Schlüsselwörter
pränatale Bindung - postpartale Depression - Verhaltensauffälligkeiten - kindliche Entwicklung
Key words
prenatal attachment - postpartum depression - behaviour problems - child development
Einleitung
Verhaltens- und emotionale Auffälligkeiten finden sich bei bis zu 20%
der Kinder und Jugendlichen [1], und schon
10–20% der Säuglinge zeigen eine gestörte
Selbstregulation (sog. frühkindliche Regulationsstörungen) [2]. Damit schon Säuglinge einen
Rhythmus finden und lernen, sich nach und nach besser zu regulieren,
benötigen sie die Unterstützung von erwachsenen Bezugspersonen [3]. Die Bindungstheorie bietet hier einen
Ansatz zur Erklärung, wie die Bindungsfigur (in der vorliegenden Studie
fokussiert auf die Mutter) Stress und negatives Befinden des Kindes, physisch und
emotional, reguliert.
Bindung, Stressregulation und peripartale Depressivität
Die Qualität der Bindung zu Bezugspersonen in den ersten Lebensjahren
beeinflusst langfristig die Emotions- und Stressregulation einer Person [4]
[5]. Während sichere Bindungsbeziehungen einen protektiven Faktor
für die Entwicklung und psychische Gesundheit darstellen [2], so gehen unsichere Bindungsmuster mit
einer schlechteren Regulation von Stress und negativem Befinden beim Kind
einher, was langfristig zu einer höheren Stressbelastung und
Dysregulation beitragen kann [6]
[7]. Auch kann die Art der
frühkindlichen Betreuung über das Stresshormon Kortisol einen
Einfluss auf das kindliche Stresslevel haben. So haben gut ein Drittel der
Kinder in Krippenbetreuung auch nach der Eingewöhnung (5 Monate) immer
noch signifikant erhöhte Kortisolwerte mit einem veränderten
Tagesverlauf [8]
[9]. Die mütterliche
Berufstätigkeit in der frühen Kindheit kann dagegen einen
positiven Effekt auf die kommunikativen und sozialen Fähigkeiten des
Kindes haben [10]. Mütter, die
selbst eine sichere Bindung haben, unterstützen dagegen ihre Kinder
feinfühliger in ihrer Regulation [11] und zeigen schon während der Frühschwangerschaft
(ab ca. 10. SSW) eine gute pränatale Bindung zum Kind [12]
[13]. Die pränatale Bindung der Mutter zum Kind (auch
pränatales Bonding) ist unidirektional [14] und beschreibt die Emotionen, welche eine Schwangere zu ihrem
noch ungeborenen Kind aufbaut und empfindet [15]
[16]. Die generelle
Bindungsrepräsentation der Mutter beeinflusst zusammen mit der
pränatalen Bindung zum Kind das Verhalten der Mutter in Interaktion mit
ihrem Kind [17]
[18]
[19]
[20]. Mit einer
Prävalenz von 8–15% ist die PPD die häufigste
psychische Störung nach der Geburt. Depressive Symptome (ohne Erreichen
der Kriterien für eine PPD) liegen in bis zu 30% der
Erstgebärenden in den ersten vier Monaten nach der Geburt vor [21]
[22]. Symptome umfassen neben der depressiven Verstimmung auch
Ängste, Konzentrationsprobleme und Veränderungen von Schlaf und
Nahrungsaufnahme. Begünstigt wird die Entstehung postpartaler
Depressivität durch geringe soziale Unterstützung, unsichere
Bindungsrepräsentation, niedrigen Bildungsgrad und
sozioökonomischen Satus sowie vorangegangene Fehlgeburten oder
Fehlbildungen des aktuellen Kindes, traumatisches Geburtserleben (Hilflosigkeit)
und Unzufriedenheit mit der Partnerschaft [21]
[22]
[23]
[24]
[25]
[26]. Neben der maternalen Problematik ist
die PPD mit Verhaltensauffälligkeiten des Kindes assoziiert [17]
[27].
