Schlüsselwörter
epilepsietypische Potenziale - Anfälle - automatische Detektion - EEG - Epilepsie
Key words
epileptiform potentials - seizures - automatic detection - EEG - epilepsy
bpm Beats per Minute
CNN Convolutional Neural Network
EEG Elektroenzephalografie
EMU Epilepsie-Monitoring-Unit
ETPs epilepsietypische Potenziale
FAR false positive Alarm Rate
FIRDA frontale intermittierende rhythmische Verlangsamung
FN false negative
LSTM Long Short Term Memory
RNN Recurrent Neural Network
SUDEP Sudden Unexpected Death in Epilepsy
TIRDA temporale intermittierende rhythmische Verlangsamung
TP true positive
Fallbeispiel Frau E.: Anamnese und bisherige Untersuchungen
Anamnese
Die 53-jährige Patientin leidet seit ihrem 13. Lebensjahr an Epilepsie.
Anfallsbeschreibung:
-
Anfallstyp 1:
-
Komisches, nicht näher zu beschreibendes Gefühl im Kopf, innere Unruhe,
fühlt sich wie ferngesteuert, kann sprechen, versteht alles, kann sich an alles
erinnern, Bewusstsein durchgehend erhalten.
-
Frequenz: 3–4 ×/Monat.
-
Anfallstyp 2:
-
Entwickelt sich aus Anfallstyp 1, starrer Blick, keine Reaktion auf
Ansprache, Bewusstseinsstörung, die Patientin erinnert diese
Anfälle nicht.
-
Frequenz: 2 ×/Monat.
-
Anfallstyp 3:
Kein Status epilepticus in der Anamnese erhebbar.
Schwangerschaft und Geburt: Zwillingsgeburt (Zweitgeborene), Saugglocke.
Ätiologie:
-
rezidivierende Fieberkrämpfe im Alter von 1,5 Jahren,
-
keine Meningitis oder Enzephalitis,
-
kein signifikantes Schädel-Hirn-Trauma.
Bisherige Untersuchungen
-
MRT-Schädel: mikroangiopathische Marklagergliosen, sonst
unauffälliger Befund.
-
Routine-EEG: gering abnorm, intermittierende Verlangsamung, generalisiert.
-
Bisherige medikamentöse Therapieversuche: Carbamazepin, Lacosamid,
Lamotrigin, Levetiracetam, Phenobarbital, Valproinsäure.
Die Patientin wird zur besseren Charakterisierung ihres Anfallsleidens zur
Durchführung eines stationären intensiven Video-EEG-Monitorings in
unsere Epilepsie-Monitoring-Unit aufgenommen.
Bedeutung der Elektroenzephalografie in der Epileptologie
Bedeutung der Elektroenzephalografie in der Epileptologie
Die Erfassung von sog. epilepsietypischen Potenzialen (ETPs) ist wichtig [1]
[2]
-
in der Differenzialdiagnose von anfallsartigen Ereignissen,
-
in der Prognoseabschätzung nach einem ersten Anfall,
-
in der Klassifikation bzw. syndromatologischen Zuordnung von Epilepsien,
-
in der Lokalisation der irritativen und Anfallsursprungszone bei fokalen
Epilepsien (im Speziellen in der präoperativen
Epilepsiediagnostik),
-
in der Überprüfung der Therapiegüte bei
generalisierten Epilepsien,
-
in der Prognoseabschätzung bei fokalen Epilepsien,
-
in der Diagnostik und Therapieführung beim Status epilepticus
sowie
-
in der neurologischen Intensivmedizin.
Obwohl die EEG-Aufzeichnung seit vielen Jahrzehnten digital erfolgt, stellt die
visuelle Analyse der EEG-Rohdaten („EEG-Kurven“) nach wie vor den
Goldstandard der EEG-Befundung dar.
Das EEG ist nach wie vor die wichtigste apparative diagnostische Methode in der
Epileptologie.
Probleme bei der visuellen EEG-Befundung
Probleme bei der visuellen EEG-Befundung
Bei der visuellen EEG-Befundung ergeben sich allerdings die folgenden Probleme [3]
[4]
[5]:
-
Die visuelle EEG-Befundung ist zeitaufwendig (insbesondere die Analyse von
Langzeitableitungen). Obwohl die EEG-Befundung durch erfahrene EEG-Befunder
im Allgemeinen mit hoher Geschwindigkeit erfolgt, ergibt sich selbst bei
24-facher Analyse-Geschwindigkeit im Vergleich zur tatsächlichen
Aufzeichnungszeit ein Zeitaufwand von einer Stunde zur Befundung einer
24-stündigen EEG-Aufzeichnung.
-
Die visuelle EEG-Befundung ist anstrengend und ermüdend (insbesondere
die Befundung von zahlreichen EEG-Ableitungen und die Analyse von
Langzeitableitungen). Ermüdung und Ablenkung des EEG-Befunders sind
also nicht auszuschließen, was die Befundqualität
beeinträchtigen kann.
-
Die EEG-Befundung erfordert eine spezielle Ausbildung und Erfahrung.
Fehldiagnosen durch wenig erfahrene EEG-Befunder sind häufig.
-
Auch unter qualifizierten und erfahrenden EEG-Befundern ist die
Übereinstimmung bei der Annotation von ETPs keineswegs perfekt. Dies
limitiert die Vergleichbarkeit der EEG-Befunde zwischen verschiedenen
Einrichtungen, aber auch innerhalb einer Einrichtung.
