In den letzten Jahren kommen vermehrt Menschen aus dem Ausland nach Deutschland. Viele
von ihnen verfügen über Bildungsabschlüsse und Qualifikationen, die nicht immer sofort
anerkannt werden. Gleichzeitig mangelt es in Deutschland an Fachkräften. Das deutschlandweiten
Förderprogramm „Integration durch Qualifizierung (IQ)“ (KURZ ERKLÄRT, S. 53) arbeitet
daran, die Arbeitsmarktchancen für die einreisenden Personen zu verbessern.
In der Akademie für Bildung und Karriere am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
(UKE) hat sich eigens für die Anpassungsqualifizierung (APQ) von ausländischen Physiotherapeut*innen
eine Projektgruppe formiert, die als eine Art Blaupause für andere Kliniken und Projektgruppen
gelten kann. Das Team „Anpassungsqualifizierung in der Physiotherapie“ schaffte es
in den vergangenen sechs Jahren, unter dem Dach des IQ-Förderprogramms 98 Physiotherapeut*innen
fit zu machen für die Arbeit in Kliniken und Praxen. 30 Prozent dieser Menschen kamen
aus der EU, 70 Prozent der Projekt-absolvent*innen aus Drittstaaten.
Das Projekt half 98 Physios, in Deutschland Fuß zu fassen.
APQ-Erfahrungen aus Hamburg für weitere Projekte nützlich
APQ-Erfahrungen aus Hamburg für weitere Projekte nützlich
Die Soziologin Leandra Balke leitete das Projekt. Sie engagierte sich schon lange
für Geflüchtete und war unter anderem in der Jugendhilfe tätig. Sie berichtet, dass
das Projekt zum 31. Dezember 2021 aufgrund des Endes der Förderperiode ausgelaufen
sei. Die Arbeit ist daher dort offiziell beendet. Balke betont aber den großen Nutzen,
den das Projekt auch weiterhin hat: „Die Erfahrung, die wir mit unserer Arbeit gesammelt
haben, ist Ausgangspunkt für neue Anpassungsqualifizierungen, die in Deutschland entstehen
konnten.“ Beispielsweise begann auch in Niedersachsen im September 2021 eine IQ-Anpassungsqualifizierung
für Physiotherapeut*innen. Leandra Balke wünscht sich eine Verstetigung dieser Integrationsarbeit.
Als das Projekt begann, stand zunächst die Überlegung im Vordergrund, das Fachkräftepotenzial
der einreisenden Personen – im Jahr 2015 waren es hauptsächlich geflüchtete Menschen
– zu nutzen und ihnen gleichzeitig die Möglichkeit zu geben, in Deutschland ihrer
Profession nachzugehen. In Hamburg bildete sich an der UKE-Akademie für Bildung und
Karriere (ABK) der Gedanke, diese Fachkräfte mit internationalen Berufsabschlüssen
im Gesundheitswesen auf eine Tätigkeit in Deutschland vorzubereiten und zu qualifizieren.
Dazu war – neben der finanziellen Trägerschaft durch das IQ-Netzwerk Hamburg – besonderes
Engagement für den Aufbau und die Pflege von Kontakten in der Region notwendig. Mittlerweile
gibt es eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit vielen Stellen, zum Beispiel mit dem
Amt für Gesundheit bei der Hamburger Sozialbehörde.
