Frau Dr. med. Robina Mick aus Ingolstadt wurde für die beste klinische Arbeit mit
dem Titel „Spiroergometrie im Rahmen einer epidemiologischen Studie: Auswertung der
dynamischen Fluss-Volumen-Kurven“ und Herr Dr. rer. nat. Hendrik Beckert aus Essen
für die beste experimentelle Arbeit zum Thema „Die immunmodulatorische Wirkung des
kanonischen und nicht-kanonischen Wnt-Signalwegs beim Asthma bronchiale" ausgezeichnet.
Beide Preisträger stellen im Folgenden Ihre ausgezeichneten Arbeiten kurz vor.
Spiroergometrie im Rahmen einer epidemiologischen Studie: Auswertung der dynamischen
Fluss-Volumen-Kurven
Spiroergometrie im Rahmen einer epidemiologischen Studie: Auswertung der dynamischen
Fluss-Volumen-Kurven
Die dynamischen Fluss-Volumen-Kurven als Teil der Spiroergometrie stellen ein etabliertes
Verfahren zur Beurteilung der Atemmechanik unter Belastung dar [1]. Sie werden insbesondere
genutzt um an verschiedenen Belastungszeitpunkten einen klinischen Einblick in die
Pathophysiologie der Ventilation zu gewinnen und zusätzlich zu den Ruhe-Lungenfunktionsdaten
grundlegende Mechanismen der Entstehung von „Dyspnoe“ zu analysieren [1 – 4]. Die
standardmäßige Erfassung der dynamischen Fluss-Volumen-Kurven wurde bereits 2013 von
der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin e. V. als „ein wichtiger
Bestandteil der Spiroergometrie“ empfohlen [5]. Yan et al. postulierten zudem 1997
die wiederholten IC-Manöver als eine einfache und zuverlässige Methode um den Anstieg
des endexspiratorischen Lungenvolumens (EELV) bei zunehmender Belastung und damit
eine dynamische Überblähung bei COPD-Patienten zu messen [6].
Als dynamische Überblähung wird ein reversibler Zustand vermehrten Luftgehalts der
Lunge während und nach körperlicher Belastung bezeichnet. Sie manifestiert sich unter
Anderem durch eine Erhöhung der Atemmittellage sowie durch die Zunahme der funktionellen
Residualkapazität bezogen auf die Totalkapazität (FRC/TLC) und wird daher auch als
relative bzw. funktionelle Überblähung oder engl. „airtrapping“ bezeichnet [7 – 11].
Die Folgen einer dynamischen Überblähung sind eine Abnahme der kardiopulmonalen Belastbarkeit
(gemessen u. a. als Reduktion des Sauerstoff-Puls (O2/HR) und der maximalen Sauerstoffaufnahme
(VO2max)) sowie einer Zunahme der Dyspnoe [12 – 19]. Zudem stellt die dynamische Überblähung,
gemessen als Abnahme der inspiratorischen Kapazität in Bezug auf die totale Lungenkapazität
(ΔIC/TLC), einen zuverlässigen und unabhängigen Prädiktor für die Morbidität und Mortalität
von COPD-Patienten dar [20]. Häufigkeiten der dynamischen Überblähung von bis zu 90 %
bei COPD sowie von bis zu 60 % bei Patienten mit pulmonaler arterieller Hypertonie
oder Asthma zeigen die Relevanz für den klinischen Alltag [11, 21 – 26].
In wie weit das Phänomen einer dynamischen Überblähung auch für andere Erkrankungen
und Gesunde relevant ist, wurde bisher nicht ausreichend untersucht. Das Fehlen einer
einheitlichen Definition sowie die ungenügenden Qualitätsstandards der Untersuchungsmethode
reduzieren zudem die Vergleichbarkeit der bisherigen Studien.
