Laryngorhinootologie 1983; 62(10): 446-451
DOI: 10.1055/s-2007-1008470
© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Behandlungsergebnisse bei der idiopathischen Fazialisparese (Bellsche Lähmung)* **

Treatment Results in Idiopathic Facial Paralysis (Bell's Palsy)U. Ganzer, J. Lamprecht, F. Spinnrock, K.-H Vosteen
  • Universitäts-HNO-Klinik Düsseldorf (Direktor: Prof. Dr. K.-H. Vosteen)
* Auszugsweise vorgetragen im Rahmen der 54. Jahresvers. Dtsch. Gesellsch. HNO-Heilk., Kopf- u. Halschir., Travemünde 15. bis 19.5.1983** Wir danken Herrn Prof. Dr. Jesdinsky, Direktor des Instituts für Medizinische Statistik und Biomathematik, Düsseldorf, für die statistischen Berechnungen.
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Publication Date:
29 February 2008 (online)

Zusammenfassung

Die üblichen Behandlungsverfahren bei der idiopathischen Fazialisparese sind die operative Dekompression des Nervs in unterschiedlichem Umfang und die konservative Therapie mit bzw. ohne Glukokortikoide. Um herauszufinden, welche Behandlung die günstigsten Resultate mit möglichst wenigen Nebenwirkungen erzielt, haben wir mehr als 2000 Fälle aus dem Schrifttum und 48 eigene, prospektiv behandelte Patienten nach den Gesichtspunkten der operativen und der konservativen Behandlung mit bzw. ohne Kortison zusammengefaßt und hinsichtlich ihrer Heilungsraten miteinander sowie mit einem Kollektiv unbehandelter Fälle verglichen. Es stellt sich heraus, dass die Heilungsraten nach Glukokortikoid-Therapie in der gleichen Größenordnung, wie sie auch nach andersgearteter konservativer Behandlung beobachtet werden, zu liegen scheinen und mit 70 bis 80% insgesamt der Spontanheilungsrate entsprechen. Die Fazialisdekompression ergibt deutlich schlechtere Resultate.

Die Ergebnisse werden besonders unter dem Gesichtspunkt der möglichen ätiologischen Vielfalt der Lähmung und der pathophysiologischen Reaktionsweise des Nerven gegenüber einer Schädigung diskutiert. Dabei wird die Frage aufgeworfen, ob es sich bei der Bellschen Parese tatsächlich um eine Erkrankung mit unterschiedlicher Ätiologie oder nicht vielmehr um verschiedene Erkrankungen mit jeweils einer anderen speziellen Ursache handelt. Im Hinblick auf die genannten Heilungsraten und eine nicht immer auszuschließende Virusätiologie der Lähmung wird Zurückhaltung bei der Behandlung mit Glukokortikoiden empfohlen, zumal unspezifische Antiphlogistika bei vertretbarem Risiko mit hoher Wahrscheinlichkeit den selben Zweck erfüllen. Schließlich soll unsere Untersuchung zu einer multizentrischen, prospektiven und randomisierten Studie über die zweckmäßigste Behandlung der idiopathischen Fazialisparese anregen.

Summary

The most common therapeutic schedules in Bell's palsy are the surgical decompression of the nerve and conservative treatment with respectively without cortisone. In order to find out the schedule which will give the best results with less side effects, we summed up more than 2000 cases of Bell's palsy from the literature as well as 48 own patients with regard to operative or conservative treatment with resp. without glucocorticoids and compared them with each other and versus the spontaneous recovery of this disease. The results are demonstrated in Figs. 1-4: Independent of cortisone application, complete remission was seen in 70-80% of all cases treated conservatively. Surgical decompression gave the worse result with about 20-25% complete remissions.

These results are discussed particularly under the aspect of the aetiologic varieties of Bell's palsy and the pathophysiological reaction of the nerve against damage. Then it is the question whether Bell's palsy actually is one disease with different aetiology or rather an accumulation of varying diseases with a specific aetiology in each case.

With regard to the above mentioned healing rates and the possible virus aetiology in a lot of these cases, glucocorticoids should be applied cautiously - especially since non-specific antiphlogistic drugs answer the same purpose. Finally, our investigation should stimulate a multicentric, prospective and randomized study on the most efficient therapy in idiopathic facial palsy.