-
Die Verfügbarkeit von qualifizierten EEG-Befundern speziell
außerhalb der Regelarbeitszeiten ist limitiert, weshalb wichtige
klinische Entscheidungen oft erst verzögert getroffen werden
können.
-
Die klassische visuelle EEG-Beurteilung ermöglicht nur sehr
eingeschränkt eine räumliche und zeitliche Quantifizierung
von ETPs. Eine derartige Quantifizierung ist für die
Prognoseabschätzung, die Therapieevaluation (bei generalisierten
Epilepsien) und in der prächirurgischen Epilepsiediagnostik
allerdings klinisch relevant.
Take Home Message
Die visuelle EEG-Befundung ist zeitaufwendig und ermöglicht speziell bei
Langzeitableitungen nur sehr eingeschränkt eine quantitative
Befunderstellung.
Probleme bei der visuellen Annotation von interiktalen epilepsietypischen
Potenzialen
Probleme bei der visuellen Annotation von interiktalen epilepsietypischen
Potenzialen
Aufgrund der Fortschritte in der computerunterstützenden Auswertung
medizinischer Daten ist es deshalb naheliegend, diese Methoden auch auf die
automatische computerunterstützte Detektion und Quantifizierung von ETPs
anzuwenden, um so eine zeitsparende, objektive, reproduzierbare, rasch und jederzeit
verfügbare, quantitative EEG-Befundung zu ermöglichen.
Interiktale epilepsietypische Potenziale sind definiert als EEG-Transienten, die sich
klar von der Hintergrundaktivität abheben, eine negative Spitze aufweisen,
von variabler Amplitude sind (im Idealfall 2× höher als die
Hintergrundaktivität 5 s vor dem ETP) und eine spitze Morphologie aufweisen.
Bei einer Dauer von 20–70 ms spricht man von einer Spitze (Spike), bei einer
Dauer von 70–200 ms von einer scharfen Welle (Sharp-Wave) [6]. Trotz dieser scheinbar klaren Definition kommt
es in der klinischen Praxis häufig vor, dass eine EEG-Transiente von einem
erfahrenen EEG-Befunder als eindeutiges ETP bezeichnet wird, während eine
morphologisch ähnliche – für einen unerfahrenen EEG-Neuling
scheinbar identische – Transiente als nicht epilepsietypisch klassifiziert
wird [5].
In diesem Zusammenhang muss auf die häufige Fehl- bzw.
Überinterpretation von EEGs speziell durch unerfahrene EEG-Befunder
hingewiesen werden. Hier sind einerseits Artefakte und andererseits sog. marginale
EEG-Muster (benigne EEG-Muster mit epileptiformer Morphologie) wie z. B.
Wicket-Spikes, benigne epileptiforme Transienten des Schlafs, 14&6
Hz-positive Spikes, Phantom-Spike-Wave-Komplexe, ein Breach-Rhythmus
u. Ä. zu nennen [7]
[8]. Falsch-negative Befunde können zur
Verzögerung oder zum Vorenthalt einer effektiven Therapie führen,
falsch-positive Befunde hingegen zu Fehldiagnosen und langdauernden Fehlbehandlungen
mit entsprechenden nachteiligen Folgen für die betroffenen Patienten [8].
Take Home Message
Die Fehlbefundung eines EEGs kann zu Fehldiagnosen und mitunter
langjährigen Fehlbehandlungen führen.
Andererseits können auch bei qualifizierten und erfahrenen EEG-Befundern
beträchtliche interindividuelle Diskrepanzen in der Zuordnung von ETPs
bestehen [9]
[10]
[11]. Die Übereinstimmung
von zertifizieren EEG-Befundern in akademischen Institutionen mit einer
EEG-Spezialausbildung ist dabei größer als die von niedergelassenen
EEG-Befundern ohne Zusatzqualifikation [9]
[10].
In einer rezenten Studie [4] zeigte sich zwar eine
substanzielle Übereinstimmung von 9 erfahrenen EEG-Befundern hinsichtlich
des Vorhandenseins von ETPs in einem gegebenen EEG (mittlere prozentuale
Übereinstimmung 80,9%, mittleres Kappa 69,4%), die
Übereinstimmung bei der Annotation einzelner ETPs war jedoch lediglich
moderat (mittlere prozentuale Übereinstimmung 72,4%, mittleres Kappa
48,7%). Die Autoren erklären die Unterschiede bei der Annotation
einzelner ETPs durch unterschiedliche subjektive individuelle Schwellenwerte der
verschiedenen EEG-Befunder für die binäre Entscheidung ETP vs. kein
ETP, die sich durch wenige morphologische Eigenschaften erklären
ließen [4].
Bei der visuellen EEG-Befundung besteht auch in erfahrenen Händen eine
beträchtliche interindividuelle Variabilität.
Qualitätskriterien bei der automatischen Detektion von interiktalen
epilepsietypischen Potenzialen
Qualitätskriterien bei der automatischen Detektion von interiktalen
epilepsietypischen Potenzialen
Die Qualität eines Algorithmus zur Detektion von interiktalen ETPs wird an
dessen Sensitivität und Spezifität gemessen.
Sensitivität
Die Sensitivität ist ein Maß für die Erfassung von ETPs.
Algorithmen mit hoher Sensitivität detektieren nahezu alle ETPs, bei
niedriger Sensitivität können relevante ETPs hingegen unerkannt
bleiben.
