Schlüsselwörter
Osteoarthrose - multifaktorielle Erkrankung - chronische Entzündung - Muskelschwäche - Epigenetik
Key words
multifactorial disease - chronic inflammation - muscle weakness - epigenetics - osteoarthritis
Einleitung und Definition der Arthrose
Einleitung und Definition der Arthrose
Arthrose ist eine wesentliche Ursache für Schmerz, körperliche
Beeinträchtigung und sozioökonomische Kosten im Gesundheitswesen
[1]. Die Erkrankungsbelastung ist hoch und
steigt z. B. in den nordischen Staaten weiter an. Dabei spielen die
Steigerung der Bevölkerungszahlen, das zunehmende Alter und die
Fettleibigkeitsepidemie eine Rolle. Insbesondere in der Zukunft ist mit weiter
steigenden Zahlen von Arthrosepatienten zu rechnen [2].
Als klinisches Syndrom ist die Arthrose durch Gelenkschmerz, unterschiedlich
ausgeprägte Funktionsbeeinträchtigungen und eine Verminderung der
Lebensqualität gekennzeichnet [3].
Pathoanatomisch ist die fortschreitende Destruktion des hyalinen Gelenkknorpels [4] das Korrelat der Arthrose. Im
Verständnis der Erkrankung geht man jedoch nicht mehr vom reinen
Knorpelverschleiß aus [5], sondern
fasst die Arthrose als multifaktorielle Erkrankung auf, an deren gemeinsamer
Endstrecke der Knorpelverscheiß steht [1]
[6]
[7].
Epidemiologie und Erkrankungsprognose
Epidemiologie und Erkrankungsprognose
Die Arthrose betrifft 10% der Männer und 18% der Frauen
über 60 Jahre [1] und zeigt dabei eine
steigende Erkrankungsinzidenz mit zunehmendem Lebensalter. In einer
Querschnittstudie aus Deutschland war die Erkrankungsinzidenz mit 21,8% noch
höher. Frauen hatten auch in dieser Studie höhere Inzidenzen als
Männer (23,9 vs. 18,3%) und es fand sich eine Steigerung der
Erkrankungsinzidenz bei zunehmendem Alter [8].
Die Inzidenz der Gonarthrose steigt dabei stärker, als es auf der Basis von
verlängerter Lebenserwartung und ansteigendem BMI zu erwarten wäre.
Möglicherweise spielen veränderte Lebensumstände mit
geringerer körperlicher Aktivität dabei eine relevante Rolle [9].
Am häufigsten sind davon die Hüft- und Kniegelenke sowie die kleinen
Gelenke an der Hand betroffen [3]. Betroffene
Patienten weisen häufig Beschwerden an mehr als einem Gelenk auf. Patienten
mit Arthrosen der Hände weisen ein 3-fach erhöhtes Risiko
für die Entwicklung einer Cox- oder Gonarthrose verglichen mit Patienten
ohne Arthrosen der Hände auf [10].
Die Arthrose ist keine zwangsläufige Erkrankung des Alters und schreitet auch
nicht grundsätzlich fort. Es liegt eine Reihe von langfristigen klinischen
und radiologischen Verlaufsstudien mit einer Beobachtungszeit von mehr als 10 Jahren
vor. Dabei wurde in einigen Studien nur etwa bei einem Drittel der beobachteten
Patienten, in anderen Studien bei etwas mehr als der Hälfte der Patienten
die Progression der Arthrose beobachtet [11].
Einflussfaktoren: Biomechanik, Sport, Körpergewicht und
körperliche Belastung
Einflussfaktoren: Biomechanik, Sport, Körpergewicht und
körperliche Belastung
Insbesondere am Hüftgelenk ist die Bedeutung des femoroacetabulären
Impingement als wesentliche Ursache der Coxarthrose herausgearbeitet worden. Dabei
kommt es durch das biomechanische Engpasssyndrom zur Abscherung des anterosuperioren
Labrum vom Gelenkknorpel und in der Folge zum Knorpelschaden in diesem Bereich [12] ([Abb.
