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DOI: 10.1055/a-1290-9344
Maschinelle Beatmung: Konservative Sauerstofftherapie liefert keine Vorteile
Patienten, die während des Aufenthalts auf der Intensivstation maschinell beatmet werden, erhalten häufig eine hohe Fraktion an inspiratorischem Sauerstoff (FiO2) und zeigen einen hohen arteriellen Sauerstoffdruck. Eine konservative Anwendung könnte die Sauerstoffexposition und die Inzidenz pulmonaler und systemischer oxidativer Verletzungen verringern und dadurch die Anzahl an beatmungsfreien Tagen (Lebendtage ohne mechanische Beatmung) erhöhen.
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Im Rahmen der von D. Mackle und Kollegen in Neuseeland und Australien durchgeführten Studie wurden 1000 adulte Patienten, bei denen davon auszugehen war, dass sie über den Aufnahmetag auf die Intensivstation hinaus mechanische Beatmung benötigen werden, in 2 Gruppen randomisiert. Eine Gruppe erhielt die konservative und die andere die der üblichen Praxis entsprechende Sauerstofftherapie.
In beiden Gruppen betrug die Untergrenze der durch Pulsoxymetrie gemessenen Sauerstoffsättigung (SpO2) 90 %. In der konservativen Sauerstoffgruppe wurde der SpO2-Alarm so eingestellt, dass er bei 97 % ausgelöst wurde, und die FiO2 wurde auf 0,21 gesenkt, sobald der SpO2 die zulässige Untergrenze überschritt. In der Gruppe mit üblicher Sauerstofftherapie gab es keine spezifischen Messwerte, die FiO2 oder SpO2 begrenzten. Hier wurde dem behandelnden Personal lediglich die Empfehlung gegeben, die FiO2 während der invasiven Beatmung nicht unter 0,3 zu senken. Als primäres Outcome wurde die Anzahl an beatmungsfreien Tagen im Zeitraum zwischen Randomisierung und Tag 28 festgelegt.
Die Anzahl an beatmungsfreien Tagen der Gruppe mit konservativer und mit üblicher Sauerstofftherapie unterschieden sich nicht signifikant voneinander. Die mittlere Dauer der beatmungsfreien Zeit lag bei 21,3 Tagen (Interquartilsabstand 0 – 26,2) bzw. bei 22,1 Tagen (Interquartilsabstand 0 – 26,2). Die absolute Differenz betrug −0,3 Tage (95 %-Konfidenzintervall [KI], −2,1 – 1,6; p = 0,80).
Die Gruppe mit konservativer Sauerstoffversorgung verbrachte mehr Zeit auf der Intensivstation mit einem FiO2 von 0,21 als die Gruppe mit der üblichen Sauerstofftherapie. Die mittlere Dauer betrug 29 Stunden (Interquartilsabstand 5 – 78) bzw. 1 Stunde (Interquartilsabstand 0 – 17) (absolute Differenz 28 Stunden; 95 %-KI 22 – 34). Die Gruppe mit konservativer Sauerstofftherapie verbrachte insgesamt weniger Zeit mit einem SpO2 von über 96 %. Insgesamt waren es 27 Stunden (Interquartilsabstand 11 – 63,5) im Vergleich zu den 49 Stunden (Interquartilsabstand 22 – 112) der Patienten in der Gruppe mit der üblichen Sauerstoffversorgung (absolute Differenz 22 Stunden; 95 %-KI 14 – 30). Die Anzahl und der prozentuale Anteil an Stunden mit einem SpO2 unter 91 % und unter 88 % waren in beiden Gruppen ähnlich.
Nach 180 Tagen lag die Sterblichkeit in der Gruppe mit konservativer Sauerstofftherapie bei 35,7 %. Demgegenüber stand eine Sterblichkeit von 34,5 % in der Gruppe mit üblicher Sauerstoffversorgung. Damit ergab sich ein unangepasstes Quotenverhältnis von 1,05 (95 %-KI, 0,81 – 1,37).
Eine Subgruppenanalyse zeigte, dass an Tag 28 bei Patienten mit Verdacht auf hypoxisch-ischämische Enzephalopathie die mittlere Anzahl an beatmungsfreien Tagen 21,1 (Interquartilsabstand 0 – 26,1) in der konservativen und 0 (Interquartilsabstand 0 – 26) in der üblichen Sauerstofftherapiegruppe betrug (absolute Differenz 21,1 Tage; 95 %-KI 10,4 – 28,0). In einer Post-hoc-Analyse dieser Subgruppe lag die Sterblichkeit an Tag 180 bei 37 von 86 Patienten (43 %) in der Gruppe mit konservativer und 46 von 78 (59 %) in der Gruppe mit üblicher Sauerstofftherapie (relatives Risiko 0,73; 95 %-KI, 0,54 – 0,99; Hazard Ratio, 0,67; 95 %-KI, 0,43 – 1,03).
Bei Erwachsenen, die sich einer maschinellen Beatmung auf der Intensivstation unterziehen mussten, hat die Anwendung einer konservativen Sauerstofftherapie, im Vergleich zu der üblichen Sauerstofftherapie, die Anzahl an beatmungsfreien Tagen während der ersten 28 Tage nicht signifikant beeinflusst. Ein möglicher Benefit der konservativen Sauerstofftherapie für Patienten bei Verdacht auf hypoxisch-ischämische Enzephalopathie sollte, nach Meinung der Autoren, Gegenstand weiterer Studien sein.
Britta Brudermanns, Köln
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Publication History
Article published online:
18 January 2021
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