Schlüsselwörter
Krankheitslast - öffentliches Gesundheitswesen - Routinedaten - gesetzliche Krankenversicherung - Prävalenz - Deutschland
Key words
burden of disease - public health - routine data - statutory health insurance - prevalence - Germany
Einleitung
Das Projekt BURDEN 2020, gefördert vom Innovationsfonds des Gemeinsamen
Bundesausschusses (Förderkennzeichen 01VSF17007, Projektlaufzeit vom
1.4.2018 bis 30.6.2021), hatte eine regionalisierte Krankheitslastberechnung
für Deutschland zum Ziel. Das Konzept der Krankheitslast erlaubt die
umfassende Messung des Gesundheitszustands der Bevölkerung, indem der
Beitrag von Morbidität und Mortalität von Krankheiten auf die
Gesundheit quantifiziert wird [1]. Für
die Mortalität werden verlorene Lebensjahre aufgrund frühzeitigen
Versterbens als „years of life lost“ (YLL) berechnet. Für
die Morbidität werden verlorene gesunde Lebensjahre aufgrund der
Beeinträchtigung durch eine Krankheit als „years lived with
disability“ (YLD) ermittelt. YLL und YLD ergeben zusammen den
Summenindikator „disability adjusted life years“ (DALY) [2]. Mit einer anschließenden
Risikoattribution kann der Beitrag einzelner Risikofaktoren zur Krankheitslast
ermittelt werden. Die Ergebnisse der Krankheitslastberechnung stellen somit eine
wichtige Grundlage zur Beurteilung der gesundheitlichen Lage der Bevölkerung
dar und ermöglichen Planung, Steuerung und Monitoring im Gesundheitswesen
[3]. Die Ergebnisse des BURDEN
2020-Projekts sowie methodische Erläuterungen zur Krankheitslastberechnung
werden unter www.daly.rki.de
bereitgestellt.
International werden globale Krankheitslastberechnungen seit den 1990er Jahren
regelmäßig in der „Global Burden of Disease“-Studie
(GBD) durchgeführt [4]. Im Projekt
BURDEN 2020 wird erstmals eine Krankheitslastberechnung für Deutschland mit
regionalisierten Ergebnissen realisiert [3].
Dabei wird die Methodik der internationalen Global Burden of Disease-Studie
aufgegriffen, jedoch werden vorrangig nationale Datenbestände genutzt und
die Ergebnisse regional nach den 16 Bundesländern und 96
Raumordnungsregionen differenziert. Im Projekt wird eine Auswahl relevanter
Krankheiten betrachtet, mit denen nach den Ergebnissen der GBD-Studie 2017 mehr als
50 Prozent der Krankheitslast (DALY) in Deutschland abgebildet werden [5].
Für die Krankheitslastberechnung erfordert der Morbiditätsindikator
YLD im Wesentlichen drei verschiedene Kennzahlen: (i) Angaben zur Häufigkeit
einer Krankheit wie Prävalenzen oder Raten, (ii) Anteilswerte der mit der
betrachteten Krankheit einhergehenden Schweregrade oder Folgezustände sowie
(iii) einen Gewichtungsfaktor zum Grad der korrespondierenden gesundheitlichen
Beeinträchtigung des betrachteten Zustands [3]. Beispielsweise kann der Morbiditätsindikator für
Major-Amputationen bei Diabetes mellitus berechnet werden aus der
Diabetes-Prävalenz, dem Anteil der Diabetiker mit Major-Amputation und dem
Gewichtungsfaktor für die gesundheitliche Einschränkung aufgrund der
Amputation. Für das BURDEN 2020-Projekt wurden die Gewichtungsfaktoren aus
der internationalen Global Burden of Disease-Studie übernommen [3]
[6].
Für die anderen Kennzahlen zu Krankheitshäufigkeiten und
Schweregradanteilen werden, wo möglich, nationale Daten aus Deutschland
verwendet. Dabei stellen anonymisierte Krankenkassenroutinedaten eine der zentralen
Datenquellen dar. Im Folgenden wird die Vorgehensweise zur Ermittlung von
Krankheitshäufigkeiten und Schweregraden auf Basis von
Krankenkassenroutinedaten für das Projekt BURDEN 2020 dargestellt.
Methoden
Für das Projekt BURDEN 2020 wurde das Kalenderjahr 2017 als Zieljahr der
Krankheitslastberechnung festgelegt. Dementsprechend wurden anonymisierte
Krankenkassenroutinedaten aus dem Jahr 2017 und evtl. vorangegangener Datenjahre
inklusive der jeweils zugehörigen Klassifikationsstände der
entsprechenden Schlüsselkataloge (ICD, OPS, ATC, EBM) herangezogen.