1]).
Abb. 1 Femoroacetabuläres Impingement CAM Typ.
Kopf-Halsübergangsstörung und kleine Schenkelhalszyste.
Weiterhin ist am Hüftgelenk die Dysplasie mit mangelnder
Hüftkopfüberdachung, pathologisch erhöhter Antetorsion des
proximalen Femur und einer Coxa valga das andere Beispiel für eine
biomechanisch relevante Deformität [13] die zum vorzeitigen Gelenkverschleiß führt ([Abb. 2]).
Abb. 2 Dysplasiecoxarthrose links mit ansteigendem Pfannendach,
Lateralisation des Hüftkopfes und Coxa valga et antetorta.
Für das Kniegelenk stellen Varus- und Valgusabweichungen von der neutralen
biomechanischen Achse einen Risikofaktor für die Entwicklung einer
Gonarthrose dar [14]. Eine
Beinverkürzung führt auf der Seite des verkürzten Beines
ebenfalls zu einer Risikosteigerung für eine Arthroseentwicklung [15] ([Abb.
3]).
Abb. 3 Beinlängendifferenz. Beinverkürzung von 3,9cm
mit konsekutivem Beckenschiefstand.
Für die Deformitäten CAM Impingement der Hüfte und die Tibia
vara mit Achsabweichung ist der Zusammenhang zwischen dem Auftreten dieser
Deformität und einer hohen körperlichen Beanspruchung im Rahmen
sportlicher Aktivitäten während des Wachstums gezeigt worden. Jedoch
kommt es nicht bei allen Patienten mit diesen Deformitäten
zwangsläufig zur Arthroseentwicklung [16]. Offensichtlich spielen weitere Faktoren noch eine Rolle. Jedoch
führt eine fortgesetzte starke körperliche Beanspruchung bei
Athleten, die auf internationaler Ebene konkurriert haben, zu einer erhöhten
Arthroserate verglichen mit der Normalbevölkerung [17].
Ein erhöhtes Körpergewicht mit adipösem BMI ist der
größte Risikofaktor für die Entwicklung einer Gonarthrose.
Hierbei ist zunächst die hohe mechanische Belastung von Bedeutung. In dem
gegenwärtigen Konzept einer multifaktoriellen Genese der Arthrose sind die
mit Übergewicht einhergehenden metabolischen Effekte und typischen
Lebensgewohnheiten verstärkende Einflussfaktoren.
Unter der Fragestellung der berufsbedingten Faktoren für die Entwicklung
einer Gonarthrose ist eine Fall-Kontrollstudie (ArGon – Arbeit und
Gonarthrose) durchgeführt worden [18].
Die zuvor angesprochenen Risikofaktoren (Achsabweichung, sportliche
Aktivität, berufliche Belastung, Tragen von Lasten, andauerndes Arbeiten in
knieender Haltung und weitere, siehe [Tab.
1]) wurden im Rahmen eines Interviews erfasst und sind einem logistischen
Regressionsmodell in Hinblick auf ihre Bedeutung für die Arthroseentwicklung
bewertet worden. Die Risikofaktoren sind getrennt nach den Geschlechtern ausgewertet
worden. Bei allen signifikanten Risikofaktoren ergab sich ein unterschiedliches OR
(odds ratio). Für den anamnestischen Faktor „Knieschmerzen als
Kind“ ergibt sich nur bei Frauen ein signifikanter Einfluss, während
dieser Faktor für Männer ohne Effekt auf die Entwicklung einer
Gonarthrose ist. ([Abb. 4], [5])
Abb. 4 Ergebnisse der ArGon-Studie als relatives
Chancenverhältnis (Odds ratio) differenziert nach Geschlecht
(Frauen) [18].
Abb. 5 Ergebnisse der ArGon-Studie als relatives
Chancenverhältnis (Odds ratio) differenziert nach Geschlecht
(Männer) [18].
