Schlüsselwörter
Osteosynthese - Gesichtsschädelfrakturen
Key words
osteosynthesis - fractures of the facial skeleton
Einleitung
Die Platten-Schrauben-Osteosynthese zur Versorgung von Frakturen oder Rekonstruktion
von Defekten hat sich seit Jahrzehnten im Mund-Kiefer-Gesichts-Bereich etabliert.
Hierdurch wurde es möglich, den knöchernen Gesichtsschädel anatomisch
dreidimensional zu rekonstruieren und auf eine längere starre mandibulomaxilläre
Fixation von Ober- und Unterkiefer zu verzichten. Die stabile Fixierung mittels
Osteosynthese folgt auch im Bereich des Gesichtsschädels den 4 Prinzipien der AO
Guidelines zur adäquaten Behandlung von Frakturen:
-
anatomische Knochenreposition,
-
stabile Fixierung der Fragmente,
-
Erhalt der Durchblutung und
-
Sicherstellung einer frühen Funktion [1].
Im Laufe der Weiterentwicklung der Osteosynthese im Mund-Kiefer-Gesichts-Bereich
wurden immer neue Systeme je nach Indikationsstellung entwickelt. Während noch
Anfang dieses Jahrtausends die Platten-Schrauben-Systeme hinsichtlich
Schraubendurchmesser und Plattenstärke sowie hinsichtlich Schraubenprinzip –
winkelstabil versus nicht winkelstabil – jeweils geschlossene Systeme darstellten,
erlauben heutzutage moderne Osteosynthesesysteme eine multimodale Anwendung eines
einzelnen Systems. Unterschieden wird in der Regel nur noch zwischen dem Einsatz im
Ober- oder Unterkiefer ([Abb. 1 a] und [b]). Zusätzlich unterscheidet man im Unterkiefer noch
zwischen Traumatologie- und Rekonstruktionssystemen, wobei bei den
Rekonstruktionssystemen im Vergleich zu den Traumasystemen prinzipiell nur die
Plattenstärken und die Schraubendurchmesser nochmals zunehmen ([Abb. 1 c]).
Abb. 1 a Modernes Osteosynthesesystem Matrix Mandible Trauma
(DePuy/Synthes, Schweiz). Alle Platten können mit allen unterschiedlichen
Schrauben kombiniert werden. b Modernes Osteosynthesesystem Matrix
Midface (DePuy/Synthes, Schweiz). Alle Platten können mit allen
unterschiedlichen Schrauben kombiniert werden. c Modernes
Osteosynthesesystem Matrix Mandible Recon (DePuy/Synthes,Schweiz). Alle
Platten können mit allen unterschiedlichen Schrauben kombiniert werden.
Innerhalb eines Subsystems ist es jeweils uneingeschränkt möglich, alle
unterschiedlichen Plattenstärken mit allen unterschiedlichen Schrauben zu verwenden.
Neben dem Standardschraubendurchmesser stehen zusätzlich Schrauben mit einem
geringfügig vergrößerten Durchmesser als sogenannte Emergency- bzw. Rescue-Schrauben
zur Verfügung, falls es zu einem Durchdrehen der Schraube mit Standarddurchmesser
kommt. Bei den Systemen für den Einsatz im Unterkiefer ist es zusätzlich möglich,
sowohl winkelstabile als auch nicht winkelstabile Schrauben bei ein und derselben
Platte einzusetzen und miteinander zu kombinieren. Das gleiche gilt auch für die
zwar weiter vorhandenen speziellen Kompressionsplatten, die jedoch bei der modernen
Osteosynthese im Unterkiefer inzwischen eine eher untergeordnete Rolle spielen und
mehr und mehr durch Adaptationsplatten ersetzt wurden.
Durch diese multimodale Anwendung der modernen Osteosynthesesysteme ist es möglich,
sowohl im Unter- als auch im Oberkiefer die Plattenstärken individuell an die
Indikation hinsichtlich Stabilität und Funktionalität anzupassen, ohne auf
unterschiedliche Osteosynthesesysteme zurückgreifen zu müssen.
Merke
Bei modernen Osteosynthesesystemen können alle unterschiedlichen Platten mit
allen unterschiedlichen Schrauben kombiniert werden.
Prinzipien der Osteosynthese im Unterkiefer
Prinzipien der Osteosynthese im Unterkiefer
Bei der Osteosynthese im Bereich des Unterkiefers spielt neben der Anatomie die
Biomechanik des Unterkiefers während der Mastikation weiter die entscheidende Rolle
bei den Überlegungen hinsichtlich der optimalen Positionierung von
Osteosyntheseplatten. Bei der Einleitung von Kräften auf den Unterkiefer durch
Abbeißen und Kauen, kommt es zu verschiedenen Zonen von Kompression und Zugspannung.
Diese sind abhängig vom Ort der Kräfteapplikation und unterscheiden sich danach, ob
mit den Seitenzähnen Speisen zerkleinert werden oder ob mit den Frontzähnen
abgebissen wird. Durch die Hufeisenform des Unterkiefers kommt es des Weiteren, über
die einwirkenden Kau- und Muskelkräfte, zu einer dreidimensionalen Deformierung des
Unterkiefers. Vereinfacht betrachtet resultiert beim Zusammenbiss im Bereich des
Alveolarfortsatzes eine Zugzone, während sich im Bereich des basalen
Unterkieferrandes eine Kompressionszone zeigt. Zwischen der Zug- und
Kompressionszone liegt die sogenannte neutrale Zone, in der sich in der Theorie die
beiden gegensätzlichen Kräfte gegenseitig aufheben ([Abb. 2]). Bezogen auf dieses Modell ist es vom biomechanischen Aspekt
vorteilhaft, die Osteosynthese im Bereich der Zugzone oder der Neutralzone, also im
Bereich des zahntragenden Anteils des Unterkiefers zu platzieren, um einem
Auseinanderweichen der Frakturfragmente entgegenzuwirken. Anatomisch stellt sich die
krestale Zugzone jedoch durch das Vorhandensein der Zähne, einer dünnen Kortikalis
und einer dünnen darüberliegenden Schleimhaut als kompliziert dar. Somit bietet sich
eine Platzierung der Osteosyntheseplatten im Bereich der Neutralzone an. Diese wurde
auch als ideale Osteosyntheselinie definiert ([Abb. 3]). Diese korreliert im Unterkieferkorpus jedoch i. d. R. mit der
Ebene auf Höhe des N. mandibularis inferior, sodass hier nur eine monokortikale
Verankerung von Schrauben möglich ist. Der Unterrand des Unterkiefers stellt vom
biomechanischen Aspekt (Kompressionszone) her eigentlich eine eher weniger geeignete
Lokalisation für die Positionierung von Osteosynthesematerial dar. Doch durch die
dort vorhandene dicke Kortikalis und den sicheren Weichteilmantel bietet sich der
basale Unterkieferrand dennoch als Lokalisationsort zur Befestigung von
Osteosynthesematerial an. Insbesondere in der Kombination mit einer monokortikalen
Osteosynthese im Bereich der Neutralzone [2].
