Einführung
Schlaf gehört zum Leben wie Tag und Nacht. Und wie Tag und Nacht ist auch der
Schlaf der Mit- oder Gegenspieler des Tageserlebens und der Tagesaktivität.
So zeigen sich bei Patienten mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung
(PTBS), die unter Flashbacks leiden, sehr oft auch Alpträume als
Äquivalente einer unzureichenden Traumabearbeitung [1]. Schlafphysiologische Untersuchungen haben
gezeigt, dass die Gedächtniskonsolidierung erheblich von komplexen
Schlafmechanismen in der Nacht profitiert und dass auch unser Immunsystem und unser
metabolisches System einen gesunden Schlaf benötigen, um optimal
funktionieren zu können [2]
[3]. Insomnie kann diese Funktionen negativ
beeinflussen [4]. In den verschiedensten
zirkadianen Rhythmen, die unsere Gesundheit wesentlich begleiten, sind
ausgeprägte Veränderungen über die Schlafzeit im Vergleich
zum Tag auszumachen [5]. Und auch auf der
Erlebnisebene kann wohl jeder Mensch bestätigen, dass ein erholsamer
Nachtschlaf ihn sehr viel zuversichtlicher und tatkräftiger in den Tag
starten lässt. Wenn auch noch nicht geklärt ist, warum wir denn den
Schlaf so dringend brauchen, ist es doch auf der Erlebnisebene kein Zweifel, dass er
erheblich zu unserem Wohlbefinden und unseren Leiden beitragen kann.
Guter Schlaf befördert unter anderem das Gedächtnis, die Stimmung,
unsere Immunabwehr und unsere emotionale Verarbeitung. Schlechter Schlaf macht das
Gegenteil.
Gesunder Schlaf weist eine ultradiane Rhythmik auf. Wir unterscheiden mittels
schlafpolysomnografischer Messungen heutzutage 4 Schlafstadien, die wir im Verlauf
der Nacht durchwandern [6]: Ein Stadium sehr
leichten Schlafes, aus dem wir rasch wieder erwachen können und oft nicht
merken, dass wir uns in ihm befinden (N1). In diesem kommt es zu einer assoziativen
Lockerung unserer Gedankengänge. Im EEG sieht man eine Rhythmusverlangsamung
und ein vermehrtes Auftreten von langsameren Wellen, den Theta-Wellen. Ihm folgt
üblicherweise rasch ein tieferes Schlafstadium (N2), in welchem wir durch
Geräusche deutlich weniger leicht erweckbar sind. In diesem Schlafstadium
treten Schlafspindeln und K-Komplexe auf, die eine reflektorische Reaktion des
Cerebrums auf Geräusche darstellen. Das 3. Schlafstadium (N3) ist
gekennzeichnet durch das zunehmende Vorherrschen von Delta-Wellen, die mit
1–2 Hz pro Sekunde auftreten und hochamplitudig im Elektroenzephalogramm
(EEG) imponieren. Das 4. Schlafstadium ist gekennzeichnet durch ein
ähnliches Hirnstrommuster wie im Schlafstadium N1. Aber im Gegensatz zu
diesem treten hier nicht langsame gleitende („schwimmende“)
Augenbewegungen auf, sondern schnelle Augenbewegungen (Rapid Eye Movements, REM).
Außerdem kommt es in diesem Schlafstadium üblicherweise zu einer
zentralen Lähmung der Willkürmotorik, was sich an einem sehr
niedrigen Muskeltonus ablesen lässt. In diesem sogenannten REM-Schlaf finden
die meisten unserer lebhaften Träume statt. Über die Nacht
durchlaufen gesunde Schläfer 4- bis 6-mal einen sogenannten
NonREM-REM-Zyklus, d. h. der Schlaf wechselt von N1 über N2 in N3
und dann in eine REM-Schlafphase. Ein einzelner solcher Zyklus dauert meist ca.
60–90 Min, bevor dann ein nächster Zyklus
anschließt. Dabei nimmt die Zeit, die man in N3 verbringt, im Verlauf ab,
während die Zeit, die man in REM verbringt, zunimmt und typischerweise gegen
Morgen am längsten ist ([Abb. 1]).
In einer Nacht durchwandert ein gesunder Schläfer 4–6
NonREM-REM-Zyklen.
Abb. 1 Schlafverlauf eines gesunden 29-jährigen Studenten. Man
erkennt 5 NonREM-REM-Zyklen mit einer Zunahme der REM-Schlafes von der 1.
zur 2. Nachthälfte, während in der 1. Nachthälfte
der Tiefschlaf (N3) dominanter ist als in der 2. Nachthälfte.
Parallel zur Schlafrhythmik haben auch eine ganze Reihe an zirkadianen Faktoren einen
Einfluss auf den Schlaf. So steigt die Sekretion von Wachstumshormon in den ersten
Stunden der Nacht stark an [7]. Es wurde in
Zusammenhang mit erholsamem Schlaf, aber auch mit einer effektiven
Gedächtniskonsolidierung gebracht. Aber auch die Melatoninsekretion steigt
in dieser Zeit natürlicherweise an und gilt als wichtiger Zeitgeber auch
für die Schlafinitiierung. Die Cortisolsekretion fällt vom Aufstehen
über den Tag bis zum Abend allmählich ab und erreicht meist kurz
nach Mitternacht ihr Tagesminimum [8]. Es gibt
Studien, die eine aktive Inhibierung in dieser Phase fanden [9]. Zum Morgen dagegen steigt die Cortisolsekretion
stark an und erreicht physiologischerweise um die Zeit des Aufstehens herum ihr
Tagesmaximum [10]. Gleiches gilt für die
physiologische Körperkerntemperatur, deren Werte zum Abend hin absinken und
mit dem Zubettgehen weiter abfallen.
Mit einem niedrigen Cortisol, einem hohen Wachstumshormon- und
Melatonin-Ausstoß in der Zeit vor Mitternacht könnte man
überlegen, ob die Zeit vor Mitternacht nicht der physiologisch erholsamste
Teil der Nacht sein könnte. Diese Meinung ist allerdings bislang nicht
wissenschaftlich untermauert. Es ist vielmehr wahrscheinlich, dass Menschen, die
gern früh zu Bett gehen und solche, die es vorziehen, später zu Bett
zu gehen, versetzte zirkadiane Rhythmen haben. Ein frühes Löschen
des Lichtes und Schlafen lässt sich in jedem Fall nicht erzwingen, sodass
der physiologische Rhythmus bei den Überlegungen zum Schlaf mit
berücksichtigt werden muss. Allerdings lassen sich Schlafgewohnheiten und
schlafphysiologische Rhythmen oft nicht sicher trennen. Echte
„Lerchen“ oder „Eulen“, die ihren Rhythmus nicht an
die sozialen Vorgaben anpassen können, weil ihre zirkadiane Rhythmik dem
vollkommen entgegensteht, dürften selten sein.
