Schlüsselwörter
Gesundheitskompetenz - Gesundheitsinformation - Patientenrecht - Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde
- Arztbewertungsportale
Inhaltsverzeichnis Zusammenfassung S1 Abstract S11. Fußball-Länderspiel und
das schnarchende Kind S22. Wie hat der deutsche Gesetzgeber auf den recherchierenden
Patienten
reagiert? S23. Wie geht die Ärzteschaft mit den vorinformierten Patienten um, die
sie
laut Gesetz informieren und aufklären muss? S24. Qualität von Informationen zu
Krankheits-/Gesundheits-Themen abhängig von den Informationsquellen S35. Das
Internet als medizinisches Informationsmedium S46. Die Suche nach einem Arzt -
Arztbewertungsportale S57. Informationsportale zu Gesundheitsthemen S68. Viele Ärzte
kennen die Informationsquellen ihrer Patienten nicht oder haben keine Meinung zu deren
Qualität S79. Nationales Gesundheitsportal in Deutschland als Lösung? S810. Rat
für das „schnarchende Kind“? S8 Literatur S8
Warum verfasse ich als Journalistin einen Beitrag für diesen Referateband? Nun,
Qualitätsbewertung von Informationen ist das tägliche Brot von Journalisten. Das
gilt v. a. dann, wenn neue Themen anstehen und einem die jahrelange Expertise fehlt.
Somit habe
ich recherchiert, welche Informationsquellen es für Nicht-Medizinern gibt, wie viel
oder
wenig Mediziner darüber wissen und welche Qualitätsbewertung ärztlicher
Leistung dies ermöglicht
1. Fußball-Länderspiel und das schnarchende Kind
1. Fußball-Länderspiel und das schnarchende Kind
„Unser Kind schnarcht“, sage ich zu meinem Mann, der gebannt das
Fußball-Länderspiel im Fernsehen verfolgt. „Es kommt halt nach
mir“, lacht er. Ich hingegen bin beunruhigt. Was kann das sein? Ist unser Kind
erkältet oder hat es gar etwas Schlimmeres? Bis die Praxen am Montag wieder
öffnen, will ich nicht warten. Ich will es jetzt wissen. „Tooor“, ruft
mein Mann. Was soll ich tun? Mutter anrufen? Im Internet suchen? Im Ratgeber für
Kinderkrankheiten nachschlagen oder – wie früher – hoffen, beten, Hand
auflegen?
Ich entscheide mich für die Internet-Recherche über Symptomatik, ihre
Behandlungsmöglichkeiten und Ärzte, die ich am Montag kontaktieren
könnte.
Und so verfahren viele andere auch: Laut einer Studie [3]
aus dem Jahr 2003 sind „akute Beschwerden das primäre Motiv für die
Suche nach gesundheitsbezogenen Informationen. Demnach geben die Patienten sich nicht
mehr
passiv in die Hände eines Arztes, sondern suchen aktiv nach Informationen zu Diagnose
und Therapie“. Zwölf Jahre später fand im Vergleich dazu eine Studie
[4] heraus, dass sich rund 89% der
Bevölkerung aktiv über Gesundheitsthemen informieren.
2. Wie hat der deutsche Gesetzgeber auf den recherchierenden Patienten reagiert?
2. Wie hat der deutsche Gesetzgeber auf den recherchierenden Patienten reagiert?
Mit dem Patientenrechtegesetz [5] aus dem Jahr 2013 wurde
die Informationspflicht des Arztes und das Zusammenwirken von Arzt und Patienten bei
der
Behandlung festgeschrieben. Demnach hat sich die Arzt-Patienten-Beziehung vom paternalistischen
zum partizipativen grundlegend gewandelt. Der Arzt muss qua Bürgerlichem Gesetzbuch
den
Patienten über Diagnose und (alternative) Therapien aufklären und dieser muss
einwilligen: Die gemeinsame Entscheidung ist somit Patientenrecht und wird laut einer
Umfrage
[6] von 80% der Befragten befürwortet.
Demnach gaben 92% an, dass sie wissen, dass die Patientenaufklärung gesetzlich
geregelt sei, allerdings meinen 77% [7], dass der Arzt
ihnen Informationsmaterial zur Verfügung stellen muss.
Dabei weist der Gesetzestext [8] nur daraufhin, dass
„ergänzend auch auf Unterlagen Bezug genommen werden kann, die der Patient in
Textform erhält“. Stehen solche zur Verfügung, besteht die
Möglichkeit, dass der Patient sich informiert. Gleichwohl machen ihn die Informationen
nicht zu einem medizinischen Experten. So scheinen etliche Fragen offen zu bleiben:
Patienten
informieren sich über den vom Arzt bereitgestellten Umfang hinaus etwa beim
Krebsinformationsdienst (KID) des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ), der von
2013 bis
2018 jährlich zwischen 28 000 und 35 000 individuelle Anfragen per
Telefon oder E-Mail [9] beantwortete, die meist auf Themen wie
Diagnoseerstellung und Erstbehandlung abzielten.
Die vom Gesetzgeber gewünschte Eigenverantwortung hinsichtlich der eigenen Gesundheit
bedingt, dass die Menschen sich eigene Fähigkeiten und Fertigkeiten im Umgang mit
Gesundheitsfragen aneignen sowie ein gewisses Verständnis von evidenzbasierter Medizin
[10] entwickeln; diese wird als
„Gesundheitskompetenz“ bezeichnet. Diese Kompetenz umfasst sowohl die
Beschaffung und Bewertung der Informationen seitens des Patienten als auch die Umsetzung
der als
dienlich erachteten Informationen. Mit Blick auf die Informationserhebung im Internet
wird von
der „digitalen Gesundheitskompetenz“ gesprochen, die zudem die kompetente
Nutzung digitaler Medien einschließt.
Die besondere Bedeutung dieses Begriffs liegt in der Korrelation zwischen Gesundheitskompetenz
und Sterblichkeit: So werde bei Menschen mit einer geringen Gesundheitskompetenz ein
1,5 bis
3-fach höheres Risiko für einen ungünstigen Krankheitsverlauf
festgestellt, heißt es in einer Studie [11], sowie die
seltenere Teilnahme an Impfungen und Vorsorgeuntersuchungen wie Mammografie. Die digitale
Gesundheitskompetenz sei relevant für den Verlauf und die Prognose von Krankheiten,
so
die Autoren [12].
3. Wie geht die Ärzteschaft mit den vorinformierten Patienten um, die sie laut
Gesetz informieren und aufklären muss?
3. Wie geht die Ärzteschaft mit den vorinformierten Patienten um, die sie laut
Gesetz informieren und aufklären muss?