Erarbeitung von Falldefinitionen
Es existieren keine Goldstandards für Falldefinitionen von Krankheiten
auf Basis von Krankenkassenroutinedaten. Beispielsweise gibt es eine Vielzahl an
Analysen zu Typ-2-Diabetikern auf Basis von (Krankenkassen-)Routinedaten, bei
denen jeweils verschiedene Aufgreifkriterien, auch in Abhängigkeit der
Datenverfügbarkeit, angewendet wurden [7]
[8]
[9]
[10]. Zudem besteht im Projekt BURDEN 2020 die Notwendigkeit,
Krankheiten eng an die internationale GBD-Studie angelehnt zu definieren, da in
der YLD-Berechnung die Gewichtungsfaktoren zum Grad der gesundheitlichen
Beeinträchtigung aus der GBD-Studie übernommen werden [3]. Dementsprechend muss die
zugehörige Definition der Krankheiten und Schweregrade möglichst
passgenau zur GBD-Definition abgebildet werden. Die Falldefinitionen wurden
daher in Treffen von Expertinnen und Experten erarbeitet, an denen Forschende
aller drei projektbeteiligten Institutionen (Robert Koch-Institut RKI, WIdO,
Umweltbundesamt UBA) teilnahmen. Damit konnte die Expertise im Bereich der
Routinedatenanalysen (WIdO), der GBD-Methodik (RKI, UBA) sowie
krankheitsspezifischer Epidemiologie (Fachabteilungen des RKI) und
Versorgungsforschung (WIdO) eingebracht werden. Auf Basis verschiedener
explorativer Analysen wurden die finalen Falldefinitionen unter allen
Beteiligten konsentiert. Unter https://www.krankheitslage-deutschland.de/dokumente/methodendokumentation.pdf
sind alle routinedatenbasierten Falldefinitionen des Projekts BURDEN 2020
dokumentiert [11].
Prävalenzkonzept für die Versichertengrundmenge
Neben der Falldefinition ist zur Berechnung epidemiologischer Kennzahlen wie
Prävalenzen oder Raten ein geeignetes
Zähler-/Nennerkonzept nötig. Die Prävalenz ist
definiert als der Anteil erkrankter Personen an allen in einer Studie
untersuchten Personen [12]. In
Krankenkassendaten ist die zugrundeliegende Versichertenpopulation aber eine
offene, dynamische Kohorte, in der ständig Zu- und Abwanderungen von
Personen vorkommen, sei es wegen natürlicher
Bevölkerungsbewegungen (Geburt, Tod) oder wegen Änderungen im
Versicherungsverlauf (Wechsel der Krankenversicherungen). Daher basieren alle
Berechnungen auf beobachteten Personenzeiten, um die Dynamik der offenen Kohorte
im Versichertenkollektiv abzubilden. So werden auch Versicherungszeiten von
neugeborenen oder verstorbenen Versicherten anteilig berücksichtigt.
Dies ist insbesondere von Vorteil bei Krankheiten, die im jungen Kindesalter
häufig auftreten oder die mit hoher Sterblichkeit assoziiert sind. Bei
der Ermittlung regionalisierter Kennzahlen, wie sie im BURDEN 2020-Projekt
erfolgt, ist zudem zu berücksichtigen, dass unterjährig Zu- oder
Wegzüge aus einer Region erfolgen können. Daher erfolgte die
regionale Zuordnung der Versicherten quartalsweise. Damit werden die
dynamischen, regionalen Veränderungen im Versichertenkollektiv
abgebildet. Die Kennzahl für das Gesamtjahr berechnet sich
schließlich aus dem gewichteten Mittelwert der vier Einzelquartale je
Region. Das Vorgehen ist detailliert beschrieben in der online
verfügbaren Methodendokumentation unter https://www.krankheitslage-deutschland.de/dokumente/methodendokumentation.pdf.
Hochrechnung auf alle EinwohnerInnen
Da die anhand der AOK-Routinedaten im WIdO ermittelten epidemiologischen
Kennzahlen nicht repräsentativ für die gesamte
Wohnbevölkerung sind, erfolgte für die
Krankheitshäufigkeiten (Prävalenzen und Raten) eine Hochrechnung
auf alle EinwohnerInnen in den Regionen Deutschlands mit einem vom WIdO
entwickelten statistischen Verfahren, das für
Morbiditätsunterschiede korrigiert [13].
Bei den Schweregradanteilen konnte das Verfahren aufgrund der teils sehr geringen
Fallzahlen nicht angewendet werden. Hier erfolgte eine einfache Hochrechnung auf
die bundesweite Gesamtbevölkerung ohne regionale Differenzierung,
unterteilt nach 5-Jahres-Altersgruppen und Geschlecht. Als Hochrechnungsfaktor
wurde das Verhältnis der mittleren Bevölkerung Deutschlands zu
der Anzahl der beobachteten Versichertenjahre der AOK-Versicherten im Jahr 2017
zugrunde gelegt.
Ergebnisse
Alle Ergebnisse aus dem Projekt BURDEN 2020 zu routinedatenbasierten
Krankheitshäufigkeiten und Schweregraden mit Abbildungen nach Altersgruppen
und Geschlecht sowie Karten und die methodischen Grundlagen sind unter www.krankheitslage-deutschland.de verfügbar. Beispielhaft
ist in [Abb. 1] die
1-Jahres-Prävalenz der koronaren Herzkrankheit auf Ebene der
Raumordnungsregionen dargestellt. Aus Platzgründen können nicht alle
Ergebnisse, Falldefinitionen und die methodische Vorgehensweise dargestellt werden.
Im Folgenden wird daher auf ausgewählte methodische Aspekte fokussiert, die
für Forschende im Bereich der Krankenkassenroutinedaten von besonderem
Interesse sind.
Abb. 1 Karte zur 1-Jahres-Prävalenz von koronarer
Herzkrankheit im Jahr 2017 unter allen Einwohnerinnen und Einwohnern auf
Ebene der Raumordnungsregionen. Detaillierte Ergebnisse zur
Häufigkeit der Krankheiten nach Altersgruppen und Geschlecht stehen
unter www.krankheitslage-deutschland.de zur Verfügung.