Abb. 2 Biomechanik des Unterkiefers bei der Mastikation. Im Bereich
des Alveolarfortsatzes entsteht eine Zugzone, im Bereich des basalen
Unterkieferrandes eine Kompressionszone. Zwischen der Zug- und
Kompressionszone liegt die sogenannte neutrale Zone, in der sich in der
Theorie die beiden gegensätzlichen Kräfte gegenseitig aufheben.
Abb. 3 Ideale Osteosyntheselinie im Unterkiefer.
Um einerseits den biomechanischen Anforderungen und andererseits den anatomischen
Gegebenheiten bei der osteosynthetischen Versorgung des Unterkiefers Rechnung zu
tragen, unterscheidet man heutzutage zwischen 2 Grundprinzipien der Fixierung:
-
Load-sharing-Osteosynthese
-
Load-bearing-Osteosynthese [2] ([Abb. 4 a] und [b]).
Abb. 4 Grundprinzipien der Osteosynthese im Unterkiefer.
a Load-sharing-Osteosynthese,
b Load-bearing-Osteosynthese.
Load-sharing-Osteosynthese
Bei der Load-sharing-Osteosynthese stellt die exakte anatomische Reposition der
Fraktur den zentralen Aspekt des Prinzips dar. Hierdurch wird es möglich, dass
die auftretenden funktionellen Kräfte während der Unterkieferbewegung über die
Fraktur hinweg durch den Knochen aufgenommen bzw. weitergeleitet werden, während
das Osteosynthesematerial die Fragmente nur zueinander fixiert und stabilisiert.
Das Osteosynthesematerial muss demnach nur einen geringen Anteil der
auftretenden Kräfte auffangen, was wiederum dazu führt, dass dünne
Osteosyntheseplatten der Profilstärken 1,0 – 1,5 mm Verwendung finden können,
welche i. d. R. monokortikal mit Schraubendurchmessern von ca. 2,0 mm
aufgeschraubt werden ([Abb. 1 a]). Das Prinzip
der Load-sharing-Osteosynthese kommt somit bei der Miniplattenosteosynthese im
Bereich des Unterkiefers in zahntragenden Anteilen, im Kieferwinkel oder im
Bereich des Gelenkfortsatzes zur Anwendung. Die Miniplatten sollten dabei so
lang gewählt werden, dass jeweils mindestens 2 Schrauben je instabiler
Frakturseite sicher monokortikal verankert werden können, um eine
Rotationsstabilität zu gewährleisten.
Der operative Zugang ist i. d. R. ein intraoraler. Durch den Einsatz eines 90°
abgewinkelten Bohrers und Schraubendrehers ist dies auch in der überwiegenden
Anzahl der Fälle, selbst bei Gelenkfortsatzfrakturen, möglich.
Load-bearing-Osteosynthese
Bei der sogenannten Load-bearing-Osteosynthese wird die gesamte einwirkende Kraft
durch das Osteosynthesematerial getragen. Hierbei wird dickeres
Osteosynthesematerial der Profilstärken 2,0 – 3,0 mm mit bikortikaler
Schraubenverankerung eingesetzt. Die eingesetzten Schraubendurchmesser bewegen
sich in Abhängigkeit vom Hersteller zwischen 2,3 – 3,0 mm ([Abb. 1 c]). Es empfiehlt sich, je Fraktur- bzw.
Defektseite mindestens 3, besser 4 – 5 Schrauben zu platzieren.
Die Indikationen für eine Load-bearing-Osteosynthese sind komplexe
mehrfragmentäre Frakturen, Defektfrakturen, Frakturen des atrophierten
Unterkiefers, pathologische Frakturen, Komplikationen nach Frakturen mit
Pseudoarthrose und Infektionen sowie Kontinuitätsdefekte im Rahmen der
Unterkieferrekonstruktion.
Mit Ausnahme vielleicht im Bereich des anterioren Unterkiefers wird bei einer
Load-bearing-Osteosynthese häufig ein extraoraler Zugang zum Unterkiefer
notwendig.
Merke
Je dicker der Knochen, desto dünner kann die Platte gewählt werden. Je dünner
der Knochen, desto dicker sollte die Platte gewählt werden.
Die neuesten Entwicklungen gehen in Richtung anatomisch präformierte
Osteosyntheseplatten. Diese sollen das Konturieren der Platten erleichtern, die
Plattenfrakturgefahr mindern und Operationszeiten reduzieren ([Abb. 5]).
Abb. 5 Anatomisch präformierte Platten für den Unterkiefer.
a Anatomisch präformierte Unterkieferrekonstruktionsplatten.
Diese liegen für rechts und links jeweils in 3 Größen vor
(DePuy/Synthes, Schweiz). b Anatomisch präformierte Miniplatten
für den Kieferwinkel im Bereich der Linea obliqua (oben) und den
medianen Unterkiefer (unten) (KLS-Martin, Deutschland).
Anwendungsbeispiele der Osteosynthese im Unterkiefer
Anwendungsbeispiele der Osteosynthese im Unterkiefer
Paramediane/mediane Unterkieferfraktur
Bei diesem sehr häufigen Frakturmuster stellt die Miniplattenosteosynthese mit 2
Miniplatten in der Regel die osteosynthetische Versorgung der Wahl dar. Dabei
kommen nach anatomischer Reposition und Sicherstellung der Okklusion über eine
mandibulomaxilläre Fixation (z. B. mittels MMF-Schrauben) 2 Osteosyntheseplatten
zum Einsatz. Dabei wird eine Osteosyntheseplatte knapp unterhalb der Zahnwurzeln
in der neutralen Zone platziert. Eine weitere Miniosteosyntheseplatte kommt im
Bereich des basalen Unterkieferrandes zu liegen ([Abb. 6 a]). Es empfiehlt sich, die Platten leicht zu überbiegen, um
dem Phänomen des lingualen Aufbiegens entgegenzuwirken.
Bei streng medianen Unterkieferfrakturen kann auch eine alleinige
Zugschraubenosteosynthese zum Einsatz kommen. Dies gestaltet sich jedoch nach
Autorenmeinung häufig komplizierter als die Plattenosteosynthese. Weiter
empfiehlt es sich bei streng medianen Unterkieferfrakturen, neben dem Überbiegen
der Platten, die basale Platte etwas dicker zu wählen als die krestale,
insbesondere wenn gleichzeitig eine beidseitige Gelenkfortsatzfraktur vorliegt
([Abb. 6 b]).
