Arndt Brüssing hält eine Professur für
Lebensqualität, Spiritualität und Coping an der Universität
Witten-Herdecke. Dort erforscht er die komplexen Zusammenhänge, die zur
Genesung beitragen und untersucht die Strategien, die Chronikern helfen, mit ihrer
Krankheit zu leben. So befragte er 798 Menschen mit chronischen Krankheiten, ob und
inwiefern ihre Spiritualität oder Religiosität (SpR) ihnen im Umgang
mit ihrer Erkrankung hilft. Ergebnis:
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61% sagen, SpR hilft zu einem bewussten Umgang mit dem Leben
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58% finden dadurch eine tiefere Beziehung zu Umwelt und
Mitmenschen
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63% finden damit Zufriedenheit und inneren Frieden
-
54% innere Kraft
-
52% können damit besser mit der Krankheit umgehen
-
42% hilft SpR die geistige und/oder körperliche
Gesundheit wieder zu erlangen [1].
Spiritual Care: Nicht nur Aufgabe der Klinikseelsorger
Spiritual Care: Nicht nur Aufgabe der Klinikseelsorger
Gäbe es SpR als Tablette, wäre es ein Blockbuster. Längst
kümmern sich nicht nur die Klinikseelsorger um das seelische Wohlergehen der
Patienten; die junge Disziplin Spiritual Care, die sich im Rahmen der Hospizbewegung
aus der Palliative Care entwickelt hat, nimmt sich der Verfasstheit der Patienten
an.
Was aber heißt „Spiritual Care“? Die Arbeitsdefinition von
Spiritualität der European Association for Palliative Care (EAPC) lautet:
„Spiritualität ist die dynamische Dimension menschlichen Lebens, die
sich darauf bezieht, wie Personen (individuell und in Gemeinschaft) Sinn, Bedeutung
und Transzendenz erfahren, ausdrücken und/oder suchen, und wie sie
in Verbindung stehen mit dem Moment, dem eigenen Selbst, mit Anderen/m, mit
der Natur, mit dem Signifikanten und/oder dem Heiligen“.
Kurz: Spiritual Care beschäftigt sich mit dem, was einem Menschen wichtig
ist, was ihm am Herzen liegt und seine Augen leuchten lässt. Es sind die
Dinge, die Menschen Halt geben und Kräfte mobilisieren. Das mag manchem
esoterisch erscheinen, doch das Fachgebiet ist längst eine ernstzunehmende
Disziplin, die allen in Gesundheitsberufen wertvolle Impulse gibt. Eine
Fachzeitschrift gleichen Namens veröffentlicht begutachtete
Forschungsergebnisse und Expertenmeinungen. Es gibt Lehrstühle für
Spiritual Care, und viele – oft kirchliche – Stellen bieten
Fortbildungen dafür an.
Dabei muss Spiritualität nicht zwingend mit Religion einhergehen. Nach der
Definition oben ist jeder Mensch spirituell, und jeder hat damit auch spirituelle
Ressourcen – sei es die Verbundenheit mit der Natur, die Beheimatung im
Freundeskreis oder das Bewusstsein fürs Selbst. Der Philosoph und Psychologe
Michel Foucault sprach, bevor er an AIDS starb, von Spiritualität als
Selbstsorge des mündigen Subjekts.
Und was geht das Ärztinnen und Ärzte an? Sie sind dafür
verantwortlich, dass der Mensch, den sie als Patienten vor sich haben, in seiner
Gänze angesehen wird, und dazu gehört auch seine
Spiritualität. Das ist keine Zeitverschwendung und keine Kür,
sondern hat messbare medizinische Effekte.
Seelischer Halt sorgt für Resilienz
Seelischer Halt sorgt für Resilienz
Was immer einem Menschen seelisch Halt gibt, sorgt auch für Resilienz
– und zwar nicht nur beim Patienten selbst, sondern auch beim medizinischen
Team, das ihn versorgt. Spiritualität ist eine Kraftquelle, es braucht keine
Einführung in die Placebo- und Noceboforschung, um sich klarzumachen, dass
die Erdung, die Verbindung eines Menschen zu seiner Kraftquelle ihn so
stärken kann, dass er schneller gesund wird oder sich besser mit seinem
Schicksal arrangiert.
Ob jemand gestärkt aus einer Krise geht oder daran zerbricht, ob er neue
Kräfte mobilisieren kann und kämpft oder die Lebenslust verliert und
zusammenbricht, hängt nicht von der medizinischen, sondern von der
spirituellen Versorgung ab.