Spezifität
Die Spezifität reflektiert die Zahl der falsch-positiven Detektionen. Bei
einer hohen Spezifität ist die Zahl der falsch-positiven Detektionen
niedrig, bei niedriger Spezifität hingegen gibt es eine große
Zahl von falsch-positiven Detektionen (bedingt durch Artefakte oder
nicht-epilepsietypische Transienten).
Die Konsequenz einer niedrigen Spezifität für die klinische
Praxis ist, dass – aufgrund der hohen Zahl der Detektionen –
letztlich ein Großteil des EEGs visuell reanalysiert werden muss. Dies
ist dann letztlich zeitaufwendiger als die traditionelle visuelle Analyse per
se, womit eine derartige automatische Detektion nutzlos wird. Viele Algorithmen
verwenden deshalb ein mehrstufiges Vorgehen, bei dem zunächst
möglichst viele scharfe Transienten detektiert werden und dann in einem
zweiten Schritt Artefakte und nicht-epilepsietypische Transienten gezielt
verworfen werden.
Das Problem der meisten Algorithmen besteht darin, dass eine hohe
Sensitivität nur auf Kosten einer hohen Rate von falschen Alarmen
erreicht werden kann und umgekehrt eine niedrige Rate von falschen Alarmen nur
auf Kosten einer reduzierten Sensitivität. In der Literatur werden
für automatische Spike-Detektionsprogramme durchschnittliche
Sensitivitäten zwischen 65 und 99% sowie durchschnittliche
falsch-positive Detektionen zwischen 0,09 und 13,4 pro Minute berichtet [12].
Take Home Message
Automatische Spike-Detektionsprogramme verfügen über
Sensitivitäten von 65–99%, bei 0,09–13,4
falsch-positiven Detektionen pro Minute.
Goldstandard für die automatische Detektion von interiktalen
epilepsietypischen Potenzialen
Goldstandard für die automatische Detektion von interiktalen
epilepsietypischen Potenzialen
Ein weiteres Problem bei der Überprüfung der Qualität eines
Spike-Detektionsprogramms besteht in der Definition eines geeigneten
Goldstandards.
Der Goldstandard ist dabei nach wie vor die visuelle Annotation von ETPs durch
qualifizierte und erfahrene EEG-Befunder.
Allerdings müssen hierbei die bereits oben angeführten Diskrepanzen
bei der visuellen Annotation von ETPs durch unterschiedliche EEG-Befunder
berücksichtigt werden. Welcher EEG-Befunder definiert also den Goldstandard?
Eine Möglichkeit besteht darin, den Goldstandard als Konsens verschiedener
EEG-Befunder festzulegen. Allerdings bildet bei dieser Vorgehensweise ein
automatisches Spike-Detektionsprogramm die klinische Befundroutine keines einzigen
individuellen EEG-Befunders mehr ideal ab, d. h. individuelle EEG-Befunder
werden immer Diskrepanzen zwischen dem Spike-Detektionsprogramm und sich selbst
finden.
Alternativ könnte man das Spike-Detektionsprogramm auf einzelne EEG-Befunder
individuell trainieren und zuschneiden. Dieses Vorgehen wäre allerdings mit
einem beträchtlichen Zeitaufwand verbunden, zudem wären die
Ergebnisse von derartig individualisierten Spike-Detektionsprogrammen bei ein und
demselben Patienten unterschiedlich, und die Ergebnisse zwischen und
möglicherweise sogar innerhalb von klinischen Einrichtungen nicht mehr
vergleichbar [5].
Ein möglicher Ausweg aus diesem Dilemma ist es, Spike-Detektionsprogramme
nicht mit einem Goldstandard, sondern mit mehreren erfahrenen EEG-Befundern zu
vergleichen, also einen statistischen Turing-Test anzuwenden. Die Frage ist dann, ob
die Unterschiede zwischen den menschlichen EEG-Befundern größer oder
kleiner sind als die zwischen menschlichen EEG-Befundern und dem computerbasierten
Spike-Detektionsprogramm [11].
Tatsächlich konnte das kommerziell verfügbare
Spike-Detektionsprogramm Persyst 13 eine vergleichbare Sensitivität und
Spezifität wie 3 erfahrene EEG-Befunder erzielen [11]. Die Sensitivitäten und
korrespondierenden falschen Alarmraten pro Minute für die menschlichen
EEG-Befunder waren 40,0, 42,1 und 51,5% bzw. 0,80, 0,97 und
1,99/min, für den Persyst 13 Algorithmus 43,9% bzw.
1,65/min.
In einer rezenten Studie zeigte das Spike-Detektionsprogramm SpikeNet eine bessere
Performance als 8 erfahrene EEG-Befunder sowohl hinsichtlich der Detektion
individueller ETPs als auch hinsichtlich der Klassifikation einer gesamten
EEG-Ableitung bezüglich des Vorhandenseins bzw. Fehlens von ETPs [13].
Take Home Message
Automatische Spike-Detektionsprogramme erbringen eine vergleichbare oder sogar
bessere Performance als erfahrene menschliche EEG-Befunder.
Spike-Merkmale bei der Spike-Annotation durch menschliche EEG-Befunder
Spike-Merkmale bei der Spike-Annotation durch menschliche EEG-Befunder
Nachdem bei der Spike-Annotation die Übereinstimmung verschiedener
EEG-Experten nicht perfekt ist, ist es für die Entwicklung eines
automatischen Spike-Detektionssystems durchaus relevant festzustellen, welche
Spike-Merkmale zur Übereinstimmung bei der Spike-Annotation von menschlichen
EEG-Experten entscheidend beitragen. In einer Studie, in der 18 klinische
Neurophysiologen Spike-Annotationen in 200 EEG-Segmenten von 30 s Dauer bei
200 Patienten durchführten, konnten bestimmte Wavelet-Merkmale die
Übereinstimmung der EEG-Experten am besten vorhersagen. Diese Eigenschaften
können wiederum als Basis von Machine-Learning-Algorithmen genutzt werden
[3].