Abb. 6 a Typische osteosynthetische Versorgung einer
paramedianen Unterkieferfraktur mit 2 Miniplatten.
b Osteosynthetische Versorgung einer medianen Unterkieferfraktur
in Kombination mit beidseitiger Gelenkfortsatzfraktur mit 2
Osteosyntheseplatten. Die basale Platte wurde aus Stabilitätsgründen in
diesem Fall etwas dicker gewählt.
Praxistipp
Neben dem Überbiegen der Platte kann während der Osteosynthese durch
temporäres Einsetzen einer großen spitzen Repositionsklemme/-zange im
Bereich der krestalen Molarenregion eine gut dosierbare, posteriore
Kompression ausgeübt werden. Hierdurch kann einer lingualen Spaltbildung und
einer Verbreiterung des Unterkiefers suffizient entgegengewirkt werden. Dies
trifft insbesondere auf mediane und paramediane Frakturen mit
Ausgleichsfrakturen im Bereich der Gelenkfortsätze oder der Kieferwinkel
zu.
Kieferwinkelfrakturen
Obwohl bei einfachen Kieferwinkelfrakturen nach den Untersuchungen von Champy
eine einzelne Platte im Bereich der Zugzone, auf der Linea obliqua, ausreichend
ist [2], [3],
empfiehlt es sich nach Autorenmeinung, auch bei Kieferwinkelfrakturen 2
Osteosyntheseplatten einzusetzen. Dabei kommt die eine Osteosyntheseplatte
ebenfalls im Bereich der Zugzone entweder lateral oder direkt auf der Linea
obliqua zu liegen, während die zweite Miniosteosyntheseplatte im Bereich des
basalen Unterkieferrandes aufgeschraubt wird ([Abb. 7 a]). Durch diese Fixierung mit 2 Miniplatten kann eine basale
Spaltbildung im Bereich der eigentlichen Druckzone, wie es sich klinisch häufig
bei der Versorgung von Kieferwinkelfrakturen mit nur einer Platte auf der Linea
obliqua zeigt, in der Regel verhindert werden ([Abb. 7 b]). Durch den Einsatz des 90° abgewinkelten Schraubendrehers
ist die Fixation beider Platten durch einen ausschließlich intraoralen Zugang
möglich. Alternativ bestünde für die kaudale Platte die Fixation mittels eines
transbukkalen Zugangs. Dies wird von den Autoren jedoch nur im Einzelfall
empfohlen.
Abb. 7 a Osteosynthetische Versorgung einer
Kieferwinkelfraktur mit 2 Miniplatten. Eine ist auf Höhe der Linea
obliqua krestal positioniert. Eine weitere am basalen Unterkieferrand.
Hierdurch wird Aufbiegen in diesem Bereich verhindert. Der Weisheitszahn
im Bruchspalt wurde bewusst belassen. b Typisches Aufbiegen des
basalen Kieferwinkels bei der Versorgung einer Kieferwinkelfraktur mit
nur einer Platte krestal im Bereich der Linea obliqua.
Im Bruchspalt liegende Weisheitszähne sollten, wenn sie kein Repositionshindernis
darstellen oder nicht zerstört sind, belassen werden. Denn durch eine Entfernung
verliert man unweigerlich Stabilität nach dem Prinzip des Load-sharing und
schafft sich im Einzelfall sogar eine Defektfraktur, die eine
Load-bearing-Osteosynthese erforderlich machen könnte. Die Entscheidung, ob
Zähne aus dem Frakturspalt intraoperativ entfernt werden müssen bzw. sollten,
ist jedoch jeweils individuell zu entscheiden.
Unterkieferkorpusfraktur
Aus Stabilitätsgründen empfiehlt sich auch hier im Regelfall der Einsatz von 2
Miniosteosyntheseplatten, wovon eine wiederum auf Höhe der Neutralzone knapp
unterhalb der Wurzelspitzen und oberhalb des N. mandibularis zu liegen kommt.
Die 2. Platte wird im Bereich des basalen Unterkieferrandes unterhalb des Nerven
befestigt. Auch hier ist der Einsatz eines Winkelschraubendrehers, insbesondere
im Bereich der basalen Platte, häufig hilfreich.
Bei Schrägfrakturen des Corpus mandibulae empfiehlt sich dagegen auch der Einsatz
einer Zugschraubenosteosynthese, um die schräg zueinander verlaufenden
Frakturhälften aufeinander zu pressen ([Abb. 8 a]
und [b]). Dabei ist jedoch von entscheidender
Bedeutung, dass bei der Platzierung der bikortikalen Zugschrauben der
N. mandibularis sowie die Zahnwurzeln nicht beschädigt werden. Dies kann im
Einzelfall schwierig werden, sodass sich in einem solchen Fall eine
Zugschraubenosteosynthese verbietet. Der Vorteil der Zugschraubenosteosynthese
ist der hohe Grad der Stabilität bei idealer Krafteinleitung in den Knochen. Im
Einzelfall ist auch eine Kombination aus Miniplattenosteosynthese und
Zugschraubenosteosynthese sinnvoll.
Abb. 8 a Unterkieferschrägfraktur präoperativ. b Mit
3 Zugschrauben versorgte Unterkieferschrägfraktur postoperativ.
Praxistipp
Bei der Unterkiefer-Miniplattenosteosynthese empfiehlt es sich nach
anatomischer Reposition, primär die krestale Platte mit 2 exzentrisch
gebohrten, frakturspaltnahen Schrauben zu fixieren, um in der Zugzone eine
Kompression im Bereich des Frakturspaltes auszuüben. Vor der
rotationsstabilen Fixierung der Platte mit den übrigen Schraubenlöchern
sollte jedoch jetzt erst die basale 2. Osteosyntheseplatte fixiert werden.
Hierdurch wird es möglich, durch die noch bestehende Rotationsmöglichkeit um
die krestale Platte einer basalen Spaltentwicklung entgegenzuwirken, indem
man z. B. mittels einer Repositionszange gezielt diesen Spalt schließt,
bevor man die Osteosyntheseplatte aufschraubt. Auch hier empfiehlt es sich,
die beiden ersten frakturnahen Löcher exzentrisch auf Kompression zu bohren.
Erst dann sollten die beiden Platten mit weiteren Schrauben definitiv
fixiert werden.