Jeder Arzt kennt Fälle, in denen ein Mensch sich aufgibt und schneller
verfällt als erwartet oder wo Menschen aus verborgenen Quellen Kraft
schöpfen und schweren Situationen besser oder länger standhalten als
erwartet – unabhängig von ärztlicher Kunst.
Während die Psychologie zumeist noch defizitorientiert arbeitet,
kümmert sich Spiritual Care ausschließlich um Stärken. Der
Geist kann auch in großem Leid beeindruckende Kräfte freisetzen und
ist essenziell fürs „coping“ – den Umgang und das
Aushalten von Leid. Deshalb lohnt es sich auch für Mediziner herauszufinden,
was ihren Patienten stärken, auftanken und seelisch schützen
kann.
Gerade in der Klinik ist der Anfang denkbar einfach: Achten Sie darauf, was ein
Mensch mitbringt, was er sich auf den Nachttisch stellt. Dieser kleine Bereich
relativer Privatheit verrät in der Regel etwas über seinen Besitzer.
Steht dort eine Blume aus dem eigenen Garten, ein Foto der Enkelkinder, liegt dort
ein Buch oder eine Engelsfigur?
Darauf können Sie den Patienten ansprechen: „Was ist das für
ein Foto? Was lesen Sie gerade?“
Wenn es keine physischen Anknüpfungspunkte gibt, fragen Sie nach den
Kraftquellen: „Woraus schöpfen Sie Kraft? Was hat Ihnen bisher
geholfen durchzuhalten?“ Die Antwort ist auch gleich ein
Anknüpfungspunkt, sei es: Musik hören, mein Hund, Tage
zählen zum nächsten Urlaub, Aufgehoben sein in der Familie,
Spazieren gehen, im Garten arbeiten, Singen oder Beten.
Was seelsorgerische Gespräche bewirken können
Was seelsorgerische Gespräche bewirken können
Natürlich sind seelsorgerliche Gespräche nicht Aufgabe der
Ärzteschaft, sondern der Seelsorger. Die sollten Sie einschalten, wann immer
Sie können, denn vielen gerade schwer kranken Patienten fehlt der Mut, die
Kraft oder auch einfach der Impuls, selbst die Initiative zu ergreifen. Am Ende geht
die seelische Verfasstheit der Patienten das ganze medizinische Team an, und wenn es
gut läuft, profitieren auch alle von einer guten spirituellen
Versorgung.
Beispiel: Im UKE liegt ein 40-jähriger Mann mit austherapiertem
Weichteilsarkom. Der sozialpsychiatrische Dienst hat ihn aus seiner Wohnung geholt
und in die Klinik fahren lassen. Mutter und Schwester sind angereist, wissen aber
nichts zu tun. Der Patient wirkt vernachlässigt, er ist wortkarg und
teilnahmslos. Der Mutter zufolge arbeitete er als Fahrradkurier. Doch dann verlor er
wegen des Weichteilsarkoms ein Bein und saß fortan in einem schlecht
angepassten Rollstuhl zu Hause und vernachlässigte sich. Die Situation ist
für alle trostlos; und es scheint auf ein beklemmendes Warten auf den Tod
hinauszulaufen.
Schließlich fragt eine Klinikseelsorgerin den teilnahmslosen Patienten:
„Was ist für Sie jetzt die schlimmste Vorstellung?“ Der Mann
antwortet: „Dass meine Plattensammlung auf dem Flohmarkt verramscht
wird“. Seine Mutter bestätigt, dass die Musik, die er früher
mit Freunden in Clubs hörte, für ihn eine wichtige Rolle spielte.
„Das einzige, was er in seinem ganzen Leben geordnet hat, waren seine
CDs“.
Diese Erkenntnis kommt an einem Freitag. Die Klinikseelsorgerin entwickelt einen
Plan. Die Schwester des Patienten nimmt sich das Handy des Sterbenden und verschickt
Kurznachrichten an seine Freunde, sie dürften sich in der Klinik Musik-CDs
aussuchen. Dann fährt sie in die Wohnung des Patienten und packt hunderte
CDs in Kartons. Die folgenden 2 Tage lang läuft im Zimmer des Kranken Musik,
ständig kommen und gehen Menschen. Lang verschollene Bekannte sitzen da,
hören zu, verabschieden sich von ihrem Freund und ziehen mit Musik im
Gepäck davon. Auch Mutter und Schwester sitzen jetzt stundenlang im Zimmer,
in dem jemand eine Diskokugel aufgehängt hat. Die lähmende
Trostlosigkeit ist einer friedlichen, zauberhaften Stimmung gewichen. Als der Mann
am Montag stirbt, ist seine Plattensammlung in guten Händen und dient als
Erinnerung an jemanden, der sich fast selbst vergessen hatte.