Diese Dissertationsschrift verfolgte daher das Ziel auf der Grundlage der populationsbezogenen
Daten der Study of Health in Pomerania (SHIP) die Häufigkeit einer dynamischen Überblähung
zu ermitteln [27, 28]. Neben der qualitativen Bewertung methodischer Aspekte der IC-Manöver,
sollten Unterschiede zwischen Probanden mit und ohne dynamischer Überblähung aufgezeigt
und prädiktive Faktoren für das Auftreten einer dynamischen Überblähung analysiert
werden.
Dazu wurden retrospektiv Daten von 6753 Probanden (3510 weiblich) aus 2 Kohorten (SHIP-2
und SHIP-TREND) hinsichtlich ihrer Auswertbarkeit und Qualität überprüft. Analysiert
wurden die Ergebnisse anhand von 2148 Probanden (1052 weiblich) mit einem vollständigen
kardiopulmonalen Untersuchungskomplex ohne gröbere Fehler, mindestens 3 IC-Manövern
der Spiroergometrie und einer Variabilität des EELV von weniger als 200 ml. Aus dieser
Gesamtgruppe wurde durch Ausschluss von aktiven Rauchern und Probanden mit kardiopulmonalen
Vorerkrankungen und Vormedikation eine gesunde Studienpopulation extrahiert. Mit Hilfe
einer detaillierten Qualitätsanalyse ergab sich aus der Gesamtpopulation zusätzlich
eine Studienpopulation mit fehlerfreien dynamischen Fluss-Volumen-Kurven.
Bei einem mittleren Alter von 54 Jahren und einem mittleren BMI von 27 kg/m2 wiesen die untersuchten Studienpopulationen lungenfunktionelle Werte im Normbereich
auf. Zudem war eine normale Belastbarkeit bei normwertiger peakVO2 und VO2@AT gegeben.
Eine dynamische Überblähung wurde mit Hilfe der IC-Manöver, welche im Rahmen der Spiroergometrie
durchgeführt wurden, als Konstanz oder Anstieg des EELV unter Belastung definiert
und trat mit einer Häufigkeit von 23 % auf.
Signifikante Unterschiede zwischen den Gruppen der Probanden mit und ohne dynamische
Überblähung zeigten sich in allen drei Studienpopulationen hinsichtlich Alter (Jahren),
BMI (kg/m2) und Größe (cm) sowie bezüglich der lungenfunktionellen Parameter FEV (l), PEF (l/s),
MEF 75 (l/s), Rtot (kPa*s/l und %pred) und ITGV (l). Bezüglich der spiroergometrischen
Parameter waren signifikante Unterschiede hinsichtlich der Spitzensauerstoffaufnahme
(ml/min) und des maximalen Tidalvolumens (l und %pred) zu verzeichnen.
Als bester Prädiktor einer dynamischen Überblähung erwies sich der Atemwegswiderstand
Rtot in %pred, gefolgt von Alter, Größe und Gewicht. Die allgemeine Annahme, dass
der Raucherstatus, als ein wesentlicher Risikofaktor der COPD, einen Einfluss auf
die Rate der Probanden mit einer dynamischen Überblähung hat, konnte in unserer Studie
nicht bestätigt werden. Auch das Geschlecht hatte keinen Einfluss auf die Häufigkeit
der Entwicklung einer dynamischen Überblähung.
Die genannten Ergebnisse zeigen, dass die Mechanismen der Entstehung einer dynamischen
Überblähung komplex sind und die Einflussfaktoren vielfältig. Die vorliegende Dissertationsschrift
stellt die Bedeutung der dynamischen Fluss-Volumen-Kurven als ein wichtiges diagnostisches
Verfahren zur Erfassung einer dynamischen Überblähung heraus. Sie ist zudem eine der
ersten, welche die Häufigkeit einer dynamischen Überblähung in einem repräsentativen
Bevölkerungsquerschnitt sowie die prädiktive Potenz lungenfunktioneller und spiroergometrischer
Parameter zur Feststellung einer dynamischen Überblähung untersuchte und legt damit
die Basis für weiterführende Studien um die Bedeutung für den klinischen Alltag herauszuarbeiten.