Die mittlere Schlafdauer gesunder Schläfer liegt bei 7–8 Stunden pro
Nacht, aber natürlich gibt es auch viele Menschen, die länger oder
kürzer schlafen.
Menschen, die sich mit weniger als 6 Stunden Schlaf ausgeruht und erholt erleben,
sind eher selten. Man vermutet eine Prävalenz von ca. 1–2%.
Die Zahl derer, die aus beruflichen oder anderen Gründen unter der Woche
deutlich weniger als 7 Stunden schlafen, dafür aber am Wochenende
länger, ist dagegen deutlich größer.
Patienten beklagen oft eine Unzufriedenheit mit ihrem Schlaf, ohne dies näher
zu erläutern. Als erstes wäre hier zu klären, ob die
Beschwerden das Ein- oder Durchschlafen betreffen oder ob es sich um
unerwünschte und unpassende Verhaltensauffälligkeiten handelt, die
überwiegend aus dem Schlaf heraus auftreten. Bei Ersteren handelt es sich um
Dyssomnien, bei Letzteren um Parasomnien. Zu diesen Letzteren gehören
u. a. das Schlafwandeln (Somnambulismus), der Pavor nocturnus und die
REM-Schlaf-Verhaltensstörung. Zu den Dyssomnien gehört u. a.
die Narkolepsie, die Schlafapnoe-Syndrome (obstruktiv und zentral) und das
Restless-Legs-Syndrom. In [Tab. 1] sind
wesentliche Differenzialdiagnosen bei Schlafstörungen zusammengefasst.
Tab. 1 Auswahl häufiger Schlafstörungen.
Diagnose
|
Symptome (in Stichworten)
|
Restless-Legs-Syndrom (RLS)
|
Einschlafstörung, Bewegungsunruhe anfangs in den Beinen,
zum Abend verstärkt auftretend. Oft kombiniert mit
periodischen Beinbewegungen im Schlaf, die selbst zu Erwachen
führen können.
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Obstruktives Schlafapnoe-Syndrom
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Eine hohe Zahl an Atemaussetzern im Schlaf aufgrund einer
Verlegung der oberen Atemwege, besonders in Rückenlage,
oft unerholsamer Schlaf.
|
Narkolepsie
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Einschlafattacken, vor oder nach dem Schlaf auftretende
(hypnagoge oder hypnopompe) Halluzinationen,
Schlaflähmungen, Kataplexien (d. h. ein
emotionsbedingter Tonusverlust in einzelnen Muskelgruppen),
automatisches Verhalten, unerholsamer Schlaf.
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Alpträume
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Aufwachen mit Erinnerung an das Geträumte, oft mit
vegetativen Symptomen.
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Schlafwandeln
|
In der ersten Nachthälfte komplexe
Bewegungsabläufe im Schlaf, auch mit Reden, ohne
Erinnerung am Morgen. Beginn im Kindesalter typisch.
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Pavor nocturnus
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Ähnlich Schlafwandeln, aber ausgeprägter
emotionaler Ausdruck, ebenfalls Amnesie am Morgen, ebenfalls mit
Beginn im Kindesalter.
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REM-Schlaf-Verhaltensstörung
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Motorisches Ausleben von Aktionen im Traum mit Erinnerung an das
Geträumte; typischerweise in der zweiten
Nachthälfte. Ausdruck einer hirnorganischen
Störung, deshalb überwiegend nach dem 50.
Lebensjahr auftretend.
|
Wichtige differenzialdiagnostische Überlegungen betreffen
Schlafstörungen aufgrund anderer Erkrankungen oder Medikationen. So
können Schmerzen, Herz-, Lungen-, Leber- oder Nierenerkrankungen den Schlaf
erheblich stören. Auch eine Reihe von Medikamenten, die im Rahmen dieser
Erkrankungen zum Einsatz kommen, kann den Schlaf erheblich stören, wie
z. B. Cortison-Präparate oder Antiasthmatika. Und natürlich
können auch Drogen wie Alkohol, Amphetamine und Kokain den Schlaf chronisch
stören.
Auch Antidepressiva können den Schlaf negativ beeinflussen. So können
selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRIs) und insbesondere Mirtazapin ein
Restless-Legs-Syndrom erheblich verschlechtern oder sogar erst auslösen und
so zu erheblichen Einschlafstörungen führen. Aktivierende
Antidepressiva wie Bupropion, Duloxetin und Venlafaxin können besonders in
hohen Dosen Insomnien befördern, auch wenn sie am Morgen verabreicht werden.
Fast alle Antidepressiva wirken REM-suppressiv. Sie können im Verlauf aber
lebhaftes Träumen oder Alpträume am Morgen befördern.
Einen großen Teil der Dyssomnien stellen allerdings die Ein- oder
Durchschlafstörungen (Insomnien) ohne eine offensichtliche organische
Störungsursache dar, die nichtorganischen Insomnien nach ICD-10 (F51.0).
Unterschied man früher noch zwischen primären und den
sekundären Insomnien, die im Rahmen anderer Störungen, z. B.
Rahmen einer Depression, auftreten und nach Abklingen der
Stimmungsbeeinträchtigung persistieren, so werden heute alle Insomnien in
den neuesten Klassifikationssystemen des DSM-5, der ICSD-3 und der ICD-11 in einer
Gruppe zusammengefasst.
Störungsmodell der Psychotherapie
Die etablierteste Form der Psychotherapie der Insomnien erfolgt auf der Grundlage
einer kognitiven Verhaltenstherapie der Insomnie (CBT-I, u. a. [12]
[13]
[14]
[15]
[16]). Sie hat sich als erfolgreich
gegenüber einer Wartelisten-Bedingung erwiesen (u. a. [17]) und ist Bestandteil der S3-Leitlinien zu nicht
erholsamen Schlaf [18]. Es erfolgten jedoch
bislang keine randomisierten kontrollierten Studien hierzu.
