jeweiligen Ländern ausgefüllt wurde. Ergebnisse: Zwangsunterbringungsquoten und Zwangsunterbringungsraten unterscheiden sich in den EU-Mitgliedstaaten erheblich. Die Spanne der Zwangsunterbringungsraten reicht von 6 pro 100 000 Einwohner (Portugal) bis 218 pro 100 000 Einwohner (Finnland) und die Zwangsunterbringungsquoten reichen von 3,2 % (Portugal) bis 30 % (Schweden). In einigen Ländern findet sich ein deutlicher Anstieg der Zwangsunterbringungsraten in den letzten Jahren, wohingegen in keinem der Länder ein relevanter Anstieg der Zwangsunterbringungsquoten festgestellt werden konnte. Schlussfolgerung: Die relativ stabilen Zwangsunterbringungsquoten deuten darauf hin, dass es nicht zu einer tatsächlichen Zunahme von Zwangsmaßnahmen in der psychiatrischen Praxis gekommen ist. Zunehmende Zwangsunterbringungsraten scheinen vielmehr eine veränderte psychiatrische Behandlungspraxis mit kürzeren Verweildauern und häufigeren Wiederaufnahmen widerzuspiegeln
Abstract
Purpose: In a study subsidised by the European Commission, the course of compulsory admission rates (admissions per 100,000 population) and compulsory admission quotas (proportion of annual compulsory admissions of all admissions to psychiatric inpatient treatment) of mentally ill patients from 15 European member states was analysed. Method: Information was gathered by means of a detailed questionnaire filled in by experts from all EU-Member States. Results: Compulsory admission rates and compulsory admissionquotas differ significantly across the EU member states. Compulsory admission rates range from 6 (Portugal) to 218 (Finland) per 100,000 population and compulsory admission quotas vary from 3.2 % (Portugal) to 30 % (Sweden). In some member states a significant increase of compulsory admission rates was detected without a significant increase of compulsory admission quotas. Conclusion: The relatively steady compulsory admission quotas suggest no real increase of coercion regarding admission to psychiatric inpatient care. Increasing compulsory admission rates rather reflect changing overall patterns of providing psychiatric service, tending towards decreased length of hospital stays, and more frequent readmissions.
Schlüsselwörter
Zwangseinweisung - Zwangsbehandlung - Versorgung psychisch Kranker - Psychiatriegesetzgebung
Key words
Compulsory admission - involuntary treatment - mental health care provision - mental health legislation
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PD Dr. Harald Dreßing
Zentralinstitut für Seelische Gesundheit J 5
68159 Mannheim
eMail: dressing@as200.zi-mannheim.de