Dr. med. Robina Mick, Ingolstadt
Prof. Dr. C. Vogelmeier, Vorsitzender der Deutschen Lungenstiftung, mit den Preisträgern
Dr. Robina Mick und Dr. rer. nat. Hendrik Beckert. Bildquelle: Mike Auerbach/DGP
Danksagung
Anlässlich der Verleihung des Doktorandenpreis 2019 für beste klinische Arbeit möchte
ich mich ganz herzlich bei der Deutschen Lungenstiftung e. V. sowie bei der Boehringer
Ingelheim Pharma GmbH & Co KG bedanken. Ein besonderer Dank gilt meinem Doktorvater
Prof. Dr. med. Ralf Ewert der Universitätsmedizin in Greifswald für das in mich gesetzte
Vertrauen und die fortwährende Unterstützung.
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Die immunmodulatorische Wirkung des kanonischen und nicht-kanonischen Wnt-Signalwegs
beim Asthma bronchiale
Die immunmodulatorische Wirkung des kanonischen und nicht-kanonischen Wnt-Signalwegs
beim Asthma bronchiale
Entzündungsreaktionen gegen harmlose exogene Substanzen sind ein zentraler Auslöser
vieler allergischer Erkrankungen. Die Aufrechterhaltung bzw. schnelle Rückgewinnung
einer gesunden immunologischen Homöostase ist daher ein zentrales Ziel der präklinischen
Forschung zur Therapie allergischer Erkrankungen. Beim Asthma bronchiale reagiert
das pulmonale Immunsystem gegen Stressoren wie Allergene, Zigarettenrauch, Infekte
oder weitere Auslöser. Während gesunde Personen diese Stressoren tolerieren, reagiert
das Immunsystem eines Asthmatikers darauf und löst Entzündungsreaktion aus, die zu
akuten Krankheitssymptome und langfristig zu pathophysiologischen Veränderungen im
Lungengewebe führen [1, 2]. Charakteristisch für die Erkrankung sind anfallartig auftretende
Kurzatmigkeit, Atemnot, Brustenge, Husten und Auswurf. Diese Symptome treten häufig
rezidivierend auf und werden von beschwerdefreien Episoden abgelöst [3]. Die Entzündungsreaktion
aufzulösen oder die Aktivierung des Immunsystems zu verhindern könnte das Auftreten
akuter Asthmaanfälle und die Chronifizierung der Erkrankung verhindern. Dieses Ziel
verfolgt auch unser Projekt zur immunmodulatorischen Funktion der „Wnt-Signalwege“.
Die Wnt-Signalwege sind ein Teil des inter- und intrazellulären Kommunikationssystems
des Körpers und finden sich in allen mehrzelligen Organismen. Bekannt sind die Wnt-Signalwege
seit über 30 Jahren aufgrund ihrer Bedeutung in der Embryogenese, ihrer Rolle bei
der Organentwicklung, der Regulation von Stammzellen und ihrer Beteiligung in onkologischen
Erkrankungen [4]. Durch die Forschung der vergangenen Jahre hat das Wissen um die
Signalwege einen weiteren Sprung gemacht und es wurde herausgefunden, dass die Signalwege
in vielen weiteren Prozessen des Körpers eine Rolle spielen. Auch in die Pathogenese
zahlreicher Erkrankungen sind die Wnt-Signalwege involviert und dort zum Teil positiv
als auch negativ assoziiert [5, 6].