Die Psychotherapie der Insomnien geht zum einen von einem Teufelskreis der
chronifizierten Schlafstörungen aus: Aversive Emotionen wie Ärger,
Angst und Traurigkeit wirken sich negativ auf das Ein- und Durchschlafen aus und
stehen im Zusammenhang mit dysfunktionalen Kognitionen zu den Schlafproblemen und
ihren Folgen und zu einem psychophysiologischen Arousal. Diese Aspekte zusammen
unterhalten die Schlafstörung und führen oft zu einem sozialen
Rückzugsverhalten der Betroffenen, welches wiederum die
Schlafstörung verschlimmert und die Fokussierung auf den Schlaf
erhöht. Dieser Teufelskreis ist nachfolgend dargestellt ([Abb. 2]).
Abb. 2 Teufelskreis der Schlafstörungen: Gedanken, Emotionen,
psychovegetative Aspekte und das Verhalten.
Eine biografisch hergeleitete Erklärung der Schlafstörung geht vom
sogenannten 3P-Modell von Spielman aus [19]. Hier
werden die Entstehungsbedingungen der Störung (Predisposing factors), die
Erstauftrittsbedingungen (Precipitating factors) und die aufrechterhaltenden
Bedingungen (Perpetuating factors) beschrieben. Zu den Entstehungsbedingungen kann
eine positive Familienanamnese für Schlafstörungen gehören,
aber auch genetische Prädispositionen oder Modelllernen. Auch der Umstand,
dass guter Schlaf in der Familie als besonders zentral erachtet wurde, kann den
Fokus auf mögliche Schlafprobleme verstärkt haben. Ein
unregelmäßiges Schlafverhalten oder schlafhygienisch problematische
Verhältnisse, wie Lärm oder lange Fernsehabende, können
beitragen. Die Erstauftrittsbedingungen beschreiben die Faktoren, die zum Auftreten
der Schlafproblematik beigetragen haben. So beklagen viele Frauen erste
Schlafprobleme in der Schwangerschaft oder dem Klimakterium. Auch berufliche oder
soziale Veränderungen wie Schichtdienste, Scheidung oder Sterbeprozesse
können zur Auslösung der Schlafprobleme beitragen.
Viele Menschen haben im Verlauf ihres Lebens gelegentlich Schlafprobleme. Diese sind
meist zeitlich begrenzt und lösen sich schließlich wieder auf.
Wenn Schlafprobleme chronifizieren, findet man oft Verhaltensweisen, die die
Schlafstörung ungewollt stabilisieren. Es kommt also zu Verhaltensweisen,
die Folge der Schlafstörung sind und scheinbar der Anpassung an das Problem
dienen, aber die dennoch die Störung letztlich verstärken bzw.
stabilisieren. So kann sozialer Rückzug erfolgen, weil man meint, sich
schonen zu müssen oder jederzeit in der Lage sein zu können, ins
Bett zu gehen. Dieses Schonverhalten sorgt aber für einen Verlust von
angenehmen Aktivitäten und dadurch zu einem Verlust positiver
Verstärker. Alkohol kann als Schlafmittel eingesetzt werden, obwohl es zwar
das Einschlafen fördert, aber das Durchschlafen und das Erholtsein am Morgen
negativ beeinflusst. Auch Schlafmittel können nach anfänglicher
positiver Wirkung zu einer Toleranzentwicklung mit Dosissteigerung und
schließlich Abhängigkeit führen. Dies trifft besonders auf
die Benzodiazepine und die sogenannten Z-Präparate zu (Zolpidem, Zopiclon
und Zaleplon). Aber auch verlängerte Bettzeiten, Grübeln um die
Folgen des verminderten Schlafes u.v.m. können letztlich zur
Aufrechterhaltung des Schlafproblems beitragen. Insbesondere die individuelle
Analyse dieser aufrechterhaltenden Bedingungen kann sehr hilfreich sein, um die
psychotherapeutische Behandlung an die Bedürfnisse des Betroffenen
anzupassen.
Die kognitive Verhaltenstherapie der Insomnie setzt vorwiegend an den Mechanismen an,
die zu einer Chronifizierung der Schlafprobleme führten, den
aufrechterhaltenden Bedingungen.
Die 66-jährige verwitwete Frau B. berichtet, dass sie schon seit 2 Jahren
vermehrt Ein- und Durchschlafstörungen habe. Erstmals seien die Schlafprobleme
aufgetreten, als ihr Mann vor 15 Jahren unerwartet verstorben sei. Danach habe sie
„ein Jahr gar nicht geschlafen“. Schließlich habe sie von einem
Psychiater Trimipramin verschrieben bekommen, welches sie bis vor 2 Jahren eingenommen
habe, ohne dass sie eine ausgeprägte Verbesserung gehabt habe. Auch Melatonin
und Baldrian habe sie danach ausprobiert, ohne dass der Schlaf sich wesentlich
verbessert habe. Sie sei schon froh gewesen, wenn sie auf 5 Stunden Schlaf gekommen sei.
An 6 von 7 Tagen sei der Schlaf jedoch unter 5 Stunden gewesen. Sie benötige
regelhaft 1–2 Stunden, um einzuschlafen; 2–3 Stunden später sei
sie dann das erste Mal wieder wach und schlafe dann bis in den Morgen noch etwa 2
Stunden in kurzen Schlaf- bei langen Wachintervallen. Sie gehe gegen 22.00 Uhr zu Bett
und stehe gegen 7.30 Uhr wieder auf, fühle sich stets unerholt und sei den Tag
über beständig müde, was zum Abend hin mehr wird. Trotzdem sei
sie leistungsfähig, es koste sie aber viel Anstrengung. Sie habe deshalb ihre
sozialen Kontakte, insbesondere zum Abend hin reduziert und gehe bspw. nicht mehr ins
Theater, um möglichst keinen Schlaf zu verpassen. Abends sei sie todmüde
und fühle sich doch zugleich auch ein wenig unruhig und überdreht. Wenn
sie dann am Fernseher einnicke, stehe sie auf und gehe zu Bett. Wenn sie sich aber
fürs Schlafen fertig mache, werde sie wieder stärker unruhig und
fühle sich wach, wenn sie ins Bett steige. Hinweise auf ein
Restless-Legs-Syndrom oder eine Narkolepsie ergeben sich nicht. Eine ambulante
Schlafuntersuchung hatte keinen Hinweis auf eine Schlafapnoe erbracht. Sie rauche wenig,
trinke selten Alkohol, nehme keine Drogen ein, trinke morgens 2 Becher Kaffee, am Mittag
einen Espresso. In den letzten beiden Jahren kümmere sie sich vermehrt um ihre
dementen Eltern und um ihren Bruder, der ausgeprägte Eheprobleme habe. Sportlich
sei sie sehr aktiv, mache aber zum Abend hin keinen Sport. Wenn sie etwas psychisch
belaste, fühle sie sich allerdings sehr aufgedreht. Körperlich sei sie
bis auf eine Arthrose in der linken Schulter gesund. Schulterschmerzen würden
sie nicht beeinträchtigen. Aktuell nehme sie keinerlei Medikation ein.