Neugeborene können sich selbst kaum regulieren, sondern benötigen
dafür die Unterstützung einer feinfühligen
Bindungsfigur. Fehlt diese, kann dies bei fortwährender Destabilisierung
zur Chronifizierung einer gestörten Regulation des Kindes beitragen
[28]. Während Probleme mit
Dysregulation bei Säuglingen oft vorübergehend sind, kann eine
maternale PPD ebenso wie Probleme in der Paarbeziehung zu einer
fortwährenden Destabilisierung beitragen [25]
[29].
Ziel der Untersuchung
Ziel der MATER-Studie (Maternal Attachment in Erlangen) war
die Untersuchung des Zusammenhangs des mütterlichen Bindungsstils und
der Bindungsrepräsentation in der Paarbeziehung, pränataler
Bindung zum ungeborenen Kind sowie prä- und postpartaler
Depressivität mit Auffälligkeiten in der Entwicklung,
insbesondere der Regulationsentwicklung des Kindes bis zum 18. Lebensmonat [17]
[22]. Dafür wurden Erstgebärende ohne bekannte
Risikofaktoren für eine PPD oder Auffälligkeiten der
präpartalen kindlichen Entwicklung untersucht.
Die hier präsentierte Analyse sollte klären, inwieweit sich eine
prä- und/oder postpartale Depressivität der Mutter, die
pränatale Bindung zum Kind, der mütterliche Bindungsstil, die
Bindung zum Partner, sowie weitere mögliche Belastungsfaktoren wie
Fremdbetreuung des Kindes oder Berufstätigkeit der Mutter auf die
Entwicklung der Kinder bis zum 18. Lebensmonat auswirken können.
Da es sich bei dem untersuchten Kollektiv um Erstgebärende mit hohem
Bildungshintergrund und wenig Risikofaktoren handelte, wurden auch subklinische
Ausprägungen einer PPD in die Analysen einbezogen.
Methode
Stichprobe und Datenerhebung
Es handelt sich um eine prospektive Studie, bei der 161 deutschsprachige
Erstgebärende im Alter von 18–40 Jahren teilnahmen, die sich
zwischen der 30. bis 40. Schwangerschaftswoche in der geburtshilflichen Ambulanz
des Universitätsklinikums Erlangen symptomlos zur Geburtsplanung
vorgestellt hatten. Ausschlusskriterien, da diese mit einer höheren
Wahrscheinlichkeit mit einer PPD assoziiert sein könnten, waren
Alter<18 oder>40 Jahre, fetale Missbildungen, habituelle oder
späte Aborte (nach SSW 22), Schwangerschaft durch Reproduktionsmedizin,
Epilepsie, psychiatrische Diagnosen bzw. Einnahme von Psychopharmaka, und
Verlust einer nahestehenden Person während der letzten sechs Monate.
Instrumente
Die Child Behavior Checklist 1½–5 – Deutsche
Fassung (CBCL; [30]) erfasst
Auffälligkeiten im Verhalten von Kleinkindern. Die deutsche Fassung
besteht aus 99 Items zu den Problemskalen: emotionale Reaktivität
ängstlich/depressiv, körperliche Beschwerden, sozialer
Rückzug, Schlafprobleme, Aufmerksamkeitsprobleme und aggressives
Verhalten. Aus der CBCL wurden nur 16 Items zu den 7 Problemskalen
ausgewählt, da die Befragungen zum kindlichen Verhalten telefonisch 18
Monate postpartum geführt wurden und hier der Zeitaufwand für
die Mütter reduziert werden sollte. Überdies sind viele Items im
Hinblick auf so junge Kinder schwer zu beantworten. Die daraus erstellte
Gesamtskala als Indikator für kindliche Auffälligkeiten in
Verhalten bzw. Regulation zeigte – wie andernorts beschrieben [17] – eine akzeptable mittlere
interne Reliabilität (Cronbach’s α=.618).
Die Edinburgh Postnatal Depression Scale (EPDS; dt. Version; [31]) erfragt als standardisierter
Fragebogen Symptome einer PPD (während der vergangenen Woche) und kann
ebenso depressive Symptome pränatal erfassen. Empfohlene Cut-off-Werte
für eine PPD variieren [32] und in
der vorliegenden Studie wurde der Cut-off von≥9 für eine
mäßig ausgeprägte Depressivität (nicht PPD)
gewählt.