Methoden der automatischen Spike-Detektion
Methoden der automatischen Spike-Detektion
Die Umstellung von der analogen auf die digitale EEG-Technologie bedeutete einen
Anstoß für die Entwicklung von automatischen
computergestützten Spike-Detektionsverfahren in den frühen
1970 er-Jahren. Die Methoden der automatischen Spike-Detektion wurde in
mehreren exzellenten Review-Artikeln umfassend dargestellt [14]
[15]
[16]
[17]. Zu
nennen sind dabei u. a. sog. Template-Matching-Methoden, parametrische
(autoregressive) Methoden, mimetische Methoden, frequenzanalytische Methoden bzw.
die Power-Spektrum-Analyse und die Wavelet-Analyse. Zudem kamen auch die
Unabhängigkeitsanalyse (Independent Component Analysis), die
Dipolquellenanalyse (Electrical Source Imaging) und Methoden des maschinellen
Lernens (Machine Learning) für die automatische Spike-Detektion zur
Anwendung.
Eine neue Entwicklung ist die Anwendung von sog. Deep-Learning-Methoden
(mehrschichtiges Lernen, tiefes Lernen oder tiefgehendes Lernen) für die
automatische Spike-Detektion [18]. In einer
rezenten Studie zur Spike-Detektion mittels Deep Learning kamen 2 Netzwerktypen zur
Anwendung, nämlich Convolutional Neural Networks (CNNs) mit
Feedforward-Konnektivität und Long Short Term Memory (LSTM)-Netzwerke, ein
spezieller Typ von Recurrent Neural Networks (RNNs) [18]. Zum Training des Netzwerks wurden 41,381 EEG-Segmente (Dauer jeweils
2 s) mit 1478 ETPs verwendet. Die Evaluation erfolgte dann an einem anderen,
vergleichbaren Datensatz mit 8,775 EEG-Segmenten (Dauer erneut jeweils 2 s) mit 337
ETPs. Dabei konnte eine Sensitivität von 47,4% und eine
Spezifität von 98,0% (0,6 falsch-positive Detektionen pro Minute)
erreicht werden, bei normalen EEGs betrug die Häufigkeit von
falsch-positiven Detektionen 0,3 pro Minute [18].
Damit war die Sensitivität deutlich niedriger [12]
[17]
[19] bzw. vergleichbar [11]
[12]
[17] wie bei
klassischen manuell adjustierbaren Spike-Detektionsprogrammen.
Der Vorteil des Deep-Learning-Ansatzes besteht allerdings darin, dass keine
subjektiven, manuellen Adjustierungen erforderlich sind und dass die eher niedrige
Sensitivität durch weiteres Training an größeren
Datenmengen, Erhöhung der Netzwerkgröße, Optimierung der
Netzwerkarchitektur und geringe Reduktion der sehr hohen Spezifität noch
deutlich erhöht werden könnte [20]. Die höhere Rate von falsch-positiven Detektionen bei Patienten
mit fokalen Epilepsien als bei normalen Kontrollen könnte auch ein Hinweis
darauf sein, dass Deep-Learning-Algorithmen Merkmale im EEG erkennen, die der
visuellen Analyse nicht zugänglich sind [21].
Deep-Learning stellt eine vielsprechende Entwicklung in der automatischen
EEG-Befundung dar.
In [Abb. 1] und [2] sind die Ergebnisse einer automatischen computerunterstützten
Spike-Detektion und einer automatischen Analyse der räumlich-zeitlichen
Spike-Verteilung mithilfe des Spike-Detektions-Moduls EpiSpike des
EEG-Auswerteprogramms Encevis bei einer Patientin mit rechtshirniger
Temporallappenepilepsie dargestellt.
Abb. 1 Interiktales EEG – Automatische Spike-Detektion. Durch
das Spike-Detektions-Modul EpiSpike des Auswerteprogramms Encevis
detektierter Spike rechts temporal (Maximum an der Elektrode FT10 - hellblau
hinterlegt).
Abb. 2 Automatische Spike-Detektion und räumliche-zeitliche
Analyse der Spike-Cluster mit dem Spike-Detektionsmodul EpiSpike des
Auswerteprogramms Encevis. a. Relative Häufigkeit der
einzelnen Spike-Cluster. b. Visuelle Darstellung des (gemittelten)
EEGs von individuellen Spike-Clustern. c. Darstellung des Auftretens
von Spikes der verschiedenen Spike-Cluster im zeitlichen Verlauf. d.
Zusammenfassende Statistik der Spike-Detektionen über der rechten
und der linken Hemisphäre.
Fallbeispiel Frau E.: Video-EEG-Monitoring – interiktales EEG
Die visuelle EEG-Beurteilung ergibt den Befund „häufige“ Spikes
rechts temporal. Zudem kam eine automatische computerunterstützte
Spike-Detektion und räumlich-zeitliche Spike-Analyse mit dem
Spike-Detektions-Modul EpiSpike des Auswerteprogramms Encevis zur Anwendung.
[Abb. 1] zeigt einen durch das Programm detektierten
Spike rechts temporal (Maximum an der Elektrode FT10).