Gelenkfortsatzfrakturen
Bei dislozierten Gelenkfortsatzfrakturen empfiehlt sich ebenfalls die
Miniplattenosteosynthese. In Abhängigkeit vom Platzangebot sollten, wenn
möglich, auch hier 2 Osteosyntheseplatten aus Stabilitätsgründen verwendet
werden. Dabei sollte eine im Bereich des Hinterrandes des aufsteigenden Astes
und eine weitere im Bereich der Incisura mandibulae zu liegen kommen ([Abb. 9]). Bei der Verwendung einer singulären
Platte sollte diese so dimensioniert sein, dass diese die auftretenden Kräfte
komplett übernehmen kann. Auch werden von Herstellern verschiedene
Spezial-3-D-Platten angeboten, um hier dem Problem von Plattenfrakturen
entgegenzuwirken.
Abb. 9 Mit 2 Miniplatten von intraoral versorgte linksseitige
Gelenkfortsatzfraktur.
Bezüglich des operativen Zugangs gibt es grundsätzlich 2 Möglichkeiten. Die eine
stellt den extraoralen Zugang in der Regel präaurikulär oder retromandibulär
dar. Wobei jedoch auch andere Zugangswege wie submandibulär oder retroaurikulär
möglich sind [4]. Der Vorteil des extraoralen
Zugangs ist der direkte Zugang und die verbesserte Visualisierung der Fraktur
für die Reposition und Osteosynthese. Mit dem extraoralen Zugang einhergehende
Nachteile sind einerseits die extraorale Narbe sowie andererseits die Gefahr der
Verletzung des N. facialis [2].
Als alternativer Zugang zum Gelenkfortsatz bietet sich der in der Autorenklinik
favorisierte intraorale Zugang an, der endoskopisch unterstützt zur Anwendung
kommt ([Abb. 10]). Der Zugang ähnelt dabei dem
Zugang zu einer Unterkieferosteotomie im Rahmen einer sagittalen Spaltung des
Unterkiefers, wobei hier die laterale Präparation weiter nach kranial erfolgen
muss ([Abb. 11]). Des Weiteren sind aufgrund der
limitierten Sicht Spezialinstrumente hilfreich. Hierzu zählen überlange
Raspatorien und Repositionshäkchen ([Abb. 12])
sowie eine lichtstarke Stirnleuchte. Zwingend erforderlich ist auch ein 90°
abgewinkelter Schraubendreher und Bohrer. Dieser sollte über eine
Haltevorrichtung verfügen, die es ermöglicht, Platte mit Schraube zusammen
einzubringen ([Abb. 13]).
Abb. 10 Endoskopischer Blick während der Osteosynthese einer
Gelenkfortsatzfraktur über einen intraoralen Zugang.
Abb. 11 Intraoraler Zugang zur Versorgung von
Gelenkfortsatzfrakturen.
Abb. 12 Überlange Spezialinstrumente, Endoskop und spezieller
Lichtleiterhaken zur intraoralen Versorgung von Gelenkfortsatzfrakturen
(Karl Storz, Deutschland).
Abb. 13 90° abgewinkelter Schraubendreher und Bohrer. Mittels
Haltevorrichtung können Platte und Schraube in Kombination fixiert
werden (MedArtis, Schweiz).
Neuste Entwicklungen von Osteosyntheseplatten gehen in Richtung anatomisch
präformierter 3-D-Platten mit integrierter Repositionshilfe für den
Gelenkfortsatz ([Abb. 14]).
Abb. 14 Anatomisch präformierte 3-D-Platten mit integrierter
Repositionshilfe für den Gelenkfortsatz (KLS-Martin, Deutschland).
Unterkieferstückfrakturen
Auch bei Unterkieferstückfrakturen mit 2 Frakturstellen, z. B. paramedian sowie
im Kieferwinkel oder im Gelenkfortsatzbereich kontralateral, werden die gleichen
bereits beschriebenen Prinzipien der Osteosynthese mit Reposition und stabiler
Fixierung verfolgt, wie sie bei isolierten Frakturen gelten ([Abb. 15]).
Abb. 15 Mittels Miniplatten versorgte Unterkieferstückfrakturen
mit Paramedianfraktur links und Kieferwinkelfraktur rechts.
Komplexe Mehrfragmentfrakturen des Unterkiefers
Bei komplexen Mehrfragmentfrakturen des Unterkiefers im Bereich des anterioren
Unterkiefers, des Corpus mandibulae oder des Kieferwinkels, wird in der Vielzahl
der Fälle wie bereits oben erwähnt, eine sogenannte Load-bearing-Osteosynthese
mit dickeren Osteosyntheseplatten erforderlich. Auch eine Kombination aus
Miniplatten, Zugschrauben und dicken Osteosyntheseplatten kommt hier je nach
Frakturmuster zum Einsatz ([Abb. 16 a]). Dabei
sollte mittels Miniplatten die Fraktur initial vereinfacht werden, um sie dann
über dickeres Osteosynthesematerial zu stabilisieren.
Während im Bereich des anterioren Unterkiefers sowie des anterioren Corpus
mandibulae dies meist noch mittels intraoralen Zugang bewerkstelligt werden
kann, ist im Bereich des Kieferwinkels häufig ein extraoraler Zugang
vorteilhaft. Dennoch ist es bei exakter Reposition und guter Compliance des
Patienten auch möglich, solche Frakturen nur mittels Miniplatten durch einen
intraoralen Zugang zu versorgen ([Abb. 16 b]).
Abb. 16 a Load-bearing-Osteosynthese einer rechtsseitigen
Unterkieferstückfraktur im atrophen Unterkiefer. b Über
intraoralen Zugang mittels Miniplatten und Zugschrauben versorgte
komplexe Mehrfragmentfraktur des Unterkieferkorpus bei einem Patienten
mit hoher Compliance.
Frakturen im hoch atrophen Unterkiefer
Frakturen im hoch atrophen Unterkiefer erfordern in der Regel eine
Load-bearing-Osteosynthese mit dickem Osteosynthesematerial in Kombination mit
winkelstabilen bikortikalen Schrauben. Ein extraoraler submandibulärer Zugang
sollte präferiert werden. Dabei ist die Extension der Osteosyntheseplatte in der
Regel vom aufsteigenden Unterkieferast bis zum Kinn und bei Stückfrakturen in
beiden Unterkieferkörpern vom rechten bis zum linken Kieferwinkel notwendig
([Abb. 17]). Die bikortikalen Schrauben
sollten hierbei im Bereich des Kieferwinkels und des aufsteigenden
Unterkieferastes sowie im Bereich des anterioren Unterkiefers positioniert
werden, da hier in der Regel weiter ausreichendes Knochenangebot zu finden ist.
