Aktuelle Dermatologie 2021; 47(01/02): 49-54
DOI: 10.1055/a-1320-3789
Von den Wurzeln unseres Fachs

40 Jahre AIDS: Die Geschichte einer Krankheit

40 years of AIDS: The History of a Disease
A. Jüttemann
Institut für Geschichte der Medizin, Charité Universitätsmedizin Berlin
› Author Affiliations
 

Zusammenfassung

Vor 40 Jahren, im Frühjahr 1981, wurde das erste Mal vom US-amerikanischen Center for Disease Control and Prevention über eine neue Krankheit berichtet. Bei den Betroffenen fielen 2 parallele Syndrome auf: das sog. „Kaposi-Sarkom“ und die Pneumocystis carinii Pneumonie. Zunächst waren hauptsächlich Männer betroffen, die Sex mit Männern hatten. Die Erkrankung bezeichnete man zunächst als „Gay Related Immunodeficiency“, sie wurde aber in „Acquired Immune Deficiency Syndrome“ (AIDS) umbenannt, als sie gesamtgesellschaftlich relevant wurde. Ab 1983 konnte die mysteriöse Seuche auf das von Montagnier und Gallo entdeckte HI-Virus zurückgeführt werden. Zur unterschiedlichen Situation in BRD und DDR und zur öffentlichen Wahrnehmung von AIDS in den 1980er-Jahren wurden vom Autor 2 bekannte Dermatologen (aus Ost- und Westberlin) interviewt.

In der öffentlichen Medienwahrnehmung blieb die Krankheit bis heute eher eine Randgruppenkrankheit. Heute, nach 40 Jahren, ist AIDS behandelbar geworden. Es sind aber immer noch nicht alle Stigmatisierungen aufgehoben und Einschränkungen lassen sich z. B. noch in den Regularien zur Blutspende finden.


#

Abstract

Forty years ago, in the spring of 1981, a new disease was first reported by the US Center for Disease Control and Prevention. Two parallel syndromes were noticed among those affected: the so-called “Kaposi sarcoma” and Pneumocystis carinii pneumonia. Initially, it mainly affected men who had sex with men. The disease was initially called “Gay Related Immunodeficiency”, but was renamed “Acquired Immune Deficiency Syndrome” (AIDS) when it became socially relevant. From 1983 onwards, the mysterious epidemic could be traced back to the HIV virus discovered by Montagnier and Gallo. The author interviewed two well-known dermatologists (from East and West Berlin) about the different situation in the FRG and GDR and the public perception of AIDS in the 1980s.

In the public media perception, the disease has remained a marginalised group disease until today. Today, after 40 years, AIDS has become treatable. However, not all stigma has been removed and restrictions can still be found, for example, in the regulations on blood donation.


#

„Aids ist eine Erkrankung, die unsere Gesellschaft mit ihren Werten und ihrer Politik grundlegend auf die Probe stellt.“ [1]


Auch wenn zur Zeit die Berichterstattung vornehmlich die aktuelle SARS-CoV-2-Pandemie betrifft, soll der Blick zurück auf die Verbreitungsphase einer Seuche gewagt werden, die bis heute grassiert: Vor bald 40 Jahren, im Frühjahr 1981, wurde das erste Mal in den Wochenberichten zur Morbidität und Mortalität (MMWR) des US-amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention (CDC) eine neue Krankheit erwähnt. Ein erstes Auftreten war schon zwischen 1978 und 1979 in New York beobachtet worden.[1] Es gibt Blutproben aus den 1960er-Jahren, in denen der Erreger später gefunden wurde.

Eine Fallbeschreibung aus der Einleitung des Sachbuchs „And The Band Played On“ des US-Journalisten und späteren HIV-Experten Randy Shilts (1988) steht beispielhaft für die Krankengeschichten, die sich im Winter 1980/81 häuften und die Mediziner*innen in den USA zunächst vor viele Rätsel stellten:

„15. Januar 1981, St. Luke’s Roosevelt Hospital, New York […] Nach der Mitte November gestellten Diagnose hatte es zunächst so ausgesehen, als ob sich der Gesundheitszustand des jungen Barmixers wieder verbesserte. [...] Die Ärzte sagten, das zur Gruppe der Herpesviren gehörende Zytomegalie-Virus habe seinen ganzen Körper infiziert und jedes Organ überschwemmt. Außerdem habe er eine Lungeninfektion. Aber niemand konnte mit Bestimmtheit sagen, was ihm fehlte“ ([3], S. 95).