Der Relationship Scales Questionnaire-Beziehungsfragebogen (RSQ; dt.
Übersetzung [33]
[34]) bildet den Bindungsstil einer Person
ab. Er umfasst 30 beziehungsrelevante Aussagen, welche auf zwei
unabhängigen Dimensionen (‚Angst vor Nähe‘ und
‚Angst vor Trennung‘) Aspekte sicherer und unsicherer
Bindungsstile erfragen.
Der Fragebogen zur Partner-Beziehung (BEE –FPB [35]) erfasst über 18 Items die
Dimensionen ‚Sicherheit‘ und
‚Abhängigkeit‘ in der Partnerbeziehung als Indikator
sicherer bzw. unsicherer Partnerbindung. Maternal Antenatal Attachment
Scale (MAAS; deutsche Übersetzung der Autoren; Vorgeburtliche
Bindung der Mutter zum Kind [36]):
Über 19 Items, die zu den zwei Skalen ‚Qualität der
Bindung‘ und ‚Ausmaß der Beschäftigung mit dem
Ungeborenen‘ zusammengefasst werden, wird die pränatale Bindung
der Mutter zum Kind erfasst. Die Gesamtskala ‚Bindung zum Kind‘
zeigte für die deutsche Übersetzung in der vorliegenden
Stichprobe eine akzeptable Skalenreliabilität (Cronbach’s
α=.733) [22].
Der Fragebogen zum Schema vom Kind (FSK; [37]) besteht aus 29 Items zu den fünf Merkmalsbereiche
‚Erwünschtheit des Kindes zum jetzigen Zeitpunkt‘,
‚Ängste über die Gesundheit des Kindes‘,
‚Mütterliches Körperschema vom Kind‘,
‚Vorstellung vom Kind als getrenntes Wesen‘ sowie ‚Kind
als individuelle Person nach der Geburt‘.
Fragebogen zu Schwangerschaft und Kind: Zu jedem Zeitpunkt wurden
relevante Fragen entsprechend zur Schwangerschaft, Wochenbett, Befinden,
Aktivitäten etc. gestellt. Zudem Fragen zur Entwicklung des Kindes,
Vorsorgeuntersuchungen, Erkrankungen und Selbsteinschätzung des Kindes.
Zum Zeitpunkt t4 wurden auch Information zum Alter des Kindes beim Arbeitsbeginn
der Mutter, Belastung im Beruf (bei Berufstätigen), Beginn einer
Fremdbetreuung, Erwünschtheit und Planung der Schwangerschaft
erfasst.
Die hier dargestellten Instrumente wurden zu 4 verschiedenen Zeitpunkten
angewandt ([Tab. 1]).
Tab. 1 Erhebungsinstrumente und
Befragungszeiträume in der MATER-Studie
(n=161).
Zeitpunkt/Art der Befragung
|
Fragebogen SS und Kind
|
EPDS
|
CBCL7 Items
|
RSQ
|
BEE
|
MAAS
|
FSK
|
t1 (N=161) 30.–40. SSW pers. Interview
|
X*
|
X
|
|
X
|
X
|
X
|
X
|
t2 (N=157) 3 Wochen pp telef. Interview
|
X*
|
X
|
|
|
|
|
|
t3 (N=159) 6 Monate pp telef. Interview
|
X
|
X
|
|
|
|
|
|
t4 (N=132) 18 Monate pp telef. Interview
|
X
|
X
|
X
|
X
|
X
|
|
X#
|
* zusätzlich wurden schwangerschaftsrelevante Daten aus
der Patientenakte ausgewertet. Bei allen telef. Interviews wurden
Veränderungen einer eventuellen Medikation erfragt. # Kind als
individuelle Person wahrgenommen. pp=postpartal.
Analyse
Da die Daten überwiegend nicht normalverteilt waren (Shapiro Wilk Test)
wurden sowohl nicht-parametrische Test-Verfahren (Mann-Whitney-U, Kruskal-Wallis),
als auch parametrische Testverfahren (einfaktorielle ANOVA, t-Test) angewandt.
