Geburtshilfe Frauenheilkd 2022; 82(10): 1010-1014
DOI: 10.1055/a-1927-4445
GebFra Magazin
Geschichte der Gynäkologie

„…es ist noch nicht dagewesen, daß zu einer Tagung unserer Gesellschaft Früchte wissenschaftlichen Fleißes in solcher Fülle zusammen getragen worden sind…“

Bemerkenswertes vom 17. Kongress der DGG in Innsbruck 1922
Andreas D. Ebert
1   Praxis für Frauengesundheit, Gynäkologie und Geburtshilfe, Berlin, Deutschland
,
Matthias David
› Author Affiliations

Wie 2022 der Münchner Kongress fand der Innsbrucker Kongress der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie (DGG) 1922 in sehr unruhigen Zeiten statt. Während heute der Krieg in der Ukraine, die globale Klima- und Energiekrise sowie die steigende Inflation die Diskussion einer „Zeitenwende“ dominieren, standen Deutschland und „Deutsch-Österreich“ 1922, fast genau 3 Jahre nach der Unterzeichnung des Friedensvertrages von Versailles am 28. Juni 1919, ganz unter dem Eindruck des verlorenen „Großen Krieges“, der auferlegten riesigen Kriegsreparationen, einer schweren Wirtschaftskrise und der beginnenden Hyperinflation. Dennoch machten sich viele deutsche Frauenärzte auf die Reise nach Innsbruck. Das reichhaltige Kongressprogramm wurde vorab breit publiziert [1]. Interessant ist, dass sehr schnell vor und nach dem Kongress Arbeiten im „Zentralblatt für Gynäkologie“ erschienen, die die teilweise kurzen Zusammenfassungen einiger Referenten im Kongressband des „Archiv für Gynäkologie“ ergänzten [2] [3] [4] [5] [6] [7].

Noch im Sonnabend-Heft des „Zentralblattes für Gynäkologie“ vom 20. Mai 1922 ließ Paul Mathes (1871–1923), der Präsident des Kongresses und der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie, [8] auf Seite 786 mitteilen, dass „Kongreßgut (Zeichnungen, Instrumente, Präparate usw.) die Grenze anstandslos passieren wird. Als Zollstationen kommen in Betracht: Dux (für die Schweiz), Bregenz, Mittenwald und Kufstein (für Deutschland). Reisepaß mit dem Visum eines österreichischen Konsulats ist unerläßlich. Nach dem heutigen Stand der Krone sind für den täglichen Unterhalt ca. 200 Mark anzusetzen“ [1]. Ein US-Dollar entsprach im Juni 1922 etwa 400 Reichsmark. Ein Jahr später waren es bereits etwa 100000 Reichsmark. Vor diesem Hintergrund einer galoppierenden Inflation und der zu erwartenden zunehmenden „wirtschaftlichen Notlage Deutschlands und Deutsch-Österreichs“ war 1922 der Antrag von Siegfried W. Flatau (1865–1926) für zukünftige Kongressorte in der Mitte Deutschlands zu verstehen, der u. a. auf die teuren Bahnfahrten und Kongressaufenthaltskosten verwies, die sich viele Frauenärzte und Frauenärztinnen nicht mehr leisten konnten [9].