Aus der Familienanamnese ist bekannt, dass auch die Mutter eine schlechte
Schläferin gewesen ist.
Aus dieser Vignette wird deutlich, dass Frau B. von den Entstehungsbedingungen her
familiär vorbelastet ist und dass die Schlafstörung chronisch geworden
ist. Während sie 9,5 Stunden im Bett verbringt, kommt sie in dieser Zeit
subjektiv nur auf 5 Stunden Schlaf. Sie hat regelhaft eine lange Einschlaflatenz, aber
auch das Durchschlafen ist erheblich beeinträchtigt. Bei ausgeprägter
Tagesmüdigkeit kommt sie vor dem Zubettgehen in eine psychovegetative
Erregungssituation, die an eine konditionierte Reaktion in Bezug auf das Bett und die
damit verbundene Schlafstörung schließen lässt. Wie die
Durchschlafstörung aufrechterhalten wird, ist unklar. Eine zu lange Bettzeit
könnte hierfür mit verantwortlich sein. Ihr sozialer Rückzug ist
Ausdruck eines Schonverhaltens und führt zu einem Verstärkerverlust.
Therapie mittels CBT-I
Behandlungselemente
Die psychotherapeutische Behandlung einer chronischen Schlafstörung
lässt sich in 8 Behandlungselemente untergliedern:
-
Dokumentation der Therapie, des Schlafes und seiner
Veränderungen
-
Psychoedukation zum Schlaf und Überblick über die
Therapie
-
Schlafhygiene
-
Erlernen und Umsetzung eines Entspannungsverfahrens
-
Stimuluskontrolle
-
Schlafrestriktion
-
Bearbeitung dysfunktionaler Gedanken
-
Ergänzende Maßnahmen
Die Behandlungserfolge der CBT-I beziehen sich überwiegend auf
nichtorganische Insomnien, deren Ursache nicht in einer psychischen
Störung wie etwa einer Depression liegt. Typische Therapielängen
liegen bei einer Sitzung pro Woche und 5–12 Sitzungen. Das Setting ist
einzel- oder gruppentherapeutisch, wobei sich ein einzeltherapeutisches Setting
wegen der Möglichkeit des persönlicheren Zuschnittes der
Therapie als besser erwiesen hat. Schließt man auch sekundäre
Insomnien ein, wird es sinnvoll sein, auch längere
Therapielängen ins Auge zu fassen. Insbesondere für die
Bearbeitung dysfunktionaler Gedanken ist erfahrungsgemäß eine
mindestens 4-wöchige Bearbeitung sinnvoll, um andauernde
Veränderungen in den Kognitionen zu erreichen.
Eine ausschließlich auf die Insomnie ausgerichtete Therapie kann
binnen 5–12 Sitzungen eine deutliche Verbesserung des Schlafes
erreichen. Bei komorbiden Störungen kann ein zeitweiliger Fokus auf
den Schlaf sinnvoll sein, um die Gesamtproblematik positiv zu
beeinflussen.
Die 8 benannten Elemente sollen nun im Einzelnen dargestellt werden.
Dokumentation der Therapie, des Schlafes und seiner
Veränderungen
Die Schlafprotokolle sind ein fester Bestandteil der Therapie. Sie erlauben
es, die Einhaltung der abgesprochenen Verhaltensmaßnahmen und die
Fortschritte im Verlauf zu überprüfen. Sie haben auch eine
wesentliche Bedeutung in der Bearbeitung dysfunktionaler Gedanken. Dabei ist
es hilfreich, die extratherapeutischen Veränderungen
zusätzlich abzufragen, da diese einen erheblichen Einfluss auf die
Therapie haben können. So können bspw. Schmerzen im Rahmen
einer körperlichen Erkrankung oder Medikamentenumstellungen oder
auch Veränderungen im sozialen Kontext wie Scheidung,
Erziehungsprobleme, Umzug, neue Partnerschaft, Berufswechsel oder Probleme
im Beruf sehr relevante Faktoren sein, die erhebliche Auswirkungen auf den
Schlaf mit sich bringen, im Guten wie im Schlechten. Die schnelle Erfassung
der extratherapeutischen Bedingungen ist in dem nachfolgenden Kurzfragbogen
beispielhaft wiedergegeben, der von den Patienten unmittelbar vor jeder
Sitzung ausgefüllt werden kann.
Extratherapeutische Veränderungen
Bitte kreuzen Sie an, ob sich in folgenden
Bereichen seit der letzten Sitzung wesentliche Veränderungen
ergeben haben:
-
Medikamenten-Umstellungen
-
Veränderungen
im Berufsleben (Arbeitsunfähigkeit, Berentung,
Berufswechsel, Veränderungen der beruflichen
Atmosphäre...)
-
Veränderungen
im Privatleben (Partnerschaft, Schlafsituation,
Erziehungsprobleme, Freundeskreis,
Krankheiten...)
-
Sonstiges,
nämlich:
-
Keine
Veränderungen seit der letzten
Sitzung
Auch in der Bearbeitung von Schlafproblemen sollte man
extratherapeutische Einflüsse mit im Blick haben.
Ein ebenfalls unspezifischer, aber sehr relevanter Wirkfaktor in der Therapie
ist das Feedback des Patienten. Dieses sollte wiederholt eingeholt werden,
um zu schauen, inwieweit der Patient sich verstanden gefühlt hat und
von der jeweiligen Sitzung profitierte und ggf. warum nicht.
Hierzu sollte am Ende jeder Sitzung vom Patienten eine kurze Zusammenfassung
des Besprochenen erbeten werden im Sinne eines Teach-back und der Patient
sollte die Relevanz des Besprochenen für seine Schlafproblematik
bewerten. Auch der Inhalt und der Sinn der Hausaufgaben sollten kurz
diskutiert werden. Abschließend sollte man sich nicht scheuen, aktiv
zu erfragen, ob der Patient sich in der abgelaufenen Sitzung angemessen in
seiner Problematik gesehen (validiert) und verstanden fühlte. Die
therapeutische Allianz in Bezug auf das therapeutische Vorgehen kann
hierdurch besser überprüft und ggf. nachgebessert werden.