In [Abb. 2] sind die Ergebnisse der Auswertung des
automatischen Spike-Detektions- und Analyseprogramms zusammengefasst:
Während der gesamten Ableitdauer von 4 Tagen wurden insgesamt 432 Spikes
detektiert, alle über der rechten Hemisphäre (d. in [Abb. 2]).
Die beiden häufigsten Spike-Typen bzw. Spike-Cluster zeigten ein Maximum an der
Elektrode F8 (204 Spikes [47,2% aller Spikes]) bzw. an der Elektrode FT10 (160
Spikes [37,0% aller Spikes]) (a. in [Abb.
2]).
Das (gemittelte) EEG von individuellen Spike-Clustern ist in b. in [Abb. 2] visuell dargestellt (hier für den
Spike-Cluster mit Amplitudenmaximum an der Elektrode FT10).
c. in [Abb. 2] zeigt das Auftreten von einzelnen
Spikes innerhalb der verschiedenen Spike-Cluster im zeitlichen Verlauf. Bei unserer
Patientin zeigt sich eine deutliche zeitliche Häufung der Spikes an den
Elektroden F8 und FT10 im Zeitraum zwischen 00:00 und 00:30.
Die automatische computerunterstützte Spike-Detektion und Spike-Auswertung
ermöglichen somit eine detaillierte Analyse der räumlichen und
zeitlichen Spike-Verteilung.
Das Anfallserfassungsproblem
Das Anfallserfassungsproblem
Anfallsfrequenz und Anfallsschwere sind die wesentlichen Zielparameter sowohl in der
täglichen klinischen Epilepsiebehandlung als auch in der Beurteilung der
Effektivität von medikamentösen und nicht-medikamentösen
therapeutischen Interventionen im Rahmen klinischer Studien. Allerdings ist die von
den betroffenen Patienten und ihren Angehörigen durchgeführte
Anfallsdokumentation äußerst unzuverlässig. So wurden in
einer Studie an einem hochselektionierten Patientenklientel mit fokalen Epilepsien
während des stationären Video-EEG-Monitorings mehr als 50%
aller Anfälle, 73% der fokalen, nicht bewusst erlebten
Anfälle und 86% der Anfälle aus dem Schlaf von den Patienten
selbst nicht bemerkt [22]. Dieses Problem wird als
sog. Anfallserfassungsproblem bezeichnet und stellt eines der zentralen Probleme der
klinischen Epileptologie dar [23].
Das Anfallserfassungsproblem besteht darin, dass die Mehrzahl der fokalen, nicht
bewusst erlebten Anfälle und der Anfälle aus dem Schlaf von den
betroffenen Patienten nicht bemerkt werden.
Es besteht deshalb ein dringender klinischer Bedarf für automatische
computerbasierte Anfallsdetektionssysteme zur objektiven Anfallsdokumentation,
wodurch ein wichtiger Beitrag zur Lösung des Anfallserfassungsproblems
geleistet werden könnte [24]
[25]
[26].
Derartige Systeme könnten auch als Anfallswarnsysteme eingesetzt werden,
wodurch die Unvorhersehbarkeit der Anfälle und deren soziale Konsequenzen
abgemildert, anfallsassoziierte Verletzungen verhindert und ein Beitrag zur
Prävention von Sudden Unexpected Death in Epilepsy (SUDEP) geleistet werden
könnte [27]. Automatische
Anfallsdetektionssysteme sind schließlich eine entscheidende Komponente
für innovative bedarfsgesteuerte Therapien, wie die anfallsgetriggerte
lokale Freisetzung von Antikonvulsiva oder elektrische Stimulation, um so
Anfälle zu unterbrechen oder gar nicht entstehen zu lassen [23].
Automatische Anfallsdetektion in der Epilepsie-Monitoring-Unit
Automatische Anfallsdetektion in der Epilepsie-Monitoring-Unit
Wichtige Anwendungsmöglichkeiten für automatische
Anfallsdetektionssysteme im Rahmen des stationären Video-EEG-Monitorings in
der Epilepsie-Monitoring-Unit bestehen in
-
der Optimierung der Patientensicherheit,
-
der Ökonomisierung der Datenauswertung mit objektiver und
reproduzierbarer Quantifizierung von Anfallsmustern und
-
der automatisierten computergestützten neurologischen bzw.
neuropsychologischen iktalen und postiktalen Patiententestung.
Im Fokus der Patientensicherheit in der Epilepsie-Monitoring-Unit stehen die
rechtzeitige Erkennung und Behandlung von Anfällen, die Verhinderung des
Auftretens von Status epileptici, die Vermeidung von anfallsassoziierten
Verletzungen, die SUDEP-Prävention und schließlich die unvermittelte
Erkennung und allfällige Behandlung von anfallsassoziierten kardialen
Rhythmusstörungen [28].
Eine maximal mögliche Patientensicherheit kann grundsätzlich nur
durch kontinuierliche Überwachung durch qualifiziertes Personal
gewährleistet werden [28]
[29], die allerdings nur in 56–80%
der EMUs vorgehalten werden kann [28].
Automatische Anfallsdetektions- bzw. Anfallsalarmsysteme könnten in diesen
Situationen die Patientensicherheit signifikant verbessern.