Weiterführende Informationen
-
Bundesweites Förderprogramm Integration durch Qualifizierung (IQ):
www.netzwerk-iq.de
-
Anpassungsqualifizierung für Physiotherapeut*innen in der Akademie für Bildung und
Karriere am Universitäts-klinikum Hamburg-Eppendorf:
https://bit.ly/APQ_UKE
Sprache ermöglicht Integration
Sprache ermöglicht Integration
Der Blick auf Menschen mit Migrationshintergrund sei häufig auf deren Defizite ausgerichtet,
meint Projektmitarbeiter Paul Cahoj. Er ist Sprachförderer, Dozent, interkultureller
Trainer und pädagogischer Mitarbeiter an der UKE-Akademie. Er möchte den Schwerpunkt
verlagern und sagt: „Wir setzen dem Defizitbescheid die Kompetenzorientierung entgegen.“
Der sogenannte Defizitbescheid soll darüber Auskunft geben, ob und wie groß die fachlichen
Mängel der antragstellenden Person sind. Cahoj aber meint, dass in allen Teilnehmenden
ein Schatz schlummert, den es zu bergen gelte. Sprache sei ein wichtiger Schlüssel
zur Integration. Am UKE hat Cahoj unter anderem dafür gesorgt, dass die Klinik eine
Spracherwerbsressource wurde. Dazu gehört auch das selbstverständliche Nutzen eines
Bibliotheksausweises, um eine Brücke zur speziellen Fachliteratur zu schlagen.
ABB. Praxisinhaber York Feiser (links) ist Chef des Therapiezentrums Feiser in Hamburg
und stellte im Rahmen des Projekts unter anderem den Physiotherapeuten Luciano Silva
aus Mexiko ein.
Quelle: © privat
Wöchentliche Workshops und praktischer Einsatz
Wöchentliche Workshops und praktischer Einsatz
In wöchentlichen Workshops erhalten die Teilnehmenden an einem festen Tag berufsspezifischen
Sprachunterricht. Die übrigen vier Tage sind die Teilnehmenden in praktischen Behandlungen
eingesetzt – zunächst als begleitete Therapeut*innen – mit dem Ziel, sechs Stunden
mit zwölf Behandlungen an Patient*innen arbeiten zu können. Zudem gibt es Mentoring-Programme
mit festen Ansprechpersonen.
Die Teilnehmenden erhalten berufsspezifischen Sprachunterricht.
Fähigkeiten praktisch schulen
Fähigkeiten praktisch schulen
Physiotherapeutin Alice Montan ist im Projekt für die fachliche Qualifizierung zuständig.
Sie stammt aus Schweden und hat sich bei ihrem Start in Deutschland auf eigene Faust
durch den Behördendschungel und über die Sprachhürden während der ersten Behandlungen
gekämpft. „Ich habe in Schweden zwar in der Schule sieben Jahre Deutsch gelernt, habe
aber trotzdem den Gesprächsteil meiner ersten Behandlung auswendig gelernt.“ Ihre
Teilnehmenden sollen das nicht tun. „Sie müssen lernen, gut mit den zu Behandelnden
und professionell mit Kolleginnen und Kollegen sowie anderen Berufsgruppen zu sprechen
und ihre Behandlungen auch schriftlich zu dokumentieren.“
Gewinn für die Praxis
Timo Weber ist Physiotherapeut und im Projekt interkultureller Coach. Er ist Ansprechpartner
für die individuellen Fragen der Teilnehmenden. So arbeitet er nicht nur mit den örtlichen
Behörden, insbesondere mit dem Amt für Gesundheit als anerkennende Stelle, zusammen,
sondern auch mit möglichen Arbeitgeber*innen und Partnerpraxen. Er hat festgestellt,
dass ausländische Arbeitskräfte im beruflichen Kontext oft ein Gewinn sind. Nicht
nur, dass sie den Blick über den Tellerrand für die übrigen Beschäftigten erweitern,
sondern auch, weil nicht alle Patient*innen Deutsch sprächen. Die Bandbreite der Kulturen
ist riesig: Mittlerweile sind Teilnehmende aus 30 verschiedenen Herkunftsländern qualifiziert
worden, darunter waren unter anderem Physiotherapeut*innen aus Polen, Italien, Syrien,
Indien, Mexiko und den Philippinen.