Sie ist ein wesentlicher Wirkfaktor in der Psychotherapie [20].
Psychoedukation zum Schlaf
Es ist sehr hilfreich für die Betroffenen, Informationen über
den Schlaf zu bekommen, da viele Betroffene verzerrte Vorstellungen davon
haben, was guter Schlaf bedeutet. So ist es wichtig deutlich zu machen, dass
der Schlaf sich über die Lebensspanne verändert. Es ist
nicht ungewöhnlich, wenn man mit zunehmendem Alter wiederholt kurz
wach wird oder wasserlassen muss. Auch wird der Schlaf eher
oberflächlicher im Verlauf. Der Tiefschlaf nimmt mit dem Alter ab,
insbesondere bei Männern. Es ist wichtig zu wissen, dass Gedanken
kein Beleg sind dafür, dass man wach ist. Im Gegenteil ist es
möglich, darüber nachzudenken, wie der nächste Tag
wird, wenn man jetzt nicht schläft, und tatsächlich
schläft man! Gerade im Schlafstadium N2 können solche
kognitiven Prozesse stattfinden. Dies ist einer der Gründe
dafür, dass viele Menschen ihre tatsächliche Schlafdauer
unterschätzen.
Das Wissen darum, dass der Schlaf länger ist, als man dachte,
kann für einen Menschen mit Insomnie sehr beruhigend sein,
weshalb eine schlafpolysomnografische Untersuchung in einem
Schlaflabor sehr hilfreich sein kann.
Wichtig ist auch, darauf hinzuweisen, dass ein Mittagsschlaf in die
Berechnung der Schlafdauer mit eingehen muss. Wer eine Stunde am Mittag
schläft, sollte sich nicht wundern, dass er in der Nacht eine Stunde
weniger Schlaf benötigt. Auch der Umstand, dass Menschen
unterschiedlich viel Schlaf benötigen und dass es nicht sinnvoll
ist, die Schlafdauer an der des Partners auszurichten, kann hilfreich sein.
Menschen mit Schlafproblemen in der Nacht sollten möglichst auf
Mittagsschlaf verzichten oder ihn möglichst kurz halten (sog.
Powernap, bis eine halbe Stunde). Schon ein Daliegen mit geschlossenen Augen
kann zu einem Schlaf führen, der nur nicht als solcher wahrgenommen
wird. Die Betroffenen sollten deshalb auch eine solche Form des Ausruhens
lassen oder aber am Tage möglichst kurz halten.
Mittagsschlaf und ein Ausruhen am Tag können Einschlafprobleme
befördern und sollten in den Gesamtschlaf mit einberechnet
werden.
Schlafhygiene
Es gibt eine Vielzahl an möglichen Störfaktoren für
den Schlaf. Hierzu gehört Straßen- oder Fluglärm,
ein zu warmes oder zu kaltes Zimmer, der Konsum von Alkohol oder Drogen und
Nikotin, stimulierende Getränke. Natürlich kann ein
schnarchender Bettpartner oder Lärm in der Wohnung aufgrund stark
abweichender Bettzeiten zwischen den Mitbewohnern ein Problem für
den Schlaf sein.
Regelmäßige Bettzeiten sind eine Grundvoraussetzung
für eine positive Veränderung des Schlafes.
Sehr stark wechselnde Bettzeiten können erheblich zur Persistenz der
Schlafstörung beitragen. Dies ist auch einer der Gründe,
warum durch Schichtdiensttätigkeiten Insomnien entstehen
können [21]. Wichtig ist
v. a., dass man seine Aufstehzeit recht stabil hält. Man
sollte also möglichst nicht die Bettzeit in den Tag hinein
ausweiten, um fehlenden Schlaf aus der Nacht wettzumachen. Dies
führt eher dazu, dass die Schlafproblematik sich auch in der
nächsten Nacht fortsetzt, während die in Kauf genommene
Tagesmüdigkeit nach einer schlechten Nacht die Chancen für
eine erholsamere nachfolgende Nacht erhöht. Eine Auswahl an
schlafhygienischen Regeln ist im Kasten dargestellt. Wir motivieren
Patienten immer wieder, Dinge auszuprobieren und kreativ zu sein bei der
Suche nach guten Rahmenbedingungen für den Schlaf.
Schlafhygienische Empfehlungen (Auswahl)
-
Möglichst ruhiges, dunkles, etwas kühleres
Schlafzimmer
-
Keine schweren Mahlzeiten am Abend
-
Keine größeren Trinkmengen am Abend
-
Kein Alkohol, keine Stimulanzien (Tee, Kaffee, koffeinhaltige
Softdrinks) nach 16.00 Uhr, möglichst kein Nikotin am
Abend, keine Drogen
-
Keine aufregenden Tätigkeiten vor dem Zubettgehen, keine
Arbeit am PC
-
Ausdauersport und Spaziergänge sind gut, sollten nicht zu
spät erfolgen
-
Entspannung und Herunterfahren vor dem Zubettgehen
-
Am Abend keine sozialen Netzwerke mehr nutzen
-
Keine Arbeit mit ins Bett nehmen, kein Fernsehen im Bett
-
Regelmäßige Bettzeiten
Menschen neigen zu Ritualen. Es gibt Trauerrituale, Aufstehrituale,
Feierrituale und viele mehr. In gleicher Weise sollte es auch ein Ritual
für Schlafgestörte am Abend geben. Dazu gehört es,
vor dem Zubettgehen den Tag ruhig ausklingen zu lassen. Da viele Patienten
mit Insomnie beklagen, dass sie „nicht abschalten“
können und gedanklich noch mit Sorgen oder Analysen dessen, was am
Tag passiert ist oder am nächsten Tag ansteht, beschäftigt
sind, ist es hilfreich einen „Sorgenstuhl“
einzuführen. Hier geht es darum, einen Ort außerhalb des
Schlafzimmers zu wählen, wo man sich hinsetzen und seine Gedanken
niederschreiben kann. An diesem Ort darf man grübeln und
analysieren, am besten in einer Zeit etwas vor der Bettzeit. Der Auftrag ist
es, diese Sorgen dann in dem Heft oder auf jenem Papier bis zum Ende der
Nacht zu belassen. Im Falle von weiteren solcher Gedanken nach dem
Zubettgehen soll man aufstehen, um diese Gedanken dort am Sorgenstuhl
niederzuschreiben und sie dort zurücklassen, in dem Wissen, dass man
sie jederzeit am nächsten Tag wieder aufsuchen kann.