Versichertengrundmengen für Prävalenzen oder Raten
Als epidemiologische Kennzahlen im Projekt BURDEN 2020 wurden Prävalenzen
(1- oder 10-Jahres-Prävalenzen) sowie Raten (Fälle je 100.000
Personenjahre) mittels eines spezifischen, auf Personenzeiten basierenden
Zähler/Nenner-Konzepts berechnet. In [Tab. 1] sind die Versichertenzahlen der genutzten Datenbasis, deren
beobachtete Versicherungsdauern und Anteile der Versicherten mit
veränderter regionaler Zuordnung im Jahr 2017 angegeben. Insgesamt waren
27,1 Millionen Personen im Kalenderjahr 2017 mindestens einen Tag bei einer der
elf AOKs versichert. Diese für mindestens einen Tag versicherten
Personen stellten die Grundgesamtheit für die ermittelten Raten bei
Herzinfarkten und unteren Atemwegsinfekten dar. Die Raten wurden als Fallzahlen
je 100.000 beobachteten Personenjahren (Versicherungszeiten) ermittelt. Die
mindestens einen Tag AOK-versicherten Personen umfassen insgesamt 25,8 Millionen
Personenjahre im Jahr 2017. Dieser Wert ist kleiner als die gesamte
Personenanzahl, da nicht alle Versicherten ganzjährige
Beobachtungszeiten beitragen. Für die 1-Jahres- und
10-Jahres-Prävalenzen ist es notwendig, auf Versicherte mit entsprechend
langer, lückenloser Versichertenhistorie einzuschränken. Damit
verblieben jeweils eine kleinere Personenanzahl sowie Gesamtdauern der
beobachteten Versichertenjahre. Die Zahl der Versichertenjahre bei den
Prävalenzen liegt leicht unterhalb der Anzahl der Versicherten, weil im
Falle von neugeborenen und verstorbenen Versicherten nur verkürzte
Versicherungszeiten beobachtet werden (ab der Geburt bzw. bis zum Todestag).
Änderungen der regionalen Zuordnung traten bei 2,1 Prozent der
Versicherten in der Grundgesamtheit für die Raten auf. Bei
Einschränkung auf Versicherte mit längerem Versicherungsverlauf
für die 1- und 10-Jahres-Prävalenzen waren diese Anteilswerte
geringer (1,7 und 1,3 Prozent).
Tab. 1 Versichertenzahlen aller AOKs und beobachtete
Versichertenjahre nach den jeweiligen Nennerkonzepten sowie
Versicherte mit Änderung der regionalen Zuordnung im Jahr
2017.
Nennerkonzept
|
Anzahl versicherte Personen [Millionen]
|
Anzahl Versichertenjahre [Millionen]
|
Anteil Versicherte mit veränderter Kreiszuordnung im
Jahr 2017
|
Raten
|
27,1
|
25,8
|
2,1%
|
1-Jahres-Prävalenz
|
25,4
|
24,1
|
1,7%
|
10-Jahres-Prävalenz
|
18,1
|
17,5
|
1,3%
|
Falldefinitionen für Krankheiten
Auf Basis der Versicherten der jeweiligen Grundgesamtheit (für Raten,
1-Jahres- oder 10-Jahres-Prävalenzen) wurden die Patienten mit einer
bestimmten Krankheit in den Krankenkassenleistungsdaten ermittelt. In [Tab. 2] findet sich eine Übersicht
zu den Falldefinitionen der Krankheiten mit ausgewählten Aspekten der
Aufgreifkriterien, die aus Perspektive der Routinedatenforschenden von
besonderem Interesse sein können. Beispielsweise erfolgte bei nahezu
allen Krankheiten eine interne Diagnosevalidierung der ambulanten,
„gesicherten“ Diagnosen über zeitliche Zusatzkriterien
wie M2Q (Diagnosedokumentation in mindestens zwei Quartalen im betrachteten
Zeitraum [14]) oder spezifische
Arzneimittelverordnungen. Bei den Krebserkrankungen wurden Fälle auch
dann gewertet, wenn die Krebsdiagnose von zwei verschiedenen ärztlichen
Betriebsstätten erfolgte. Bei Diabetes erfolgte eine Differenzierung in
Typ1 oder Typ 2-Diabetes anhand eines hierarchischen Algorithmus, bei dem
zunächst Arzneimittelverordnungen berücksichtigt werden, gefolgt
von stationären Hauptdiagnosen, Einschreibungen in
Disease-Management-Programme (DMP) und den restlichen Diagnosen. Nach Umsetzung
des Algorithmus verblieb eine Restmenge der nicht nach Typ 1 oder 2 eingeteilten
DiabetikerInnen im Promillebereich. Bei diesen Patienten erfolgte eine
Umverteilung auf die beiden Diabetestypen nach Altersgruppen und Geschlecht, da
nach der Methodik der GBD-Studie keine Restkategorie abgebildet wird. Die
meisten im BURDEN 2020-Projekt berücksichtigten Krankheiten stellen lang
andauernde oder chronische Zustände dar. Nur bei Herzinfarkten und
unteren Atemwegsinfekten handelt es sich um akute Krankheitszustände,
die wiederholt auftreten können. Hier erfolgte eine Zählung von
Fällen zur Ermittlung von Raten je beobachteten Personenjahren.
Tab. 2 Krankheiten, epidemiologische Kennzahlen und
besondere Aspekte der Falldefinitionen in Krankenkassenroutinedaten
für das Projekt BURDEN 2020*.