Vorhandene Kompetenz entscheidet über die Dauer
Vorhandene Kompetenz entscheidet über die Dauer
Die Dauer einer Anpassungsqualifizierung ist unterschiedlich und wird individuell
angesetzt. Die Physiotherapie-Ausbildungen und die berufliche Ausübung sind in jedem
Land anders. Entsprechend unterschiedlich sind die Ausgangsvoraussetzungen. Im Hamburger
Projekt wurden die fachlichen Qualifikationen der Personen an einem festen Kennenlerntag
erfasst und so wurde die voraussichtliche Dauer mit den Teilnehmenden ermittelt.
Formale Voraussetzungen für ausländische Physios
Formale Voraussetzungen für ausländische Physios
Wer als gelernte Physiotherapeutin bzw. gelernter Physiotherapeut in Deutschland arbeiten
möchte, ist Fachkraft und kann auf Grundlage des Fachkräfteeinwan-derungsgesetzes,
das im Jahr 2020 neu in Kraft trat, dafür seine ausländische Qualifikation anerkennen
lassen. Die berufliche Anerkennung wird bei den zuständigen Behörden der jeweiligen
Bundesländer beantragt, die auf Basis der eingereichten Qualifikationsnachweise den
entsprechenden Defizitbescheid erstellen.
Wer den Antrag stellt, muss unter anderem ein konkretes Angebot für einen Arbeitsplatz
und eine Krankenversicherung haben sowie eine nachweisliche Unterkunft. Voraussetzung
sind auch hinreichende Deutschkenntnisse. Wer aufgrund dieses Gesetzes einwandern
möchte, hat kein Anrecht auf Sozialleistungen. Die Kosten der Qualifizierung liegen
bei der Antragstellerin bzw. dem Antragssteller oder der zukünftigen Arbeitsstelle.
Die Teilnahme an der Anpassungsqualifizierung am UKE war durch die IQ-Förderung kostenlos,
die Teilnehmenden mussten ihre Lebenshaltungskosten allerdings auch ohne Lohn zu Beginn
selbst tragen und vor der Einreise über ein Sperrkonto belegen, dass sie dies können.
Von Mexico City nach Hamburg: Luciano Silva
Von Mexico City nach Hamburg: Luciano Silva
Luciano Silva ist seit dem 15. Januar 2021 in Deutschland. Er hat einen besonderen
Bezug zum Land: Der Mexikaner absolvierte während seiner Schulzeit die 11. Klasse
in Lübeck. Seit dieser Zeit hatte er den Wunsch, irgendwann wieder nach Deutschland
zurückzukehren. In Mexiko wurde er nach dem Schulabschluss Physiotherapeut und arbeitete
drei Jahre in einer Praxis.
Die größte Herausforderung sind die vielen benötigten Dokumente.
Förderprogramm „Integration durch Qualifizierung (IQ)“
Das Förderprogramm „Integration durch Qualifizierung“ wird durch das Bundesministerium
für Arbeit und Soziales und den Europäischen Sozialfonds gefördert. Partner sind das
Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie die Bundesagentur für Arbeit. Mit
rund 400 Teilprojekten ist es in allen 16 Bundesländern aktiv. Das Förderprogramm
hat vier Handlungsschwerpunkte: Anerkennungsberatung, Qualifizierungsmaßnahmen im
Kontext des Anerkennungsgesetzes, interkulturelle Kompetenzentwicklung der zentralen
Arbeitsmarktakteure und regionale Fachkräftenetzwerke (im Kontext Einwanderung). Im
Jahr 2020 hatten laut Statistischem Bundesamt 21,9 Millionen Menschen und somit 26,7
Prozent der Bevölkerung in Deutschland einen Migrationshintergrund. Statistisch gesehen
sind Menschen mit Migrationshintergrund doppelt so häufig von Arbeitslosigkeit betroffen
wie jene ohne Migrationshintergrund. Mehr als 170 IQ-Beratungsstellen gibt es deutschlandweit.
In über 4800 IQ-Qualifizierungsmaßnahmen werden Personen entsprechend dem Anerkennungsgesetz
qualifiziert.