Eine Grübel- oder Sorgenstunde einzurichten kann dazu beitragen,
Grübeln und Sorgen zu reduzieren und insbesondere aus der Nacht
zu nehmen.
Auch das Durchgehen positiver Erlebnisse des Tages kann ein hilfreiches
Ritual sein, um besser zur Ruhe zu kommen. In einem angenehmen Buch zu lesen
(möglichst außerhalb des Bettes) und sich einen
beruhigenden, genussreichen Tee zu machen oder einen kleinen Spaziergang zu
machen, können hilfreich sein. Es gibt eine unendliche Zahl an
Möglichkeiten, den Tag angenehm zu beenden und so entspannt die
Nacht im Bett anzugehen, und jeder Mensch hat ein Gespür
dafür, was für ihn besonders hilfreich ist.
Schlafhygienische Empfehlungen sollten nicht als unangenehme Forderung
oder Verpflichtung vermittelt werden, sondern als Anregungen, die man
ausprobieren sollte
Überhaupt sollte man den Betroffenen stets Gelegenheit geben, sich
selbst einzubringen in die Überlegungen zur Schlafhygiene. Es geht
ja darum, dass die Betroffenen das für sie Hilfreichste entwickeln
und umsetzen. Wenn jemand bspw. durch Rockmusik besonders gut zur Ruhe kommt
und sich dies in den Schlafprotokollen auch als hilfreich abbildet, soll der
Betroffene dies nutzen. Er sollte aber auch Abstand davon nehmen
können, wenn sich in den Protokollen zeigt, dass dies nicht hilft
oder sogar negative Auswirkungen zu haben scheint.
Erlernen und Umsetzen eines Entspannungsverfahrens
Um die physiologische Erregung herunterzufahren, hat sich bei
Schlafstörung insbesondere die Progressive Muskelentspannung (PME)
als hilfreich erwiesen. Dies wird zunächst außerhalb des
Bettes im Sitzen erlernt. Wir bieten üblicherweise eine Sitzung von
20–30 Min. an, da diese von den Patienten in der Regel gut
angenommen wird. Längere Sitzungen werden zuhause meist nicht
umgesetzt.
Progressive Muskelentspannung kann den Patienten beim Einschlafen
helfen.
Im Rahmen der PME werden einzelne Muskelpartien eine Zeitlang leicht
angespannt und anschließend wieder entspannt. Der Betroffene wird
angehalten, sich in diese reaktive Entspannung gezielt einzufühlen.
Typischerweise wird im Bereich der Hände begonnen und dann der
gesamte Köper systematisch durchgegangen. Die Entspannung wird mit
einem Ruhebild abgeschlossen, in welchem sich der Patient einen Ort
imaginieren soll, der für ihn ein Inbegriff von Entspannung ist. Er
soll diesen Ort allein aufsuchen und die Imagination wird durch Ansprechen
der verschiedenen Sinneskanäle intensiviert (Was fühlen Sie
auf der Haut? Was riechen Sie, was sehen Sie, was hören Sie dort?
Vielleicht schmecken sie auch etwas auf der Zunge?).
Die PME wird zunächst im Sitzen angeleitet und soll täglich
geübt werden, bis der angestrebte Effekt einer Entspannung
zuverlässig erreicht werden kann. Dann soll die PME auch im Bett zur
Einschlafförderung eingesetzt werden. Gute Effekte lassen sich auch
mit einer Form von Vorsatzbildung erreichen: Der Betroffene soll sich vor
dem Zubettgehen z. B. vornehmen und sagen: „Wenn ich in der
Nacht merke, dass ich dabei bin, wach zu werden, werde ich meine
Hände kurz anspannen, mir das Ruhebild vor Augen führen und
dann mit einem tiefen Ausatmen die Hände entspannen und mit dieser
Entspannung zurück in den Schlaf gleiten“.
Progressive Muskelentspannung hat sich als lernbar binnen 1–2 Wochen
und wirksam erwiesen. Es spricht jedoch nichts dagegen, wenn ein Patient
autogenes Training erlernt hat und dieses vorzieht.
Die schlafentspannende Maßnahme sollte in einem Tagesprotokoll
dokumentiert werden. Es ist sinnvoll, die Anspannung vor und nach der
Übung zu dokumentieren, um die Wahrnehmung für die
entspannende Wirkung zu befördern.
Progressive Muskelentspannung zielt auf eine Senkung der Grundanspannung vor
der Bettzeit. Kombiniert mit der Vorsatzbildung kann sie das Ein- und
Durchschlafen positiv beeinflussen.
Stimuluskontrolle
Das Bett hat sich für Insomnie-Patienten oft zu einem Kampfplatz
entwickelt: Es wurde zum Ort, an dem sie wiederholt den Kampf um den Schlaf
verloren haben und an dem Gefühle von Verzweiflung und Wut oft
hochkamen. Viele Betroffene können schildern, wie sie sich sehr
müde auf die Schlafzeit vorbereiten, um paradoxerweise im Rahmen des
Zähneputzens und Gesichtwaschens eine zunehmende, wachmachende
Unruhe zu verspüren, die als Anzeichen dafür genommen wird,
dass es mit dem Schlaf wohl nicht sogleich klappen wird, was wiederum
negative Auswirkungen auf die Einschlafneigung hat. Die hieran beteiligte
klassische Konditionierung soll geschwächt werden, indem der Patient
angehalten wird, nicht länger als 30 Min. wach im Bett zu
liegen. Wenn er nicht einschlafen kann in dieser Zeit, soll er wieder
aufstehen und einer einfachen, wenig Konzentration, psychische und
körperliche Aktivität erfordernden Aufgabe nachgehen, wie
z. B. zu bügeln oder abzuwaschen. Er sollte
gedämpftes Licht nutzen. Erst wenn er sich wieder ausreichend
müde fühlt, soll er erneut zu Bett gehen. Sollte er wieder
nicht einschlafen, steht er wieder auf usw. Dieses Vorgehen kann man auch
beim Wiederaufwachen in der Nacht einsetzen, wobei viele Patienten dies als
zu mühevoll erleben. Trotzdem soll er am Morgen zu einer festen Zeit
aufstehen und auch keinen zusätzlichen Mittagsschlaf einbauen.