Für den Vergleich mehrerer Gruppen wurde als Post Hoc Test beim
Kruskall-Wallis der Dunn’s Test und bei der einfaktoriellen ANOVA der Tukey
Test verwendet. Zusätzlich zur Signifikanz wurde Cohen’s
Effektgröße berechnet [38].
Ein allgemeines lineares Modell (ALM, mit SPSS 21) wurde gerechnet mit dem
CBCL-Score als abhängige Variable. Folgende Variablen wurden als
Einflussvariablen miteinbezogen: Relationship Scales Questionnaire (RSQ), Fragebogen
zur Partner-Beziehung (BEE), Fragebogen zum Schema vom Kind (FSK) und die Maternal
Antenatal Attachment Scale (MAAS). Als Einflussfaktor wurde die Edinburgh Postnatal
Depression Scale (EPDS) verwendet, welche zu vier verschiedenen Zeitpunkten nach der
Geburt erfasst wurde. Die Werte der vier Messzeitpunkte wurden zu einer Variablen
zusammengefasst, indem ausgezählt wurde, wie oft der kritische Wert von 9
erreicht wurde und somit depressive Symptome vorhanden waren. Weitere
Einflussfaktoren waren das Alter des Kindes zu Arbeitsbeginn der Mutter, Belastung
im Beruf und Geschlecht des Kindes. Diese Einflussvariablen wurden als Haupteffekte
ausgewählt und mit absteigender Signifikanz (p>.10) Schritt
für Schritt aus dem Modell entfernt. Um zu kontrollieren, ob ausgeschlossene
Variablen einen Einfluss haben, wurden diese einzeln in das finale Modell
eingefügt. Variablen mit einem p<.10 sind im finalen Modell
enthalten.
Nur die Variablen mit einem p<.05 wurden als signifikante Einflussfaktoren
angesehen. Aufgrund der geringen Stichprobengröße mancher Gruppen
wurden keine Interaktionen im Modell gerechnet, sondern Einflussvariablen und
Einflussfaktoren extra auf Korrelationen und Gruppenunterschiede getestet.
Ergebnisse
Erhobene demographische Daten sind in [Tab. 2]
zusammengefasst.
Tab. 2 Demographische Daten des untersuchten Kollektivs
(n=161).
Alter
|
29,9
|
Jahre (Erstgebärende)
|
Beziehungsstatus
|
71%
|
verheiratet
|
23%
|
in Partnerschaft lebend
|
5%
|
ledig
|
Bildung
|
43%
|
Lehre, in Ausbildung
|
52%
|
Studium (FH, Universität)
|
Geschlecht der Kinder
|
53%
|
männlich
|
47%
|
weiblich
|
Die Mehrheit der teilnehmenden Frauen (60,5%) hatte zu keinem der vier
Messzeitpunkte depressive Symptome (Gruppe 3). Zu einem oder zwei der vier
Zeitpunkte zeigten 32,6% der Frauen depressive Symptome (Gruppe 2), und nur
9 Frauen (6,8%) erreichten zu drei oder vier Zeitpunkten den Cut-Off von 9
für depressive Symptome (Gruppe 1) ([Tab.
3]). Knapp ein Drittel der Frauen (30,1%) hatte zum 4.
Befragungszeitpunkt 18 Monate postpartum noch nicht wieder angefangen beruflich zu
arbeiten. Die zweitgrößte Gruppe waren Mütter, die mit der
Arbeit begonnen hatten, als ihr Kind 10–12 Monate alt war (29,3%),
gefolgt von jenen, deren Kinder 13–16 Monate alt waren (17,1%). Neun
Frauen starten mit der Arbeit, während ihr Kind 7–9 Monate alt war
(7,3%) und sechs Frauen, während ihr Kind 4–6 Monate alt war
(4,9%). Vierzehn Frauen (11,4%) hatten bereits in den ersten 3
Monaten postpartum wieder begonnen beruflich zu arbeiten. Belastung im Beruf gaben
43,9% der Frauen an, keine Belastungen bei der Arbeit 22,0, und
34,1% gaben hier an, noch zuhause zu sein ([Tab. 3]).