Bei den Patienten fielen zwei parallele Syndrome auf: das sog. „Kaposi-Sarkom“ und die Pneumocystis carinii Pneumonie, PCP ([2], S. 20). Damals sprach man von einer seltenen Lungenerkrankung. Sie wurde später sie in „Pneumocystis jirovecii Pneumonie“ umbenannt. Erste Untersuchungen ergaben, dass v. a. Männer, die Sex mit Männern hatten (MSM) von der damals als „GRID“ („Gay related immunodeficiency“) bezeichneten Infektionskrankheit, also dem Zusammentreffen von Kaposi-Sarkom und PCP, betroffen waren, die etwa doppelt so viele Sexualkontakte hatten wie Vergleichspersonen. Ihre Partner wechselten besonders häufig. Einige US-amerikanische Medien bezeichneten die Erkrankung in diffamierender Weise als „Homosexuellenkrebs“ ([3], S. 214).

Im Juni 1981 gab es bereits 116 offiziell registrierte Fälle in den USA: Ungefähr zur Hälfte lebten die Erkrankten in New York, zur anderen Hälfte in verschiedenen Städten Kaliforniens ([2], S. 21). Im April 1982 hatte sich die Zahl schon auf über 300 erhöht ([3], S. 209).

Bald wurde erkannt, dass es sich bei beiden Symptomatiken, die außer bei MSM v. a. bei Drogenabhängigen auftraten, um ein- und dieselbe, sich rasch weltweit verbreitende, sexuell übertragbare Infektionskrankheit handelte. Dafür setzte sich die Deklaration AIDS (Acquired Immune Deficiency Syndrome) durch [2]. Das zumeist tödlich verlaufende Leiden, dessen Ursache das HI-Virus ist, alarmierte die Medizin und führte zu massiven Verhaltensänderungen im Bereich der Sexualität:

„On June 5, 1981, MMWR published a report of Pneumocystis carinii pneumonia in five previously healthy young men in Los Angeles, California. These cases were later recognized as the first reported cases of acquired immunodeficiency syndrome (AIDS) in the United States. Since that time, this disease has become one of the greatest public health challenges both nationally and globally. Human immunodeficiency virus (HIV) and AIDS have claimed the lives of more than 22 million persons worldwide, including more than 500,000 persons in the United States” [4].

Homosexualität war 1981 in vielen Ländern noch unter Strafe gestellt und in Europa und Nordamerika erst wenige Jahre zuvor legalisiert worden. Während in der Antike homosexuelle Handlungen sogar gesellschaftlich geduldet wurden, galten sie spätestens mit Beginn des Mittelalters als Sünde.[2] Homosexuelle wurden verfolgt und oft getötet. Bereits in den 1880er-Jahren entstand im wissenschaftlichen Kontext die Auffassung, Homosexualität sei eine neurologische Krankheit, und es wurden Möglichkeiten einer Behandlung diskutiert [5]. In der Bundesrepublik Deutschland blieb Homosexualität bis 1969 strafbar. Der betreffende § 175 StGB führte auch in Wissenschaftskreisen dazu, diese Personengruppe nicht direkt zu benennen, sondern abfällig von den „175ern“ zu sprechen. In der DDR wurde das Verbot schon 1968 aufgehoben. Rein formal wurde der Paragraf im Strafgesetzbuch aber erst 1994 gestrichen. Die Situation führte auch zu einer Bewusstseinsänderung in der Bevölkerung. Homosexualität wurde zunehmend akzeptiert. Von 2001 – 2017 waren in Deutschland eingetragene gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften möglich. Gleichgeschlechtliche Eheschließungen sind in deutschsprachigen Ländern erst seit einigen Jahren erlaubt.[3]