Eine weitere Möglichkeit besteht darin, die Platte von lingual zu positionieren
[5]. Der Einsatz einer
Miniplattenosteosynthese im hoch atrophen Unterkiefer ist in der Regel nicht
suffizient und führt in den allermeisten Fällen zu einer Lockerung des
Osteosynthesematerials, sodass ein solcher Versuch generell unterbleiben
sollte.
Abb. 17 Load-bearing-Osteosynthese eines hoch atrophen
Unterkiefers über einen extraoralen Zugang.
Unterkieferdefektfrakturen
Bei Unterkieferdefektfrakturen z. B. aufgrund von Frakturen nach
Weisheitszahnextraktionen oder nach infizierten Frakturen mit Sequestrierung von
einzelnen Knochenanteilen ist ebenfalls eine Osteosynthese nach den Prinzipien
des Load-bearings notwendig. Dabei sollten die Osteosyntheseplatten unter
Verwendung von winkelstabilen Schrauben im Bereich des basalen Unterkieferrandes
fixiert werden ([Abb. 18]).
Abb. 18 Load-bearing-Osteosynthese einer Defektfraktur im linken
Kieferwinkel.
In den meisten Fällen ist hierzu ebenfalls ein extraoraler Zugang sinnvoll.
Dennoch kann in Einzelfällen auch durch einen intraoralen Zugang unter
Verwendung eines 90° Winkelbohrers und Drehers das Osteosynthesematerial
eingebracht werden.
Unterkieferkontinuitätsdefekte
Bei der rein alloplastischen Rekonstruktion von Unterkieferkontinuitätsdefekten
aufgrund einer Unterkieferteilresektion ist eine funktionsstabile Osteosynthese
mit einer Rekonstruktionsplatte der Profilstärke 2,4 – 3,0 mm, die den Defekt
weitstreckig überbrückt, obligat.
Hierzu werden seit einigen Jahren vermehrt patientenindividuelle CAD/CAM-Platten
eingesetzt [6], [7].
Da bei diesen Plattenfrakturen, wie sie bei Standardplatten regelhaft auftreten,
eher selten, oder nicht zu erwarten sind, empfehlen die Autoren, wenn immer
möglich solche Platten mit mindestens 5 – 6 bikortikalen Schrauben je
Defektseite zu befestigen, da es möglicherweise durch die Rigidität solcher
CAD/CAM-Platten unter Langzeitfunktion zum Versagen der
Schrauben-Knochen-Verbindung kommen könnte ([Abb. 19]).
Abb. 19 Alloplastische Unterkieferrekonstruktion mit
CAD/CAM-Osteosyntheseplatte (DePuy/Synthes, Schweiz) nach ablativer
Tumorchirurgie.
Bei einer knöchernen Rekonstruktion eines Unterkieferdefektes mit einem
mikrovaskulären Knochentransplantat kommen, je nach Präferenz des Chirurgen,
sowohl Miniplatten als auch Rekonstruktionsplatten erfolgreich zum Einsatz.
Insbesondere für diesen Einsatzbereich sind mittlerweile patientenspezifische
CAD/CAM-Platten in Kombination mit Operationsschablonen für die Osteotomie des
Unterkiefers und des Knochentransplantats etabliert ([Abb. 20]).
Abb. 20 Modelle, Operationsschablonen und
CAD/CAM-Unterkieferrekonstruktionsplatte zur knöchernen
Unterkieferrekonstruktion mittels Fibulatransplantat (Materialise,
Belgien, und DePuy/Synthes, Schweiz).
Unter Nichtberücksichtigung der Kosten für das Osteosynthesematerial, liegt der
Vorteil einer Rekonstruktionsplatte im Vergleich zu Miniplatten darin, dass bei
einem Verlust des Knochentransplantats die Kontinuität des Unterkiefers weiter
erhalten bleibt. Der Nachtteil ist darin zu sehen, dass die Gefahr einer
postoperativen Plattenexposition nach intra- oder extraoral im Vergleich zu
Miniplatte erhöht erscheint.
Prinzipien der Osteosynthese im Mittelgesicht
Prinzipien der Osteosynthese im Mittelgesicht
Neben der Wiederherstellung der Okklusion steht die anatomisch korrekte Reposition im
Fokus bei der Versorgung von traumatischen Verletzungen im Mittelgesicht. Sowohl die
knöcherne Höhe als auch die Weite und die Projektion sollte hierbei
wiederhergestellt werden. Jede Über- oder Unterkonturierung der
Mittelgesichtsknochen kann zu einer ästhetischen Beeinträchtigung führen. Des
Weiteren sind funktionelle Probleme wie z. B. eine Okklusionsstörung oder
Komplikationen im Bereich der Orbita, wie Diplopie oder ein Enophthalmus, möglich
[8].
Auch im Bereich des Mittelgesichts ist die Biomechanik bei der Platzierung der
Osteosyntheseplatten bzw. der Rekonstruktion zu beachten [8]. Eine erfolgreiche Rekonstruktion der Mittelgesichtsfrakturen wird
dabei durch die Wiederherstellung der sogenannten lateralen und medialen
Mittelgesichtspfeiler erreicht ([Abb. 21]). Diese
sind dafür verantwortlich, die auftretenden Kaukräfte nach kranial in den Schädel
weiterzuleiten. Weiter findet man in diesen Bereichen ein ausreichendes
Knochenangebot, um die Platten mittels Osteosyntheseschrauben suffizient zu
verankern. Dabei kann in Abhängigkeit vom Frakturmuster die Rekonstruktion von
lateral nach medial und/oder von kranial nach kaudal erfolgen [8].
Abb. 21 Schematische Darstellung der Kraftvektoren (Trajektorien) des
Mittelgesichts.
Die typischen Lokalisationen für die Positionierung des Osteosynthesematerials sind
im Bereich des lateralen Mittelgesichtspfeilers die Crista zygomaticoalveolaris
sowie die Sutura frontozygomatica und im Bereich des medialen Mittelgesichtspfeilers
die Regio paranasalis. Bei komplexeren Fällen mit z. B. ausgesprengten Fragmenten im
Bereich des Infraorbitalrands kann es notwendig werden, auch hier eine
Osteosyntheseplatte zu platzieren. Bei zusätzlichen Frakturen des Jochbogens, des
nasoethmoidalen Komplexes, des Oberkiefers und des Alveolarfortsatzes sind auch dort
weitere Osteosyntheseplatten möglicherweise notwendig ([Abb. 22]) [9]. Kleinere Fragmente außerhalb
der Mittelgesichtspfeiler erfordern grundsätzlich nicht immer eine osteosynthetische
Fixierung. Hier reicht es häufig aus, diese locker zu reponieren und sie ggf. z. B.
mit Fibrinkleber zu stabilisieren. Größere Fragmente, z. B. im Bereich der Kiefer-
und Stirnhöhlenvorderwand, sollten mit dünnem Osteosynthesematerial fixiert
werden.