Natürlich führt eine solche Maßnahme leicht zu einem
Schlafdefizit, welches aber über die nächsten Nächte
die Einschlaffähigkeit verbessern soll. Es soll also eine zeitlich
befristete Intervention sein. Allerdings sollte der Patient sich
angewöhnen, mit Müdigkeit zu Bett zu gehen und nicht
aufgrund der Uhrzeit.
Stimuluskontrolle zielt v. a. auf Einschlafstörungen, kann
aber auch bei Durchschlafstörungen zum Einsatz kommen.
Schlafrestriktion
Die Schlafrestriktion ist eine effektive Maßnahme bei
Durchschlafstörungen und Früherwachen. Ziel ist es, den
Anteil des Schlafens an der Bettzeit (Schlafeffizienz) in einen normalen
Bereich, d. h. über 85% zu bekommen.
In seiner klassischen Form wird mit dem Patienten zunächst die
mittlere Schlafeffizienz anhand seiner Schlafprotokolle ermittelt. Die Zeit,
die der Patient im Mittel pro Nacht geschlafen hat, wird nun festgelegt als
die zukünftige Bettzeit. Das Ziel ist es nun, in dieser
verkürzten Bettzeit eine Schlafeffizienz von mindestens 85%
an 3 aufeinander folgenden Tagen zu erreichen. Gelingt dies, wird die
Bettzeit um 15 Min. ausgeweitet, bis auch hierbei eine
Schlafeffizienz von mindestens 85% erreicht wird und so weiter bis
zu einer Bettzeit, wo diese Schlafeffizienz nicht mehr erreicht werden kann.
Fünfzehn Minuten unterhalb der letzten Bettzeit liegt dann die
künftige einzuhaltende Bettzeit.
Diese Technik zielt darauf, über den anfangs entstehenden
Schlafmangel die Müdigkeit soweit zu steigern, dass die
Wahrscheinlichkeit eines intensiveren Schlafes schließlich steigt
und die Assoziationen von Bett und Wachliegen abnehmen oder sogar
gelöscht werden können.
Diese Technik wird von vielen Patienten als zu anstrengend erlebt, um sie in
dieser Form umzusetzen. Man muss bei vielen der Patienten auch davon
ausgehen, dass sie ihre Schlafzeit eher unterschätzen und so in den
Protokollen eher zu niedrige Schlafmengen dokumentieren. Deshalb wird als
weniger restriktive Form folgendes Vorgehen gelegentlich eingesetzt: Der
Patient wird befragt, welche Schlafzeit ihm ermöglichen
würde, trotz Tagesmüdigkeit halbwegs zurechtzukommen. Diese
Zeit wird dann als Bettzeit gesetzt. Die meisten Patienten geben hier
5–6 Stunden an, was den Schlafdruck ausreichend erhöhen
sollte.
Schlafrestriktion zielt auf eine Verbesserung der Schlafeffizienz und damit
v. a. auf Durchschlafstörungen.
Bearbeitung dysfunktionaler Gedanken
Wenn Patienten in der Nacht wachliegen, geben sie häufig an, dass
ihre Gedanken um die negativen Konsequenzen des Wachliegens kreisen,
insbesondere um die Folgen für den nachfolgenden Tag. Beispiele
sind: „Wenn ich jetzt nicht endlich einschlafe, wird der morgige Tag
eine Katastrophe!“ oder „Mein Partner schläft so
schnell ein, während ich wachliegen muss. Das ist
ungerecht!“ oder „Ich hätte es vorhersehen
können, dass diese Nacht wieder kein Schlaf kommt. Ich hätte
mich anders verhalten müssen! (Keinen Wein trinken, früher
ins Bett gehen, Theater oder Feier absagen etc.)“. Dies sind
Kognitionen, die Ängste bzw. Ärger schüren und damit
auch physiologische Reaktionen stützen, die schlafstörend
sind (Depressive Patienten kreisen in ihren Gedanken übrigens meist
um andere Inhalte, nämlich die von Aaron T. Beck beschriebene
kognitive Trias: Inhalte, die einen niedrigen Selbstwert, eine negative
Bewertung der eignen Person durch die Anderen und eine perspektivische
Hoffnungslosigkeit zum Ausdruck bringen).
Es sollte nun herausgearbeitet werden, welche Emotionen diese dysfunktionalen
Gedanken generieren und dass diese Emotionen den Teufelskreis der
Schlafstörung mit unterhalten. Wenn diese Kognitionen also die
Schlafstörung eher aufrechterhalten und sie insofern dysfunktional
sind, sollten sie durch funktionalere Kognitionen ersetzt werden. Hierzu
kann man die allgemeinen Informationen nutzen, die schon zum Schlaf gegeben
wurden. Aber auch mithilfe der Schlafprotokolle lässt sich meist gut
herausarbeiten, dass die Kognitionen in ihrer Art der Katastrophisierung der
Folgen der Insomnie nicht berechtigt oder überzogen sind. Es
lässt sich gut aufzeigen, dass nicht jede Nacht gleich schlecht
geschlafen wurde und dass auf eine schlechte Nacht nicht automatisch ein
schlechter Tag folgt. Und auch die Vorstellung, dass es beim Schlafen
gerecht zugehen müsse, erweist sich in praxi als unbegründet
und schon gar nicht hilfreich für das Ein- oder Durchschlafen. Auch
perfektionistische und dichotome Sichtweisen, was gut und richtig ist, um
einen guten Schlaf zu bekommen und was allein ein guter Schlaf ist, stehen
einer entspannten, akzeptierenden Grundhaltung entgegen und sind dadurch
schlafstörend. Die Infragestellung und Modifikation dieser
Überzeugungen und Gedanken kann dazu beitragen, die mit ihnen
assoziierten physiologischen und emotionalen Reaktionen zumindest zu mildern
und dadurch den Schlaf zu erleichtern. Wenn es schlafpolysomnografische
Untersuchungen zum Schlaf der Betroffenen gibt, kann dies zusätzlich
dazu beitragen, katastrophisierende Gedanken zu relativieren (siehe
oben).
Dysfunktionale Gedanken bezüglich der Folgen des Schlafmangels lassen
sich oft anhand der Schlafprotokolle überprüfen.
Diese kognitive Arbeit ist für viele Patienten sehr ungewohnt und
bedarf einer guten Einführung. Das Gewahrwerden der oft automatisch
kommenden Gedanken und der mit ihnen verknüpften emotionalen und
physiologischen Reaktionen sowie die Suche nach alternativen, funktionaleren
Gedanken, will geübt sein und kann oft 4 und mehr Sitzungen in
Anspruch nehmen. Insbesondere, wenn eine psychische Komorbidität wie
eine Depression, eine Angststörung oder eine anankastische
Persönlichkeitsstörung besteht, kann sie aber ein besonders
wichtiges Element der Verbesserung sowohl des Schlafes, als auch der
komorbiden Störung sein.