Die Entdeckung des HI-Virus und die mediale Rezeption

Am 3. Juli 1981 berichtete die New York Times erstmals über die neue Krankheit als eine seltene Krebsart, die Homosexuelle beträfe, die Geschlechtsverkehr mit häufig wechselnden Partnern hätten. Für Heterosexuelle und v. a. für Frauen bestünde keine Gefahr. Unterschlagen wurde zunächst die Tatsache, dass Ende 1981 bereits 16 Prozent der Erkrankten in Nordamerika heterosexuell war (in Afrika lag diese Zahl vermutlich damals schon wesentlich höher) [2]. Über die Entstehung und Verbreitung der Krankheit entstanden die kuriosesten Theorien. Bspw. vermutete die Medical Tribune noch 1983, der häufige Kontakt mit fremdem Sperma würde das Immunsystem von Männern schwächen, Frauen hätten hingegen stärkere Abwehrkräfte und seien nicht so sehr gefährdet. Eine andere Erklärung bestand in der Annahme, Partydrogen („Poppers“), die v. a. in der homosexuellen „Szene“ kursierten, hätten zu einem Immundefekt geführt[4] [2].

Viele Seuchenexperten gingen zunächst davon aus, AIDS würde Frauen nicht betreffen. In einem ebenfalls 1983 erschienenen Artikel im New England Journal [6] wagte der Autor aber bereits 1983 die Prognose, dass HIV mittelfristig nicht nur MSM betreffen werde.

In Deutschland griff erstmals die BILD-Zeitung im Dezember 1981 das Thema HIV/AIDS auf, und am 31. Mai 1982 erschien der erste längere Bericht im Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL, der größere Bevölkerungskreise über das neuartige Virus aufklärte, das zur gleichen Zeit bereits in einigen US-Großstädten erheblich verbreitet war [7]. Der Berliner Dermatologe Hans Halter, damals Wissenschaftsredakteur des SPIEGEL, wurde durch einen seiner Kollegen, der regelmäßig US-amerikanische medizinische Journale las, angeregt, sich in einem Artikel einmal eingehender mit der „geheimnisvollen Krankheit“ GRID zu befassen.

Als Spezialist für Geschlechtskrankheiten, der in den 1960er-Jahren als Assistenzarzt noch die Syphilis- und Tripperpatient*innen im Westberliner Virchowklinikum behandelt hatte, widmete sich Halter mit großem wissenschaftlichen Interesse der neuen sexuell übertragbaren Krankheit und schrieb 1982 einen ersten Aufsehen erregenden Artikel mit dem Titel „Der Schreck von drüben“. Die Ursachen der Erkrankung waren zu dieser Zeit noch völlig unklar, v. a. Partydrogen wurden als auslösend vermutet:

„Gesucht wird ein Stoff, der nur von männlichen Homosexuellen benutzt wird, oder ein krankheitsförderndes Verhalten, das nur der Homosexuellen-Szene eigen ist. Gefunden wurden gleich ein halbes Dutzend solcher möglichen Faktoren“ [7].

Dem Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL wird bis heute vorgeworfen, in den frühen 1980er-Jahren aufgrund der Tonart in Halters Artikeln zur Entwicklung eines Stereotyps und zur Assoziierung von Promiskuität und Homosexualität als Risiken für eine HIV-Infektion beigetragen zu haben. Die Kritik entstand bereits in den 1980er-Jahren. Halter gab im Interview an, nach seiner Berichterstattung vielen Anfeindungen ausgesetzt gewesen zu sein: „Ich hätte außerdem nie gedacht, dass ich ausgerechnet mit diesem Thema bekannt werden würde“, äußerte er verwundert über seine Rolle als Erstbeschreiber von HIV in einem damaligen deutschen Leitmedium.