Laut der Studie [13] aus dem Jahr 2016 stellen 98%
der ambulant praktizierenden Ärzte in den vorausgegangenen fünf Jahren fest,
dass sich ihre Patienten häufiger zu medizinischen oder krankheitsbezogenen Fragen
informieren als früher: Dabei sprechen fast ein Viertel der ambulant tätigen
Ärzte (24%) an einem normalen Arbeitstag mit mehr als 30% der Patienten
über Informationen, die die Patienten recherchiert haben.
Laut einer Studie [14] nutzen die Deutschen durchschnittlich
mehr als drei unterschiedliche Quellen, um sich über Gesundheitsthemen zu
informieren.
In 81% der Fälle ging es um Therapien, gefolgt von Krankheitssymptomen
(72%) und allgemeinen Erkrankungen sowie Krankenkassenleistungen (beide
66%).
Laut einer Studie [15] recherchierten im Jahr 2011 rund 28
Mio. Deutsche ab 16 Jahren – und damit 60% aller Internetnutzer bzw. 38%
der Gesamtbevölkerung – im Internet nach Krankheiten, Verletzungen und
Ernährungsfragen, während 78% der Menschen in den USA, die im Jahr 2012
Internetzugang (70% der Bevölkerung) hatten, angaben, das Internet als
primäre Informationsquelle in Gesundheitsfragen zu nutzen.
Gleichwohl treffen Patienten, die sich im Internet oder durch persönliche
Gespräche vor einem Arztbesuch informiert haben, mit dieser Vorinformation nicht nur
auf
Begeisterung in der Ärzteschaft, die in der Vergangenheit das Monopol für
Gesundheitsinformationen besaß. Wie die Studie [16]
zeigte, gaben mehr als die Hälfte (54%) der befragten Ärzte an, dass
diese selbst beschafften Informationen teils positive, teils negative Aspekte für
das
Arzt-Patienten-Verhältnis mit sich bringe.
Dieser Aspekt hat sich jedoch im Zeitverlauf verschlechtert: Gab im Jahr 2003 fast
ein Drittel
(31%) der Ärzte an, dass vorinformierte Patienten dem Arzt Erklärungen
ersparen und das Verständnis erleichtere (47%), halbierten sich die Werte im
Jahr 2015. Nur noch 15% empfanden, dass Vorinformationen Erklärungen ersparen
und nur 24% der Ärzte sahen eine Erleichterung beim Verständnis. Gerade
Ärzte, die einen hohen Anteil von Patienten mit einem niedrigeren Bildungsgrad
behandeln, bewerteten selbst recherchierte Informationen dreimal so negativ wie solche,
die
höher Gebildete zu ihren Patienten zählen.
Dennoch stimmte mehr als ein Drittel der Ärzte (37%) zu, dass die Patienten
sich durch selbst gesammelte Informationen leichter an Entscheidungen für ihre
Gesundheit beteiligen können, obgleich nur 16% der Ärzte glaubten, dass
diese Informationen den Patienten Sicherheit gäben.
Mit Blick auf die Auswirkungen selbstinformierter Patienten hat sich die Einstellung
der
Ärzte dazu kaum verändert: Knapp ein Drittel gab sowohl im Jahr 2003
(32%) als auch im Jahr 2015 (30%) an, dass die selbst recherchierten
Informationen meist verwirrten und das Vertrauen beeinträchtigten.
Eine große US-amerikanische Studie [17] aus dem Jahr
2003 zeigte, dass Ärzte mit vorinformierten Patienten häufig das Gefühl
haben, die Patienten würden ihre Autorität infrage stellen.
4. Qualität von Informationen zu Krankheits-/Gesundheits-Themen
abhängig von den Informationsquellen
4. Qualität von Informationen zu Krankheits-/Gesundheits-Themen
abhängig von den Informationsquellen
Und wie steht es um die Güte der Informationen? Bekanntlich ist nicht jede gefundene
Information das Papier wert, auf dem sie steht: Die Rede ist von der Qualität der
Information. Allein den Qualitätsbegriff zu klären, hat eine eigene
„qualitas“: Denn den Grad der Übereinstimmung [18] mit der Anforderung an die Information zu bestimmen, mag nicht
für jeden Patienten einfach sein. Ob die Information verständlich ist, kann noch
am leichtesten beantwortet werden, aber die Einordnung, ob die Information korrekt,
relevant,
vollständig, konsistent, aktuell und transparent – hinsichtlich der vom
Verfasser verfolgten Absicht – ist, kann den Laien überfordern. Letztlich geht
die Bewertung der Informationsqualität mit Fachkompetenz einher.
In der Medienwelt übernimmt diese Aufgabe die Redaktion, der Verlag, der Herausgeber,
der Lektor oder Bibliothekar. Sie prüfen professionell, wählen aus und stellen
die Informationen zusammen. Der Patient, der kein Medizinstudium absolviert hat, muss
die
gefundene Gesundheitsinformation (Ist) mit seiner Anforderung (Soll) an die
Informationsqualität mit seinem gesunden Menschenverstand und seiner Erfahrung
abgleichen. Aber allein der Anspruch an das „Soll“ kann verschieden beantwortet
werden. Es gibt Menschen, denen es reicht, wenn sie sprachlich folgen können, ohne
dabei
den Inhalt zu durchdringen. „Klingt gut“, heißt es dann.
Auf diese Weise kann der Soll/Ist-Abgleich zu unterschiedlichen Ergebnissen
führen. Zu dem kommt, dass die heutige Informationswelt weitaus
unübersichtlicher ist, als noch vor 2 Jahrzehnten: Die Zunahme an Medienprodukten
und
der damit einhergehende Wettbewerb um die Aufmerksamkeit der potentiellen Rezipienten
hat massiv
zugenommen. Die Auswüchse, die die Wirkmechanismen der Wettbewerbsverdrängung
hervorbringen, vermitteln sich dem Beobachter häufig nicht: So steigt zunehmend die
Quantität der verfügbaren Informationen, aber nicht zwingend ihre
Qualität. Oft fühlen sich Leser ausreichend informiert, wenn sie
Gratis-Zeitungen lesen und in sozialen Medien geteilte Online-Beiträge für bare
Münze nehmen.
Forscher [19] aus den USA fanden etwa heraus, dass im Zuge
der Ausbreitung des Zika Viruses irreführende Videos auf Facebook deutlich
häufiger Verbreitung fanden als korrekte Informationen von öffentlichen
Gesundheitseinrichtungen wie der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Der Medizinhistoriker
Robert
Jütte vom Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung
erklärt in einem Zeitungsartikel [20], dass sich beim
Thema Gesundheit die Menschen schon immer als besonders anfällig für Fake News
erwiesen haben. Potentielle Gefahren für Leib und Leben lösten Ängste
aus. Das, so der Psychologe Claus-Christian Carbon von der Universität Bamberg in
demselben Beitrag [21], erschwere es den Menschen die Gefahren
mit der notwendigen Rationalität einzuordnen.