Krankheit und epidemiologische Kennzahl
|
Besondere Aspekte der Falldefinition
|
Interne Validierung der ambulanten,
„gesicherten“ Diagnosen
|
Kardiovaskuläre Krankheiten
|
Herzinsuffizienz
|
Es werden keine gesonderten 1-Jahres-Prävalenzen
ermittelt, sondern die Herzinsuffizienz ist in der
Krankheitslastberechnung im Projekt BURDEN 2020
verschiedenen Ursachen zugeordnet (koronare oder
hypertensive Herzkrankheit).
|
M2Q-Kriterium UND Arzneimittel
|
Herzinsuffizienz aufgrund koronarer Herzkrankheit
(1-Jahres-Prävalenz 1,9%)
|
Falldefinition „Herzinsuffizienz“ ist
erfüllt und Falldefinition „koronare
Herzkrankheit“ ist erfüllt; Bei
„koronarer Herzkrankheit“ neben
diagnosebasierten Fällen auch
Berücksichtigung von Fällen mit
dokumentiertem OPS (Bypass oder koronare
Gefäßintervention)
|
Koronare Herzkrankheit: M2Q-Kriterium UND Arzneimittel
|
Angina pectoris (1-Jahres-Prävalenz 1,5%)
|
Falldefinition „koronare Herzkrankheit“ ist
erfüllt, zusätzliches Vorliegen von
Angina-pectoris-Diagnosen oder spezifischen
Arzneimittelverordnungen (organische Nitrate oder
Molsidomin)
|
Keine interne Diagnosevalidierung bei „Angina
pectoris“, aber bei der Falldefinition
„koronare Herzkrankheit“
|
Herzinfarkte (Rate je 100.000 Personenjahre: 225)
|
Fallzählung zur Ermittlung der Rate:
Berücksichtigt werden stationäre Aufenthalte
mit Herzinfarkt als Hauptdiagnose (ICD I21, I22) mit
zeitlichem Zusatzkriterium: Fälle mit
vorangegangenem Herzinfarkt innerhalb von bis zu 28 Tagen
werden nicht neu gezählt, sondern der
vorangegangenen Herzinfarkt-Episode zugeordnet.
|
nicht zutreffend – nur Fälle mit
stationärer Hauptdiagnose werden
berücksichtigt
|
Herzinsuffizienz aufgrund hypertensiver Herzkrankheit
(1-Jahres-Prävalenz 1,3%)
|
Falldefinition „Herzinsuffizienz“ ist
erfüllt und Falldefinition „hypertensive
Herzkrankheit“ ist erfüllt.
|
hypertensive Herzkrankheit: M2Q-Kriterium ODER M1Q plus
Arzneimittel
|
Schlaganfall (10-Jahres-Prävalenz 1,4%)
|
Berücksichtigt werden ausschließlich
stationäre Aufenthalt mit ICD I60, I61, I63, I64 als
Hauptdiagnose.
|
nicht zutreffend – nur Fälle mit
stationärer Hauptdiagnose werden
berücksichtigt
|
Diabetes
|
Diabetes Typ 1 (1-Jahres-Prävalenz 0,29%)
|
Hierarchischer Algorithmus zur Zuteilung der
Diabetes-Patienten in Typ 1 oder Typ 2 unter
Berücksichtigung von:
|
M2Q-Kriterium ODER M1Q plus Arzneimittel
|
Diabetes Typ 2 (1-Jahres-Prävalenz 8,6%)
|
-
Arzneimittelverordnungen
|
-
Stationären Hauptdiagnosen
|
-
DMP-Einschreibung
|
-
Eindeutigkeit sonstiger ICD-Diagnosen
|
-
Relative Mehrheit sonstiger ICD-Diagnosen
|
-
Umverteilung aller nicht zugeordneten, verbleibenden
Diabetespatienten nach Altersgruppen und Geschlecht
auf Typ 1/Typ 2
|
Krebserkrankungen
|
Lungenkrebs (10-Jahres-Prävalenz 0,21%)
|
|
Wiederholungsdiagnose innerhalb von 3 Quartalen ODER
Diagnosedokumentation bei zwei unterschiedlichen
Betriebsstätten
|
Brustkrebs (nur Frauen: 10-Jahres-Prävalenz
2,1%)
|
Darmkrebs (10-Jahres-Prävalenz 0,62%)
|
Prostatakrebs (nur Männer:
10-Jahres-Prävalenz 1,5%)
|
Psychische Störungen
|
Depression (major) (1-Jahres-Prävalenz
9,0%)
|
Ausschluss von Patienten mit Diagnosen einer Manie oder
bipolaren Störung
|
M2Q-Kriterium
|
Dysthymie (1-Jahres-Prävalenz 0,79%)
|
Ausschluss von Patienten mit Diagnosen einer Manie oder
bipolaren Störung
|
M2Q-Kriterium
|
Angst- und Belastungsstörungen
(1-Jahres-Prävalenz 6,1%)
|
M2Q-Kriterium
|
Neurologische Krankheiten
|
Alzheimer und andere Demenzen (1-Jahres-Prävalenz
1,9%)
|
Diagnosen bei Personen unter 40 Jahren werden nicht
berücksichtigt.
|
M2Q-Kriterium
|
Chronische Atemwegserkrankungen
|
COPD und andere chronische Krankheiten der unteren Atemwege
exklusive Asthma (1-Jahres-Prävalenz
4,7%)
|
Diagnosen von Personen unter 35 Jahren werden nicht
berücksichtigt.
|
M2Q-Kriterium ODER M1Q plus Arzneimittel
|
Übertragbare Krankheiten
|
untere Atemwegsinfekte (Rate je 100 000
Personenjahre: 11 700)
|
Fallzählung zur Ermittlung der Rate: Je Quartal wird
pro Person ein Fall gezählt, unabhängig
davon, wie oft Patienten im Krankenhaus oder ambulant
behandelt wurden.
|
Keine interne Diagnosevalidierung
|
*Detaillierte Ergebnisse zur Häufigkeit der Krankheiten
nach Altersgruppen und Geschlecht sowie regionaler Gliederung stehen
unter www.krankheitslage-deutschland.de zur Verfügung.