Die heteronormativen, bildungsbürgerlichen Gesellschaftskreise, die den SPIEGEL lasen, wussten zu Beginn der 1980er-Jahre kaum etwas über Homosexualität. Zwar war homosexueller Geschlechtsverkehr in den frühen 1980er-Jahren nicht mehr grundsätzlich strafbar, aber die Auseinandersetzung mit dem Thema war – genauso wie Sexualität generell wenige Jahre zuvor – in fast allen Schichten noch tabuisiert. Über Praktiken oder Quantitäten des gleichgeschlechtlichen Sexualverhaltens wurden noch nicht gesprochen. Stereotype Vorstellungen konnten sich schnell entwickeln. Deshalb wurden in den 1980er-Jahren vermehrt Studien in Auftrag gegeben, um mehr über homosexuelle Lebens- und Sexualpraktiken zu erfahren [8].

Seit Beginn der Epidemie in Westdeutschland, etwa um 1982, haben sich bis Ende 2018 laut RKI 87 900 Menschen infiziert (bei 1600 Neuinfektionen im Jahr 2018) [9]. Das HI-Virus breitete sich weltweit in den Jahren 1983 und 1984 am schnellsten aus. Im Mai 1983 waren in New York epidemische Ausmaße erreicht worden [10]. Auch in Deutschland lag die Inzidenz mit 5000 Neuinfektionen p. a. auch im Jahre 1983 bereits besonders hoch ([11], S. 41).

Mitte 1983 wird im SPIEGEL die Krankheit AIDS als „Homosexuellen-Seuche“ und als „Schwulenpest“ bezeichnet [12] [13]. Jüttemann et al. stellten 2014 die Behauptung auf, dass mit diesem ersten Artikel „nicht nur eine Krankheit benannt, beschrieben und medial bearbeitet, sondern v. a. ein Topos geboren“ wurde [14]. Es entstand eine „sprachliche Verknüpfung von Krankheit und sexueller Identität“, die bis in unsere Zeit zur Diskreditierung von MSM geführt hat. Das hatte auch allgemein schädliche Folgen. So war die Abgabe einer Blutspende von homosexuellen Männern bis vor Kurzem grundsätzlich verboten [14].

Hervorzuheben ist, dass Halter Promiskuität lediglich als einen besonderen Risikofaktor beschrieb – ohne moralische Bewertung. In seinem Buch „Todesseuche AIDS“ von 1985 kennzeichnet Halter Promiskuität lediglich als Suchtverhalten. Dennoch befürchteten Eiff und Gründel 1987:

„Wer im Zusammenhang mit AIDS eine Verhaltensänderung im sexuellen Bereich überhaupt nur andeutet, muß gegenwärtig sein, daß ihm sofort unterstellt wird, er wolle zu einer alten repressiven Sexualmoral zurückkehren. Die bestehende Gefahrenlage sei wieder erneut Tummelfeld für Moralisten [...] Man fürchte, sexuelle Promiskuität werde als soziales Verbrechen abgestempelt“ ([15], S. 80).

Einige homosexuelle Männer hätten weitaus mehr Sexualkontakte mit Unbekannten als andere gesellschaftliche Gruppierungen, so die Annahme. Die fehlende Kritik hätte eine massenhafte Verbreitung begünstigt, war die andere.

Dass der alleinige Umstieg auf safer sex das Problem AIDS lösen würde, bezweifelten die Dermatologen schon damals, wie sich Halter erinnert. Kondome seien seiner Meinung nach kein Rundumschutz. Auch Paare, die safer sex praktizierten, würden sich irgendwann mit HIV infizieren können:

„Der größte Schwindel war ‚Kondome sind sicher!‘ [...] Kondom ist medizinischer Quatsch. Als ich noch Geburtshelfer war, das war damals [als Medizinalassistent] Pflicht, hat unsere Chefin immer gesagt: Ein Ehepaar, das mit Kondomen verhütet, ist nach drei Jahren schwanger. Und so iss’es: ein Kondom ist nicht 100-prozentig sicher, sondern je nachdem wie geschickt die sind. Da gibt’s ja geschickte und weniger-geschickte Leute. Ist ja alles nicht so ganz einfach. Also die richtigen Profis können das auf 90 – 95 Prozent bringen, würde ich schätzen. Und wenn sie 100-mal Geschlechtsverkehr im Jahr haben, dann haben sie 5-mal dabei Kontakte. Das kann schon reichen! Nicht jeder Geschlechtsverkehr mit HIV führt zu HIV.“[5]