Die Geschwindigkeit und Gleichzeitigkeit mit den Informationen aus aller Welt und
aus der
unmittelbaren Nähe über die Menschen hereinbrechen, hat Auswirkungen auf ihr
Rezeptionsverhalten. Wer hält bei dieser Masse und Wucht noch inne und fragt nach
der
Quelle? Wer nimmt sich die Zeit und versucht zu erkennen, wer der Urheber der Information
ist,
wenn es nicht auf den ersten und auch nicht auf den zweiten Blick zu erkennen ist?
Redaktionen werden aus wirtschaftlichen Gründen ausgedünnt, was auch dazu
führt, dass die Überprüfung von Informationen noch effizienter
durchgeführt werden muss. Hingegen werden Planstellen in der
Öffentlichkeitsarbeit von Unternehmen aufgestockt und kommunikationsstarke Mitarbeiter
gesucht, um Unternehmensinformationen leserfreundlich aufzubereiten, um –
möglichst – ungefiltert verbreitet zu werden. Gleichzeitig müssen
schlanke Zeitungsredaktionen, die mit diesen Pressemitteilungen aus dem PR-Abteilungen
ununterbrochen befeuert werden, inhaltliche Spreu vom Weizen trennen müssen.
Derweil sind Pressesprecher von großen Firmen unverzichtbare Mitarbeiter – v.
a. in Krisenzeiten. So wird der Idealismus eloquenter Menschen auf eine harte Probe
gestellt,
wenn sie bei einer Qualitätszeitung Euro 1,20 pro Zeile verdienen bzw. für Euro
22,50 brutto pro Stunde [22] arbeiten oder um den Faktor
fünf besser bezahlt, einen beschwingten Beitrag für ein buntes Hochglanzmagazin
eines Unternehmens verfassen können. Der an sprachlich verdichtete, emotionalisierte
und
personalisierte Texte gewöhnte Leser (etwa: „Wir sind Papst [23]“), der zusätzlich noch durch
„Framing“ (Suggestion durch Alltagssemantik, etwa: Steuern vs. Steuerlast)
subtil beeinflusst wird, hat zunehmend Schwierigkeiten, sich ein objektives Bild zu
machen.
Veröffentlichte Informationen sind nicht allein durch die Veröffentlichung
zutreffend. Der häufig zu hörende Satz „Das stand aber in der
Zeitung“, ist kein Qualitätskriterium per sé. Wenn der
Qualitätsanspruch an die Information hoch ist, kann die Suche danach zur Qual
werden.
Bei der Erstellung wird in den Redaktionen neben der Qualität von Informationen
unterschieden, welcher Verbreitungsweg vorgesehen ist: Zuweilen wird davon gesprochen,
dass sich
im Digitalzeitalter die Hamlet-Frage neu stelle: In „On oder Off“-liner, da der
Unterschied in der Zielgruppenansprache groß ist. Beim Schreiben der Onlinetexte muss
gezielt auf die Verwendung von Schlüsselbegriffen geachtet werden, um von den
Suchmaschinen gefunden zu werden. Zudem stehen bei Online-Verbreitung andere
Möglichkeiten der optischen Aufbereitung zur Verfügung. Während bei
Offline-Publikationen die Auflagenzahlen dokumentiert werden, haben die Online-Medien
ganz
andere Wege das Nutzungsverhalten der Leser zu ergründen: die Klick-Zahlen (die die
Anbieter aber nicht veröffentlichen müssen), die Verweildauer bzw. über
welche Webseite der Leser auf diesen Artikel gestoßen ist.
Die Studie [24] aus dem Jahr 2015 zeigt, dass sich
über die Hälfte (56%) der Befragten durch Gespräche mit
Ärzten und (55%) durch kostenlose Broschüren sowie durch Krankenkassen-
und Apothekenzeitschriften [25] informiert haben.
Gespräche mit Menschen aus ihrem persönlichen Umfeld (43%) und Print-,
Radio- als auch TV-Quellen (40%) rangierten noch vor der Internetrecherche
(38%), gefolgt von Gesprächen mit Apothekern (20%), Konsultationen von
Büchern (18%), Gesprächen mit anderen Patienten (8%),
Telefonaten mit Krankenkassen oder Patientenvereinigungen (5%) sowie Gesprächen
in Beratungsstellen (3%). Von den gesamt 1728 Befragten gehörten fast ein
Drittel (29%) zu denjenigen, die das Internet für Gesundheitsfragen nicht
nutzen. Sie waren im Mittel 55 Jahre alt, hatten einen niedrigeren sozioökonomischen
Status und waren fast paritätisch vertreten (Männer 47%, Frauen
53%).
5. Das Internet als medizinisches Informationsmedium
5. Das Internet als medizinisches Informationsmedium
Die Onliner hingegen nutzen das Internet ohnehin häufig und konsultieren es auch
für Gesundheitsfragen. US-Forscher [26] betrachteten
bereits im Jahr 2004 das Internet als weltweit größte Bibliothek für
Medizin-Themen und gingen damals schon davon aus, dass es eine Schlüsselrolle in der
zukünftigen Kommunikation in Gesundheitsfragen spielen werde.
Die Studie [27] zeigte auch, dass Frauen und Menschen mit
einer höheren Internetaffinität tendenziell intensiver nach
Gesundheitsinformationen suchen, der Altersdurchschnitt liegt bei den Gesundheits-Onlinern
bei
rund 45 Jahren: „Gerade jüngere Zielgruppen nutzen das Internet und
Social-Media-Angebote, um sich über Gesundheit und Fitness zu informieren und bei
sensiblen Themen wie psychischen Krankheiten, Drogen oder sexueller Gesundheit – die
im
persönlichen Gespräch vergleichsweise schwerer anzusprechen sind – Rat
zu suchen“.
Je unzufriedener die Bürger mit ihrem Hausarzt sind, umso höher ist die
Chance, dass sie Antworten auf ihre gesundheitsbezogenen Fragen vermehrt im Internet
suchen.
„Für gesundheitsorientierte Menschen und jene, die an chronischen Erkrankungen
leiden, stellt das Internet eine besonders relevante Quelle dar und wird in seinem
Nutzen
für die eigene Gesundheit, den Informationsstand und die Gesundheitsversorgung
überwiegend als positiv bewertet“, so die Studie [28]. Auch „für gesundheitsorientierte Menschen und jene, die an
chronischen Erkrankungen leiden, stellt das Internet eine besonders relevante Quelle
dar und
wird in seiner Bedeutung für die eigene Gesundheit, den Informationsstand und die
Gesundheitsversorgung überwiegend als positiv bewertet“, fand die Studie [29] heraus.