Automatische Anfallsdetektionssysteme können auch die zeitaufwendige
EEG-Befundung signifikant optimieren [30]. Die
Analyse der klinischen Anfallssemiologie erbringt entscheidende Hinweise auf
Anfallsursprung und -propagation, wobei eine systematische interaktive Testung der
Patienten während und nach dem Anfall hier entscheidende Zusatzinformation
erbringt [31]. Allerdings kann eine solche Testung
unter klinischen Routinebedingungen oft nicht oder nur verzögert
durchgeführt werden. Eine automatisierte, computergestützte, durch
ein EEG-Anfallsdetektionssystem getriggerte Anfallstestung könnte hier
Abhilfe schaffen [32].
Take Home Message
Während des stationären Video-EEG-Monitorings könnten
durch automatische Anfallsdetektionssysteme die Patientensicherheit verbessert,
die Datenauswertung beschleunigt und objektiviert sowie die Patiententestung
automatisiert werden.
Anforderungen an automatische Anfallsdetektionssysteme
Anforderungen an automatische Anfallsdetektionssysteme
Die visuelle EEG-Analyse durch erfahrene und qualifizierte EEG-Experten stellt den
Goldstandard für die Anfallserkennung und -bewertung dar. Generell ist die
Übereinstimmung zwischen verschiedenen EEG-Experten bei der Identifikation
von EEG-Anfallsmustern hoch (durchschnittliche übereinstimmende
Sensitivität 92% und 0,117 falsch-positive Identifikationen pro
Stunde). Dennoch können eine hohe Anfallsfrequenz (mehrere Anfälle
pro Stunde), eine kurze (<10 s) sowie eine lange Anfallsdauer (~ 10
min) mit unklarem EEG-Anfallsende die visuelle Analyse mühsam machen und die
Übereinstimmung zwischen unterschiedlichen EEG-Befundern
beeinträchtigen [33]. Automatische
Anfallsdetektionssysteme könnten speziell in diesen Situationen eine
objektive und reproduzierbare Quantifizierung von Anfallsmustern erleichtern.
Ein automatisches Anfallsdetektionssystem muss unterschiedliche Anfallstypen bei
unterschiedlichen Patienten mit unterschiedlichen Epilepsiesyndromen mit hoher
Sensitivität und hoher Spezifität detektieren.
Sensitivität
Die Sensitivität ist dabei definiert als Quotient von TP/(TP
+ FN).
-
TP bedeutet true positives oder richtig-positive, d. h.
Anfälle, die sowohl vom EEG-Experten als auch vom
Anfallsdetektionssystem als Anfälle erkannt werden.
-
FN bedeutet false negatives (FN) oder falsch-negative, d. h.
Anfälle, die vom EEG-Experten erkannt werden, nicht aber vom
Anfallsdetektionssystem.
Spezifität
Die Spezifität wird definiert über die Anzahl von
falsch-positiven Alarmen (false positive Alarm Rate, FAR) pro Zeiteinheit [24]
[25]
[26]
[34]. Die
Anforderungen an die Spezifität hängen auch von der Anwendung
ab. So können bei einer automatischen Anfallsdetektion in der
Epilepsie-Monitoring-Unit falsch-positive Alarme eher hingenommen werden als in
Patientenwarnsystemen.
Einsatz als Alarmsystem
Ein Anfallsdetektionssystem ist nur dann als Alarmsystem brauchbar, wenn eine
Online-Detektion mit kurzer Detektionslatenz von wenigen Sekunden
möglich ist. Die Detektionslatenz ist dabei definiert als die zeitliche
Verzögerung zwischen dem vom EEG-Experten visuell festgelegten
Anfallsbeginn im EEG und dem Zeitpunkt, zu dem der Alarm durch das
Detektionsprogramm gesetzt wird [35].
Take Home Message
Ein automatisches Anfallsdetektionssystem soll Anfälle mit hoher
Sensitivität bei niedriger falsch-positiver Alarmrate detektieren.
Bei Alarmsystemen ist zudem eine Online-Detektion mit kurzer
Detektionslatenz erforderlich.
Fallbeispiel Frau E.: Video-EEG-Monitoring – Anfälle und iktales EEG
Während des Monitorings konnten 2 habituelle Anfälle abgeleitet werden.
Die Patientin verspürte dabei (wie schon anamnestisch berichtet) ein komisches,
nicht näher beschreibbares Gefühl im Kopf, dann eine innere Unruhe,
nachfolgend dann Innehalten, die Patientin starrte ins Leere, reagierte nicht auf
Ansprache, postiktal war bei einem Anfall ein repetitives Wassertrinken zu
beobachten.
Die klinische Anfallssemiologie deutet somit auf einen Anfall aus dem rechten
Temporallappen hin (postiktales Wassertrinken als lateralisierendes Zeichen für
einen Anfallsursprung in der nicht-sprachdominanten Hemisphäre).
Die visuelle EEG-Beurteilung ergibt den Befund eines rechtstemporalen Anfallsmusters
(rhythmische Theta-Tätigkeit).
Zudem erfolgten eine automatische Anfallsdetektion mit dem Anfalls-Detektions-Modul
EpiScan und eine automatische Analyse des EEG-Verlaufs mit dem EEG-Trend-Modul
NeuroTrend des EEG-Auswerteprogramms Encevis über die gesamte Ableitdauer.
[Abb. 3] zeigt ein durch das Anfalls-Detektions-Modul
EpiScan detektiertes rechtstemporales Anfallsmuster.