Beschreibungen der Falldefinitionen sind im Methodendokument unter
https://www.krankheitslage-deutschland.de/dokumente/methodendokumentation.pdf
verfügbar [11].
Falldefinitionen für Schweregrade
Bei ausgewählten Krankheiten wurden zudem Schweregradanteile auf Basis
von Krankenkassenroutinedaten ermittelt. Die entsprechenden Besonderheiten der
Falldefinitionen für die einzelnen Schweregrade sind in [Tab. 3] dargestellt. Für die
Schweregraddefinitionen wurden teils umfangreiche Abrechnungsdaten zur
Versorgung der Patienten berücksichtigt. Beispielsweise wurde bei den
Krebserkrankungen die Phase der Primärtherapie anhand von
Chemotherapien, Operationen oder Bestrahlungen aus Leistungsdaten der
stationären und ambulanten Versorgung ermittelt. Bei Diabetes wurden
Amputationen in der gesamten verfügbaren Versichertenhistorie
berücksichtigt. Bei Depressionen liegen Schweregrade anhand der
ICD-Diagnosen häufig nur unspezifisch vor – bei einem Viertel
aller betrachteten Versichertenverläufe im Jahr 2017. In einer
früheren Untersuchung basierend auf Daten aus dem Jahr 2010 lag dieser
Anteil noch deutlich höher [15].
Für die Krankheitslastberechnung ist jedoch eine Einteilung nach
Schweregraden notwendig. Bei den unspezifisch dokumentierten
Depressions-Diagnosen schien die generelle Annahme eines leichten Schweregrads
in der Runde der Expertinnen und Experten bei der Entwicklung der
Falldefinitionen nicht gerechtfertigt. Daher erfolgte eine Umverteilung der
Patienten mit unspezifischem Schweregrad anhand des beobachteten
Verhältnisses der spezifisch dokumentierten Diagnosen, wobei zwischen
Patientengruppen mit und ohne Kontakt zu spezialisierten Facharztgruppen
unterschieden wird.
Tab. 3 Besondere Aspekte der Falldefinitionen für
Schweregrade von Krankheiten auf Basis von Krankenkassenroutinedaten
im Projekt BURDEN 2020*.
Krankheit
|
Besondere Aspekte der Falldefinitionen für
Schweregrade
|
Kardiovaskuläre Krankheiten
|
Herzinsuffizienz
|
Die Schweregradeinteilung erfolgt anhand der dokumentierten
ICD-Diagnosen nach NYHA-Stadien, wobei immer der
höchste Schweregrad gewertet wird. Patienten mit
stationärem Aufenthalt wegen Herzinsuffizienz
(Hauptdiagnose) werden immer als schwer gewertet.
|
|
|
|
Herzinfarkte
|
Unterteilung der beobachteten Personentage in Intervalle von
0 bis 2 und 3 bis 28 Tage nach Infarkt; bei Personen mit
Versterben im betreffenden Intervall werden entsprechend
gekürzte Beobachtungszeiten zur Berechnung der
insgesamt beobachteten Personentage verwendet.
|
Schlaganfälle
|
Keine Betrachtung von Schweregraden, sondern Differenzierung
nach Schlaganfallformen anhand der ICD der
stationären Hauptdiagnosen:
|
|
|
|
Bei Patienten mit unspezifischen Diagnosen (I64) erfolgt eine
Umverteilung auf die drei spezifischen Schlaganfallformen
anhand des beobachteten Verhältnisses nach
Altersgruppen und Geschlecht.
|
Diabetes
|
Neuropathie
|
Validierung der ambulanten, „gesicherten“
Diagnosen mit M2Q-Kriterium
|
Diabetischer Fuß
|
Validierung der ambulanten, „gesicherten“
Diagnosen mit M2Q-Kriterium; Berücksichtigung der
Gebührenordnungsposition zur Behandlung des
diabetischen Fußes aus dem einheitlichen
Bewertungsmaßstab (EBM-Katalog)
|
Amputation (major)
|
Erfassung von Major-Amputationen über
stationäre Aufenthalte mit OPS für
entsprechende Amputationen in der gesamten
Versichertenhistorie; stationäre Aufenthalte mit
Hauptdiagnosen für Tumorleiden oder Traumata
(Unfälle) werden nicht berücksichtigt.
|
Sehverlust aufgrund diabetischer Retinopathie
|
Es müssen ICD-Diagnosen zur Retinopathie und
zusätzlich ICD-Diagnosen zur
Sehbeeinträchtigung (H54) vorliegen. Das
Ausmaß der Sehbeeinträchtigung wird
für jedes Auge unter Berücksichtigung der
Seitigkeit (links, rechts) in den Routinedaten ermittelt.