Tab. 3 Häufigkeiten der Variablen EPDS –
depressive Symptome, Alter des Kindes zu Arbeitsbeginn der Mutter und
Belastung im Beruf.
Variable
|
Gruppen
|
Häufigkeit
|
Prozente
|
EPDS – Häufigkeit depressiver Symptome
(>9) zu vier Messzeitpunkten
|
zu 4 Zeitpunkten depressive Symptome
|
3
|
2,3
|
zu 3 Zeitpunkten depressive Symptome
|
6
|
4,7
|
zu 2 Zeitpunkten depressive Symptome
|
12
|
9,3
|
zu 1nem Zeitpunkt depressive Symptome
|
30
|
23,3
|
keine depressiven Symptome
|
78
|
60,5
|
Gesamt
|
129
|
100,0
|
EPDS – Häufigkeit depressiver Symptome
(>9) zusammengefasst zu drei Gruppen
|
zu 4–3 Zeitpunkten depressive Symptome
|
9
|
7,0
|
zu 2–1 Zeitpunkten depressive Symptome
|
42
|
32,6
|
keine depressiven Symptome
|
78
|
60,5
|
Gesamt
|
129
|
100,0
|
Alter des Kindes bei Arbeitsbeginn der Mutter
|
0–3 Monate
|
14
|
11,4
|
4–6 Monate
|
6
|
4,9
|
7–9 Monate
|
9
|
7,3
|
10–12 Monate
|
36
|
29,3
|
13–16 Monate
|
21
|
17,1
|
noch zu Hause
|
37
|
30,1
|
Gesamt
|
123
|
100,0
|
Belastung im Beruf
|
ja
|
58
|
43,9
|
nein
|
29
|
22,0
|
noch zu Hause
|
45
|
34,1
|
Gesamt
|
132
|
100,0
|
Das finale allgemeine lineare Modell mit CBCL als abhängige Variable war mit
p<0,001 signifikant und erklärt mit einem R² von 0,981 einen
hohen Anteil der Varianz – das bedeutet, dass die untersuchten Faktoren
(postpartale Depressivität) einen signifikanten Einfluss auf
Auffälligkeiten in Verhalten und Regulation des Kindes haben.
Kinder, deren Mütter zu vier oder drei der Messzeitpunkte depressive Symptome
berichteten, zeigten mehr Verhaltensauffälligkeiten als Kinder, deren
Mütter zu zwei oder einem Zeitpunkt depressive Symptome berichteten. Am
niedrigsten bezüglich Verhaltensauffälligkeiten waren Kinder, deren
Mütter zu keinem Zeitpunkt von depressiven Symptomen berichteten
(p<0,001) ([Abb. 1a], [Tab. 4]).
Abb. 1 Vorhergesagter Wert der Verhaltensauffälligkeiten beim
Kind (CBCL Gesamtskala) a) mit Häufigkeit depressiver
Symptome bei der Mutter (EPDS≥9), b) Belastung im Beruf und
c) Alter des Kindes zu Arbeitsbeginn der Mutter.
Tab. 4 Einfluss von depressiver Symptomatik, Belastung im
Beruf, Arbeitsbeginn der Mutter und Beziehung in der Partnerschaft auf
Verhaltensauffälligkeiten beim Kind (CBCL
Gesamtskala).
Erklärende Variablen
|
Df
|
F
|
p
|
EPDS – depressive Symptome (≥9)
|
2
|
9,526
|
<0,000
|
Belastung im Beruf
|
1
|
11,597
|
0,001
|
Alter des Kindes zu Arbeitsbeginn der Mutter
|
4
|
3,950
|
0,005
|
BEE Unabhängigkeit vom Partner
|
1
|
3,588
|
0,061
|
ALM mit CBCL Gesamtskala als abhängige Variable; n=120,
R²=0.981, korrigiertes R²=0.979.
Mütter, die in ihrem Beruf belastet waren, hatten Kinder mit weniger
Verhaltensauffälligkeiten als jene, die nicht belastet waren oder jene, die
noch zuhause waren (p=0,001, [Abb.