Tab. 1 Untersuchte Prädiktoren für die
Entwicklung einer Gonarthrose (nach ArGon).
Einflußfaktoren für die Entwicklung einer
Gonarthrose
|
Modifizierbare individuelle Faktoren Lebensstil
|
Rauchen
|
BMI
|
Alkoholkonsum
|
Schulabschluss
|
Metabolisches Syndrom
|
Körperliche Faktoren
|
Körpergröße
|
Beinlängendifferenz
|
X- oder O-Beinstellung
|
Berufliche Faktoren
|
Sitzen
|
Stehen
|
Arbeiten in Zwangshaltung
|
Knien mit Zeitangabe
|
Tragen schwerer Lasten
|
Freizeitfaktoren
|
Sportliche Aktivität
|
Sportarten mit und ohne Traumarisiko Differenziert nach
der Zeit
|
Auch die Belastung des Hüftgelenkes durch wiederholtes Tragen schwerer Lasten
ist zwischenzeitlich als signifikanter Risikofaktor für eine Coxarthrose
etabliert [19]. Aus welchem Grund sich ein
erhöhtes Körpergewicht unterschiedlich stark in der
Arthroseentwicklung zwischen Knie- und Hüftgelenk auswirkt ist, aktuell noch
unbekannt [20].
Klinische Diagnose und Bildgebung
Klinische Diagnose und Bildgebung
Patienten mit Arthrose leiden in der Regel unter Schmerzen, einer
Einschränkung der Beweglichkeit und Funktionseinbußen. In der
körperlichen Untersuchung werden diese Beeinträchtigungen in der
Regel nachvollzogen. Für die Diagnosestellung einer Arthrose werden dann in
der Regel Röntgenaufnahmen des betroffenen Gelenkes in 2 Ebenen unter
Belastung erstellt und es wird zumindest eine mehr als hälftige
Verschmälerung des Gelenkspaltes nachgewiesen. Bei besonderen
Fragenstellungen, wie z. B. der Valgusgonarthrose ist die Rosenberg-Aufnahme
nützlich und die Retropatellararthrose wird am zuverlässigsten durch
Röntgenaufnahmen des Kniegelenkes in 3 Ebenen (a.p., seitlich und Patella
tangential) gestellt [21]. Alternativ kann der
Nachweis eines strukturellen Schadens auch im MRT nachgewiesen werden [22].
Insbesondere die Variabilität der Beschwerden erschwert eine
zuverlässige Diagnosestellung in den Frühphasen der Arthrose. Dies
trifft auch auf die native Röntgendiagnostik zu, da die frühe
Diagnosestellung einer Arthrose durch die Gelenkspaltverschmälerung nur eine
eingeschränkte Zuverlässigkeit aufweist [1].
Mit speziellen MRT Untersuchungstechniken kann zwischen normalen und degeneriertem
Knorpel unterschieden werden, hierfür werden spezifische T2 Sequenzen
genutzt [23].
Das Knochenmarködem des Tibiaplateaus im MRT ist mit den histologischen
Ergebnissen der Resektate, die im Rahmen der Implantation einer Knieprothese
gewonnen wurden, korreliert worden [24].
Hierbei zeigt sich eine Schädigung des periartikulären Knochens mit
verstärkter Knochenresorption und verminderter Osteozytendichte und
Knorpelhöhe in den kernspintomografisch auffälligen Bereichen. Die
histologischen Untersuchungsergebnisse der Studie entsprechen den formulierten
biologischen Vorgängen im subchondralen Knochen [25]. In einer großen Kohortenstudie
sind die degenerativen Veränderungen der Kniegelenke mittels MRT untersucht
worden. Im reinen Interviewverfahren wurde nach Knieschmerzen gefragt, eine
körperliche Untersuchung zur Validierung von Arthrosesymptomen oder eine
Abschätzung der Aktivität erfolgte nicht. Mit zunehmendem Alter
konnten sowohl bei symptomatischen als auch bei asymptomatischen Paitenten
degenerative Veränderungen der Kniegelenke nachgewiesen werden [26].