Zur Einteilung in die Schweregrade wird das
„bessere“ Auge verwendet:
|
|
|
|
Krebserkrankungen
|
Alle Krebserkrankungen (Lunge, Brust, Darm, Prostata)
|
Einteilung in vier verschiedene Phasen, tagesgenau im
betrachteten Zeitraum ausgewertet:
|
-
Diagnose- und Primärtherapiephase:
Berücksichtigung von krebsspezifischen
Operationen, Chemotherapie,
Bestrahlung/Strahlentherapie/nuklearmedizinischer
Therapie mit zugehörigem Behandlungsdatum
und krebsspezifisch angenommener Therapiedauer in
Anlehnung an die GBD-Studie (3 bis 4 Monate je nach
Krebsart).
|
-
Kontrollierte Phase: Tage, die keiner anderen Phase
zugeordnet werden.
|
-
Metastasierte Phase: Dokumentation der ICD zu
sekundären Neubildungen (C77, C78, C79) im
betrachteten Quartal oder bis zu 3 Quartale vorher;
Es werden alle Tage im betrachteten Quartal der
metastasierten Phase zugeordnet.
|
-
Terminale Phase: In Anlehnung an die GBD-Studie ist
die terminale Phase als Zeitraum von 4 Wochen vor
dem Versterben definiert.
|
Brustkrebs
|
Zusätzliche Differenzierung der kontrollierten Phase
anhand spezifischer OPS-Codes: mit oder ohne Mastektomie;
Berücksichtigung der Exzess-Mastektomien im
Vergleich zu Versicherten ohne Brustkrebs
|
Darmkrebs
|
Zusätzliche Differenzierung der kontrollierten Phase
anhand spezifischer ICD-Codes: mit oder ohne Stoma;
Berücksichtigung der Exzess-Stomata im Vergleich zu
Versicherten ohne Darmkrebs
|
Prostatakrebs
|
Zusätzliche Differenzierung der kontrollierten Phase
anhand spezifischer ICD-Codes: mit oder ohne Impotenz bzw.
Inkontinenz; Berücksichtigung der
Exzess-Impotenz/-Inkontinenz im Vergleich zu
Versicherten ohne Prostatakrebs
|
Psychische Störungen
|
Depression (major)
|
Einteilung in die Schweregrade asymptomatisch, mild, moderat,
schwer anhand der ICD-Diagnosen. Umverteilung von Patienten
mit ausschließlich unspezifischen ICD-Diagnosen nach
Altersgruppen und Geschlecht innerhalb der Patientengruppen
mit bzw. ohne Kontakt zu einem Spezialisten (Psychiater,
Neurologe, Psychotherapeut).
|
*Detaillierte Ergebnisse zur Häufigkeit der Schweregrade
nach Altersgruppen und Geschlecht stehen unter
www.krankheitslage-deutschland.de zur Verfügung. Beschreibungen
der Falldefinitionen für Schweregrade sind im Methodendokument
unter https://www.krankheitslage-deutschland.de/dokumente/methodendokumentation.pdf
verfügbar [11].
Bei einigen Krankheiten konnten allerdings keine Schweregrade anhand der
Routinedaten ermittelt werden, da die dazu notwendigen Informationen in den
Routinedaten nicht vorliegen. Dies traf zu auf Angina pectoris,
Angststörungen, Dysthymie, Demenzen, Schlaganfälle, untere
Atemwegsinfekte und COPD.
Diskussion
Im Projekt BURDEN 2020 werden zur Berechnung der Krankheitslast regionalisierte
Zahlen zu Krankheitshäufigkeiten benötigt. Diese werden
überwiegend aus Krankenkassenroutinedaten generiert. Die unter den
Expertinnen und Experten konsentierten Definitionen sowie alle Ergebnisse stehen
unter www.krankheitslage-deutschland.de zur Verfügung. Damit wird
Transparenz zum methodischen Vorgehen geschaffen und die Nachnutzung für
weitere Projekte auf Routinedatenbasis ermöglicht.
Große Datenbasis, Abbildung der Versorgungsrealität
Krankenkassenroutinedaten haben eine Reihe von Vorteilen. Einer der bedeutsamsten
liegt darin, dass sie große Versichertenzahlen umfassen. So konnten in
den anonymisierten Routinedaten der AOKs im Jahr 2017 Datensätze von
insgesamt 27,1 Millionen AOK-Versicherten analysiert werden. Diese Datenbasis
ermöglicht eine regionalisierte Ermittlung von
Krankheitshäufigkeiten bis auf Ebene der 16 Bundesländer und 96
Raumordnungsregionen. Zudem können auch seltene Krankheiten oder
Folgezustände analysiert werden wie Amputationen oder
Sehbeeinträchtigungen bei Diabetes mellitus. Weitere Vorteile sind, dass
die Daten aller Leistungssektoren des Gesundheitssystems miteinander
verknüpft werden können. Zudem werden die Daten unter
Alltagsbedingungen erhoben und bilden so direkt den abrechnungsrelevanten Teil
der Versorgungsrealität ab [16].
Dies ist im Rahmen der Krankheitslastberechnung insbesondere bei der Betrachtung
der Schweregrade oder Folgezustände hilfreich, wenn diese über
spezifische Abrechnungsprozeduren ermittelt werden können.
Beispielsweise konnten Krankheitsfolgen wie Mastektomien bei
Brustkrebspatientinnen, Amputationen bei Diabetikern oder Chemotherapien bei
KrebspatientInnen erfasst werden.