1b], [Tab. 4]). Kinder, die
4–6 Monate alt waren, als ihre Mütter angefangen hatten zu arbeiten,
zeigten sich in allen Verhaltenskategorien am wenigsten auffällig
(p=0,005, [Abb. 1c], [Tab. 4]). Mütter, die hohe Werte auf
der BEE-Skala ‚Unabhängigkeit vom Partner’ angaben, hatten
Kinder, die tendenziell mehr Verhaltensauffälligkeiten zeigten
(p=0,061, [Tab. 4]).
Bei der Analyse, ob es einen Zusammenhang zwischen der Art der Fremdbetreuung und
Beginn der Arbeit gibt, zeigte sich, dass von jenen Kindern, deren Mütter
nach 4–6 Monaten postpartum zu arbeiten begonnen hatten, keines in einer
Kita/Krippe war, sondern nur in privater familiärer Betreuung bzw.
ein Kind bei einer Tagesmutter war. Zudem berichteten diese Mütter mit
Arbeitsbeginn 4–6 Monate postpartum eine geringere Arbeitsbelastung als alle
anderen arbeitenden Mütter (Likelihood ratio=155,416,
p<0,001, Effektgröße Phi=1,029).
Mütter, die zu keinem Messzeitpunkt und jene, die zu einem oder zwei
Zeitpunkten depressive Symptome hatten, berichteten tendenziell mehr Belastung im
Beruf als Mütter, die zu 3–4 Messzeitpunkten depressive Symptome
hatten (Likelihood ratio=8,085, p=0,089, Effektgröße
Phi=0,253).
Die Häufigkeit depressiver Symptome der Mutter war positiv mit ‚Angst
vor Nähe‘ (RSQ) assoziiert (Kruskal-Wallis: n=127,
Χ2=7,955, p=0,019, d=0,449). Der Post
Hoc Test zeigte, dass jene, die zu 1–2 Zeitpunkten depressive Symptome
hatten, mehr Angst vor Nähe hatten als jene, die zu keinem Messzeitpunkt
depressive Symptome angaben (Dunn’s Test p=0,036). Der
Kruskal-Wallis zeigte zwar einen ähnlichen Unterschied bei der RSQ Skala
‚fehlendes Vertrauen‘ (n=126,
Χ2=6,067, p=0,019, d=0,37), jedoch war
dieses Ergebnis nach dem Dunn’s Post Hoc Test nicht mehr signifikant.
Mütter, die zu 1–2 Zeitpunkten depressive Symptome angaben, zeigten
eine geringere Qualität der pränatalen Bindung zum ungeborenen Kind
(MAAS) als jene Mütter, die zu keinem Messzeitpunkt depressive Symptome
hatten (Kruskal-Wallis: n=128, Χ2=11,772,
p=0,003, d=0,582, post-hoc Dunn’s Test:
p=0,008).
Für die Arbeitsbelastung gab es eine Tendenz, dass jene mit Belastung im
Beruf und jene, die noch zuhause waren, eine engere pränatale Bindung zum
ungeborenen Kind berichteten (MAAS prenatal quality of attachment), als jene, die im
Beruf keine Belastung hatten (Kruskal-Wallis: n=131,
Χ2=5,811, p=0,055, d=0,35).
Mütter mit Belastung im Beruf verbrachten pränatal mehr Zeit mit dem
Nachdenken über das Kind (MAAS prenatal time spant in attachment mode) und
zeigten allgemein eine intensivere pränatale Bindung zum Ungeborenen (MAAS
total prenatal attachment score) (Kruskal-Wallis: n=132,
Χ2=11,174, p=0,004, d=0,553, post-hoc
Dunn’s Test: Belastung Ja vs Nein p=0,003 und Kruskal-Wallis:
n=131, Χ2=10,039, p=0,007,
d=0,518, post-hoc Dunn’s Test: Belastung Ja vs Nein
p=0,006).