Patientenbezogene Lebensqualität
Patientenbezogene Lebensqualität
Die allgemeine patientenbezogene Lebensqualität bei Patienten mit Arthrose
zeigt deutlich schlechtere Ergebnisse verglichen mit Kontrollpatienten
vergleichbaren Alters. Für die Behandlung der Arthrose sind spezielle
Instrumente mit differenzierter Erhebung der Schmerzempfindung entwickelt und
publiziert worden [27]. Insbesondere die
Schmerzwahrnehmung wirkt sich negativ auf das soziale Leben aus: Für
jüngere Patienten mit Arthrose werden die Erkrankung und die damit
einhergehenden Einschränkungen im individuellen und beruflichen Leben als
besonders störend empfunden [28].
Für Arthrosepatienten ist über die direkte Beeinträchtigung
der Körperfunktion hinaus ein Verlust an sozialer Teilhabe nachgewiesen. Die
körperliche Beeinträchtigung wirkt sich nach Bildungsstand, sozialer
Unterstützung und den Bewältigungsstrategien unterschiedlich stark
aus [29]. Dabei kommt es zu einer
Beeinträchtigung der mentalen Gesundheit und dem Ansteigen depressiver
Verstimmungen [30].
Pathophysiologie
Die Arthrose ist ursprünglich als rein mechanische Erkrankung charakterisiert
durch Knorpelabrieb verstanden worden [7].
Neben dem Knorpelverlust kommt es jedoch zur Remodellierung des Knochens direkt im
Gelenk, aber auch in den subchondralen Abschnitten des Gelenkes. Die aktivierte
Arthrose ist weiterhin durch Ergussbildung im Gelenk mit einer begleitenden
Entzündung [3] der Synovialis und der
paraartikulären Gewebe gekennzeichnet.
Aktuell wird die Arthrose daher als multifaktorielle Erkrankung verstanden, an deren
gemeinsamer Endstrecke der Knorpelverlust steht. Anteil daran haben der
Gelenkknorpel, die Synovialis, der subchondrale Knochen, die Skelettmuskulatur und
das Fettgewebe [6].
Gelenkhomöostase und Arthrosebeginn
Unter rein biomechanischen Gesichtspunkten ist die Belastbarkeit des Kniegelenkes
in Hinblick auf verschiedene Funktionen formuliert worden [31]. Unterschieden wurde dabei die
Belastbarkeit für eine einzelne Maximalbelastung und die Belastung durch
Repetition bei geringer Belastung. Sofern die Belastungsgrenzen beachtet werden,
befindet sich das Gelenk in einer Homöostase und nimmt auch bei
dauerhafter Inanspruchnahme keinen Schaden. Oberhalb der Belastungsgrenze kommt
es zur Überlastung und langfristigen Schädigung, bei
Unfällen zu einer direkten strukturellen Schädigung des
Gelenkes. Die Gelenkschädigung führt dann mittel- bis
kurzfristig zur Arthrose.
Diese grundsätzliche Überlegung der Belastbarkeit eines Gelenkes
und seiner Homöostase kann neben der mechanischen Betrachtung auch auf
biologische Prozesse und die beteiligten Gewebe verallgemeinert werden. Bei
Überlastung des Gelenkes entsteht eine Schädigung des Gelenkes,
die im Verlauf in der Arthrose mündet. Sehr häufig ist diese
initiale Überlastung und Schädigung zunächst klinisch
stumm oder führt nur für kurze Zeit zu klinischen Beschwerden.
Die Erfolgsaussichten regenerativer gelenkerhaltender Therapien hängen
insbesondere von einer zuverlässigen Diagnose dieser
Gelenkschädigung und den frühen Arthrosestadien ab [32].