Zähler-/Nennerkonzept für Prävalenzen und
Raten
Für das BURDEN 2020-Projekt wurde ein Konzept zur Ermittlung der
epidemiologischen Kennzahlen (Prävalenzen, Raten) entwickelt, welches
die Besonderheiten der offenen, dynamischen Kohorte in der
Versichertengrundgesamtheit berücksichtigt. Dabei wurden jeweils
beobachtete Personenzeiten anstelle der Personenzahl ausgewertet, damit
epidemiologische Kennzahlen wie Prävalenzen und Raten mit
unterjährigen regionalen Veränderungen genauer abgebildet werden
können. Demgegenüber wäre ein Nennerkonzept wie
„alle mindestens 1 Tag versicherten Personen“ ungenau, da dann
auch Personen mit sehr kurzer Versichertenzeit gezählt werden [17]. Diese Personen wären bei einer
Zählweise nach „Köpfen“ anteilig
überrepräsentiert. Über die Berücksichtigung von
Personenzeiten wird dieser Effekt abgemildert, da kurzzeitig versicherte
Personen auch nur weniger Beobachtungszeit beitragen.
Limitierung: begrenzte Informationen
Als Limitierung der Krankenkassenroutinedaten ist zu beachten, dass einige
Krankheiten oder deren Schweregrade mit Routinedaten nicht abgebildet werden
können. Das ist dann der Fall, wenn eine Krankheit beziehungsweise eine
gesundheitliche Einschränkung nicht mit einer Leistungsinanspruchnahme
einhergeht oder wenn in den Routinedaten weitere benötigte Informationen
wie Schweregradangaben, klinische Informationen oder Laborwerte fehlen.
Beispielsweise lässt sich die gesundheitliche Beeinträchtigung
aufgrund von Kopfschmerzen oder Rückenschmerzen anhand von
Krankenkassenroutinedaten nicht abbilden, da vermutlich ein großer Teil
der Patientinnen und Patienten ihre Beschwerden selbst behandeln –
beispielsweise durch Hausmittel oder Anwendung von Schmerzmitteln, die direkt
ohne ärztliches Rezept in der Apotheke eingekauft werden. In solchen
Fällen kommt es nicht zu einem Arztkontakt, so dass in den
Krankenkassenroutinedaten dann auch keine abrechnungsrelevanten Informationen
vorliegen. Daher wurden für das BURDEN 2020-Projekt zu diesen Themen
eigene Befragungsstudien durchgeführt [18]
[19].
Hochrechnung auf die gesamte Bevölkerung
Weiterhin ist zu berücksichtigen, dass Krankenkassenroutinedaten nicht
repräsentativ für die Gesamtbevölkerung sind, weil es
neben demographischen Faktoren Unterschiede im sozioökonomischen Status
und in gesundheitsrelevanten Faktoren gibt, die in
Morbiditätsunterschieden zwischen verschiedenen Krankenkassen
resultieren können [20]
[21]. Dabei ist zusätzlich zu
berücksichtigen, dass diese Unterschiede regional unterschiedlich
ausgeprägt sind [20] und dass sich
auch das kassenspezifische Versichertenkollektiv im Laufe der Zeit wandeln kann.
Aus diesen Gründen ist es notwendig, auf die gesamte Bevölkerung
in den Regionen Deutschlands im jeweils betrachteten Zeitraum hochzurechnen. Bei
den Krankheitshäufigkeiten erfolgte die regionalisierte Hochrechnung
unter Anwendung eines statistischen Verfahrens, das auch für
Morbiditätsunterschiede korrigiert [13]. Im Falle der Schweregradanteile lagen jedoch teils sehr kleine
Fallzahlen vor. Hier konnte das komplexe Hochrechnungsverfahren nicht angewendet
werden, und auch eine Regionalisierung der Ergebnisse war nicht abbildbar. Bei
den Schweregradanteilen erfolgte daher eine einfache Extrapolation auf die
mittlere Bevölkerung des Jahres 2017 auf bundesweiter Ebene nach Alter
und Geschlecht.
Interne Validierung
Als weitere Einschränkung der Krankenkassenroutinedaten ist zu nennen,
dass die Kriterien der Vollständigkeit und Validität der
dokumentierten Daten möglicherweise nicht erfüllt sind [14]
[22]
[23]. Daher kann es zu
Unter-, Über- oder Fehlerfassung von (vermeintlich) erkrankten Personen
kommen. Um diese Problematik abzumildern wurde bei jeder Falldefinition nach
Möglichkeit eine interne Validierung der ambulanten Diagnosen
berücksichtigt. Bei den stationären Diagnosen gelten seit 2004
vergütungsrelevante Kodierregeln [14]. Daher wird insbesondere für die stationären
Hauptdiagnosen angenommen, dass die Diagnosen zutreffend sind [24]
[25]. Die interne Validierung der ambulanten Diagnosen erfolgte
entweder über zeitliche Kriterien als Wiederholungsdiagnose bei
chronischen Krankheiten oder Zuständen, über spezifische
Arzneimittelverordnungen oder über das Vorliegen einer
Diagnosedokumentation von unterschiedlichen ärztlichen
Betriebsstätten. Lediglich bei den unteren Atemwegsinfekten konnte keine
interne Diagnosevalidierung erfolgen, weil diese Zustände nur von kurzer
Dauer sind und in den meisten Fällen nicht zu einem wiederholten
Arztkontakt führen.