Mütter, deren Schwangerschaft erwünscht war, gaben zu weniger
Messzeitpunkten depressive Symptome an, als Mütter deren Schwangerschaft
weniger erwünscht war. So gaben 74,4% der Frauen, die zu keinem
Zeitpunkt depressive Symptome hatten, jedoch nur 44,4% der Frauen, die zu
3–4 Zeitpunkten depressive Symptome hatten an, dass ihre Schwangerschaft
erwünscht war (Likelihood ratio=16,281, p=0,012,
Effektgröße Phi=0,403). Mütter, deren
Schwangerschaft geplant war, konnten sich den Körper des Kindes bereits in
ihrer Schwangerschaft vorstellen, im Vergleich zu Müttern, deren
Schwangerschaft nicht geplant war (FSK Skala Körper des Kindes vorstellbar;
Kruskal-Wallis: n=159, Χ2=9,703, p=0,021,
d=0,456, post-hoc Dunn’s Test: nein vs ja p=0,057, nein vs
eher ja p=0,090).
Diskussion
Es existieren unterschiedliche Einflüsse auf die Entwicklung
frühkindlicher Dysregulation [39].
Gerade in den ersten Lebensjahren scheinen die Beziehungen und Interaktionen mit den
Bezugspersonen eine entscheidende Rolle zu spielen. In unserem Modell
bestätigte sich, dass eine prä- und postpartale
Depressivität der Mutter (EPDS≥9) sowie Aspekte unsicherer Bindung
in der Paarbeziehung, ebenso aber auch der Zeitpunkt der Wiederaufnahme des Berufs
und die Belastung der Mutter im Beruf einen Einfluss auf die Entwicklung von
Auffälligkeiten der Regulation des Kindes mit 18 Monaten haben.
Hauptsächlich zeigte sich, dass je häufiger bzw. je andauernder von
prä- und/oder postpartaler Depressivität berichtet wurde,
desto öfter wurden Auffälligkeiten in der Regulation des Kindes mit
18 Monaten benannt (Selbsteinschätzung der Mutter). Es zeigt sich also, dass
nicht nur eine manifeste postpartale Depression, sondern bereits eine (klinisch oft
übersehene) mittelgradig ausgeprägte Depressivität
(EPDS≥9) einen negativen Einfluss auf die Entwicklung des Kindes haben
kann.
Weiterhin waren Anzeichen unsicherer Bindung der Mutter zum Partner (BEE) ebenso
tendenziell mit mehr Verhaltensauffälligkeiten der Kinder assoziiert.
Für eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für
Depressivität spielten die Angst vor Nähe in Beziehungen (RSQ) sowie
eine gering ausgeprägte pränatale Bindung zum ungeborenen Kind
(MAAS) eine Rolle. Es kann angenommen werden, dass diese Faktoren dadurch indirekt
negative Auswirkungen auf die kindliche (Selbst-)Regulation haben, was in der
vorliegenden Untersuchung allerdings nicht in Mediatormodellen geprüft wurde
und für zukünftige Untersuchungen aussteht.
Die Befunde zum negativen Einfluss von Depressivität und Aspekte unsicherer
Bindung sind gut interpretierbar und werden durch weitere Analysen des gleichen
Datensatzes gestützt [17]
[22].
Komplexer sind die Zusammenhänge des Zeitpunkts der Aufnahme einer
Berufstätigkeit der Mutter, ihrer Belastung durch und in ihrem Beruf, der
Beginn der Fremdbetreuung des Kindes, der maternalen Depressivität und den
untersuchten Auffälligkeiten in der kindlichen Regulation.
Kinder, deren Mütter 4–6 Monate nach der Geburt bereits zu arbeiten
begonnen hatten, und deren Kind familiär (bzw. ein Kind von einer
Tagesmutter) betreut wurde, zeigten in der vorliegenden Studie mit 18 Monaten
weniger Verhaltensauffälligkeiten. Mütter, die früh
postpartum mit ihrer Arbeitstätigkeit begonnen hatten, berichteten zudem
eine geringere Arbeitsbelastung als alle anderen arbeitenden Mütter, was
evtl. auch mit der Art der Betreuung des Kindes in Verbindung steht. Mütter,
die angaben sich in und durch ihre berufliche Tätigkeit belastet zu
fühlen, hatten Kinder mit weniger Verhaltensauffälligkeiten als
solche, die sich nicht durch ihren Beruf belastet fühlten oder solche, die
noch zuhause beim Kind waren. Tendenziell hatten Mütter, die sich im Beruf
belastet fühlten, und solche die noch zuhause beim Kind waren, in der
vorliegenden Studie schon vor der Geburt eine bessere pränatale Bindung zum
Kind und waren prä- und postpartal weniger depressiv.