Mit Blick auf die Internetrecherche nach Hals-Nasen-Ohren-Themen schreiben die Autoren
der
Studie [30] nach Auswertung von 6 internationalen Studien,
dass das Internet eine nachrangige oder weniger relevante Informationsquelle für die
Nutzer darstelle. Gespräche mit Ärzten und Bekannten,
Informationsbroschüren (wie etwa den Patienteninformationen [31] der HNO-Ärzte in Deutschland: „Praxis der Sinne“) und
Bücher seien die wesentlichen Quellen. Die Autoren folgern, dass möglicherweise
bei konkreter eigener Betroffenheit die herkömmlichen Informationsquellen wieder in
den
Vordergrund treten. Gleichwohl hat eine US-amerikanische Studie [32] aus dem Jahr 2018 herausgefunden, dass über ein Drittel der HNO-Patienten
sich vor ihrem Arzttermin über ihren Gesundheitszustand im Internet informiert
haben.
Die Autoren der Studie [33] beziehen sich auf 2
Untersuchungen aus den Jahren 2002 und 2004, die zeigen, dass die Suchstrategien von
Laien
für gesundheitsbezogene Internetrecherche häufig wenig optimal seien, da
„diese üblicherweise wenig von den zahlreichen Möglichkeiten der
Suchmaschinen Gebrauch machen um Suchanfragen zu verfeinern oder
einzuschränken“.
Eine andere Studie [34] fand heraus, dass über die
Hälfte der Nutzer ihre Recherche immer erst mittels Suchmaschine beginnen, Vielnutzer
fangen auch mit Alternativen (42%) dazu an.
Darüber hinaus ergab die Studie [35], dass Laien in
der Regel nur allgemeine Suchmaschinen wie etwa Google nutzten und nahezu nie medizinische
Portale. Ferner hat die Untersuchung [36] gezeigt, dass nur
wenige Treffer des Suchergebnisses weiterverfolgt und in weniger als 3% der
Fälle Treffer nach den ersten zehn Rängen angeklickt werden.
Im Jahr 2016 stellten die Menschen im Internet rund 2 Billionen [37] Suchanfragen weltweit, auf den Marktführer unter den Suchmaschinen, Google,
entfallen dabei rund 92% [38]. In Deutschland allein
wird Google in gut 9 von 10 [39] Fällen befragt. Dabei
geben die Nutzer sich mit den Ergebnissen der ersten Seite zufrieden [40].
Die Reihenfolge der Ergebnisse, die mit der Suchmaschine Google erzielt wurde, orientiert
sich
an mehr als 200 Faktoren, diese und ihre Gewichtung werden von Google nicht
veröffentlicht [41].
Damit sind die Inhalte, die auf den ersten zehn Rängen der Google-Abfragen erscheinen,
die, deren Webseiten für Suchmaschinen optimiert wurden und sind nicht zwingend
qualitativ hochwertig. Auf den ersten Plätzen finden sich meist bezahlte Suchtreffer,
die als Werbung kenntlich gemacht werden. Wie die Studie [42]
zeigte, wurden nach der Eingabe von zehn verbreiteten HNO-Krankheiten die jeweils
ersten 10
Ergebnisse untersucht, wobei insgesamt 100 Seiten betrachtet wurden: Fast ein Fünftel
(19%) bestand hauptsächlich aus Werbung, des weiteren wurden bei chronischen
Leiden weit mehr unausgewogene teils werbelastige Ergebnisse ermittelt als bei der
Eingabe von
akuten Krankheiten.
So niederschwellig der Zugang zu Publikationen im Internet ist, so groß ist die
Gefahr, dass Nutzer Desinformationen finden und, wie die Studie [43] über Falschmeldungen über den Zika-Virus zeigte, häufiger
weiterverbreitet werden.
Da die Nutzer keinen „Beipackzettel“ zusammen mit ihrem Internetanschluss
erhalten – etwa eine „Gebrauchsanweisung Internet“ – ist es um
so wichtiger, dass neutrale Institutionen arglose Anwender vor Gefahren warnen und
Hinweise
geben, wie Informationsqualität gefunden und Quellen überprüft werden
können.
Die Studie [44] unterscheidet zwischen Nutzern, die
häufig oder selten das Internet nutzen: Gerade, diejenigen, die eher wenig Erfahrung
mit
der Internetnutzung haben, mögen weniger mit Problemlösungsstrategien im
Internet vertraut sein, weniger geübt sein, Orientierung zu finden und ggf. die
nötige kritische Distanz zu den Angeboten vermissen lassen. Gerade diese ist essentiell
bei der Quellenprüfung, denn eine verlässliche Information macht transparent,
welche Interessen sie verfolgt.
Nicht jeder Nutzer weiß, dass der Verantwortliche im Sinne des Telemediengesetzes
im
Impressum der Webseite genannt werden muss, wie diese Zusammenfassung [45] zeigt. Mangels besseren Wissens stellen sie nicht die
Aktualität der Informationen fest, ordnen nicht das Thema des Beitrags mit Blick auf
die
Intention des Verfassers ein und verfolgen nicht, wie die Webseite im Internet vernetzt
ist.
Diese Prüfung fällt bei Beiträgen aus den sozialen Netzwerken
häufig noch laxer aus. Diese sogenannten „Dialogmedien“, die an den
klassischen Medien vorbei, direkt ihre Botschaften absetzen, verbreiten mitunter Anekdotenhaftes
ohne wissenschaftliche Prüfung und im schlimmsten Fall – so eine
Schlussfolgerung aus der bereits zitierten Studie [46]
über den Zika-Virus – Falschmeldungen bei Pandemien zu irrigem Herdenverhalten
führen kann.
Zudem bestehen erhebliche Datenschutzbedenken. Die Autoren [47] schreiben, dass „Patienten bei gesundheitlichen Erfahrungen, die sie nicht
dem eigenen Erfahrungsschatz zuordnen können, möglicherweise primär an
Beispielen von Erfahrungen und Entscheidungen anderer Menschen interessiert zu
sein“.
Wie auch der Journalismus davon lebt, dass Menschen Geschichten über Menschen lieben,
haben gerade diese Selbsterzählungen über Gesundheit und Krankheiten in den
sozialen Medien einen gewissen (Lesean-)Reiz und werden, wie die Studie [48] herausfand, eine Schlüsselrolle im digitalen
Gesundheitswesen (Englisch: e-health) behalten.