Gelenkknorpel
Bei einer verstärkten Gelenkbelastung kommt es zur Aktivierung von
Stoffwechselprozessen im Knorpel und dem Gelenkraum. Histologisch können
hypertrophe Chondrozyten im Knorpel sowie eine Apoptose von Chondrozyten im
Bereich des subchondralen Knochens nachgewiesen werden [1]. Im Rahmen der Arthroseentwicklung kommt
es zu einer Dysregulation zwischen katabolem und anabolem Stoffwechsel in der
Knorpelmatrix mit Überwiegen der katabolen Prozesse. Dabei kommt es zur
Degeneration von Typ II Kollagen und Proteoglycanen. An den katabolen Effekten
sind aktivierte Enzyme der Metallo-Matrixproteasen und Aggrekanen beteiligt.
Grundsätzlich erscheinen auch anabole Stoffwechselprozesse mit Kollagen
II und Proteoglykansynthese möglich zu sein und würden damit
einer Knorpelregeneration entsprechen. Experimentell kann dies durch Aktivierung
von Fibroblastenwachstumsfaktoren (FGF-2, FGF-18) oder auch durch BMP-7 erreicht
warden [33].
Synovialis
Die Synovia unterstützt bei normaler Gelenkfunktion die
Gleitfähigkeit der Gelenkpartner durch Sekretion von
Hyaluronsäure und Lubricin sowie dem Austausch der
Synovialflüssigkeit [1]. Die
Inflammation stört die normale Funktion der Synovialis und ist ein
relevanter Treiber des Arthroseprozesses. Dabei kommt es zur zellulären
Infiltration der Synovialis mit Makrophagen und T-Zellen. In der Synovia und dem
Serum der Patienten kommt es zur Erhöhung der Konzentration
proinflammatorischer Zytokine (Interleukine und TNFα). Die Versorgung
der Chondrozyten wird hierdurch beeinträchtigt. Es besteht ein kataboler
Stoffwechsel im Gelenk. Die Inflammation wird durch den
Arachidonsäurestoffwechsel vermittelt und kann sowohl durch Kortison und
als auch COX-2 Inhibitoren vermindert werden [6].
Subchondraler Knochen
Die subchondrale Sklerosierung stellt wahrscheinlich den ersten Schritt der
Arthrose dar und entspricht einer erneuten enchondralen Ossifikation. Es kommt
also zum Verlust von Knorpelanteilen im Bereich der Grenzlamelle. Durch die
erhöhte Steifigkeit wird der Knorpel bei normalen Belastungen bereits
verstärkt mechanisch belastet. Es folgt die Formation von Osteophyten
und die Bildung von subchondralen Zysten. In experimentellen Untersuchungen an
humanen Osteoblasten wird durch zyklische Belastungen die Bildung von
inflammatorischen Zytokinen ausgelöst [25]. Denkbar ist sowohl die rein mechanische Überlastung
außerhalb der Gelenkhomöostase als auch die Übertragung
vermehrter Belastungen durch die nachlassenden mechanischen Eigenschaften des
darüber liegenden Knorpels.
Da die subchondralen Knochenabschnitte gut innerviert sind, tragen die
Sklerosierungen in diesem Bereich wahrscheinlich zum Arthroseschmerz bei [1]. Durch Strontiumranelat oder den
Protease Inhibitor Kathepsin K wird die Resorption im subchondralen Knochen
vermindert und tierexperimentell die Arthroseprogression verlangsamt. Klinische
Studien sind wegen relevanter Nebenwirkungen abgebrochen worden [6]. Ein ähnlicher Wirkmechanismus
kann für die Schmerzverminderung durch Bisphosphonate angenommen werden
und wurde in einer systematischen Übersichtsarbeit gezeigt [34].
Muskulatur
Die verminderte Muskelkraft des Quadriceps bei Gonarthrosepatienten ist seit
längerer Zeit bekannt. Biomechanische Untersuchungen haben gezeigt, dass
bei Probanden mit Nervenblockade des Quadriceps die Impulsbelastungen bei
Fersenauftritt erheblich ansteigen [5].