Der DGG-Vorsitzende Mathes legte der Versammlung aber auch einen fachlichen Antrag von Georg Winter (1856–1946) aus Königsberg vor [10] [11]: „Es soll eine Kommission gewählt werden, welche dauernd alle den Uteruskrebs betreffenden Fragen bearbeitet." Winter, der selbst nicht am Kongress teilnehmen konnte, sah in der „Erforschung des Gebärmutterkrebses und noch mehr seine Heilung“ seit Jahrzehnten die wohl wichtigste Aufgabe der Gynäkologie. Er hielt es für sehr wichtig, dass „die ‚Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie‘ das Studium des Gebärmutterkrebses nach jeder Richtung hin zu ihrer dauernden Aufgabe macht“. Dazu schlug er die Gründung einer speziellen Kommission vor: „Ich würde mir die Arbeiten der Kommission in Folgendem bestehend denken: 1. Sammlung und kritische Bearbeitung aller Publikationen des In- und Auslandes. 2. Anregung zur Bearbeitung besonders aktueller Fragen aus dem Gebiete der Pathologie und Therapie. 3. Prüfung und Begutachtung aller Statistiken, insbesondere über die Behandlung. 4. Erforschung der Verbreitung, Operabilität und Verschleppung des Krebses. 5. Organisation und Leitung der Bekämpfung des Gebärmutterkrebses. 6. Berichterstattung über die Fortschritte der Forschungen und insbesondere der eigenen Arbeiten auf jedem Kongreß“. Und zugleich empfahl er konkret folgende Themen- und Aufgabenverteilung: „1. Operative Behandlung (Bumm oder Stöckel). 2. Strahlenbehandlung (Döderlein oder Seitz). 3. Pathologie (von Franqué oder Kermauner). 4. Statistik, Bekämpfung (Winter). 5. Verbreitung, Verschleppung, Operabilität (Zangemeister oder von Jaschke)…“ [12]. Dem Antrag stimmte der DGG-Vorstand zu und beauftragte Winter mit der Bildung und Leitung der Kommission. Rückblickend kann dieser Vorschlag als Gründungsidee der heutigen „Arbeitsgemeinschaft für gynäkologische Onkologie“ (AGO) angesehen werden.

Es ging Winter damals darum „die Kranken mit Uteruskrebs rechtzeitig zur Behandlung zu bringen“, wobei er betonte: „Der einzelne – so groß seine Autorität in seiner Provinz auch sein mag – stößt auf Widerstand und Hemmnisse, welche der Krebsbekämpfung schaden. Auch die provinziellen Fachgesellschaften, welche seinerzeit so energisch den Kampf gegen den Uteruskrebs geführt haben, sind zu wenig bekannt, um auf sicheren Erfolg ihres Unternehmens rechnen zu können. Die einzige Instanz, welche Autorität, Macht und Einfluß genug hat, um dieses Unternehmen mit Erfolg durchzuführen, ist die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie…“. Winter begründete seinen Antrag mit der Verschlechterung der Operabilität des „Karzinommaterials“ [13] [14], also damit, dass die betroffenen Patientinnen nach dem Ersten Weltkrieg in einem inoperablen Stadium der Erkrankung in die Kliniken kamen. Ursächlich hierfür war kriegsbedingt die schlechtere ärztliche Betreuung der Frauen [15] und deren – kriegssorgenbedingte – Vernachlässigung der eigenen Symptome durch die betroffenen Frauen. Außerdem stiegen die Preise für radioaktive Elemente für die Strahlentherapie ins Unermessliche. Diese Befunde wurden auch von Vertretern anderer Kliniken publiziert [16] [17] [18] [19] [20]. Trotz der Bedeutung des Antrages fand keine weitere Diskussion nach Winters Vortrag, den sein Oberarzt Walter Benthin (1882–1950) in Vertretung hielt, statt [5] [6]. Doch im Zentralblatt für Gynäkologie meldeten sich nach Winter [2] [3] Ludwig Seitz [4] und Carl Menge [5] sehr kritisch zu Wort. Seitz und besonders Menge, der Winter als „das Gewissen der deutschen Gynäkologie“ schätzte [5], verwiesen auf die zahlreichen „Subjektivitätsmöglichkeiten“ in Winters angestrebter Krebsstatistik: „Das persönliche Interesse an dem Ergebnis der Statistik ist beim Operateur naturgemäß ziemlich groß, umso größer, je schwieriger der (…) Eingriff ist. Denn nicht nur das primäre, sondern auch das weitere Resultat des Operateurs hängt nicht allein und vielleicht nicht einmal in erster Linie von der Methode, sondern auch von der Indikationsstellung, von dem technischen Können, von der Schulung der Assistenten und des Personals, von der Sorgfalt bei der Nachbehandlung und von der Qualität der Aseptik, also weitgehend von persönlichen Leistungen und Einflüssen ab…“ [5]. Aus diesen Gründen sind auch heute noch operative Studien und teilweise auch strahlentherapeutische Publikationen schwer zu interpretieren und nur mit Vorsicht zu vergleichen. Damals begannen auch die anhaltenden Diskussionen über die Vergleichbarkeit des „Patientenmaterials“, die Trennung des Zervix- und des Endometriumkarzinoms in verschiedene Tumorentitäten, über die noch fehlenden eindeutigen Tumorstadien, die Wertigkeit der Behandlungsmethoden [21] und -mortalität sowie über die Begriffe „Heilung“, „Dauerheilung“, „Rezidiv“, „Überlebensrate“ bzw. rezidivfreies Überleben [3] [4] [5]. Menge bat, wie Winter, „um rücksichtslose Kritik dieser Vorschläge. Es geht um Klarheit und Wahrheit in einer großen Sache.“ [5].