Spiritual Care als wichtiger Aspekt guter Versorgung im Krankenhaus
Spiritual Care als wichtiger Aspekt guter Versorgung im Krankenhaus
Dass Spiritual Care ein wichtiger Aspekt guter Versorgung im Krankenhaus ist, zeigt
sich nicht nur, wenn jemand stirbt. Wann immer Ängste zu bewältigen
sind, wenn der Verlust von Fähigkeiten, Körperfunktionen oder
Autonomie droht oder zu verarbeiten ist, wenn Einsamkeit bedrückend ist oder
Sorgen quälen, dann ist Seelsorge eine medizinische Pflicht. Es ist
schön, wenn Sie an gute Seelsorger delegieren können, aber auch Sie
selbst können mit klugen Fragen etwas für die Seele Ihrer Patienten
tun – und für sich selbst.
Dass man von Patienten viel über Coping und Kraftquellen lernen kann,
beschreibt Arthur Kleinman. Der amerikanische klinische Psychiater studierte
Anthropologie, weil ihn Leiden und Heilen im Krankenhaus sowie der Umgang mit
Kranken und mit Krankheit so faszinierten. In seinem Buch beschreibt er ein
Schlüsselerlebnis aus seiner Ausbildung.
Als Famulant hatte Kleinman die Aufgabe, die unverletzte Hand eines
7-jährigen Mädchens zu halten, das schwere Verbrennungen hatte.
Täglich wurden ihm in einer Badewanne die verbrannte Haut von den Wunden
gezupft. Das war schmerzhaft, und das Kind wehrte sich mit allen
Kräften.
Tagelang versuchte Kleinman vergebens, das Mädchen zu beruhigen und zur der
Einsicht zu bringen, dass Stillhalten die qualvolle Prozedur verkürzen
könnte. Resigniert und mürbe fragte der Student schließlich:
„Wie hältst Du das nur aus? Diese Schmerzen und dann noch diesen
furchtbaren Kampf?“ Das Kind – so berichtet Kleinman – habe
innegehalten, nachgedacht und ihm erzählt, was es erlebt. Von dem Tag an
vollzog sich das leidvolle Ritual kampflos. Kleinman schreibt: „[Das
Mädchen]… hat mir eine entscheidende Lektion erteilt: Dass es
möglich ist, mit Patienten über ihre Erfahrung mit der Krankheit zu
reden, selbst mit den verzweifeltsten. Und dass das Zuhören und damit
sortieren Helfen dieser Erfahrung einen therapeutischen Wert hat“ [2].
Dieser therapeutische Wert hat viele Gesichter. Kraftquellen können helfen
den Verlust von Körperfunktionen und Fähigkeiten anzunehmen,
Pläne loszulassen, Leid anzunehmen und Therapien anzupacken. Selbst
formulieren zu müssen, was einen ängstigt, plagt und einem Hilft,
ist dabei ein wichtiger Schritt. Es braucht keine Fortbildung in Spiritual Care, um
sich anzugewöhnen, danach zu fragen, was einen Patienten stärkt,
worum er sich sorgt und was ihm hilft. Das kann beim Reden während des
Verbandswechsels sein, bei der Visite oder während einer Untersuchung.
Auch das medizinische Team profitiert
Auch das medizinische Team profitiert
Und wie immer profitiert auch das medizinische Team, wenn die spirituelle Seite nicht
ausgeblendet, sondern wertgeschätzt und kultiviert wird. Das berechtigte
Gefühl, jemanden rundum gut zu versorgen, ist auch für alle
diejenigen befriedigender, die daran mitarbeiten, weil es weniger belastend ist. Das
zeigt das Beispiel mit dem Sterbenden und seinen CDs.
Und schließlich müssen auch Ärztinnen und Ärzte
irgendwie und irgendwo auftanken. Wer kein Stück Holz ist, braucht
dafür nicht nur Schlaf und Essen, sondern seelische Kraft –
Spiritualität eben. Auch bei Medizinprofis sind Fragen der Weg zur
Kraftquelle: „Was ist das schlimmste? Was gibt Ihnen Kraft? Was macht Ihnen
Sorgen? Wie stehen Sie das durch?“
Ob Teambesprechungen, Supervisionen oder Debriefing-Runden – jede
strukturierte Form, Erfahrungen und Emotionen zu teilen, unterstützt die
Resilienz der Ärztinnen und Ärzte. Schon die Tatsache hilft, dass
man seine Gefühle angesichts des Erlebten in Worte fassen und erfahren darf,
dass man nicht allein ist mit Trauer, Enttäuschung, Versagensangst, Wut oder
Leere.
Zitierweise für diesen Artikel
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klinikarzt 2020; 49: 442–444