Bei verminderter Muskelkraft und Kontrolle des Kniegelenkes kommt es also bei
alltäglicher Belastung zur mechanischen Überlastung des
Gelenkes. Die Beobachtung zeigt sich konsistent in weiteren Studien. Aktuell ist
eine verminderte Muskeldichte und -Atrophie auch bei Patienten mit milder
Coxarthrose gezeigt worden [35]. Aus
diesen Beobachtungen ergibt sich, dass die muskuläre
Beeinträchtigung am Beginn der Erkrankung steht und nicht die Folge der
etablierten Arthrose ist. Die eingeschränkte muskuläre Kontrolle
des Gelenkes wird als vergleichbarer Risikofaktor wie ein ligamentär
instabiles Gelenk aufgefasst [5].
Die körperliche Aktivität ist in den Lebensphasen
unterschiedlich, nimmt jedoch insgesamt in der Allgemeinbevölkerung ab.
Die allgemeinen Folgen sind erheblich. Inaktivität ist der 4.
häufigste Grund für das Versterben weltweit. Die individuelle
Aktivität hängt von vielen Faktoren ab, die wichtigsten sind
Geschlecht, Alter und der Gesundheitszustand. Die Motivation und das soziale
Umfeld sowie zunehmende Digitalisierung nehmen einen relevanten Einfluss auf
Aktivität und den Muskelstatus [36]. Die körperliche Alterung und chronische
Entzündungsprozesse haben ebenfalls einen negativen Effekt auf den
Muskelstatus [37].
Arthrose, metabolisches Syndrom und chronische
Entzündungsprozesse
Der zunehmend passive Lebensstil in den OECD Staaten führt zu
verschiedenen metabolischen Erkrankungen, wie z. B. Diabetes mellitus
und koronarer Herzerkrankungen und hat einen Einfluss auf die Mortalität
dieser chronischen Erkrankungen [36]
[38]. Der Allgemeinzustand dieser
Patienten ist durch ein deutlich erhöhtes Körpergewicht bis zur
Fettleibigkeit gekennzeichnet und führt zu einer rasch ansteigenden
Anzahl endoprothetischer Versorgungen aufgrund einer fortgeschrittenen Arthrose
[39]. Neben den direkten Folgen des
metabolischen Syndroms als Diabetes mellitus ist die damit verbundene
erhöhte Mortalität und deren Ursachen Gegenstand der Forschung.
Für die Arteriosklerose ist die These einer chronischen Inflammation,
vermittelt über einen gestörten Fettstoffwechsel mit Freisetzung
inflammatorischer Zytokine formuliert. Bei fettleibigen Patienten entstehen
größere Mengen weißen Fettgewebes, Leptin wird
sezerniert und verursacht die Infiltration des Fettgewebes durch Makrophagen
[40]. In der Wechselwirkung zwischen
den im Übermaß vorhandenen Adipozyten und den Makrophagen kommt
es zur Differenzierung der Makrophagen in T-Zellen und einer verstärkten
Sekretion proinflammatorischer Zytokine [41]. Das Fettgewebe wird dann als endokrines Organ aufgefasst und die
sezernierten Zytokine als Adipokine klassifiziert. Das erste nachgewiesene
Zytokin war Leptin, zwischenzeitlich sind eine Reihe weiterer Zytokine
beschrieben [42]. Diese chronische
Inflammation wird für die Schädigung des Endothels in den
Gefäßen und damit für die Entwicklung der
Arteriosklerose verantwortlich gemacht.
Bei Patienten mit chronischen Inflammation ist die Entwicklung der Arthrose im
Bereich der Hände doppelt so häufig verglichen mit
normalgewichtigen Patienten [43]. Die
zugrundeliegende Hypothese formuliert einen Zusammenhang zwischen der
systemischen Inflammation und der Gelenkschädigung.
In einer Studie an Frauen fanden sich bei erosiven Verlaufsformen eine
Erhöhung von Adiponectin, aber keine Erhöhung von CRP [44]. In einer deutschen Kohortenstudie
zeigte sich ein positiver Zusammenhang zwischen einer spezifischen CRP
Erhöhung (HsCRP) und dem Schmerzniveau bei Arthrosepatienten [45].