So zitiert die Studie [49] eine Social-Media-Analyse, der
zufolge 49% der Nutzer, die auf Webseiten, in Blogs oder Communities eigene
Beiträge verfassen, auch über Diagnosen und Therapien von Krankheiten
diskutieren. Demnach haben sich „Social-Media-Angebote, in denen sich Betroffene oder
gleichgesinnte Gesundheitslaien austauschen und es weniger um den Rat von health professionals
(medizinischem Fachpersonal) geht, sich als Informationsquelle in Gesundheitsfragen
offensichtlich etabliert“. Dieser Austausch kann „durchaus als eine Strategie
des Empowerment (Selbstermächtigung) und der informationellen Unterstützung
interpretiert werden“. Ebenso belegte die Studie [50],
dass das Selbstverfassen von Gesundheitsinformationen durch bloggen oder schreiben
von
Beiträgen in Sozialen Medien auch die Erfahrung des Patienten beeinflusst und
Auswirkungen auf sein Rollenverständnis im Hinblick auf die Erhaltung seiner eigenen
Gesundheit habe.
Die Autoren [51] verweisen auf Studien, die die effiziente
und zielgerichtete Möglichkeit der Social Media-Kanäle zur Kommunikation
zwischen Patienten und Arzt als Vorteil der sozialen Medien sehen, da etwa das Teilen
von
Beiträgen die Schnelligkeit der Informationsvermittlung erheblich
begünstigte.
Andererseits birgt diese Form der Informationsaufnahme und -abgabe Risiken, da die
Informationsqualität im Internet nicht garantiert werden kann. Die Autoren [52] schreiben, dass im Bereich der HNO-Kunde ein Algorithmus
untersucht wurde, der auf einer Internetseite zur Diagnosestellung zur Verfügung
gestellt wurde. Während bei 70,5% der Personen aus der Patientengruppe die
richtige Diagnose gestellt wurde, war diese nur eine von durchschnittlich 13 angegebenen
Differenzialdiagnosen und nur in 16,4% war die erste auch korrekt.
Daneben stechen positiv die Portale von Selbsthilfegruppen heraus, die hinsichtlich
der
Erkrankung bzw. der medizinischen Versorgung organisiert sind. Zu nennen sind im HNO-Bereich
etwa der Verband Kehlkopfoperierter [53], Deutsche Cochlea
Implantat Gesellschaft e.V. [54] und die Deutsche Krebshilfe
[55]. Diese halten qualitativ hochwertige Informationen von
Medizinern und Betroffenen bereit, zugeschnitten auf das jeweilige Krankheitsbild.
Im Kontrast dazu erscheinen mitunter die Eigenportale von Gesundheitsanbietern, die
nicht nur
indizierte Dienstleistungen anbieten und für diese Zuzahlungen von Patienten verlangen,
die die Krankenkassen aus gutem Grund nicht übernehmen. Dem potentiellen Kunden wird
mittels begeisterter, gleichwohl fingierter Patienten suggeriert, dass er die Adresse
der
„besten Klinik der Welt“ gefunden habe. Models mit gebleichten Zahnreihen
lächeln Seidengewänder tragend in die Kamera und scheinen immer noch beseelt von
ihrem vermeintlichen Eingriff zu sein. Es entsteht zudem der Eindruck, dass auch
augenfällig selbst kreierte Zertifikate dem Gesundheitsanbieter ein Credo verleihen
sollen, dem es bei Licht betrachtet oder nach hartnäckiger Recherche nicht
entspricht.
6. Die Suche nach einem Arzt - Arztbewertungsportale
6. Die Suche nach einem Arzt - Arztbewertungsportale
Da das Informationsangebot zu gesundheitlichen und medizinischen Fragen im Internet
so
groß wie nie zuvor ist, sollten Arztbewertungsportale eine neutrale Orientierung
für manch Intransparentes und Unübersichtliches bieten, die bei der Suche nach
einem Arzt im Internet Verwirrung stiften könnte.
Das im Jahr 2007 gegründete Arztbewertungsportal „Jameda“ etwa, das
seit 2016 eine hundertprozentige Tochter der Burda Digital GmbH ist, bezeichnet sich
–
semantisch unkorrekt – als „Deutschlands größte
Arztempfehlung“. Nach der Eingabe von „was“ (Facharzt) und
„wo“ (Ort oder Postleitzahl) wird eine Auswahl der nach eigenen Angaben
275 000 eingetragenen Ärzte angezeigt, dessen Ergebnis nicht transparent ist, da
etwa nicht eindeutig zu erkennen ist, wie die Bewertungen zustande gekommen sind.
Allerdings erklärt Jameda in einer Untersuchung [56]
mit rund 6500 Ärzten aus dem Jahr 2018, dass Arztbewertungen „einen ganz
entscheidenden Beitrag zu mehr Transparenz leisten, da die Qualität von Medizinern
ansonsten eine Art Black Box für Patienten wäre“.
Nicht jeder Nutzer mag dabei wissen, dass das Geschäftsmodell des Anbieters auf
Einnahmen von zahlenden Ärzten basiert, die laut der Untersuchung sowohl
überproportional in der Ergebnisliste aufgeführt werden als auch eine ungleiche
Verteilung der Einzelnoten ausweisen, die die Gesamtnote des Arztes ergeben. Zudem
hat im Jahr
2018 dieses Portal in der Revision vor dem Bundesgerichtshof (BGH) verloren, als eine
klagende
Dermatologin die Löschung ihrer personenbezogenen Daten verlangte. Der BGH stellte
fest,
dass die Neutralität der Information durch die Bevorzugung zahlender Kunden nicht
bestehe.
In einem Artikel [57] eines Arztes wurde auf die
Möglichkeit hingewiesen, die Ergebnisse eigener Patientenbefragungen, die im Rahmen
des
praxis-internen Qualitäts-Managements ohnehin erhoben werden müssen, auf der
Webpage der Praxis zu veröffentlichen und mittels dieser weit größeren
Stichprobe ein objektiveres Bild der Praxis zu vermitteln als die Arztportale.
Bei der Fülle an Informationen, die im Internet zu Gesundheitsthemen zu finden ist,
stellt sich die Frage, ob das Internet das informationelle Missverhältnis
befördert oder reduziert.
Noch im Jahr 2007 ergab eine Studie [58], dass rund die
Hälfte der rund 1500 Befragten einen neuen Arzt gesucht habe. Das zum damaligen
Zeitpunkt vorhandene Informationsangebot wurde als unzureichend wahrgenommen und
Arzt-Empfehlungen stammten regelmäßig aus dem persönlichen Umfeld. Dabei
wurde „über Informationsdefizite bei der strukturellen Qualität
(Fortbildung, Berufserfahrung, Wartezeiten) und bei der Prozessqualität (genug Zeit
für Patienten) berichtet“. Die Befragten wünschten sich v. a.
Informationen über Tätigkeitsschwerpunkte und Spezialisierungen der
Ärzte.
