Aktuelle Dermatologie 2021; 47(01/02): 15-16
DOI: 10.1055/a-1324-9840
Histologisches Quiz

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S. Ständer
1   Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie, Universität zu Lübeck
3   Klinik für Dermatologie und Allergologie, Ludwig Maximilians Universität, München
,
R. Wolf
2   Klinik für Dermatologie und Allergologie, Phillips-Universität, Marburg
3   Klinik für Dermatologie und Allergologie, Ludwig Maximilians Universität, München
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Die folgende Erkrankung ist klinisch oft eindeutig und wird daher selten beschrieben.

Anamnese

Eine 62-jährige fiebrige Patientin in reduziertem Allgemeinzustand wurde wegen einer atypischen Pneumonie (Klebsiella pneumoniae) stationär behandelt. Innerhalb weniger Tage entwickelte sie einen asymptomatischen Ausschlag an den vom Schwitzen feuchten Hautstellen, der mit der Genesung der Patientin selbstständig abheilte.


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Klinischer und histologischer Befund

Am Stamm und den Intertrigines zeigte sich disseminiert ein monomorphes vesikuläres Exanthem ([Abb. 1]). Die Einzelläsionen wirkten wie 1–2 mm große, klare Regentopfen auf unveränderter Haut.

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Abb. 1 Stammbetontes monomorphes Exanthem aus regentropfenförmigen Vesikeln. Schräglichtaufnahme (Einlass rechts oben) und dermatoskopische Aufnahme (Einlass rechts unten) der wie aufgesetzt wirkenden, weißlichen Vesikel.

Histologisch zeigte sich ein atrophes Epidermisband, Hypogranulose, unreife Orthohyperkeratose, innerhalb kompakter Verhornung flächig intrakorneale Spaltbildung ([Abb. 2]). Akrosyringial typische Verhornung, um den intraepidermalen Gangabschnitt geringe Spongiose. In der oberflächlichen Dermis, dilatierte Kapillaren und geringe perivenuläre Infiltrate, in der tiefen Dermis Syringien unverändert. Die PAS-Färbung zeigte keine Hyphen oder Sporen, in der direkten und indirekten Immunfloureszenz kein Anhalt für eine autoimmun-blasenbildende Erkrankung.

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Abb. 2 Atrophes Epidermisband mit unreifer Orthohyperkeratose und intrakornealer Spaltbildung. Dermal dilatierte Kapillaren und schüttere perivaskuläre Infiltrate, Syringien regelhaft. Akrosyringium mit geringer periduktaler Spongiose und typischer Verhornung (Einlass links unten).
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Diagnose

Miliaria cristallina.


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Kommentar

Miliaria (M.) beschreibt einen Hautausschlag aus Hirsekorn (griech.: Milium)-großen Vesikeln (M. cristallina), Papulovesikeln (M. rubra) oder Papeln und Knötchen (M. profunda). Ursächlich wird eine Flussunterbrechung im ekkrinen Schweißdrüsenausführungsgang auf unterschiedlichen Höhen angenommen, die das klinische Bild bestimmen [1] [2]. Bei der hier beschriebenen Miliaria cristallina ist dessen intraepidermaler Anteil (Akrosyringium) in der Hornschicht am oberflächlichsten unterbrochen [2]. Der Schweiß fließt somit hauptsächlich intrakorneal, eine reaktive Entzündung ist daher kaum ausgeprägt oder gar fehlend. Klinisch entstehen kleine wasserklare Vesikel, eine sichtbare Rötung fehlt typischerweise. Vermutete Mechanismen sind das vorübergehende Schließen der Schweißkanalöffnung aufgrund deren Unreife bei Neugeborenen, eine erhöhte Hydratation der Korneozyten mit Okklusion des Akrosyringiums durch verstärkte Schweißproduktion (Schwitzen bei Fieber, konstitutiv, umweltbedingt), bakterielle Infektionen oder eine mechanische Unterbrechung im Akrosyringium bei epithelialen Reifungsstörungen durch ultraviolettes Licht, zugrundeliegende Erkrankungen oder assoziierte Medikamenten [1] [2] [3] [4] [5].

Klinisch abzugrenzen ist die Miliaria rubra, bei der es zur Verlegung des Akrosyringiums tiefer im Stratum spinosum kommt. Infolge des Schweißkontaktes mit der vitalen Epidermis entsteht periakrosyringial eine irritativ-spongiotische Dermatitis, klinisch zeigen sich gerötete interfollikuläre Papulovesikel. Morphologisch zeigt sich in der optischen Kohärenztomografie eine Dilatation des spiralförmigen Akrosyringiums, freie Flüssigkeit und eine angrenzende hyporefraktile Substanz, die vermutlich mazeriertes Keratin darstellt, das als epidermales Irritanz wirkt [6]. Bei der Miliaria profunda kommt es zu einer dermalen, noch tieferen Verlegung des Schweißausführungsganges. Histologisch zeigt sich prästenotisch eine zystische Gangdilatation mit periduktalen Infiltraten, klinisch an der kleidungsbedeckten Haut auffällige tiefrote Papeln und kleine Knoten. Ein Übergang zwischen der aphlegmatischen (M. cristallina) und den entzündlichen Miliaria-Formen (M. rubra, M. profunda) ist denkbar, wenn eine oberflächliche Unterbrechung des Schweißflusses eine transepidermale oder dermale Schweißexzudation mit reaktiver Entzündung zur Folge hat [2].

Eine sekundäre Impetiginisation ist differenzialdiagnostisch abzugrenzen von infektiösen und sterilen intrakornealen Pustulosen, wie Impetigo contagiosa, Tinea corporis, Psoriasis pustulosa und der IgA-Pemphigus. Therapeutisch empfiehlt sich jegliche Vermeidung ursächlicher Faktoren, wie okkludierende äußere Einflüsse durch leichte Kleidung und Klimatisation, sowie die Behandlung zugrundeliegender, häufig febriler Systemerkrankungen.


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Interessenkonflikt

Die Autorinnen/Autoren geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.


Korrespondenzadresse

Prof. Dr. med. Ronald Wolf
Klinik für Dermatologie und Allergologie, Phillips-Universität, Marburg
Baldinger Straße
35043 Marburg
Deutschland   

Publication History

Article published online:
08 February 2021

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Georg Thieme Verlag KG
Rüdigerstraße 14, 70469 Stuttgart, Germany


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Abb. 1 Stammbetontes monomorphes Exanthem aus regentropfenförmigen Vesikeln. Schräglichtaufnahme (Einlass rechts oben) und dermatoskopische Aufnahme (Einlass rechts unten) der wie aufgesetzt wirkenden, weißlichen Vesikel.
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Abb. 2 Atrophes Epidermisband mit unreifer Orthohyperkeratose und intrakornealer Spaltbildung. Dermal dilatierte Kapillaren und schüttere perivaskuläre Infiltrate, Syringien regelhaft. Akrosyringium mit geringer periduktaler Spongiose und typischer Verhornung (Einlass links unten).