Genetik, Epigenetik und Phänotypen der Arthrose
Genetik, Epigenetik und Phänotypen der Arthrose
In der klassischen Genetik werden aktuell Genom-weite Assoziationsstudien mit
bestimmten Arthroseformen, z. B. der Handarthrose durchgeführt. Als
Ergebnis werden positive Zusammenhänge zwischen einer genetischen
Ausstattung mit der Wahrscheinlich eines Hüftgelenkersatzes statistisch
abgesichert. Eine weitergehende therapeutische Konsequenz ergibt sich
gegenwärtig nicht aus diesen Daten [46].
Interessanter ist die Beobachtung zur Bedeutung der genetischen Faktoren bei ein- und
zweieiigen Zwillingen in Hinblick auf die Wahrscheinlichkeit einer Gon- oder
Coxarthrose: Die Auswertung nutzt Daten aus dem norwegischen Zwillings- und
Endoprothesenregister. Dabei zeigt sich eine höhere Wahrscheinlichkeit
für eineiige Zwilling, ebenfalls an einer behandlungsbedürftigen
Coxarthrose zu erkranken, verglichen mit der Wahrscheinlichkeit einer
behandlungsbedürftigen Gonarthrose. Für die Gonarthrose ist das
Körpergewicht ein stärkerer Risikofaktor als die genetischen
Faktoren [47].
Epigenetik
Die Epigenetik untersucht das Zusammenspiel zwischen der genetischen Information
und molekularen Mechanismen, die zu einer unterschiedlichen Aktivierung von
Genen und damit zu unterschiedlichen Phänotypen führt. Dabei
werden die epigenetischen Informationen durch das Erbgut selbst, die
Umweltexposition und stochastische Zufälle bestimmt. Der aktuell
wichtigste molekulare Mechanismus ist die DNA-Methylierung. Daneben sind noch
Histone und nicht-kodierende RNA Sequenzen als molekulare Mechanismen
beschrieben [48].
Interessant sind die Beobachtungen, dass Lebensumstände der Vorfahren
Bedeutung für unsere Erkrankungswahrscheinlichkeit z. B.
für einen Diabetes mellitus haben. Studien konnten die DNA-Methylierung
bestimmter Gene, die für Stoffwechselprozesse kodieren bei der
nachfolgenden Generation nachweisen. Die Epigenetik hat auch direkten Einfluss:
Für den Bewegungsapparat konnte durch körperliche
Aktivität eine DNA-Methylierung im Skelettmuskel nachwiesen werden [49].
Phänotypen der Arthrose
Klinisch sind neben dem Knorpelverschleiß unterschiedliche
Ausprägungsformen in Hinblick auf Synovialitis, Erguss- und
Osteophytenbildung und den subchondralen Knochen bekannt. Die Patienten
unterscheiden sich weiterhin in Hinblick auf die Muskelkraft der unteren
Extremität und die mentale Gesundheit. Im Rahmen einer Clusteranalyse an
551 Patienten der Amsterdamer Osteoarthrose Kollektives (AMS-OA) wurden 4
einfache klinische Parameter erhoben: Quadriceps-Kraft, BMI, radiologischer
Schweregrad der Arthrose nach Kellgren/Lawrence und die
Depressivität. Aus der Clusteranalyse ergab sich die Unterscheidung in
insgesamt 5 unterschiedliche klinische Erscheinungsformen der
Arthroseerkrankung: Geringe Gelenkschädigungstyp , Kräftiger
Muskeltyp, schwerer radiologische Arthrosetyp, Fettleibiger Typ und depressiv
verstimmter Typ [50]. Die unterschiedliche
klinische Ausprägung ist nach Meinung der Autoren durch den
unterschiedlichen Einfluss von Risikofaktoren, Lebensgewohnheiten und der
genetischen Ausstattung der Patienten bedingt und ist in der Zukunft für
eine individualisierte Behandlung der Patienten von Bedeutung.