Algorithmen zur automatischen Anfallsdetektion
Algorithmen zur automatischen Anfallsdetektion
Die Algorithmen zur automatischen Anfallsdetektion können entweder auf einen
oder auf mehrere EEG-Kanäle angewendet werden. Der Vorteil von Algorithmen,
die mehrere oder alle EEG-Kanäle zur Anfallsdetektion verwenden, liegt
darin, dass keine A-priori-Festlegungen betreffend der Anfallsursprungszone
erforderlich sind. Bei diesen Algorithmen kann die Wahl der Montage von kritischer
Bedeutung für die Performance des Algorithmus sein [36].
Generell bestehen Algorithmen zur automatischen Anfallsdetektion aus den folgenden
Schritten [37]:
-
Prä-Processing, d. h. Artefakterkennung und -bereinigung,
Datenfilterung;
-
Feature Berechnung/Reduktion/Extraktion, d. h.
Berechnung, Reduktion und Extraktion von anfallstypischen Merkmalen aus den
EEG-Daten;
-
Klassifikation, d. h. Anwendung eines Schwellenwerts oder von
modellbasierten Kriterien für die Entscheidung, ob im analysierten
EEG-Abschnitt ein Anfall vorliegt oder nicht.
Bei Anfallsdetektionssystemen erfolgt zunächst ein
Prä-Processing, nachfolgend eine
Feature-Berechnung/Reduktion/Extraktion und schließlich
eine Klassifikation, ob im analysierten EEG-Abschnitt ein Anfall vorliegt oder
nicht.
Unterschiedliche EEG-Merkmale wurden in zahlreichen Algorithmen zur Anfallsdetektion
verwendet:
-
morphologische Merkmale in der Zeitdomäne (z. B. Line Length,
Halfwaves, Area, Amplitude, Principal Component Analyse etc.),
-
biologisch inspirierte Merkmale (z. B. Kreuzkorrelation zwischen den
Kanälen, Synchronisation etc.) und
-
Frequenzeigenschaften (z. B. Fast-Fourier-Transformation,
Wavelet-Transformation etc.).
Die Klassifikationskriterien reichen von einfachen Schwellwertverfahren bis zu
komplexen Machine-Learning-Methoden wie Support-Vektor-Maschinen,
Random-Forest-Verfahren (Entscheidungsbäume) und künstlichen
neuronalen Netzwerken [34]
[37]. Zuletzt kamen auch Deep-Learning-Algorithmen
zur Anwendung [38]
[39]. Die Algorithmen werden zunächst an einem Trainingsdatensatz
trainiert und dann an einem unabhängigen prospektiven Datensatz validiert
[30]
[37].
Zahlreiche Anfallsdetektionssysteme konnten bereits in der klinischen Routine erprobt
werden. Die in diesen Studien berichteten Sensitivitäten liegen zwischen 75
und 90% [24]
[25]
[26].
Probleme bei der Detektion machen EEG-Anfallsmuster mit kurzer Dauer, niedriger
Amplitude, hochgradig umschriebener fokaler Aktivität, hoher Frequenz und
ungewöhnlicher nicht-rhythmischer Morphologie sowie Artefakt-verdeckte
Muster.
Deshalb sind Anfälle bei extratemporalen Epilepsien schwieriger zu
detektieren als Anfälle bei Temporallappenepilepsien [30]
[34].
Die Spezifität variiert zwischen 0,1–5 falsch-positiven Alarmen (FAR)
pro h [24]
[25]
[26]. Niedrige FARs sind für
die praktisch-klinische Akzeptanz eines Algorithmus wichtig, und zwar besonders
dann, wenn der Algorithmus als Alarmsystem verwendet wird. Hohe FARs würden
hier zu einer Verunsicherung des Patienten und zu unnötigen Reaktionen der
Angehörigen oder des medizinischen Personals führen. Gründe
für falsch-positive Alarme können einerseits physiologische und
pathologische EEG-Veränderungen, wie EEG-Muster während des Schlafs
sowie frontale intermittierende rhythmische Verlangsamungen (FIRDA) und temporale
intermittierende rhythmische Verlangsamungen (TIRDA) sowie andererseits
verschiedene, vor allem rhythmische Artefakte sein (z. B. Kauartefakte,
Artefakte beim Zähneputzen, rhythmische Bewegungen, Augenbewegungen etc.)
[30]
[34].
Die Wahl der mit dem Algorithmus analysierten Elektroden (insbesondere die Verwendung
basaler temporaler Elektroden) und die gewählten Montagen können die
Sensitivität und die Spezifität entscheidend beeinflussen [34].
Um eine stabile Performance zu erreichen, muss ein Algorithmus an einer
großen EEG-Datenmenge getestet werden, die auch alle Facetten des
interiktalen EEGs über den gesamten Schlaf-Wach-Zyklus, verschiedenste
Artefakte und sämtliche physiologische und pathologische
EEG-Veränderungen beinhaltet. Der Algorithmus muss deshalb auch die rasche
und robuste Handhabung großer EEG-Datenmengen ermöglichen [30]
[34].
Die Sensitivitäten für automatische Anfallsdetektionssysteme liegen
bei 75–90% bei 0,1–5 falsch-positiven Alarmen pro h.
In [Abb. 3] ist das Anfallsmuster eines durch das
Anfalls-Detektions-Modul EpiScan des EEG-Auswerteprogramms Encevis detektierten
rechtstemporalen Anfalls dargestellt. In [Abb. 4]
sind die Ergebnisse der automatischen Analyse des EEG-Verlaufs mit dem
EEG-Trend-Modul NeuroTrend des EEG-Auswerteprogramms Encevis zusammengefasst.