In konservativen Kreisen der westdeutschen Gesellschaft wurde das Thema lange heruntergespielt. Zunächst betraf die Krankheit v. a. nur schwule Männer und Drogenabhängige und nicht das heteronormative Paar. Bundesgesundheitsministerin Rita Süßmuth (CDU) ließ an alle deutschen Haushalte ein Flugblatt versenden, auf dem betont wurde, dass die Berichte über HIV Panikmache und alles „halb so schlimm“ sei, da nur maximal 10 Prozent der Betroffenen versterben würden [16]. Unter Dermatologen gab es demgegenüber längst die Überzeugung: „Schleimhaut ist Schleimhaut“, wie Halter sich erinnert. Man war sich sicher, das Virus würde kurz oder lang auch Heterosexuelle betreffen und nicht nur MSM. Halter ist der Meinung,

„ehrlich gesagt hätte die Regierung aber damals nur die Wahrheit sagen können: ‚Wir haben nichts und wir raten zur Monogamie!‘ [...] Ich will nicht sagen, dass die Aufklärung ganz und gar nichts gebracht hat, aber was sie nicht gebracht hat, ist das, was die Regierung versprochen hat, nämlich Sicherheit.“[6]

Mit den SPIEGEL-Berichten Anfang der 1980er-Jahre kamen auch die ersten Beschreibungen homosexuellen Großstadtlebens an die Öffentlichkeit. Zuvor war in Deutschland in großen Nachrichtenmagazinen kaum darüber berichtet worden. Hans-Joachim Noack, Sozialarbeiter aus Schwaben, schilderte 1985 die sog. „Leder“-Szene rund um den Westberliner Nollendorfplatz und schrieb für an AIDS gestorbene Freunde und Bekannte aus der Bar „Knolle“ einen Nachruf [17]. Er selbst ist später ebenfalls positiv getestet worden und an AIDS gestorben, soll sich aber – eigenen Aussagen zufolge – nur durch Küssen angesteckt haben, wie sich Halter erinnert.


#

Geschichte einer Stigmatisierung im Gesundheitswesen

MSM wurden 1983 in einer Richtlinie der Bundesärztekammer als „HIV-Hauptrisikogruppe“ eingestuft und damit generell von der Blutspende ausgeschlossen. Zwar wurde es 1985 Pflicht, alle Blutspenden auf das neue HI-Virus zu prüfen, um das zu Beginn der 1980er-Jahre hohe Infektionsrisiko durch Blutprodukte gänzlich auszuschalten, doch die Maßgabe, MSM per se von Spenden auszuschließen, wurde sogar noch 1998 in gültiges Recht übernommen, wie bereits Preuß (2004) bemerkt:

„Auch unter Verwendung der offiziellen HIV-Blutspenden-Statistik des ‚Arbeitskreises Blut‘ des Robert-Koch-Instituts (RKI; Bundesoberbehörde für Epidemiologie) soll aufgezeigt werden, dass die ‚schwule Subgruppe der (potentiellen) Blutspender‘ durchaus keine HIV-Hauptrisikogruppe ist und dass wertvolle Ressourcen verloren gehen würden, wenn diese Gruppe tatsächlich wirksam von der Blutspende ferngehalten würde. Auch lässt sich zeigen, dass hinsichtlich vergleichbarer Risikofaktoren im Transfusionswesen keineswegs ebenfalls zu pauschalen Spenderausschlüssen gegriffen wird. Es ist demnach zu vermuten, dass hinter dem Ausschluss Schwuler ein Fortbestehen gesellschaftlicher Vorurteile steht“ [9].

