Aktuelle Dermatologie 2022; 48(05): 189
DOI: 10.1055/a-1814-2030
Editorial

Zeitenwende

Authors

  • Matthias Herbst

 

Seit Anfang 2020 warten die Menschen auf das Ende der Corona-Pandemie. Millionen Menschen sind seitdem an Corona verstorben, etliche weitere durch das Corona-Virus dauerhaft geschädigt. Die Forschung zu diesem Virentyp hat erstaunliche Fortschritte gemacht, gerade durch die Möglichkeiten der modernen Immunologie und Virologie. Für uns bedeutet die Impfung zumindest einen potenziellen Schutz vor schweren Krankheitsverläufen, weniger offenbar vor einer Infektion mit dem akut vorherrschenden Omikron-Virus-Subtyp. Wertvoll ist auf jeden Fall der immunologische Nachweis Infizierter.

Die Immunologie hat auch die Dermatologie revolutioniert. Waren früher unsere dermatologischen Kliniken durch u.a. nach Teer und Schwefel duftenden Salbenräumen geprägt, sind wir in den letzten Jahren in einer fast waghalsig Geschwindigkeit zu einem hochmodernen und diagnostisch wie therapeutisch hocheffizienten Fach geworden. Die neue Klasse der Biologika gestattet uns, mittlere und schwere Fälle von chronischen Hauterkrankungen wie Psoriasis auch mit rheumatischer Beteiligung – am besten interdisziplinär – effizient zu behandeln. Gleiches gilt für Neurodermitis und Asthma sowie weitere fachtypische Erkrankungen bis hin zu weißem und schwarzem Hautkrebs. Die Erfahrungen bei der Umsetzung in der Praxis sind vielfältig, die Arbeit am Patienten anspruchsvoll und mit den üblichen Kassensätzen kaum zu stemmen. Auf der anderen Seite beeindruckt die Verbesserung der Lebensqualität unserer Patienten. Folgerichtig ist daher auch die Etablierung der Immunologie als Zusatzbezeichnung für unser Fachgebiet.

All diese Fortschritte sind nur möglich durch moderne Forschungs- und leistungsfähige Industrie-Infrastruktur. Dies wird seit dem 24.02.2022 durch den Krieg in der Ukraine zunehmend behindert. Waren es erst Unterbrechungen in der Lieferkette bedingt durch Corona-Nebeneffekte, sind es nunmehr die kriegsinduzierten Sanktionen, die unsere Arbeit in den nächsten Monaten zunehmend behindern werden. Aktuell fehlen Lokalanästhetika mit Adrenalinzusatz genauso wie Testsubstanzen für unsere Allergie-Patienten. Betrachtet man wirtschaftspolitische Analysen z.B. in der Neuen Züricher Zeitung, wird einem klar, dass dieser Mangel möglicherweise erst der Anfang einer langen Kette darstellt. Fragen wir uns also, welche Maßnahmen nunmehr gerechtfertigt sind und den Krieg behindern, welche für uns tragbar sind und welche nicht das Leben und die Gesundheit von Menschen nachhaltig behindern. Ich hoffe diese Fragen stellt man sich nicht nur im Westen.

Als Ärzte sind wir aktuell bei allen Themen gefordert. Für die Mehrarbeit an Kliniken und Praxen wünschen wir uns neben der Anerkennung unserer Arbeit auch eine adäquate Honorierung, zumindest einen Inflationsausgleich, wie er für unsere Abgeordneten im Bundestag gilt. Insbesondere, wenn der Bundestag beim Thema Impfschutz die weiße Flagge zeigt und der nächste Herbst inkl. Coronawelle mit Sicherheit kommt. Am Impfdosenmangel liegt es – bei der Menge an Bevorratung und des drohenden Verfalls – sicher nicht.

Dr. Matthias Herbst


Dr. med. Matthias Herbst

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Interessenkonflikt

Die Autorinnen/Autoren geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

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Matthias Herbst
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69120 Heidelberg
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Article published online:
19 May 2022

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