Nervenheilkunde 2021; 40(09): 674-675
DOI: 10.1055/a-1406-9508
Zu diesem Heft

Nervenheilkunde

Zeitschrift für interdisziplinäre Fortbildung
Peter Brieger
1   München
,
Susanne Menzel
1   München
,
Michael Welschehold
1   München
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Prof. Dr. Peter Brieger, Ärztlicher Direktor kbo-Isar-Amper-Klinikum Region München, Akademisches Lehrkrankenhaus der LMU, München (Quelle: ©privat)
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Dipl.-Psych. Susanne Menzel, kbo-Isar-Amper-Klinikum Region München (Quelle: ©privat)
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Dr. Michael Welschehold, Krisendienst Psychiatrie Oberbayern gGmbH, München (Quelle: © Pressestelle Bezirk Oberbayern)

Alles Krise, oder was?

Der Krisenbegriff hat in den vergangenen Monaten, bedingt durch die Corona-Pandemie, wieder viel Beachtung gefunden. Unter dem Motto „Alles Krise, oder was?“ fand beispielsweise im Oktober 2020 die „Woche der seelischen Gesundheit“ in der bayerischen Landeshauptstadt München statt, die verschiedene Aspekte von Krise und Krisenversorgung beleuchtet hat. In diesem Themenheft der Nervenheilkunde werden Krisen aus unterschiedlichen Blickwinkeln dargestellt.

Die Geschichte des Krisenbegriffs geht bis in die Antike zurück; Krise als Chance, Krise als Wendepunkt wurde wiederholt dargestellt [1]. Die Soziologie und Psychologie der Krise ist seit den 1970er-Jahren wiederbeginnend mit Ölkrise allgegenwärtig, und seitdem haben wir Finanzkrise, Flüchtlingskrise, Umweltkrise, Klimakrise, Corona-Krise und eine Vielzahl von politischen Krisen erlebt. Warum also ein Themenheft zum Thema Krise in dieser Zeitschrift?

Der Krisenbegriff verändert den Blick auf die psychiatrische Versorgung! Wenn ich Akutbehandlung mit dem Blick auf die Krise definiere, dann wird das Verständnis psychischer Störungen bedürfnisorientierter und geht über eine eng gefasste medizinische Sichtweise hinaus. Eindrücklich wurde das in letzter Zeit im Bereich Suizidprävention erarbeitet. Tobias Teismann, Thomas Forkmann und Heide Glaesmer stellen diesen Aspekt in ihrem Beitrag dar: Moderne psychotherapeutische Interventionen zur Suizidprävention gehen nicht davon aus, dass die Behandlung spezifischer Krankheiten im Vordergrund stehen sollte, sondern, dass sich Präventionsmaßnahmen am besten unmittelbar an die sich durch suizidale Gedanken und Handlungen ausdrückende persönliche Not der Betroffenen richten.

Es gibt heute eine breite Diskussion, dass durch die Engführung der Suizidprävention auf eine bessere medizinische Versorgung psychischer Erkrankungen zahlreiche Suizidkonstellationen nicht erreicht werden [2] – beispielsweise vom CDC, der amerikanischen Gesundheitsbehörde [3]. Dort wird angemahnt, dass die Prävention den Krankheitsbegriff als einen Aspekt unter mehreren sehen sollte – wie es auch die Perspektive der Krise in der Psychiatrie beinhaltet. Stefan Weinmann stellt das ausführlich dar und lotet aus, welche Chancen im Krisenbegriff für die Psychiatrie stecken: Von der Krise zu sprechen ist deutlich ressourcen- und recoveryorientierter als von der Krankheit oder Störung. Michael Frey stellt den Aspekt für die Kinder und Jugendlichen dar, Michael Welschehold berichtet, wie die Umsetzung des Krisendienstes in Bayern erfolgt. Nils Greve ergänzt dies um die gemeindepsychiatrische Perspektive. Der Artikel von Imke Heuer, Candelaria Mahlke, Gwen Schulz und Thomas Bock fassen all dies nochmals aus der Sicht der Betroffenen wunderbar zusammen.

Unser Fazit für dieses Heft ist: Die Perspektive auf die Krise tut der psychiatrisch-psychotherapeutischen Versorgung gut. Sie wirkt entstigmatisierend und sieht das Individuum in seinen jeweiligen Bedürfnissen. Bedauerlich ist es bis heute, dass die Krankenkassen bei der Versorgung der Krisen, beispielsweise über Krisendienste, sich vornehm „heraushalten“. Hier wäre es dringlich, dass sie ihren gesetzlichen Auftrag übernehmen, wie es beispielsweise der Psychiatriedialog des Bundesministerium für Gesundheit diskutiert (www.psychiatriedialog.de).

Wir wünschen viel Freude und viele Erkenntnisse bei der Lektüre dieses Heftes.


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  • literatur

  • 1 Schleuning G, Menzel S, Brieger P. Der für sich und Andere ausweglose Mensch (Krisen und Krisenintervention). In: Dörner K, et al. (Hrsg.) Irren ist menschlich. Lehrbuch der Psychiatrie und Psychotherapie. Köln: Psychiatrie Verlag; 2017: 493-520
  • 2 Brieger P, Menzel S, Hamann J. Wie stark ist der Zusammenhang zwischen psychischen Erkrankungen und Suizid? Bundesgesundheitsblatt–Gesundheitsforschung–. Gesundheitsschutz im Druck
  • 3 Stone DM, Simon TR, Fowler KA. et al Vital Signs: Trends in State Suicide Rates–United States, 1999–2016 and Circumstances Contributing to Suicide–27 States, 2015. MMWR Morb Mortal Wkly Rep 2018; 67: 617-624

Publication History

Article published online:
31 August 2021

© 2021. Thieme. All rights reserved.

Georg Thieme Verlag KG
Rüdigerstraße 14, 70469 Stuttgart, Germany

  • literatur

  • 1 Schleuning G, Menzel S, Brieger P. Der für sich und Andere ausweglose Mensch (Krisen und Krisenintervention). In: Dörner K, et al. (Hrsg.) Irren ist menschlich. Lehrbuch der Psychiatrie und Psychotherapie. Köln: Psychiatrie Verlag; 2017: 493-520
  • 2 Brieger P, Menzel S, Hamann J. Wie stark ist der Zusammenhang zwischen psychischen Erkrankungen und Suizid? Bundesgesundheitsblatt–Gesundheitsforschung–. Gesundheitsschutz im Druck
  • 3 Stone DM, Simon TR, Fowler KA. et al Vital Signs: Trends in State Suicide Rates–United States, 1999–2016 and Circumstances Contributing to Suicide–27 States, 2015. MMWR Morb Mortal Wkly Rep 2018; 67: 617-624

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Prof. Dr. Peter Brieger, Ärztlicher Direktor kbo-Isar-Amper-Klinikum Region München, Akademisches Lehrkrankenhaus der LMU, München (Quelle: ©privat)
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Dipl.-Psych. Susanne Menzel, kbo-Isar-Amper-Klinikum Region München (Quelle: ©privat)
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Dr. Michael Welschehold, Krisendienst Psychiatrie Oberbayern gGmbH, München (Quelle: © Pressestelle Bezirk Oberbayern)