Mit Blick auf die Arztsuche hat eine Studie [59] eine
differenzierte Beurteilungsweise je nach Schulbildung des Internetnutzers als stärkste
Variable feststellen können: Demnach informieren sich bildungsferne Patienten vor
der
Wahl eines neuen Arztes seltener über ihn, sind meist längere Zeit bei demselben
Hausarzt, suchen daher seltener einen neuen Allgemein- oder auch Facharzt, machen
von den
Wahlmöglichkeiten in der medizinischen Versorgung sehr viel weniger Gebrauch und
vergeben damit auch Chancen einer für sie persönlich besseren
Versorgungsqualität. Eine traditionelle, autoritätshörige Haltung
gegenüber dem Arzt und die Delegation von Therapieentscheidungen an den
„Experten“ sei zudem bei bildungsungewohnten Schichten deutlich stärker
ausgeprägt.
Um ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen und Patienten auf der Suche nach einem Arzt
nachvollziehbaren Kriterien an die Hand zu geben, die helfen, Qualitätsunterschiede
bei
Ärzten zu objektivieren, hat das Ärztliche Zentrum für Qualität
in der Medizin (ÄZQ) – eine gemeinsame Einrichtung der Bundesärztekammer
und Kassenärztlicher Bundesvereinigung – im Jahr 2015 die Broschüre
[60] „Woran erkennt man eine gute
Arztpraxis?“ erarbeitet. Diese Checkliste für Patienten listet sowohl praktische
(etwa lokale Erreichbarkeit und telefonische Verfügbarkeit) als auch
persönlichkeits- und datenschutzrechtliche Aspekte auf: Ob die vermittelten
Informationen verständlich sind, das Einholen von Zweitmeinungen befürwortet
wurde und Qualifizierungsmaßnahmen in der Praxis durchgeführt wurden.
Darüber hinaus hat das ÄZQ im Jahr 2011 einen Katalog [61] von Qualitätsanforderungen für
Arztbewertungsportale veröffentlicht. Darin sind Anforderungen genannt, die der Patient
bei der Nutzung solcher Portale hinterfragen sollte, ob es etwa nachvollziehbar sei,
nach
welchen Kriterien die Darstellung der Treffer erfolge oder ob Ärzte über ihre
Aufnahme in das Portal informiert werden oder ob Werbung und Information im Angebot
voneinander
abgegrenzt sind?
Wer diese Hinweise in seine Prüfung aufnimmt, wird schneller schwarze Schafe auch
unter den Gesundheitsanbietern identifizieren können: So gehen Durchbrüchen in
der Medizin üblicherweise viele Jahre Grundlagenforschung und klinischer Erprobung
voraus, die in Qualitätsmedien besprochen werden. Anders verhält es sich bei
einem Anbieter aus der HNO-Welt dessen „neuste Entdeckung“ aktuell kontrovers
diskutiert wird. Die Internetseite [62] „The hearing
loss“ bezeichnet sich selbst als „Deutsches Gesundheitsportal“, welches
„Nur bewährte Informationen!“ biete. Stein des Anstoßes ist ein
vermeintliches Präparat für Menschen mit Hörminderung, das auf dieser
Seite angepriesen wird. Die Anbieter versprechen, dass durch die Verwendung der angebotenen
Ohrentropfen das Tragen eines Hörgerätes hinfällig sei. Der
Bundesverband der Hörgeräteindustrie warnt auf seiner Internetseite vor der
Werbung und die Bundesinnung der Hörgeräteakustiker (BIHA) prüft
rechtliche Schritte mit Blick auf das Heilmittelwerbegesetzes (HWG).
Problematisch ist zudem, dass eine Abmahnung ins Leere laufen würde, da ein
entsprechendes Impressum nicht vorhanden ist, was wiederum ein Verstoß gegen das
Telemediengesetz darstellt. Demnach ist nicht zu ermitteln, wer hinter dem Internetauftritt
stecke, denn unter der angegebenen Telefonnummer ist kein Ansprechpartner zu erreichen.
7. Informationsportale zu Gesundheitsthemen
7. Informationsportale zu Gesundheitsthemen
Dieses Beispiel zeigt einmal mehr, welche unterschiedlichen Anbieter im Internet
„Informationen“ verbreiten oder ihre Waren feilbieten und wie wichtig es ist,
dass Nutzer die Qualitätsanforderungen, die bei analogen Käufen gang und
gäbe sind, bei Online-Rechtsgeschäften einmal mehr prüfen sollten.
Denn, so schreiben die Autoren [63], neben der
Qualitätsanforderung, dem Sprachniveau der Zielgruppe zu entsprechen, müssen die
Beiträge Aufschluss über die Autorenschaft, Finanzierung, Nachweis von Quellen
und Referenzen sowie der Zeitpunkt der Erstellung und Überarbeitung offenlegen.
Mit Blick auf die Qualität (von Informationen) sei an den eingangs erwähnten
Abgleich der Anforderung (Soll) mit dem Vorgefundenem (Ist) erinnert: Denn bevor die
Korrektheit
der Information vom Laien vielleicht nur im Ansatz geprüft werden kann, muss der Leser
zunächst in der Lage sein, den Text sprachlich überhaupt zu verstehen. Die dabei
gewählte Sprachebene der Beiträge stellt häufig für Leser eine
solche Hürde dar, dass die Prüfung auf Vollständigkeit, Konsistenz,
Relevanz, Transparenz und eben Korrektheit nicht möglich erscheint; am ehesten noch
die
Prüfung auf Aktualität. Die Autoren [64]
führen Studien an, v. a. aus dem englischen Sprachraum, die zeigen, dass nahezu immer
die Gesundheitsinformationen für den Laien zu schwer verständlich seien. Das
Gesundheitsministerium der USA empfehle daher, die Schwierigkeitsstufe der Beiträge
dem
Niveau maximal der 7. Jahrgangsstufe des Bildungssystems der USA anzupassen, was die
durchschnittliche Satzlänge und die Silbenzahl pro Wort reduziere. Auch die
Schwierigkeit eines Textes in deutscher Sprache kann mit einem Lesbarkeitsindex [65] bestimmt werden, dieser trifft aber keine Aussage über
die Komplexität des Inhalts.
Die Studie [66] aus England untersuchte die Qualität
– hinsichtlich der Verständlichkeit und Korrektheit – von
HNO-Krankheitsbildern im Internet. Demzufolge informierten sich englische Patienten
zu
70% online zu medizinischen und gesundheitlichen Themen. Neben den beiden Quellen
(patient.co.uk und cancerresearchuk.org), die von Medizinern inhaltlich bedient werden,
kommt
der Online-Enzyklopädie Wikipedia keine unerhebliche Rolle zu. Trotz der Gefahr, dass
jeder bei Wikipedia Verfasser werden kann und etwaige Interessenkonflikte nicht offengelegt
werden müssen, konnten die Autoren der Studie festhalten, dass
Gesundheitsbeiträge auf Wikipedia.org allein im Jahr 2013 rund 4,8 Milliarden Aufrufe
zählten. Dabei attestierten die Forscher den untersuchten Wikipedia-Artikeln, im
Vergleich zu den beiden anderen Quellen über zutreffende, aber unvollständige
Informationen zu verfügen, die für Universitätsstudenten
verständlich waren. Die institutionelle Quelle (cancerresearchuk.org) hingegen wurde
auch von 13- bis 14-jährigen verstanden.