Doch nicht nur operative oder onkologische Aspekte wurden diskutiert [7] [21]. Die gynäkologische Endokrinologie steckte 1922 trotz aller Fortschritte noch in den Kinderschuhen. August Mayer sprach noch von dem „großen und in vielen Punkten noch dunkle Gebiet der inneren Sekretion“ [7]. Man kannte bereits durch die Arbeiten von Fritz Hitschmann (1870–1926) und Ludwig Adler (1876–1958), Robert Meyer (1864–1947) und Robert Schröder (1884–1959) die zyklischen Veränderungen im Endometrium und in den Ovarien. Es gab durch die Studien von Rudolf Kaltenbach (1842–1892), Robert Schröder und Ludwig Seitz (1872–1961) schon praktikable klinische Einteilungen der Blutungsstörungen, aber man hatte bisher die entscheidenden Hormone noch nicht isoliert. Der spätere Nobelpreisträger Adolf Butenandt (1903–1995) studierte 1922 noch Chemie und Biologie an der Philipps-Universität Marburg [22]. Erst 1929 gelang ihm und seinen Teams basierend auf den biologischen Studien von Edgar Allan (1892–1942) und Edward Adelbert Doisy (1893–1986) im Jahr 1923 sowie von Selmar Aschheim (1878–1965) und Bernhard Zondek (1891–1966) 1927 die Isolierung und die Strukturdarstellung des Östrons und 1934 des Progesterons [23]. Zondek berichtete 1922 über eine Patientin, „bei der im Alter von 25 Jahren der Uterus und beide Ovarien exstirpiert waren und die einen typischen Kastratenstoffwechsel hatte (…) Jetzt wurde ein funktionsfähiges Ovarium in den Oberschenkel implantiert und nach drei Wochen begann der Stoffwechsel langsam zu steigen und ist jetzt noch (zwei Monate nach der Operation) erhöht.“ [24]. Er vermutete, dass sich durch die Untersuchung des Gesamtumsatzes die funktionelle Lebensdauer von Ovarialtransplantaten objektivieren lassen würde. Beachtenswert war auch der Beitrag des Budapester Gynäkologen Otto Paul Mansfeld (geb. 1879) über „Eierstock und Geschlechtstrieb“, der betonte: „Mit Geschlechtstrieb und Lust des Weibes befaßte sich die klinische Gynäkologie recht ungern. Das Gebiet wurde fast ausschließlich Sexuologen und Psychoanalytikern überlassen (…) Angeregt durch die Publikation Unterbergers (Königsberg) habe ich (…) seit 1919 autoplastische Stückchentransplantationen ausgeführt. Die Revision dieser Fälle (…) zeigte aber das unerwartete Ergebnis, daß eine große Zahl der Operierten merkwürdig erotisiert war (…) Wenn auch ohne Frage psychische Momente, Hemmungen im Empfinden des Weibes eine große Rolle spielen, müssen doch die klinischen und histologischen Beobachtungen (…) darauf hinweisen, daß hier die dominierende Rolle dem Ovar zufällt. Nicht die Psychoanalyse, sondern das tiefere Erforschen der Eierstockfunktion kann uns hier weiterführen.“ [25].