Dass die Berichte im SPIEGEL in den 1980er-Jahren in bildungsbürgerlichen Gesellschaftskreisen zu einer ersten Prägung von Bildern („Primacy“) geführt hat, ist anzunehmen. Also jene Kreise, in denen in den 1980er- und 1990er-Jahren Leitlinien und Gesetze für Blutspenden entwickelt wurden:

„Berücksichtigung im Gesetz fand die seit dem Jahr 1983 angewendete Empfehlung des Europarats, Schwule, die damals unter den Aids-Kranken die Mehrheit bildeten, von der Spende auszuschließen“ [9].

Selbst Personen, die seit 1977 nur einen einmaligen und länger zurückliegenden Sexualkontakt mit einem homosexuellen Mann hatten, wurden in den 1990er-Jahren noch zur Risikogruppe gezählt [18]. Das Robert-Koch-Institut sprach sogar von einem Anstieg des Risikoverhaltens bei homosexuellen Männern [19].

Preuß vermutet, dass der Gesetzgeber zu Beginn der 1990er-Jahre widersprüchlich entschieden habe, weil zwischen 1980 und 1993 fast jeder zweite in Deutschland behandelte Hämophilie-Patient über Blutprodukte mit dem HI-Virus infiziert wurde [20]. Fast alle Ansteckungen (360 von 373) erfolgten aber vor der Einführung der Pflichttests 1985. Dennoch befand 1998 der Gesetzgeber, dass „Personen, die einer Gruppe mit einem gegenüber der Allgemeinbevölkerung deutlich erhöhten Risiko für HIV- und HEP-Infektionen angehören oder dieser zugeordnet werden müssen“, für die Blutspende nicht geeignet seien; das bedeutete: „Berücksichtigung im Gesetz fand die seit dem Jahr 1983 angewendete Empfehlung des Europarats, Schwule, die damals unter den Aids-Kranken die Mehrheit bildeten, von der Spende auszuschließen“ [10].


#

Gab es Unterschiede zwischen der DDR und der BRD?

In zwei Zeitzeugeninterviews sollte herausgefunden werden, ob und ggfs. inwiefern die Zahl der HIV-Erkrankungen in den 1980er-Jahren in West- und Ostberlin eine unterschiedliche Entwicklung nahm. Die beiden Dermatologen Hans Halter (Westberlin) und Jürgen Kölzsch (Ostberlin) wurden hierzu 2020 vom Autor befragt.

Kölzsch war von 1988 – 1992 in der Charité-Hautklinik tätig, die zugleich als zentrale HIV-Beratungs- und Betreuungsstelle in Ostberlin fungierte und für alle HIV-Beratungs- und Betreuungsstellen der DDR koordinativ zuständig war. Jeder DDR-Bezirk hatte eine eigene Hautklinik mit einer HIV-Abteilung. In dem Bewusstsein, dass HIV eine Geschlechtskrankheit war, also fachlich zur Dermatologie gehörte, durften in der DDR nur Dermatologen sexuell übertragbare Krankheiten diagnostizieren und behandeln.

Grundsätzlich verfolgte die DDR im Gegensatz zur BRD eine recht zentralisierte AIDS-Politik. Man adaptierte die Leitlinien des seit den 1920er-Jahren geltenden Gesetzes zur Verhütung der Geschlechtskrankheiten [21]. Es hätten somit im Ernstfall auch Zwangsmittel angewendet werden können (es gab – selten – Internierungen in geschlossenen venerologischen Stationen wie z. B. in West-Staaken), vor denen man in der BRD nach den Erfahrungen der NS-Zeit zurückschreckte [22].

Als positiv und effizient hob Kölzsch die Rolle der sog. „Fürsorgerinnen“ in Ostberlin hervor. Sie sollten Infektionsketten unterbrechen und suchten deshalb schnell den direkten persönlichen Kontakt zu Infizierten. Die Fürsorgerinnen halfen den Betroffenen, anonyme Briefe an ehemalige Sexualpartner per Post zu versenden, mit dem Inhalt: „Ich hatte mit Dir Sex: Lass dich testen“ (zit. n. Gedächtnisprotokoll Kölzsch). Auch Selbsthilfegruppen wurden gegründet, und Streetworker haben in den einschlägig bekannten öffentlichen Grünanlagen Männer angesprochen und auf Ansteckungsgefahren hingewiesen.