Abb. 22 Zentrale Mittelgesichtsfrakturen. I: LeFort-I-Fraktur, II:
LeFort-II-Fraktur, III: LeFort-III-Fraktur, IV: Sagittalfraktur im Bereich
des Oberkiefers, X: Nasenbeinfrakturen. blau: potenzielle
Plattenlokalisationen. (Quelle: Hell B. Zentrale Mittelgesichtsfrakturen. In:
Wirth C, Mutschler W, Kohn D et al., Hrsg. Praxis der Orthopädie und
Unfallchirurgie. 3. Aufl. Stuttgart: Thieme; 2013.)
Die Osteosynthese im Bereich des Mittelgesichts ist ausschließlich die Domäne der
Miniplatten, wobei auch hier die modernen Osteosynthesesysteme multimodal aufgebaut
sind, sodass mit einem System verschiedene Plattenstärken mit ein und derselben
Schraube verwendet werden können ([Abb. 1 b]). Die
durch das Osteosynthesematerial aufzunehmenden Kräfte sind nicht vergleichbar mit
denen im Unterkiefer. Deshalb sind, nach den Erfahrungen in der Autorenklinik, eine
Plattenprofilstärke von 0,5 mm ausreichend. Nur beim Vorhandensein z. B. größerer
Knochenlücken insbesondere im Bereich des lateralen Mittelgesichtspfeilers ist eine
Plattenprofilstärke von 0,7 oder 0,8 mm zu empfehlen. Im Bereich des
Infraorbitalrandes und zur Fixierung einzelner Knochenfragmente z. B. im Bereich der
Kiefer- oder Stirnhöhlenvorderwand ist sogar noch dünneres Osteosynthesematerial
(z. B. 0,4 mm Profilstärke) als suffizient zu erachten.
Auch hier konzentrieren sich die neuesten Entwicklungen inzwischen auf anatomisch
präformierte Osteosyntheseplatten ([Abb. 23]). Wie
im Unterkiefer, soll dies auch im Mittelgesicht das Konturieren der Platten
erleichtern und die Operationszeiten reduzieren.
Abb. 23 Anatomisch präformierte Platten für das Mittelgesicht.
a Isoliert für lateralen Mittelgesichtspfeiler. b Für
lateralen und medialen Mittelgesichtspfeiler in Kombination (KLS-Martin,
Deutschland).
Hinsichtlich der Schrauben sind Durchmesser zwischen 1,3 und 1,5 mm und Längen
zwischen 4 – 6 mm zu empfehlen. Winkelstabile Schrauben kommen bis dato im Bereich
des Mittelgesichts i. d. R. noch nicht zum Einsatz.
Anwendungsbeispiele der Osteosynthese im Mittelgesicht
Anwendungsbeispiele der Osteosynthese im Mittelgesicht
Frakturen des Jochbeinkomplexes
Bei unkomplizierten Frakturen des Jochbeinkomplexes ist es häufig ausreichend,
über einen intraoralen Zugang nach Reposition eine einzige Platte im Bereich der
Crista zygomaticoalveolaris zu fixieren ([Abb. 24]). Hiermit kann eine ausreichende Stabilität erreicht werden.
Bei dieser Art der Versorgung ist eine intraoperative 3-D-Bildgebung z. B. unter
Einsatz eines 3-D-C-Bogens ([Abb. 25]) oder
eines intraoperativen DVT sinnvoll, um neben der osteosynthetisch stabilisierten
Fraktur auch die Reposition im Bereich der übrigen Frakturlinien des
Jochbeinkomplexes, wie die Sutura frontozygomatica und den Infraorbitalrand, zu
visualisieren [10], [11]. Alternativ ist hier natürlich auch eine Palpation möglich. Im
Bereich des Infraorbitalrandes ist dies meist suffizient möglich. Im Bereich des
lateralen Orbitarandes bzw. der Sutura frontozygomatica sind jedoch
Fehlinterpretationen möglich. Sollte eine ausreichende Stabilisierung des
Jochbeinkomplexes über eine Platte im Bereich der Crista zygomaticoalveolaris
nicht möglich sein, werden weitere Osteosyntheseplatten, z. B. im Bereich der
Sutura frontozygomatica oder ggf. auch im Bereich des Infraorbitalrandes,
notwendig.
Abb. 24 Reposition einer unkomplizierten Fraktur des
Jochbeinkomplexes und Osteosynthese mit einer Platte im Bereich der
Crista zygomaticoalveolaris.
Abb. 25 3-D-C-Bogen zur intraoperativen Anwendung (Siemens,
Deutschland).
Während für die Osteosynthese im Bereich der Crista zygomaticoalveolaris ein
intraoraler Zugang über einen vestibulären Schnitt ausreichend ist, empfiehlt
sich als operativer Zugangsweg zum lateralen Orbitarand der sogenannte
Blepharoplastikzugang im Bereich des lateralen Augenlids [4]. Hierdurch können sichtbare Narben in der Regel
vermieden werden. Bei einer zusätzlich notwendigen Osteosyntheseplatte im
Bereich des Infraorbitalrandes, kann diese nicht nur durch einen zusätzlichen
Zugang durch das Unterlid eingebracht werden. Hierzu ist in vielen Fällen auch
die Verwendung des bereits vorhandenen intraoralen Zugangs möglich, da die
Osteosyntheseplatte auch kaudal des N. infraorbitalis zur Stabilisierung des
Jochbeinkomplexes fixiert werden kann. Nach Autorenmeinung wird somit ein
zusätzlicher Zugang zum Infraorbitalrand durch das Unterlid nur bei
ausgesprengten Fragmenten, komplexen Verlagerungen sowie bei der Indikation zur
Orbitarekonstruktion notwendig.
Frakturen des Jochbein-Orbita-Komplexes
Häufig zeigt sich bei Frakturen des Jochbeinkomplexes auch eine Dislokation im
Bereich des Orbitabodens. Hierbei stellt sich regelhaft die Frage, ob der
Orbitaboden einer operativen Rekonstruktion zusätzlich zur Reposition und
Stabilisation des Jochbeinkomplexes bedarf. Die Erfahrung hat hier gezeigt, dass
häufig eine alleinige Reposition und Fixierung des Jochbeinkomplexes nach den
oben beschriebenen Prinzipien ausreichend ist, um auch den Orbitaboden
suffizient und anatomisch regelrecht zu reponieren. Eine Orbitarekonstruktion
ist in solchen Fällen nur selten notwendig. Zur intraoperativen
Entscheidungshilfe hierüber ist die bereits erwähnte intraoperative 3-D-C-Bogen-
oder DVT-Bildgebung zu empfehlen. Diese erlaubt die intraoperative Beurteilung
der Reposition und ermöglicht somit die Entscheidung, ob zusätzlich eine
Orbitarekonstruktion indiziert ist ([Abb. 26])
[10], [11].
