Aktuelle Dermatologie 2021; 47(08/09): 356
DOI: 10.1055/a-1487-1192
Derma-Fokus

Alopezia areata: Stigmatisierung ist großes gesellschaftliches Problem

Creadore A. et al.
Evaluation of Stigma Toward Individuals With Alopecia.

JAMA Dermatol 2021;
157: 392-398

Eine Alopezie ist nicht nur ein kosmetisches Problem: Die Betroffenen sehen sich einer erheblichen gesellschaftlichen Stigmatisierung ausgesetzt. Wie stark diese tatsächlich ausgeprägt ist und welche Rolle diesbezüglich die Eigenschaften der Kranken und der Laien spielen, untersuchte nun ein US-Forscherteam im Rahmen einer Querschnittsstudie.


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Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler befragten 2015 Erwachsene mithilfe eines Online-Fragebogens. Hierzu bearbeiteten sie Porträtaufnahmen von 6 verschiedenen Erwachsenen – je 2 Frauen und Männer mit weißer und je eine Frau und ein Mann mit schwarzer Hautfarbe – mittels künstlicher Intelligenz. Dabei generierten sie aus jedem Originalfoto 2 weitere Versionen mit progredientem Haarverlust: Bei einer Aufnahme entfernten sie lediglich das Kopfhaar und bei der zweiten zusätzlich die Augenbrauen, die Wimpern und die Gesichtsbehaarung. Jeder Studienteilnehmer und jede -teilnehmerin erhielt nach dem Zufallsprinzip eine der 18 Porträtaufnahmen und wurde gebeten, eine Reihe von Fragen zu beantworten. Die Forschergruppe erfasste dabei verschiedene Stereotypen sowie den Grad der gewünschten sozialen Distanz der Befragten gegenüber der abgebildeten Person. Zusätzlich sollten die Probandinnen und Probanden einschätzen, ob die fotografierte Person an einem medizinischen Problem leidet. Personen, welche diese Frage mit ja beantworteten, wurden zusätzlich zu Erkrankungsmythen befragt. Die Forscherinnen und Forscher untersuchten die Prävalenz und den Ausprägungsgrad der Stigmatisierung von Alopeziekranken innerhalb der Laienbevölkerung. Zusätzlich prüften sie, welche Faktoren – bspw. demografische Parameter der Betroffenen und der Befragten – den Grad der Stigmatisierung beeinflussen.

Ergebnisse

Die 2015 Befragten (50,3 % Männer) waren im Schnitt 37 Jahre, mehrheitlich weiß (79,2 %), berufstätig (81,1 %) und 69,3 % hatten eine höhere Schulbildung bzw. akademische Ausbildung. 45,8 % der Befragten hatten noch nie vom Krankheitsbild Alopezia areata gehört. Weiteren 34,9 % war der Begriff zwar bekannt, genauere Kenntnisse fehlten ihnen jedoch. Die Auswertung der Porträt-Beurteilungen ergab: Mit zunehmender Alopezieschwere nahm auch der Grad der Stigmatisierung – negative Stereotypen sowie der Wunsch nach sozialer Distanzierung – zu. Bezüglich der Stereotypen zeigte sich dabei: Der Anteil der Befragten, welche den abgebildeten Personen das Attribut „krank“ zuordneten, lag bei den Bildern mit vollständigem Haarverlust im Vergleich zu den nicht retuschierten Fotos um 27,6 % höher. Bezüglich des Attributs „unattraktiv“ beobachtete die Arbeitsgruppe eine Zunahme um 16,5 %. Der Haarverlust führte zudem dazu, dass eine zunehmende Zahl von Probandinnen und Probanden die abgebildeten Personen als „ansteckend“, „unsympathisch“, „nicht intelligent“ oder „schmutzig“ einstufte. Bezüglich der sozialen Distanz zeigte sich: Mit zunehmender Alopezieschwere stieg der Anteil der Befragten, welche sich keinen körperlichen Kontakt mit der abgebildeten Person vorstellen konnten. Die Vorstellung, ein Betroffener könnte in der Nachbarschaft einziehen oder in die Familie einheiraten, verursachte ebenfalls einem wachsenden Anteil der Befragten Unbehagen. Ein Beschäftigungsverhältnis oder eine Freundschaft konnten sich ebenfalls immer weniger Probandinnen und Probanden vorstellen. Wie stark die Laien die „Alopeziekranken“ stigmatisierten, hing sowohl vom Geschlecht als auch von der ethnischen Abstammung der abgebildeten Personen ab. Mit zunehmender Alopezieausprägung nahm ferner der Anteil der Befragten, welche die Problematik einer Krankheit zuschrieben, zu. Diejenigen Befragten, welche die Alopezie als medizinisches Problem wahrnahmen, waren dabei weniger ansprechbar für Erkrankungsmythen, und stigmatisierten die Betroffenen weniger stark.

Fazit

Die Autorinnen und Autoren schlussfolgern: Die Prävalenz und der Grad der Stigmatisierung von Personen mit einer Alopezie durch die breite Laienbevölkerung nehmen mit der Alopezieschwere zu und werden vom Geschlecht und der ethnischen Zugehörigkeit der Betroffenen beeinflusst. Wird die Alopezie allerdings als Erkrankung erkannt, mildert dies die Stigmatisierungsproblematik.

Dr. med. Judith Lorenz, Künzell


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Publication History

Article published online:
19 August 2021

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