Die Wnt-Signalwege werden durch Wnt-Liganden induziert, die von verschiedenen Zellen
im Körper gebildet werden können. Die Liganden wirken über kurze Distanzen, indem
sie an Rezeptoren binden und damit eine intrazelluläre Signalkaskade auslösen. Insgesamt
sind im Menschen 19 verschiedene Wnt-Liganden, 10 verschiedene Rezeptoren und mehrere
Korezeptoren bekannt, die je nach Kombination verschiedene Signaltransduktionen auslösen
können. Hierbei werden der β-Catenin-abhängige kanonische Signalweg und 2 β-Catenin-unabhängige
nicht-kanonische Signalwege unterschieden [7, 8]. Studien der letzten Jahre zeigen,
dass die Signalwege nicht nur bei der Embryogenese und strukturellen (Reparatur-)Prozessen
eine Rolle spielen, sondern auch an der Regulation des Immunsystems beteiligt sind.
Aus früheren Untersuchungen der Arbeitsgruppe und Publikationen unter anderem aus
Modellen der chronischen Darmentzündung ist bekannt, dass die Wnt-Signalwege immunologische
Reaktionen supprimieren können [9, 10]. Insbesondere scheinen die Wnt-Signalwege auf
dendritische Zellen, Makrophagen und T-Zellen zu wirken, wobei die genauen Mechanismen
bisher unbekannt sind [11]. Ausgehend von diesen Daten wurde die Hypothese entwickelt,
dass sich die gezielte Manipulation der Wnt-Signalwege zur Behandlung von Asthma bronchiale
eignen könnte.
Daraus leiteten sich die zentralen Fragestellungen dieser Dissertation ab: Sind Wnt-Liganden
in der Lage, die allergenspezifische Aktivierung des Immunsystems zu hemmen? Besitzen
die Wnt-Liganden therapeutisches Potenzial in komplexeren In-vivo-Modellen? Sind die
Ergebnisse übertragbar von der Maus in den Menschen? Neben den zentralen Fragestellungen
war es Ziel, die Wirkung des kanonischen Signalwegs mit den gänzlich unbekannten Wirkungen
der nicht-kanonischen Signalwegen zu vergleichen.
In In-vitro-Experimenten wurde der Einfluss der Wnt-Signalwege auf die Aktivierung
von dendritischen Zellen und deren Wechselwirkung mit T-Zellen untersucht. Die antigenspezifische
Interaktion von dendritischen Zellen und T-Zellen stellt ein Schlüsselereignis zwischen
angeborener Immunität und der Induktion der adaptiven Immunantwort dar, die über Toleranz
und Sensibilisierung entscheidet [12]. Kommt es bei einem Patienten mit allergischem
Asthma bronchiale zum Kontakt mit Allergenen, sind es dendritische Zellen in der Lunge,
die die Allergene aufnehmen und zur Aktivierung der T-Zellen führen. In Zellkulturen
mit diesen dendritischen Zellen und T-Zellen wurden rekombinante Wnt-Liganden eingesetzt,
die spezifisch den kanonischen (Wnt1) und die beiden nicht-kanonischen (Wnt5A) Signalwege
induzieren können. Hierbei konnte gezeigt werden, dass sowohl kanonisches Wnt1 als
auch nicht-kanonisches Wnt5A in der Lage ist, immunmodulatorisch auf dendritische
Zellen einzuwirken und deren Kapazität zu verringern, T-Helferzellen zu aktivieren.
Beide Wnt-Liganden führten, gemessen an der allergenspezifischen Proliferation, Expression
von Aktivierungsmarkern und Zytokinsekretion, zu einer Suppression der T-Zell-Antwort.
Durch die Inhibition dieses Prozesses, konnte ein potenzieller Wirkmechanismus identifiziert
werden.
Um die Eignung von Wnt-Liganden als Therapeutikum zu bestätigen, wurden Mäuse mit
einer induzierten allergischen Atemwegsentzündung mit den Wnt-Liganden behandelt.