Ergänzende Maßnahmen
Achtsamkeit
Mit der Dritten Welle der Verhaltenstherapie haben Achtsamkeitsmeditationen
Eingang in den Mainstream der Psychotherapie gefunden. Über
regelmäßige Achtsamkeitsübungen gelingt es oft,
Stress zu reduzieren, sich seiner Gedanken bewusster zu werden und Emotionen
und Gedanken besser zu entkoppeln. Aus meiner Erfahrung wird diese Technik
von den Betroffenen zwar anfangs skeptisch, letztlich dann aber gut
angenommen. Ziel der Meditation ist es, in einer Phase der Ruhe und Stille
das gedankliche Abschweifen von einem Fokus wie der Atmung möglichst
früh zu erkennen und dann auf den Fokus zurück zu kommen. In
diesem Sinne geht es also weniger um Entspannung als vielmehr um das
Gewinnen einer Gelassenheit gegenüber den intrapsychischen
Abläufen. Da diese Gelassenheit dazu beitragen kann, Sorgengedanken
bezüglich der Schlafproblematik zurückzufahren, ist ein
indirekter Effekt auf den Schlaf zu erwarten. In der klinischen Praxis sehe
ich dies bestätigt. Es fehlen jedoch bislang Studien hierzu.
Achtsamkeit kann darin unterstützen, automatische Gedanken zu
erkennen und Abstand von diesen und den emotionalen Reaktionen zu
bekommen.
Aktivierung von Ressourcen
Angenehme Aktivitäten, selbstfürsorgliches Verhalten und eine
körperliche und soziale Aktivierung, wie z. B. gemeinsame
Unternehmungen mit Freunden oder der Familie, sollten ebenfalls im Fokus der
Therapie stehen. Sie wirken stimmungsaufhellend, fördern die
abendliche Zufriedenheit und eine angenehme Erschöpfung. Sie
können helfen, die Sorgen um den Schlaf ein wenig zu relativieren
und dadurch den Stress, der mit einer starken Fokussierung auf optimale
Schlafbedingungen verbunden sein kann, zu reduzieren. Der Einbau solcher
angenehmen Aktivitäten, der auch Ressourcen erweitert oder wieder
aufleben lässt, kann unterstützt werden, indem er in die
Hausaufgaben integriert und jedes Mal validierend abgefragt und
verstärkt wird.
Frau B. stellte unter der erlernten PME fest, dass sie entspannter ins
Bett ging. Unter der Technik der Stimuluskontrolle verkürzte
sich die Einschlaflatenz auf zuletzt 20–30 Min. Und
unter der Schlafrestriktion erreichte sie letztlich bei einer Bettzeit
von 7,5 Stunden eine subjektive Schlafdauer von 6,5 Stunden bei einer
Verringerung der Tagesmüdigkeit. Über die
Psychoedukation und die Bearbeitung dysfunktionaler Gedanken sowie
über eine Wiederaufnahme ihrer vernachlässigten sozialen
Aktivitäten gelang es ihr, sich weniger auf ihren Schlaf zu
fokussieren und die Lebensqualität deutlich zu verbessern. Sie
erlernte auch Achtsamkeit, hatte jedoch nicht den Eindruck, dass dadurch
ihr Schlaf positiv beeinflusst wird. Allerdings stellte sie fest, dass
sie mit gelegentlich noch auftretenden schlechten Nächten
gelassener umgehen konnte.
Komorbiditäten beachten
Abschließend sei darauf hingewiesen, dass bei Schlafstörungen,
die mit anderen psychischen Störungen assoziiert sind, die Behandlung
dieser komorbiden Störungen mit beachtet und gegebenenfalls parallel
mitbehandelt werden muss. Eine Antriebsförderung bei depressiven
Patienten, die Verbesserung sozialer Kompetenzen bei sozialphoben Patienten oder
eine Bearbeitung von Störungen der Emotionsregulation kann notwendig
sein, um die hier dargestellten Maßnahmen zur Schlafverbesserung
überhaupt erst umsetzbar zu machen.
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Schlafstörungen ohne organische Ursache lassen sich
unterteilen in Einschlaf- und/oder
Durchschlafstörungen mit oft zu frühem Erwachen, die
den Betroffenen unerholt und übermüdet in den Tag
starten lassen.
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Sie müssen abgegrenzt werden von
Schlafbeeinträchtigungen durch organische Ursachen wie etwa
Herzinsuffizienzen, chronisch-obstruktiven Lungenerkrankungen, ein
obstruktives oder zentrales Schlafapnoe-Syndrom, ein Syndrom der
Unruhigen Beine (Restless-Legs-Syndrom), eine Narkolepsie oder von
den Parasomnien.
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Mit der Chronifizierung der Beschwerden gewinnen die
aufrechterhaltenden Bedingungen der Insomnien gegenüber den
Entstehungsbedingungen die Überhand.
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Die Kognitive Verhaltenstherapie der Insomnie (CBT-I) bietet ein
gutes Störungsmodell und erfolgreich erprobte Interventionen
zur Verbesserung der Störung.
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Kernelemente der Therapie sind Psychoedukation, schlafhygienische
Maßnahmen, der Einsatz von Entspannungsverfahren,
Stimuluskontrolle, Schlafrestriktion und die Bearbeitung
dysfunktionaler Kognitionen zum Schlaf.
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Trotz des erfolgreichen Einsatzes der CBT-I wird sie
gegenüber medikamentösen Maßnahmen viel zu
selten eingesetzt. Gerade die Nebenwirkungen, das Suchtpotenzial
mancher Schlafmittel und der häufige Wirkverlust der
Medikationen beim langfristigen Gebrauch sollten Anlass sein, die
Anwendung der CBT-I zu steigern.
Wissenschaftlich verantwortlich gemäß
Zertifizierungsbestimmungen
Wissenschaftlich verantwortlich gemäß Zertifizierungsbestimmungen
für diesen Beitrag ist Prof. Dr. med. Klaus Junghanns,
Lübeck.
Zitierweise für diesen Artikel
Psychother Psych Med 2020; 70: 519–532
Dieser Beitrag ist eine aktualisierte Version des Artikels: Junghanns K.
Psychotherapie der Schlafstörungen. PSYCH up2date 2020; 14 (5):
419–432