Der Dermatologe Kölzsch erinnert sich an die ersten HIV-Infizierten in Ostberlin, die er als praktizierender Arzt (noch vor seiner Anstellung an der Charité-Hautklinik) behandelte:

„Ich weiß noch, ich war in einer Poliklinik, wo ich die ersten zehn Patienten getestet habe, 1986. Da waren drei positiv – da kriegte ich ’nen Schreck und dachte ‚um Gottes Willen‘ [...] Wir hatten richtige Bäumchen – wir wussten von jedem, [...] wer mit wem und konnten dann da weiter forschen. Und das Entscheidende war, so wie jetzt, die Infektionsketten zu durchbrechen.“[7]

Bis 1986 gab es in der DDR – offiziell – keine HIV-Testungen, sodass die Mitarbeiter der Charité-Hautklinik Blutproben nach Westdeutschland „schmuggelten“, um sie analysieren zu lassen. Obermedizinalrat Sönnichsen, damals Chefarzt der Hautklinik, erinnert sich:

„So habe ich in meiner Not mehrmals Kollegen, die zu Kongressen oder Seminaren in den Westen reisen durften, gebeten, Blutproben – selbstverständlich anonym – mitzunehmen und in der Bundesrepublik untersuchen zu lassen“ ([23], S. 12).

An den ostdeutschen Universitäten waren auch Studenten aus afrikanischen Bruderstaaten betroffen. In Leipzig bot man 30 infizierten afrikanischen Studenten an, ihnen das Examen zu erleichtern, wenn sie auf Geschlechtsverkehr mit deutschen Kommilitoninnen verzichten und nach erfolgreichem Abschluss bald möglichst ausreisen würden, wie Halter im Interview erwähnt. Generell gab es aber keine „Hochrisikogruppen“ in der DDR, wie Sönnichsen berichtet:

„Keine Fixer, keine ausgeprägte ‚Schwulenszene‘ mit häufigem Partnerwechsel – Auch die Ansteckung über Blutkonserven war so gut wie ausgeschlossen: Es wurden fast keine von westlichen Blutbanken gekauft, weil die notwendigen Devisen fehlten“ ([23], S. 13).

Während HIV-Infektionen in der DDR bis zur Wiedervereinigung eher eine Randerscheinung blieben, war AIDS in Westdeutschland Mitte der 1980er-Jahre ein zentrales Thema. Im SPIEGEL gab es Interviews mit Erkrankten. Einige verfassten auch eigene Artikel, in denen die massive Ausbreitung der Ansteckungen, v. a. in der Westberliner Schwulenszene, beklagt wurde [24] [25].

Wie sahen die Verhältnisse im direkten Vergleich zwischen Ost und West aus? Der Dermatologe Kölzsch durfte ab 1988 in den Westen reisen, um auf Konferenzen über die erfolgreiche Eindämmung der Epidemie im Osten zu berichten. Bei seinen Besuchen machte er sich – eher inoffiziell – auch ein Bild von der Situation unter den Betroffenen im nicht-sozialistischen Ausland. Bei einem Aufenthalt in Westberlin zeigte er sich erschüttert über den sorglosen Umgang mit Blutspenden, die meist von Drogenabhängigen stammten (an dem für seine Drogenszene berüchtigten Bahnhof Zoologischer Garten wurden sogar Blutspende-Busse aufgestellt).

Im Jahre 1983 beklagte Halter, dass ein großer Teil der partyfreudigen MSM nicht auf den intensiven Sexualkontakt mit Fremden verzichten wolle. Zwar verstand er, dass die männlichen homosexuellen Westberliner sich über ihre Freiheiten nach dem Wegfall des § 175 freuten, aber dennoch forderte er – und wurde dafür auch oft angefeindet – eine kontrollierte Einschränkung der Gelegenheiten für anonymen Sexualverkehr unter Männern.

