Neef N.
et al.
Structural connectivity of right frontal hyperactive areas scales with stuttering
severity.
Brain 2018;
141: 191-204
Bislang ist nur wenig über die Ursachen des Stotterns bekannt. Frühere Studien haben
zwar gezeigt, dass beim Stottern ein Ungleichgewicht zwischen der Hirnaktivität beider
Hirnhälften auftritt: Eine Region im linken Stirnhirn ist viel zu schwach, die entsprechende
Region in der rechten Hirnhälfte wiederum viel zu stark aktiviert. Dennoch war bisher
unklar, was diese veränderte Hirnaktivität bedeutet und wie sie zustande kommt. Bewirkt
die minderaktive linke Hirnhälfte, dass die rechte Hirnhälfte ihre Aktivität als eine
Art Ausgleichsreaktion erhöht, um so einem Funktionsausfall entgegenzusteuern? Oder
ist es genau umgedreht und die hyperaktive rechte Seite unterdrückt die Aktivierung
auf der linken, und ist demnach die eigentliche Ursache des Stotterns?
Wissenschaftler des MPI CBS in Leipzig und der Universitätsmedizin Göttingen sind
hier zu einer entscheidenden Erkenntnis gelangt: Die Überaktivität in den Regionen
auf der rechten Hirnseite scheint der eigentliche Grund für das Stottern zu sein.
Laut Autoren ist die rechte untere Windung des Stirnhirns bei allen Menschen immer
dann besonders aktiv, wenn Bewegungen wie Hand- oder Sprechbewegungen gestoppt werden.
Bei einer Überaktivität dieser Region komme es zu einer übermäßigen Hemmung. Bei Personen,
die stottern, seien davon höchstwahrscheinlich gerade jene Hirnregionen betroffen,
die die Sprechbewegungen steuern.
Dazu gehören die für das Sprechen relevanten Bereiche im linken Frontallappen, insbesondere
der sogenannte linke Gyrus frontalis inferior (IFG), der für die Planung des Sprechens
zuständig ist, sowie der linke Motorcortex, der dann die eigentlichen Sprechbewegungen
steuert. Sind diese beiden Prozesse zu stark gehemmt, wird eine Person daran gehindert,
flüssig zu sprechen.
Untersucht haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler diese Zusammenhänge
mithilfe der Magnetresonanztomografie (MRT) und erwachsenen Versuchsteilnehmern, die
seit ihrer Kindheit stottern. Während der Untersuchung stellten sich die Studienteilnehmer
vor, die Monatsnamen aufzuzählen. Diese Methode des imaginären Sprechens wählten die
Forscher, um sicherzustellen, dass tatsächliche Sprechbewegungen die sensiblen MRT-Signale
nicht stören. Die Neurowissenschaftler konnten so per Hirnscanner auch analysieren,
ob bei den stotternden Probanden von den überaktiven Regionen auf der rechten Hirnseite
möglicherweise veränderte Faserverbindungen ausgehen.
Und tatsächlich: Innerhalb des hyperaktiven rechten Netzwerkes entdeckten sie eine
Faserbahn, die bei den Betroffenen deutlich stärker ausgebildet war als bei Teilnehmern
ohne Sprechprobleme. Je stärker der sogenannte Frontale Aslant Trakt, kurz FAT, war,
desto schwerer war das Stottern ausprägt. Aus früheren Studien ist bekannt, dass diese
Verbindung eine wichtige Rolle bei der Feinabstimmung von Signalen spielt, die Bewegungen
hemmen. Die übermäßige Aktivität dieses Netzwerkes und seine stärkeren Verbindungen
könnten darauf hindeuten, dass die eigentliche Ursache des Stotterns darin liegt,
dass Sprechbewegungen zu stark gehemmt werden.
Nach einer Mitteilung des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften
(MPI CBS)