Weitere Orientierungshilfe für Patienten bietet das in England entwickelte Instrument
DISCERN [67], das auch auf Deutsch verfügbar ist, und
die Qualität von Patienteninformationen einschätzt, die Behandlungsalternativen
beschreiben. Die fünfzehn Fragen entsprechen jeweils einem eigenen
Qualitätskriterium (etwa Aktualität, Transparenz, Vollständigkeit,
Quellennachweis) und betreffen die Verlässlichkeit und den Nutzen des Beitrages.
Auch die Schweizer Health On the Net (HON)-Stiftung [68] hat
es sich zur Aufgabe gemacht, sowohl „Laienbenutzer als auch medizinisches Fachpersonal
zu vertrauenswürdigen Informationsquellen im Bereich der Gesundheitsfürsorge im
Cyberspace (zu) führen“. Die 20 000, nach einem von HON formulierten
Verhaltenskodex zertifizierten, Internetseiten behandeln aber nur einen Teil der im
Internet
vorhandenen Gesundheitsinformationen.
Die Studie [69] nennt den Informationsdienst der United
States National Library of Medicine, der einen Katalog mit 1000 Erkrankungen ausweist
und mit
Fachwörterbuch, Links, Definitionen und Adressen dem Nutzer im US-amerikanischen
Gesundheitssystem Orientierung gibt.
Mit Blick auf die Informationsqualität von HNO-Themen nennt die Studie [70] zahlreiche – auch internationale - Untersuchungen und
schreiben etwa, dass nicht nur HNO betreffend, sondern „alle im Internet
verfügbaren Informationen der US-amerikanischen Fachgesellschaften zu schwierig lesbar
sind“. Suchergebnisse von HNO-Krankheitsbildern und Prozeduren, die mit den vorgenannten
Bewertungsinstrumenten wie Lesbarkeitsindices, DISCERN, HON untersucht wurden, ergaben,
dass die
Informationen die Lesekompetenz vieler Nutzer überforderten.
Ein zentrales Internetportal, das mit qualitativ einwandfreier Information dem Nutzer
zur
Verfügung steht, ist bisher in deutscher Sprache nicht vorhanden.
Daher kommt dem Arzt eine veränderte Bedeutung zu, denn die Informationsvielfalt im
Internet hat Einfluss auf das Verhältnis zwischen Arzt und Patient. Wie weiter oben
erwähnt, begrüßen nicht alle Ärzte die auf diesem Wege
angeeigneten Informationen seitens des Patienten. Gleichwohl stellt das partnerschaftliche
Verhältnis, in dem Entscheidungen gemeinsam getroffen werden, für den Arzt auch
eine Entlastung dar: Zwar kann es zu längeren Aufklärungsgesprächen
kommen, wenn Patienten Informationen aus dem Internet falsch oder gar nicht verstanden,
unrealistische Erwartungen entwickelt haben oder einer unseriösen Quelle aufgesessen
sind. Das kostet Zeit, die monetär nicht entlohnt wird, verlangt dem Arzt Langmut
ab und
mag ihm das wenig schmeichelhafte Gefühl vermitteln, der „informierte“
aber nicht wissende Patient meinte es sogar besser zu wissen. Letztlich ist das Internet
„die erste Innovation im Gesundheitswesen, die nicht vollständig in der
Kontrolle des Arztes, sondern mindestens ebenso in der des Patienten ist“, so die
Studie
[71].
Um dem Patienten bei seiner Recherchebemühungen dort zu erreichen, wo er versucht,
Information und Orientierung zu finden, könnte der Arzt die Rolle des Lotsen einnehmen:
Das bedingt, dass der Arzt sich mit dem Informationsangebot im Internet vertraut gemacht
hat und
den Patienten durch den Angebotsdschungel weisen kann, denn der Arzt kann als Experte
die
Informationen verifizieren und gewichten. Dadurch wird der Arzt für den Patienten
nicht
weniger wichtig, sondern die Funktion des Arztes verschiebt sich in der heutigen
Wissensgesellschaft: Der vorinformierte Patient ist für den Arzt daher ein Gewinn
hinsichtlich seiner Bereitschaft, sich aktiv mit dem Thema auseinanderzusetzen und
dadurch
zeigt, dass er offen ist und sich konstruktiv am Genesungsprozess beteiligen will.
Die Studie
[72] verweist auf Veröffentlichungen, die die
große Bedeutung des persönlichen Verhältnisses zwischen Arzt und
Patienten trotz der fortschreitenden Digitalisierung hervorheben. Die Ergebnisse der
Studie
[73] zeigen, dass 30% ihre Patienten ermuntern, sich
nach dem Arztbesuch zu informieren. Zudem freuen sich 42% der Ärzte am Interesse
des Patienten, gleichwohl sich ein Viertel zeitlich überfordert fühlen, sich
10% über das Informationsverhalten des Patienten ärgern und nur
sieben% das ihnen entgegengebrachte Vertrauen infrage gestellt sehen.
8. Viele Ärzte kennen die Informationsquellen ihrer Patienten nicht oder haben
keine Meinung zu deren Qualität
8. Viele Ärzte kennen die Informationsquellen ihrer Patienten nicht oder haben
keine Meinung zu deren Qualität
Dabei zeigt die Studie [74] auch, dass 70% der
Ärzte die Herkunft der Informationen hinterfragen und knapp die Hälfte der
befragten Ärzte die Information durch eigene Recherche überprüfen und
nur 18% keine Zeit aufbringen, auf die vom Patienten recherchierten Informationen
einzugehen. Zudem raten 22% der Ärzte den Patienten von eigeninitiativer
Informationssuche ab, während 30% genau dazu ermuntern. Mehr als die
Hälfte der Ärzte (56%) geben vertrauenswürdige
Informationsmaterialien oder Hinweise (49%) auf gute Informationsquellen an Patienten
weiter; dabei suchen 47% der Ärzte selbst nach geeigneten
Patienteninformationen.