Abb. 3 Iktales EEG – automatische Anfallsdetektion. Anfallsmuster mit
rhythmischer Thetatätigkeit rechts temporal (detektiert durch das
Anfalls-Detektions-Modul EpiScan des EEG-Auswerteprogramms Encevis).
Abb. 4 Automatische Analyse des EEG-Verlaufs mit dem EEG-Trend-Modul
NeuroTrend des EEG-Auswerteprogramms Encevis. a. Art des EEG-Musters
(EEG-Pattern) farbkodiert dargestellt (PD = periodic discharge, RDA
= rhythmic delta activity, RDA + S = rhythmic delta
activity with superimposed sharp waves, RTA = rhythmic theta
activity, RAA = rhythmic alpha activity). b.
Pattern-Localization: Lokalisation des Musters (rechts vs. links sowie
frontal, midline, occipital). c. Pattern-Frequency: Frequenz des
Musters. d. Amplitude-Integrated EEG: amplituden-integriertes EEG
über der rechten und linken Hemisphäre. e. Frequency
Bands – Stacked Proportions: Darstellung des relativen Beitrags
verschiedener Frequenzbänder zum EEG. f. Heart Rate:
Herzfrequenz (BPM = beats per minute).
Fallbeispiel Frau E.: Video-EEG-Monitoring – Darstellung des EEGs im
zeitlichen Verlauf
In [Abb. 4] sind die Ergebnisse der
automatischen Analyse des EEG-Verlaufs mit dem EEG-Trend-Modul NeuroTrend des
EEG-Auswerteprogramms Encevis zusammengefasst.
Bei unserer Patientin zeigt die computergestützte Auswertung zum
Zeitpunkt des detektierten Anfalls (vertikale Linie) eine rhythmische
Theta-Tätigkeit (orange-farben; a. in [Abb.
4]) über der rechten Hemisphäre (s. Pattern
Localization; b. in [Abb. 4]), mit einer
Frequenz von etwas mehr als 4 Hz (s. Pattern Frequency; c. in [Abb. 4]). Die Amplitude des EEGs zeigt einen
Anstieg über der rechten Hemisphäre (s. Amplitude-Integrated
EEG; d. in [Abb. 4]), der relative
Theta-Frequenzanteil des EEGs nimmt während des Anfalls signifikant auf
über 60% zu (s. Frequency Bands – Stacked Proportions;
e. in [Abb. 4]). Die Herzfrequenz zeigt einen
abrupten Anstieg auf 120 bpm (s. Heat Rate; f. in [Abb. 4]).
Zudem können im zeitlichen Verlauf des interiktalen EEGs wiederholte
intermittierende rhythmische Delta-Aktivitäten (temporal intermittent
rhythmic delta activity – TIRDA, violett) über der rechten
Hemisphäre visualisiert werden.
Zusammenfassend ergibt sich somit der Befund einer rechtshirnigen
MR-negativen Temporallappenepilepsie.
Neben der Anfallsdetektion mittels EpiScan ermöglicht NeuroTrend somit
einen umfassenden Überblick über wesentliche EEG-Parameter im
gesamten zeitlichen Verlauf der EEG-Ableitung.
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Automatische computerunterstützte Methoden zur Detektion von
epilepsietypischen Potenzialen (ETPs) und Anfallsmustern ermöglichen
eine zeitsparende, objektive, rasch und jederzeit verfügbare
quantitative EEG-Befundung.
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Automatische Spike-Detektionsprogramme erkennen ETPs mit einer
Sensitivität von 65–99% bei falsch-positiven Detektionen
von 0,09–13,4 pro Minute.
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In rezenten Studien zeigten automatische Spike-Detektionsprogramme eine
vergleichbare oder sogar bessere Performance als erfahrene EEG-Befunder.
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Das Anfallserfassungsproblem besteht darin, dass die betroffenen Patienten und
ihre Angehörigen die Mehrheit der fokalen, nicht bewusst erlebten
Anfälle und der Anfälle aus dem Schlaf nicht bemerken.
Automatische Anfallsdetektionssysteme könnten durch eine objektive
Anfallsdokumentation zur Lösung dieses Problems beitragen.
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Automatische Anfallsdetektionssysteme könnten zudem zur Verhinderung von
anfallsassoziierten Verletzungen, zur SUDEP-Prävention und als
Bestandteil innovativer, anfallsgetriggerter, bedarfsgesteuerter Therapien
genutzt werden.
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Anwendungen von automatischen Anfallsdetektionssystemen während des
Video-EEG-Monitorings bestehen in der Optimierung der Patientensicherheit, der
Ökonomisierung der Datenauswertung mit objektiver und reproduzierbarer
Quantifizierung von Anfallsmustern und der automatisierten
computergestützten iktalen und postikalen Patiententestung.
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Die Sensitivitäten von Anfallsdetektionssystemen liegen bei
75–90% bei falsch-positiven Alarmraten von 0,1–5 pro h.
Anfälle bei extratemporalen Epilepsien sind schwieriger zu detektieren
als solche bei Temporallappenepilepsien.
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Machine-Learning-Verfahren und hier insbesondere Deep-Learning-Algorithmen
eröffnen eine neue vielversprechende Ära in der automatischen
Spike- und Anfallsdetektion.
Wissenschaftlich verantwortlich gemäß
Zertifizierungsbestimmungen
Wissenschaftlich verantwortlich gemäß Zertifizierungsbestimmungen
für diesen Beitrag ist Prof. Dr. med. Christoph Baumgartner, Wien.