Externe Plausibilisierung der Ergebnisse
Für alle ermittelten Krankheitshäufigkeiten im BURDEN
2020-Projekt erfolgte eine externe Plausibilisierung der Ergebnisse anhand der
Literatur. Sofern entsprechend vergleichbare Untersuchungen vorlagen –
wie beispielsweise beim Diabetes mellitus – zeigte sich häufig
eine gute Übereinstimmung der erhaltenen Prävalenzen nach Alter,
Geschlecht und regionalen Mustern [7]
[8]
[26].
Bei abweichenden Plausibilisierungsergebnissen können häufig
methodische Unterschiede als Erklärungsansatz identifiziert werden. So
ergab der Vergleich der 10-Jahres-Prävalenzen bei Brustkrebs, Darmkrebs,
Lungenkrebs und Prostatakrebs aus dem BURDEN 2020-Projekt [27] höhere Werte als die
Berechnungen aus den Krebsregistern in der Publikationsreihe „Krebs in
Deutschland“ [28]. Dabei werden
die 10-Jahres-Prävalenzen in „Krebs in Deutschland“ auf
Basis der in den zurückliegenden 10 Jahren neu erkrankten
Fälle definiert, während für das BURDEN 2020-Projekt
– abweichend von der GBD-Methodik – alle Patienten mit Diagnosen
in den zurückliegenden 10 Jahren erfasst werden, so dass auch Patienten
mit länger zurückliegender initialer Krebsdiagnose enthalten
sind [27].
Insgesamt war der Ergebnisvergleich häufig dadurch limitiert, dass keine
geeigneten Untersuchungen für einen Vergleich herangezogen werden
konnten. Entweder gibt es keine bundesweit repräsentativen, externen
Vergleichsdaten zu Krankheitshäufigkeiten wie bei den unteren
Atemwegsinfekten, oder die Ergebnisse liegen nicht regionalisiert vor. Zudem ist
zu berücksichtigen, dass die Falldefinitionen für die
Krankheitslastberechnung spezifisch sind, insbesondere bei den Schweregraden
oder Folgezuständen. Zu diesen spezifischen Definitionen gibt es in der
Regel keine entsprechenden vergleichbaren Untersuchungen aus Deutschland,
beispielsweise bei den Krebsphasen. Dann kann nur ein Ergebnisvergleich mit
internationalen Krankheitslaststudien erfolgen [29]
[30].
Zusammenfassung und Fazit
Zusammenfassung und Fazit
Die Projektergebnisse zeigen, dass die internationale Methodik der „Global
Burden of Disease“ (GBD) Studie auch für Deutschland anwendbar ist.
Dabei spielen anonymisierte Krankenkassenroutinedaten zur Generierung der
notwendigen epidemiologischen Kennzahlen für die
Morbiditätskomponenten bei der Krankheitslastberechnung eine wichtige Rolle.
Die großen Fallzahlen in den Routinedaten erlauben es, auch seltene
Zustände abzubilden und regionalisierte Werte für
Krankheitshäufigkeiten zu generieren. Mit dem Aufbau des
Forschungsdatenzentrums ist zudem zukünftig eine stärkere Nutzung
von Krankenkassenroutinedaten in der Versorgungsforschung zu erwarten. Dies setzt
jedoch Expertise bei den Nutzenden voraus, da wichtige Limitierungen der
Routinedaten zu beachten sind.
Mit dem Projekt BURDEN 2020 liegt erstmals eine regionalisierte
Krankheitslastberechnung für Deutschland vor. Perspektivisch kann die
Krankheitslastberechnung als zentraler Indikator im Rahmen der
Gesundheitsberichterstattung genutzt werden, insbesondere wenn zukünftig
weitere Krankheiten in die Berechnung einbezogen werden. Deutlich wurde, dass zur
YLD-Berechnung die Angaben zur Häufigkeit einer Krankheit wie
Prävalenzen oder Raten und die Anteilswerte der mit der betrachteten
Krankheit einhergehenden Schweregrade oder Folgezustände unter Nutzung der
Krankenkassenroutinedaten ermittelt werden konnten. Zur Ermittlung des
Morbiditätsindikators YLL konnten die Informationen aus der
Todesursachenstatistik mit einer Umverteilung nicht-informativer Codes genutzt
werden [31].
Bei einer Verstetigung einer regionalisierten Krankheitslastberechnung für
Deutschland sollte geprüft werden, ob der Gewichtungsfaktor zum Grad der
korrespondierenden gesundheitlichen Beeinträchtigung des betrachteten
Zustands weiterhin aus der GBD-Methodik genutzt wird oder eine nationale Ermittlung
dieses Faktors sinnvoll erscheint. Um bestehende Limitierungen der
Krankenkassenroutinedaten abzubauen, wäre darüber hinaus eine
Verknüpfung mit weiteren Datenbeständen wie Daten aus elektronischen
Patientenakten oder Registern hilfreich, wie im aktuellen Gutachten des
Sachverständigenrats beschrieben [32].
Damit kann der Wissenschafts- und Innovationsstandort Deutschland auch im Kontext
der Versorgungsforschung im internationalen Wettbewerb gestärkt werden. Dann
würden aktuelle Informationsdefizite, wie sie beispielsweise derzeit im
Monitoring der Effekte der Coronapandemie rund um Infizierte, Genesene und Geimpfte
in Deutschland zu erkennen sind, der Vergangenheit angehören [33].