In seinen Artikeln wagte Halter einen Blick nach Ostberlin. Dort wurde der autoritären Präventionspolitik der DDR-Regierung folgend die Seuche erfolgreich eingedämmt. Im Wendejahr 1990 gab es in der DDR gerade einmal 133 Infizierte, und es wurden 10 Todesfälle verzeichnet (etwa so viel wie in der BRD an einem einzigen Tag):

„Die Weltgesundheitsorganisation war noch im letzten Sommer voll des Lobes über Sönnichsen und seine Truppe. Erfolg ist in der Heilkunst meßbar; bei Infektionskrankheiten muß man nur die Toten zählen. Und da gibt es kein zweites Land, das die bedrohliche AIDS-Situation vergleichsweise so erfreulich gemeistert hat wie die DDR – bis zur deutsch-deutschen Verbrüderung am 9. November“ [26].


#

Diskussion

Die einseitige Berichterstattung des SPIEGELs Anfang der 1980er-Jahre wird in der medizinethischen Literatur manchmal dafür verantwortlich gemacht, dass bspw. MSM bis heute weitgehend von der Blutspende ausgeschlossen werden, weil ihnen generelle Promiskuität unterstellt wird [26].

Im Jahre 2017 wurden die Regularien für die Blutspende zwar gelockert, nun sind nur noch MSM ausgeschlossen, die freiwillig angeben, im letzten Jahr Sex mit Männern gehabt zu haben. Dass dieser Umstand weit von der Lebensrealität der meisten Paare (ganz gleich ob homo- oder heterosexuell) abweicht, ist offenkundig. Eine gänzliche Streichung dieses Passus wird seit Jahren geprüft – bislang ohne Einigung. Vermutlich, weil auch weitere venerologische Auffälligkeiten, wie die Zunahme der Syphilis und anderer STI bei MSM in den letzten Jahren beobachtet wurden. Ein erhöhtes Risiko für sexuell übertragbare Krankheiten durch die HIV-PrEP- und Chemsex-Szene wird nach wie vor angenommen.

Eine Einordnung in das für die Medizinethik gültige Georgetown-Mantra zeigt die Widersprüche auf [27]. In westlichen Ländern ist sexuelle Selbstbestimmung auf gesetzlicher Grundlage bereits gegeben. Patientenautonomie, wie sie das Georgetown-Mantra fordert, schließt aber auch freies Bekenntnis ein – davon kann z. B. im Bereich der Blutspende immer noch nicht Gebrauch gemacht werden, weil Homosexuelle oft kritische Reaktionen und Ablehnung fürchten. Die explizite Nennung von sexueller Orientierung als Ausschlusskriterium ist lange nicht mehr nur medizinethisch, sondern vermutlich auch bald statistisch höchst fragwürdig.


#
#

Interessenkonflikt

Die Autorinnen/Autoren geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

1 Susan West: Ein Schritt hinter dem Killer. DIE ZEIT vom 11. März 1983.


2 In der Antike fielen homosexuelle Handlungen unter den Begriff Sodomie, der heute ausschließlich einen sexuellen Kontakt mit Tieren bezeichnet.


3 2003 Belgien, 2015 Luxemburg, 2017 Deutschland, 2019 Österreich. In der Schweiz, in Liechtenstein und in Südtirol sind nur eingetragene Lebenspartnerschaften zulässig.


4 Sie haben aber natürlich eine mögliche „Hemmschwelle“ für die Durchführung bestimmter Sexualpraktiken, die mit einem höheren Infektionsrisiko verbunden waren, gesenkt.


5 Interview Halter, ab Min 1:07:00 f.


6 Interview Halter, ab Min 1:09:50 ff.


7 Interview Kölzsch, Min 21.24 ff.



Korrespondenzadresse

Dr. Andreas Jüttemann
Institut für Geschichte der Medizin, Charité Universitätsmedizin Berlin
Thielallee 71
14195 Berlin
Deutschland   

Publication History

Article published online:
08 February 2021

© 2021. Thieme. All rights reserved.

Georg Thieme Verlag KG
Rüdigerstraße 14, 70469 Stuttgart, Germany