Von Mexiko aus nahm er Kontakt zur Bundesagentur für Arbeit auf, von dort bekam er
den Tipp zur Hamburger Sozialbehörde und gelangte im weiteren Verlauf zu Timo Weber
am UKE. Der stellte den Kontakt zur Physiotherapiepraxis Feiser her. „Die APQ hat
mir für meinen Einstieg im Berufsleben hier in Deutschland sehr geholfen. Ich bin
Frau Montan, Herrn Cahoj, Herrn Weber und allen meinen Mentoren sehr dankbar.“ Nach
seiner APQ hat Silva in der Praxis von York Feiser eine Anstellung in Vollzeit erhalten
(ABB.).
„Die größte Schwierigkeit waren die benötigten Dokumente, um nach Deutschland zu kommen“,
erzählt Silva. Die Vorbereitung habe ein Jahr gedauert. Auch die Sprache war eine
Schwierigkeit, aber die mochte er trotzdem besonders. Er möchte noch verschiedene
Fachgebiete kennenlernen und hat schon zwei Fortbildungen absolviert. „Ich bekomme
dafür Unterstützung von Herrn Feiser, das ist wunderbar und es macht mich ganz glücklich.
Ich möchte mich weiterentwickeln als Mensch und auch professionell im Beruf.“ Man
merkt ihm an, wie froh er ist, hier gelandet zu sein.
Erfahrungen als Arbeitgeber: York Feiser
Erfahrungen als Arbeitgeber: York Feiser
Sein Chef leitet das Therapiezentrums Feiser in Hamburg. York Feiser arbeitet seit
2019 mit dem UKE zusammen. Der erste Teilnehmende kam aus Italien. „Die Formalien
für Nicht-EU-Länder sind etwas schwieriger. Aber ich habe nur positive Erfahrungen
gemacht mit dem UKE und mit den beteiligten Personen“, berichtet er.
Bei Luciano Silva musste auch die Zeitverschiebung bedacht werden und dass Dokumente
über die weite Entfernung recht lange brauchten, bis sie am Bestimmungsort ankamen.
Wer sich entschließt, sich an einer Anpassungsqualifizierung zu beteiligen, muss als
Arbeitgeber*in zwei Verträge schicken: einen Trainee-Vertrag und den späteren Festvertrag.
Diese Dokumente müssen im Original beim Konsulat vorgelegt werden.
„Das UKE hat dabei schon gut vorgearbeitet. Das Projektteam hatte bereits viele Erfahrungen
gesammelt, und es geht heute schneller als zu Beginn des Projekts“, sagt Feiser. So
erhielt er beispielsweise bei den inhaltlichen Voraussetzungen, die ein Arbeitsvertrag
erfüllen muss, viel Unterstützung. In Zeiten des Fachkräftemangels in Deutschland,
in denen es schwierig sei, Physiotherapeut*innen zu finden, will Feiser den Menschen
aus dem Ausland eine Chance geben und profitiert selbst. Denn man bekomme motivierte
Leute.
Fachkräfte aus dem Ausland sind sehr motiviert.
Feiser schätzt das Qualifizierungsangebot am UKE und ergänzt, dass man sich die Arbeitskräfte
im Anschluss noch zusätzlich ausbilden könne. Das erste halbe Jahr, sagt er, sei allerdings
nicht lukrativ. Man stecke viel Zeit und Geld in das Engagement. Sein Fazit: „Ich
kann nur empfehlen, es auszuprobieren. Man muss es wollen und dahinterstehen, und
man lernt daraus.“
Projektabschluss 2021
Obwohl das Projekt mit Ablauf des Jahres 2021 endete, wird die APQ für die letzten
teilnehmenden Physiotherapeut*innen fortgeführt. Die Akademie für Bildung und Karriere
am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf übernimmt die Kosten für die 2022 noch laufende
Qualifizierung von zehn Teilnehmenden.
Petra Frank