Geburtshilfe Frauenheilkd 1990; 50(6): 447-453
DOI: 10.1055/s-2008-1026280
© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Zur Frage der Risikobeurteilung aktiven geburtshilflichen Vorgehens im Entbindungszeitintervall bei der Leitung von vaginalen Zwillingsgeburten*

The Risk of Active Obstetrical Management During the Time Interval of Vaginal Twin DeliveryW. Schröder
  • Frauenklinik der Städtischen Kliniken Offenbach (Direktor: Prof. Dr. H. J. Kitschke)
* Auszugsweise vorgetragen während der 160. Tagung der Mittelrheinischen Gesellschaft für Geburtshilfe und Gynäkologie, Bad Soden i. Ts., 1988
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Publikationsverlauf

Publikationsdatum:
16. Juni 2008 (online)

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Zusammenfassung

Bei der Leitung von Zwillingsgeburten per vaginam existieren unter Geburtshelfern unterschiedliche Auffassungen bezüglich der Frage, welchen Einfluß die Dauer des Zeitintervalls bis zur Geburt des 2. Zwillings auf dessen häufig erhöhte perinatale Mortalität und Morbidität hat. Im Zeitraum vom 1.1. 82 bis 31.12. 87 waren von insgesamt 11395 Geburten 176 Zwillingsgeburten (1,5%), wobei in 96 Fällen nach vaginaler Geburt des 1. Kindes der 2. Zwilling lebend zur Welt kam. Anhand dieses Kollektivs überprüften wir retrospektiv unser aktives geburtshilfliches Management bezüglich der Zusamenhänge zwischen Dauer des Entbindungszeitintervalls einerseits und perinataler Mortalität, Operationsfrequenz beim 2. Zwilling sowie dessen fetal-outcome andererseits.

Die perinatale Mortalität gemäß WHO-Definition betrug 4,2 %, abzüglich der Totgeburten und der Kinder mit einem Geburtsgewicht unter 1000 g sogar nur 0,3 %. Einen Einfluß der Intervalldauer auf die perinatale Mortalität konnten wir nicht feststellen. Diese war für den 1. und 2. Zwilling gleich hoch. Die Operationsfrequenz nahm von 12,8 % bei Geburt des 2. Kindes innerhalb von 20 min auf 38,8 % zu, wenn die Geburt nach dieser Zeitspanne erfolgte. Ein schlechteres fetal-outcome hinsichtlich der Lebensfrische beurteilt anhand des APGAR-Scores war jedoch nicht nachweisbar. Die Abkürzung des Entbindungszeitintervalles durch aktives geburtshilfliches Vorgehen ist geeignet, potentielle Gefahren für Mutter und 2. Zwilling zu mindern, wobei zu berücksichtigen ist, daß die Ergebnisse der Studie sicher auch durch die primären Selektionskriterien bezüglich des Entbindungsmodus positiv beeinflußt sind. Unter entsprechenden organisatorischen Maßnahmen und adäquater subpartualer Überwachung des 2. Zwillings erscheint eine strikte Limitierung des Entbindungszeitintervalls durch z. B. potentiell riskante Wendungsoperationen nicht gerechtfertigt.

Abstract

In connection with the vaginal delivery of twins, different opinions exist among obstetricians as to whether the time interval between the birth of both twins influences the often reported higher perinatal mortality and morbidity of the second twin. During the period from January 1, 1982, to December 12, 1987, we had 176 twin deliveries (1.5 %), among a total number of 11,395, from which, after vaginal birth of twin A, in 96 cases twin B was born alive. In this study group, we analysed retrospectively our active obstetrical management in respect of relations between time interval on the one hand and perinatal mortality, operation frequency and foetal outcome of the second born twin on the other.

The perinatal mortality rate, as defined by the WHO was 4.2 % and excluding stillborns and children with a birth weight of less than 1,000 g, only 0.3 %. We could not identify the influence of the time interval on perinatal mortality, which was equal for both twins. The frequency of surgical interventions rose from 12.8% when twin B was born within 20 min, to 38.8 % when it was delivered after this time interval. An adverse foetal outcome judged by APGAR-score could not be proved.

Shortening the time interval by active obstetrical management is of value in order to reduce potential risks for the mother and the second born twin, but it should be borne in mind, that the results of our study are positively influenced by the primary selection criteria of mode of delivery. Under good organising conditions and adequate subpartual monitoring of twin B, a strict limitation of time interval is recommended, e.g. performing a potentially hazardous internal version is not justified.