August Mayer (1876–1968), einer der Begründer der gynäkologischen Psychosomatik in Deutschland, stellte diese Ansicht auf eine breitere Basis, indem er die verstärkte Einbeziehung der „Grenzgebiete“ in das gynäkologische Denken, Forschen und Handeln fordert: „Nicht Gynäkologen sollen an Nervenkliniken Therapie treiben, sondern Seelenärzte an Frauenkliniken; nicht Behandlung der von Nerven- und Seelenkrankheiten mit gynäkologischen Methoden, sondern Behandlung von gynäkologischen Störungen mit psychischen Mitteln, also mehr Seele in der gynäkologischen Therapie!“ [7]. Dazu zählte er ausdrücklich auch die Beschäftigung mit der Vita sexualis und den sexuellen Störungen.

Auch Erwin Kehrer (1874–1960) ging auf diesen, mehr ganzheitlichen Aspekt ein: „…verständlich ist auch bei der glänzenden Entwicklung, welche die operative Gynäkologie genommen hat, und bei der vorzugsweise rein spezialistischen Ausbildung vieler Frauenärzte, daß die Erkrankung der Frauenorgane mehr Berücksichtigung und Betonung findet als die Erkrankung der Frau und ihrer Genitalorgane. Auch das kann man heute noch entschuldigen, daß die Röntgenbestrahlung bei dem Aufschwung, den ihre Technik genommen hat, überschätzt und auf zu weite Gebiete ausgedehnt wird. (…) die Gynäkologie darf sich nicht mehr der Erkenntnis verschließen, daß der Boden, auf dem das Weib sich zum Weibe entwickelt, auf dem das Persönlichkeitsgefühl und das Geschlechtsempfinden, das Glück der Ehe und der Familie sich aufbaut, in erster Linie das sexuelle Leben ist (…) so wird auch der Frauenarzt ohne Kenntnis der Vita sexualis seiner Patientin vielfach im Dunkeln irren über die Ursache vieler alltäglicher gynäkologischer Krankheitsbilder…“ [26]. Er prägte den bemerkenswerten Begriff des „Dyspareunieuterus“ und behauptete: „Eine Frau mit Eupareunie bleibt vor jeder Uterusmyomentwicklung bewahrt“, während chronisch-sexuelle Reize (durch Hyperämie und Hyperlymphie aufgrund Dyspareunie und übertriebener Masturbation) zur Myombildung führen würden: „Monate- und jahrelanges Fehlen des weiblichen Orgasmus ist nun eine Ursache mannigfacher, wohlcharakterisierter, pathologisch-anatomischer Veränderungen und Symptome der Beckenorgane (…) Sie werden nun meine Folgerungen für die operative und konservative Gynäkologie unschwer verstehen: 1. Bei jeder der obengenannten gynäkologischen Krankheitsbilder und Symptome ist nach dem sexuellen Leben der Frau zu forschen. Das muß der Gynäkologe jetzt tun, sonst wird ihm von Seiten der Sexualforscher ein sehr wichtiges Genzgebiet (…) genommen, das eigentlich zur Gynäkologie gehört und nicht von ihr getrennt werden kann. 2. An Stelle so mancher somatischer Operationen hat (…) eine psychische Operation zu treten“, worunter Kehrer Aufklärung und Beratung sowie die Psychoanalyse verstand, „3. Solange die anatomischen Veränderungen, welche die chronisch-sexuelle Hyperämie und Hyperlymphie hervorgerufen hat, noch nicht zu stark ausgeprägt sind, lassen sie sich allein durch diese sexuelle Psychoanalyse und Therapie heilen…“ Und er schließt mit der Ermahnung: „Wer als ernster, innerlich reifer, älterer und erfahrener Frauenarzt mit feinem Zart- und Taktgefühl nach dem sexuellen Leben seiner Kranken sich erkundigt (…) wird erstaunt sein, welche Dankbarkeit ihm die Frauen entgegenbringen. Haben sie doch endlich im Leben jemanden gefunden, der den Finger auf die Wunde setzt (…) die von ihnen selbst auf eine gewisse Disharmonie in der Ehe zurückgeführt worden ist (…) Diejenigen Frauen, die man (…) von ihren Beschwerden (…) durch sexuologische Aufklärung und Psychotherapie endlich in den vollen Genuß sexueller Befriedigung zu versetzen vermochte, werden in ihrer Anerkennung und Dankbarkeit nicht einmal von den Fistelkranken übertroffen, denen wir nach gelungener (…) Operation die langersehnte Kontinenz wieder verschaffen konnten.“ [26].