Dieses heterogene Bild in der Ärzteschaft entsteht auch aufgrund der Tatsache, dass
der Bekanntheitsgrad qualitativ hochwertiger Informationsquellen eher gering ist:
So berichten
die befragten Ärzte laut der Studie [75], dass
96% Wikipedia zwar kennen, aber nur 58% diese Quelle als
vertrauenswürdig einschätzen; die Webseite „Jameda.de“ kennen
87%, nur 13% halten die Quelle jedoch für seriös, gefolgt von
der Webseite „apotheken-rundschau.de“, die 84% zwar kennen, aber nur
33% für fundiert halten. Diese Umfrageergebnisse nehmen umso mehr Wunder, als
dass qualitativ hochwertige Informationsquellen vorhanden sind, deren Bekanntheit
aber auf den
hintersten Plätzen des Befragungsergebnisses rangiert: So liegt bei den 804 ambulant
tätigen Ärzten, die an dieser Onlinebefragung [76] teilgenommen haben, der Bekanntheitsgrad der Webseite
„krebsinformations-dienst.de“ des DKFZ unter einem Viertel (23%),
immerhin halten von den Ärzten, den diese Internetseite bekannt ist, 70% die
Quelle für zuverlässig, gefolgt von den Gesundheitsinformationsportalen
„patienten-information.de“ (ein Service des ÄZQ),
„patientenberatung.de“ (Unabhängige Patientenberatung Deutschland),
gesundheitsinformation.de (Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im
Gesundheitswesen – IQWiG) und der Leitfaden „Sich informieren und
entscheiden“ (IQWiG). Diese unabhängigen Portale mit dem Anspruch,
evidenzbasierte Medizin [77] laienverständlich
aufzubereiten, sind nur rund einem Fünftel der Ärzte bekannt und gerade mal
sechs Prozent halten sie für glaubwürdig.
Bei diesem geringen Kenntnisgrad seitens der Ärzte erscheint die Frage nach der
Herkunft der Informationen, mit denen ihre Patienten sie konfrontieren, in einem
gänzlich anderen Licht. Die Studie [78] empfiehlt
daher, dass nicht nur Laien, sondern v. a. auch Ärzte – als Multiplikatoren
– sich mit dem Informationsangebot vertraut machen sollten.
9. Nationales Gesundheitsportal in Deutschland als Lösung?
9. Nationales Gesundheitsportal in Deutschland als Lösung?
Im aktuellen Koalitionsvertrag von CDU und SPD aus dem Jahr 2017 wurde über die
Einrichtung eines Nationalen Gesundheitsportals Einigung erzielt. Daraufhin hat das
Bundesministerium für Gesundheit (BMG) das IQWiG mit der Erstellung eines umfassenden
Konzeptes [79] für ein „Nationales
Gesundheitsportal“ beauftragt. Dieser Plan [80] liegt
seit August 2018 vor, allerdings ist bislang die Trägerschaft des Portals nicht
entschieden und daher mit der Umsetzung des Konzeptes noch nicht begonnen worden.
Dieses nimmt sich Anleihen bei internationalen Vorbildern etwa aus der englischsprachigen
Welt
(UK, USA, Australien) sowie bei Vorreitern aus Deutschland wie den themenspezifischen
Portalen
der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, die bereits zu Drogen und
Sexualität bestehen. Das Portal soll folgenden Anforderungen genügen: Zentraler
deutschsprachiger Internetzugang zu qualitätsgesicherten, werbefreien und nicht
kommerziellen Informationen rund um Fragen der Gesundheit, damit diese für
Gespräche und gemeinsame Entscheidungen mit Ärzten genutzt und so formuliert
sind, dass sie sich für Menschen mit unterschiedlichen Anforderungen an Breite und
Tiefe
der Inhalte eignen.
Selbst wenn das Nationale Gesundheitsportal in absehbarer Zeit Realität werden sollte,
mag die Nutzung einigen vorenthalten bleiben. Wie die Versichertenbefragung [81] der KBV aus dem Jahr 2018 zeigt, hat die Hälfte der
Erwachsenen in Deutschland Interesse an dem von der Bundesregierung geplanten Nationalen
Gesundheitsportal im Internet: Danach „würden 50% aller Versicherten
bzw. 59% derjenigen, die das Internet nutzen, ein solches Portal mit
verlässlichen Informationen über medizinische Fragestellungen nutzen. Insgesamt
31% würden das nicht tun, 16% aller 18- bis 79-jährigen
Befragten nutzen kein Internet“. Besonders in den Bundesländern
Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern wäre die Reichweite dieses zentralen
Gesundheitsportals eingeschränkt, da die Befragten (Thüringen 26%,
Mecklenburg-Vorpommern 29%) über keinen Internetzugang verfügen.
Trotz der teilweise eingeschränkten Nutzung bzw. Verfügbarkeit des (schnellen)
Internets in Deutschland, wird langfristig am Internet als Informationsquelle mit
den
aufgezeigten Schwierigkeiten kein Weg vorbeiführen. Die Nutzer müssen besser
früh als spät eine Sensibilität für dubiose Anbieter, Urheber
und Zertifikate entwickeln sowie auf seriöse Angaben im Impressum und Quellenangaben
achten. Vorsicht war, ist und bleibt die Mutter der Porzellankiste, ob es sich nun
um einen
fahrenden Wunderheiler mit Salbentiegeln und Kräuterbüscheln auf dem
mittelalterlichen Marktplatz handelt oder um Webseiten von Gesundheitsanbietern gespickt
mit
jauchzenden Patienten-Lobpreisungen und anmaßenden Selbstzuschreibungen.
So gibt es auf diesem Feld noch einiges zu bestellen, um bereits vorhandene, qualitativ
hochwertige Informationen in der Medizin zu einer nennenswerten Bekanntheit zu verhelfen
und
für die Adressaten leicht auffindbar bereit zu stellen.
10. Rat für das „schnarchende Kind“?
10. Rat für das „schnarchende Kind“?
Mit Blick auf den eingangs erwähnten Fall vom schnarchenden Kind könnte die
Mutter auf den folgenden Seiten Informationen finden:
Auf der Webpage [82] der Deutschen Gesellschaft für
Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie e.V. finden sich nach der Eingabe
des
Wortes „schnarchen“ in der Suchfunktion ein Auszug von der Jahresversammlung
2010 zu dem Thema; für Nutzer, die die englische Sprache beherrschen, bietet (unter
dem
Reiter: Publikationen) der Link „PubMed“ (Medline) die Möglichkeit, mit
dem englischen Wort für schnarchen (snorking children) unter 1.781 wissenschaftlichen
Publikationen auszuwählen.
Sollte sich die besorgte Mutter stattdessen für die Webpage [83] „hno-aerzte-im-netz.de“ entschieden haben und
(unter dem Reiter: Krankheiten) „schnarchen“, „Besonderheiten bei
Kindern“ auswählen, mag die dort zu findende Information sie
möglicherweise zu weiterer Recherche verleiten, oder aber dem Fußball-Abend des
Vaters ein jähes Ende bereiten.