Abb. 26 Isoliert von intraoral versorgte Fraktur des
Jochbein-Orbita-Komplexes. a Präoperativer CT-Befund mit
Dislokation des Orbitabodens. b Intraoperative
3-D-C-Bogen-Kontrolle. Durch alleinige Reposition des
Jochbein-Orbita-Komplexes kam es zu einer suffizienten Reposition des
Orbitabodens. Eine Orbitarekonstruktion war nicht notwendig.
Wenig komplexe zentrolaterale Mittelgesichtsfrakturen
Bei wenig komplexen zentrolateralen Mittelgesichtsfrakturen müssen neben den
Frakturen im Bereich des Jochbein- oder Jochbein-Orbita-Komplexes auch die
Frakturen im zentralen Mittelgesicht adressiert werden. Hierzu sollte das
zusätzliche Osteosynthesematerial im Bereich der paranasalen bzw. zentralen
Mittelgesichtspfeiler fixiert werden ([Abb. 27]).
Abb. 27 Mittels Miniplattenosteosynthese versorgte zentrolaterale
Mittelgesichtsfraktur. In die rechte Orbita wurde ein anatomisch
präformiertes Implantat implantiert.
LeFort-Frakturen
Bei den LeFort-Frakturen ist entweder der gesamte Oberkiefer (LeFort I), die
Gesichtspyramide (LeFort II) oder das gesamte Mittelgesicht (LeFort III) von der
Schädelbasis abgesprengt ([Abb. 22]). Die
Osteosynthese erfolgt analog der beschriebenen Prinzipien entlang der zentralen
und lateralen Mittelgesichtspfeiler mittels Miniplattenosteosynthese. Sollte das
Mittelgesicht jedoch eingestaucht sein und daraus eine fehlerhafte Okklusion
resultieren, wird ggf. eine komplette oder zusätzliche LeFort-I-Osteotomie mit
Down Fracture des Oberkiefers wie bei einer Dysgnathieoperation notwendig, um
die Okklusion regelgerecht einzustellen. Dies betrifft gleichermaßen LeFort-I-,
-II und -III-Frakturen.
Merke
Eine intraoperative 3-D-Bildgebung ermöglicht die Visualisierung der
Reposition bereits während des Eingriffs. Dies ermöglicht minimalinvasive
Zugänge und es werden Revisionsoperationen verhindert.
Orbitawandfrakturen
Orbitawandfrakturen können einerseits isoliert, andererseits auch in Kombination
mit zentralen, lateralen bzw. zentrolateralen Mittelgesichtsfrakturen auftreten.
Dabei sollten prinzipiell vor einer Orbitarekonstruktion immer erst die
Mittelgesichtsfrakturen anatomisch regelgerecht versorgt werden.
Als operativer Zugang für die Orbitarekonstruktion empfiehlt sich laut
Autorenmeinung ein transkonjunktivaler Zugang, der ggf. transkarunkulär
erweitert werden kann [4]. Hierdurch besteht die
Möglichkeit der Exploration der Orbita bis zu 270°, da über diesen Zugang auch
die mediale Orbitawand bis zur Schädelbasis disseziert werden kann. Eine
schonende Präparation ist dabei von größter Wichtigkeit, um einerseits den
N. infraorbitalis nicht zusätzlich zu schädigen und andererseits die feinen
Augenmuskeln nicht zu verletzen.
Zur Orbitawandrekonstruktion werden heutzutage fast einheitlich Titangitter
empfohlen. Von Autorenseite können Akutversorgung insbesondere anatomisch
präformierte Orbitarekonstruktionsgitter empfohlen werden, die bereits die
typische Form des Orbitabodens vorgeben ([Abb. 28]). Von entscheidender Bedeutung ist die Positionierung des
Titangitters im Bereich der posterioren Auflage, die im Rahmen der
Orbitadissektion aufgesucht werden muss. Weiter muss streng darauf geachtet
werden, dass die implantierten Gitter posterior nicht nach kranial abstehen oder
periorbitales Gewebe einklemmen und so möglicherweise die Augenmuskeln in ihrer
Funktion komprimitieren.
Abb. 28 3-D-Modell eines anatomisch präformierten Orbitagitters
(DePuy/Synthes, Schweiz).
Eine deutliche Fehlpositionierung des Gitters kann dabei durch den Einsatz einer
intraoperativen 3-D-Bildgebung mit hoher Sicherheit verhindert werden [11].
Neben der in der Autorenklinik bei Orbitarekonstruktionen obligaten
intraoperativen 3-D-Bildgebung empfiehlt sich weiterhin bei komplexen Fällen die
Verwendung der intraoperativen Instrumentennavigation. Durch die zunehmende
Tendenz hin zu patientenspezifischen Implantaten, die präoperativ
computerassistiert geplant und mittels CAD-Verfahren additiv mittels selektiv
laser melting hergestellt werden, tritt diese jedoch heutzutage mehr und mehr in
den Hintergrund. Die Passung solcher patientenspezifischer Implantate erreicht
mittlerweile eine solch hohe Präzision, dass eine relevante Fehlpositionierung
und mehrfache Korrektur der Gitterlage, die mittels der Navigation
strahlungsfrei durchgeführt werden kann, nicht mehr erforderlich ist ([Abb. 29]) [12].
Abb. 29 Computerassistierte Sekundärrekonstruktion der linken
Orbita mittels eines patientenspezifischen Implantats.
a Insuffizient rekonstruierte linke Orbita. b Virtuelle
Operationsplanung mittels iPlanCMF 3.0 (Brainlab, Deutschland).
c Computer-Aided Design des patientenspezifischen Implantats
(KLS-Martin, Deutschland). d Simulation der Rekonstruktion mit
virtuell implantiertem patientenspezifischen Implantat.
e Implantation des patientenspezifischen Implantats über
transkonjunktivalen Zugang und Überprüfung der Position mittel
Navigationssystem (Brainlab, Deutschland). Dabei spiegelt die lila
Kontur die Oberfläche des Implantats im Situs wider.
f Multiplanare Ansicht der intraoperativen 3‑D‑C-Bogen-Bildgebung
nach Fusion mit der präoperativen Planung. Das Implantat kommt exakt in
der geplanten Position zu liegen.
Merke
Bei Orbitawandrekonstruktionen sind Titangitter der Rekonstruktionsmaterial
der Wahl. Anatomisch präformierte oder patientenspezifische Implantate
erleichtern dabei die Rekonstruktion erheblich. Die Fehlpositionierung des
Orbitaimplantats kann durch den Einsatz einer intraoperativen 3-D-Bildgebung
mit hoher Sicherheit verhindert werden.