Der therapeutische Effekt der Wnt-Signalwege wurde in 2 verschiedenen In-vivo-Modellen
untersucht, bei denen Mäuse gegen Ovalbumin (Hühnereiweiß) oder dem human relevanten
Allergen Hausstaubmilben-Protein sensibilisiert wurden. Durch eine inhalative Allergenprovokation
entwickeln die Tiere in diesen Modellen eine Asthma-typische Erkrankung, die durch
eine eosinophile Entzündung, bronchiale Hyperreagibilität und Becherzellemetaplasie
gekennzeichnet ist. Um den therapeutischen Effekt von Wnt-Liganden zu untersuchen,
wurden die Proteine während der Provokationsphase appliziert und deren Einfluss auf
die Lungenfunktion, Entzündungsreaktion und Becherzellmetaplasie des Lungenepithels
analysiert. Insbesondere die Gabe von kanonischem Wnt1 war in der Lage, in beiden
Modellen alle Asthma-typischen Symptome zu reduzieren. Nicht-kanonisches Wnt5A konnte
nur im schwächeren Ovalbumin-Modell die entstehende Entzündungsreaktion verringern.
Die Detailanalysen der immunologischen Reaktion zeigten auch in vivo eine immunsupprimierende
Wirkung auf dendritische Zellen und die T-Zell-Antwort. Die Beobachtungen in den Modellen
zeigten auf eindrucksvoll Art und Weise, dass die Applikation von Wnt-Liganden die
Entstehung einer allergischen Atemwegserkrankung verhindern kann und sich die Liganden
als neu Therapie eignen [13}.
Abschließend wurde der Einfluss der Wnt-Signalwege auf menschliche Immunzellen in
vitro evaluiert. Mit präliminären Untersuchungen zur Wirkung von Wnt auf humane dendritische
Zellen und T-Zellen konnte gezeigt werden, dass vor allem Wnt1 die Aktivierung von
T-Zellen durch dendritische Zellen inhibiert. Der in der Maus beobachtete potenzielle
Wirkmechanismus scheint dadurch auch im Menschen relevant zu sein und macht eine Wnt-basierte
Therapie zur gezielten Immunsuppression damit denkbar.
Zusammenfassend konnte gezeigt werden, dass die Wnt-Signalwege eine hohe anti-inflammatorische
Wirkung haben, die auch in komplexen In-vivo-Modellen in der Lage sind, die Entzündung
herunter zu regulieren. Dabei ist die Funktion der Wnt-Liganden vor allem aufgrund
ihrer regulativen Eigenschaften auf die Interaktion von dendritischen Zellen und T-Zellen
gekennzeichnet, was sowohl in murinen als auch humanen Untersuchungen gezeigt werden
konnte. Die Manipulation vor allem des kanonischen Wnt-Signalweges könnte demnach
ein interessantes therapeutisches Ziel zur Behandlung von Erkrankungen mit überschießenden
adaptiven Immunantworten wie Asthma bronchiale darstellen. Zur vollständigen Aufklärung
der Wirkmechanismen, der Validierung der Effekte im Menschen und dem Ausschließen
von Nebeneffekten, die durch das große Wirkspektrum der Wnt-Liganden vermittelt werden
könnten, sind noch weitere wissenschaftliche Studien nötig. Nach Abschluss der Dissertation
wird diesen Fragen am neuen Standort an der Universitätsmedizin Essen nachgegangen
und die Wirkung der Wnt-Signalwege in entzündlichen Lungenerkrankungen weiter erforscht.
Hendrik Beckert, Essen
Danksagung
Ich freue mich sehr über den Preis und danke der Deutschen Lungenstiftung e. V., den
Sponsoren von Boehringer Ingelheim Pharma GmbH & Co KG und der Deutschen Gesellschaft
für Pneumologie, bei deren Jahreskongress die Preisfeier stattfand, ganz herzlich.
Es motiviert mich, den begonnenen Weg auch nach der Dissertation fortzusetzen und
den unbekannten immunologischen Funktionen in Lungenerkrankungen nachzujagen.
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