Jede Gynäkologin und jeder Gynäkologe kennt auch heute die skeptischen Blicke der Patientinnen, wenn ihnen als Behandlungskonzept eine therapeutische Amenorrhö, z. B. mit oralen Kontrazeptiva, vorgeschlagen wird, und kennt die bange Frage, ob es denn gesund sei, die Menstruation auszuschalten, die doch eine reinigende Funktion habe. Dazu nahm der Bernhard Aschner (1883–1960) Stellung: „Aus einer großen Anzahl von klinischen Tatsachen geht unzweifelhaft hervor, daß die menstruelle Blutausscheidung ein Reinigungsprozeß ist, der für die Gesundheit der Frau ebenso wichtig ist wie etwa die Perspiratio insensibilis der Haut. […]. Die Konsequenzen (…) sind sehr folgenschwer: 1. Neben der inneren Sekretion der Ovarien ist auch die exkretorische Funktion des Uterus und der Menstruation (…) unbedingt notwendig für die Gesundheit der Frau zwischen Pubertät und Klimakterium. 2. Man muß trachten, bei Operationen und Bestrahlungen so konservativ als irgendmöglich in bezug auf den Uterus und Ovarien vorzugehen, so daß eine ungeschmälerte Menstruation erhalten bleibt. 3. Daraus ergibt sich, daß bei Myom die konservativen Operationsverfahren (Enucleation mit Erhaltung des Uterus) unbedingt vorzuziehen sind. 4. Bei Metropathia haemorrhagica wird dann folgerichtig die Uterusexstirpation erheblich eingeschränkt, ja in der Mehrzahl der Fälle überhaupt aufgegeben werden müssen. Bei sehr großem „metritischem“ oder „myomatösem“ Uterus kämen allenfalls partielle Resektionen in Frage, keinesfalls mehr Totalexstirpation oder supravaginale Amputation. 5. Auch die Röntgenbestrahlung der gutartigen Uterusblutungen und der Myome ist, weil sie die Menstruation beeinträchtigt und außerdem keine kausale Behandlung, als schädlich zu betrachten […]“. Bei Myomen empfahl Aschner die konservative Enukleation und Resektion, für die Behandlung der Amenorrhö entgiftende Maßnahmen und für die „ovariellen und sonstigen Uterusblutungen“ Allgemeinbehandlungen und Lokalbehandlungen, wobei er explizit die Regelung der Verdauung, salinische Abführmittel, die Hydrotherapie, aber auch Styptika und als „stärkstes Mittel“ den Aderlass nannte [27].

Heute staunt man immer wieder bei der Lektüre der Kongressbeiträge von 1922, dass bestimmte Fakten, die uns heute selbstverständlich erscheinen, es vor 100 Jahren noch keineswegs waren. So diskutierte Hugo Sellheim (1871–1936) [28] die Ursachen der Stieldrehung: „lm Gegensatz, zur Unbestimmtheit der Lehre behaupte ich nun, daß die Stieltorsion der Geschwülste im Bauche durch einen bestimmten Vorgang, nämlich durch die Übertragung einer Drehbewegung des ganzen Körpers, (…) entsteht; ferner, daß die Stieltorsion um so leichter zustande kommt, je schneller und heftiger und öfter wiederholt diese Körperumdrehung erfolgt, z. B. beim plötzlichen Herumfahren im Stehen und Gehen, oder Sichherumwerfen im Bett, und je länger die Drehung fortgesetzt wird, wie z. B. beim Tanzen.“ [29] [30]. Im Kongressband hieß es: „Eierstockszysten sind schon an sich häufig; es muß aber doch noch ein ganz besonderes Etwas dazu kommen, was die Stieltorsion bei diesen mit Flüssigkeit erfüllten Tumoren (…) so ungemein oft in Erscheinung treten läßt. Ich behaupte daher, daß die Torsion (…) umso leichter stattfindet, je flüssiger der Tumorinhalt ist, und daß die Erscheinung gerade deswegen bei Eierstockzysten so häufig auftritt. (…) Füllt man ein Ei statt mit dem zähflüssigen natürlichen Inhalt mit Wasser (Eröffnung des Eies an einem Pole, Austrinken, Wasserfüllung, Verklebung der Öffnung mit Heftpflaster) und macht vergleichende Versuche mit einem natürlichen Ei, so dreht sich (…) das mit Wasser gefüllte Ei nach Aufhebung der Arretierung deutlich länger, fast doppelt so lang als das natürliche Hühnerei.“ [29].