Komplexe Mittelgesichtsfrakturen
Bei komplexen Mittelgesichtsfrakturen muss im Bedarfsfall neben einem intraoralen
und transkonjunktivalen Zugang noch ein koronarer Zugang gewählt werden, um ggf.
Jochbögen, Supraorbitalrand sowie Stirnhöhle einschließlich des nasoethmoidalen
Komplexes osteosynthetisch versorgen zu können. In Abhängigkeit vom
Frakturmuster, empfiehlt sich die Mittelgesichtspfeilerrekonstruktion von
lateral nach medial und/oder von kranial nach kaudal. Weiter sollte immer von
weniger komplex nach komplex rekonstruiert werden. Demnach ist es oft hilfreich,
die Fraktur durch eine anatomische Reposition und Fixierung von größeren
Komplexen zu vereinfachen, bevor man die Mittelgesichtspfeiler und die Okklusion
wiederherstellt.
Bei größeren Knochenverlusten insbesondere im Bereich der Kieferhöhlenvorderwand
oder der Stirnhöhlenvorderwand empfiehlt es sich, diese Strukturen z. B. mittels
Titangittern zu rekonstruieren ([Abb. 30]).
Abb. 30 Mittels Miniplattenosteosynthese versorgte panfaziale
Fraktur. Im Bereich der rechten Kieferhöhlenvorderwand wurde ein
Titangitter zur Rekonstruktion inseriert.
Bei zusätzlichen Frakturen im Bereich der Maxilla im Sinne von Sagittalfrakturen
sollte eine stabilisierende Osteosyntheseplatte transversal unterhalb der
Apertura piriformis platziert werden. Um ein Auseinanderweichen im Bereich des
posterioren Gaumens zu vermeiden und eine zusätzliche Stabilisierung zu
erreichen, empfiehlt sich nach Autorenmeinung die Platzierung einer
Osteosyntheseplatte im Bereich des Gaumens. Eine solche kann bei modernen
Osteosynthesesystemen mit winkelstabilen Schrauben transgingival im Sinne eines
Fixateur externe unkompliziert erfolgen ([Abb. 31]). Hierdurch kann z. B. auf einen transpalatinalen Draht
verzichtet werden. Zur passiven regelgerechten Einstellung der Okklusion wird
ggf. wie bereits im Abschnitt LeFort-Frakturen beschrieben, eine komplette oder
zusätzliche LeFort-I-Osteotomie mit Down Fracture des Oberkiefers notwendig.
Abb. 31 Transgingival eingebrachte winkelstabile
Osteosyntheseplatte im Bereich des Gaumens im Sinne eines Fixateur
externe. Hierdurch wurde eine Oberkiefersagittalfraktur im posterioren
Bereich stabilisiert. Auf einen transpalatinalen Draht konnte somit
verzichtet werden. In die rechte Orbita wurde ein anatomisch
präformiertes Implantat implantiert.
Insbesondere bei solch komplexen Frakturmustern empfiehlt sich der Einsatz der
computerassistierten Chirurgie mit präoperativer Planung, patientenspezifischen
Implantaten, intraoperativer Instrumentennavigation sowie intraoperativer
3-D-Bildgebung [10], [11], [12].
Panfaziale Frakturen
Bei panfazialen Frakturen mit Frakturen im Bereich des Ober- und Unterkiefers
([Abb. 30]) sollte hinsichtlich der
Sequenzierung des operativen Vorgehens primär geklärt werden, ob man von kranial
nach kaudal oder ggf. von kaudal nach kranial rekonstruiert. Im Vordergrund
steht auch hier wie bei allen Rekonstruktionen immer die Wiederherstellung der
Okklusion sowie der knöchernen korrekten Anatomie hinsichtlich Breite, Höhe und
anterior–posteriorer Projektion. Dabei empfiehlt sich grundsätzlich, von den
weniger komplexen Frakturen zu den komplexeren zu rekonstruieren.
Fazit
-
Bei der Osteosynthese im Bereich des Gesichtsschädels spielt neben
der Anatomie die Biomechanik die entscheidende Rolle hinsichtlich
der Positionierung des Osteosynthesematerials.
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Bei Unterkieferfrakturen mit guter Anlagerungsfläche der
Frakturfragmente ist die Miniplattenosteosynthese mit monokorticalen
Schrauben im Sinne einer Load-sharing-Osteosynthese das Mittel der
Wahl. Das Prinzip der Load-bearing-Osteosynthese unter Einsatz von
dickerem Osteosynthesematerial in Kombination mit bikortikalen
Schrauben sollte eingesetzt werden, wenn keine ausreichende
Anlagerungsfläche des Knochens im Bruchspaltbereich möglich ist.
-
Im Mittelgesicht kommen ausschließlich Miniplatten zum Einsatz. Diese
sollten primär im Bereich der medialen und lateralen
Mittelgesichtspfeiler implantiert werden. In Abhängigkeit vom
Frakturmuster sollte die Rekonstruktion von lateral nach medial
und/oder von kranial nach kaudal erfolgen.
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Auf extraorale Zugänge sollte, wenn immer möglich, sowohl im
Unterkiefer als auch im Bereich des Mittelgesichts verzichtet
werden. Sollten diese dennoch notwendig sein, werden die Zugänge so
gewählt werden, dass sie möglichst unsichtbar bleiben.
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Moderne Osteosynthesesysteme sind so konzeptioniert, dass alle
Platten mit allen Schrauben verwendet werden können. Im Bereich der
Unterkiefersysteme können zusätzlich sowohl winkelstabile als auch
nicht winkelstabile Schrauben miteinander kombiniert werden.
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Die neuesten Entwicklungen gehen in Richtung anatomisch präformierter
Osteosyntheseplatten. Diese sollen das Konturieren der Platten
erleichtern, die Plattenfrakturgefahr mindern und Operationszeiten
reduzieren.
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Die computerassistierte Chirurgie ist mittlerweile ein integraler
Bestandteil der modernen Gesichtsschädelrekonstruktion. Neben der
präoperativen Computerplanung bietet insbesondere der Einsatz einer
intraoperativen 3-D-Bildgebung große Vorteile.
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Patientenspezifische mittels CAD-CAM-Verfahren hergestellte
Implantate finden in der Akuttraumatologie derzeit noch wenig
Anwendung. Die Anwendung solcher patientenspezifischer Implantate
konzentriert sich auf Sekundärrekonstruktionen oder die
Rekonstruktion von größeren Defekten nach ablativer Chirurgie.