Eine Erklärung für diese Zusammenhänge könnte sein,
dass Mütter, die eine bessere pränatale Bindung zum Kind haben und
schon pränatal nicht depressiv sind, eine sichere
Bindungsrepräsentation aufweisen und (daher) auf stabilere
Unterstützungsmodelle in der Familie und Partnerschaft zurückgreifen
können. Vor allem solche Mütter, die eine familiäre
Betreuung des Kindes gewährleisten können, fangen früh an
wieder zu arbeiten. Allerdings fühlen sich Mütter mit
unauffällig entwickelten Kindern anscheinend von der Trennung aufgrund von
Berufstätigkeit mehr belastet als Mütter, die eine weniger intensive
Bindung zum in der Selbsteinschätzung auffälligerem Kind haben.
Für die Interpretation sei noch einmal darauf hingewiesen, dass die
Auffälligkeiten des Kindes über die Auskunft der Mutter erfasst
wurden, was natürlich eine Subjektivität in der Einschätzung
mit sich bringt, welche auch durch eine mögliche maternale
Depressivität negativer gefärbt sein könnte. Zudem erlaubt
das Modell (ALM) keine Zuschreibung von Ursache und Wirkung, sondern zeigt lediglich
korrelative Zusammenhänge auf. Es liegt nahe, dass sich die Faktoren
pränatale Bindung, Depressivität, Bindung in der Paarbeziehung,
Zeitpunkt des Einstiegs in den Beruf postpartal und Art der Fremdbetreuung
gegenseitig beeinflussen können.
Auch wenn ein prospektives Studiendesign vorlag, weist die Studie wegen der z.T. sehr
geringen Subgruppen, der subjektiven Selbsteinschätzung des Kindes durch die
(eventuell depressive) Mutter sowie des kurzen Beobachtungszeitraums von 18 Monaten
klare Limitationen in der Aussagekraft auf. Umso mehr müssen gerade die
beschriebenen Zusammenhänge, dass Kinder, deren Mütter 4–6
Monate postpartum bereits wieder eine Berufstätigkeit aufgenommen hatten,
weniger Verhaltensauffälligkeiten zeigten als Kinder von Müttern,
die in dieser Zeit noch zuhause waren oder erst zu einem späteren Zeitpunkt
in den Beruf einstiegen, mit Zurückhaltung interpretiert und an einem
größeren Kollektiv verifiziert werden. Auch wurde der
möglicherweise nicht unerhebliche Teil der Bindung des Vaters zum Kind
besonders in der Situation des früheren Berufseinstieges der Mutter
(Hauptbetreuung durch den Vater) in dieser Studie noch nicht
berücksichtigt.
Konsequenzen für Klinik und Praxis
Konsequenzen für Klinik und Praxis
Da bereits eine leicht erhöhte Depressivität (EPDS≥9) in der
prä- und postpartalen Phase ebenso wie eine unsichere Paarbindung sowie
berufliche Belastungen die frühkindliche Entwicklung negativ beeinflussen
können, sollte durch eine gezielte Anamnese und hohe Sensibilität
des betreuenden medizinischen Personals (Hebamme, Gynäkologen,
Sozialbetreuer) bereits in der Schwangerschaft, besonders aber in der postpartalen
Phase auf Zeichen einer erhöhten Depressivität, einer
beeinträchtigten Paarbeziehung, Belastungen im Beruf oder kindlichen
Dysregulation geachtet werden. Aufgrund des hohen Nutzens für die
betroffenen Kinder und Familien [40] ist zu
wünschen, dass sich gelebte Netzwerke aus Hebammen, Gynäkologen,
Sozialbetreuern und Psychotherapeuten etablieren, um ausreichend spezifische
Angebote für betroffene Familien zu schaffen.