Wahrscheinlich ging der Kongress 1922 für die Teilnehmer ähnlich schnell zu Ende, wie es heute in der Regel der Fall ist. Der Ausfall des „Begrüßungsabends am Dienstag“ wurde bedauernd zur Kenntnis genommen [31], der „kunstgenußreiche Abend am Donnerstag“ hingegen hervorgehoben [32]. Der Kongress war wohl aufgrund des schönen Kongressortes und des neuen Konzeptes (viele Vorträge statt sehr weniger Plenarvorträge) ein Erfolg. Man blickte nun bereits voraus und nach Heidelberg, wo der XVIII. DGG-Kongress stattfinden sollte. Kurz nach dem Heidelberger Kongress schied Paul Mathes, der 17. Präsident der DGG, freiwillig aus dem Leben [8].

Während Otto Küstner (1849–1931) eher national-patriotische Abschlussworte für den Innsbrucker Kongress fand und mit einem heute anachronistisch wirkenden 3-fachen Hurra auf den Präsidenten Mathes den Kongress beendete [32] [33], liest sich der kritische Rückblick Wilhelm Zangemeisters (1871–1930) [34] auf den Kongress eher nüchtern-konstruktiv, der auch auf „die uns bisher ungewohnten vielstelligen Zahlen, mit denen man zur Erhaltung der Lebensgeister zu rechnen hatte“, also die Inflation, hinwies [31]. Neben lobenden Worten an die Organisatoren kritisierte Zangemeister die teilweise fehlende Vortragsdisziplin: „Auch die gütige Nachsicht des Vorsitzenden gegenüber der Dauer der Vorträge, von denen einige (…) die zulässige Zeit von 30 Minuten (…) weit überschritten, hat manche kostbare Minute verschlungen, keineswegs ohne wissenschaftlichen Gewinn, aber eben auf Kosten derer (…), deren Vorträge daraufhin über Gebühr beschnitten werden oder gänzlich wegfallen mußtenDie Versammlung hat diesmal große Milde walten lassen, wenn sie Rednern das Wort ließ, welche unter erhobenem Manuskript, noch dazu schlecht und fehlerhaft ablasen, oder welche altbekannte oder für einen Vortrag gänzlich ungeeignete Dinge vorbrachten oder gar der Reklame eines technischen Unternehmens dienten (…) Ein guter Kongreßvortrag erfordert eine sehr gründliche Ausarbeitung auf Inhalt, Form und Zeitdauer…“ [31]. Und – wie nebenbei – schlug er die Gründung einer eigenständigen Vereinigung der Hochschullehrer vor, die heute ihr Pendant im sog. „Ordinarienkonvent“ des DGGG-Vorstandes hat.

Auch schon damals galt „Nach dem Kongress ist vor dem Kongress“, denn bereits für den 18. bis 23. September wurde zur gynäkologischen Sektion der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte (Hundertjahrfeier) [35] eingeladen, wo zahlreiche Referenten des Innsbrucker Kongresses erneut auftraten. Otto Küstner, der schon den 1. Kongress der deutschen Gesellschaft für Gynäkologie 1886 in München besucht hatte, legte damals in Innsbruck das heute noch wünschenswerte Credo unserer Gesellschaft und ihrer Kongresse fest: „Die Jugend ist die Trägerin der Zukunft“ [32].

1 Die 1885 in Straßburg gegründete Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie (DGG) änderte erst 1974 auf dem 40. Kongress in Wiesbaden ihren Namen in Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG).




Publication History

Article published online:
30 September 2022

© 2022. Thieme. All rights reserved.

Georg Thieme Verlag KG
Rüdigerstraße 14, 70469 Stuttgart, Germany