Schlüsselwörter Großgefäßvaskulitis - Riesenzellarteriitis - Takayasu Arteriitis - Therapie
Key words Takayasu arteritis - therapy - large vessel vasculitis - giant cell arteritisonline publiziert 2022
Einleitung
Vaskulitiden werden nach der Chapel Hill Klassifikation weiterhin nach der
Größe der betroffenen Gefäße eingeteilt [1 ]. Zu den großen
Gefäßen zählen die Aorta mit ihren Hauptästen sowie
die korrespondierenden Venen. Bei den Großgefäß-Vaskulitiden
bestehen Entzündungen im Bereich der Gefäßwand der
großen Arterien. Auch bei anderen Erkrankungen wie z. B. dem Morbus
Behcet, dem Cogan-Syndrom oder den ANCA-assoziierten Vaskulitiden kann es durch eine
Entzündung der Vasa vasorum auch zu einer
Gefäßentzündungen der großer Gefäße
kommen, am häufigsten finden sich diese aber bei den beiden Hauptvertretern
der Großgefäßvaskulitiden: der Riesenzellarteriitis (RZA)
und der Takayasu-Arteriitis (TAK), um die es im Weiteren gehen soll. Beide
Erkrankungen kommen häufiger bei Frauen vor und das
Hauptunterscheidungsmerkmal bleibt das Erkrankungsalter. Histopathologisch lassen
sich die beiden Erkrankungen nicht unterscheiden, da es sich jeweils um eine
granulomatöse Entzündungen mit Infiltration von Lymphozyten,
Makrophagen und Riesenzellen handelt. Vor diesem Hintergrund steht weiterhin zur
Diskussion, ob es sich nicht doch um die gleiche Erkrankung handelt, wenn auch mit
unterschiedlichen Manifestationen.
Pathophysiologie
Der Stimulus, welcher letztendlich zum Ausbruch der Erkrankung führt ist
weiter nicht bekannt. Bei beiden Erkrankungen spielen Th1/Th17
CD4+positive T Lymphozyten und proinflammatorische Zytokine wie
Interleukin (IL)1, IL6 und IL17 eine entscheidende Rolle. Obwohl sich, wie
erwähnt, dass histopathologische Bild kaum unterscheidet finden sich
doch immunphänotypische Besonderheiten. So ließ sich bei
Patienten mit RZA eine Assoziation zu MHC Klasse II- und bei der TAK zu MHC
Klasse I – Haplotypen nachweisen, so dass für die RZA eine
Aktivierung von CD8+-und für die TAK CD4+-T Zellen
typisch sind [2 ].
In Folge der chronischen Gefäßentzündung, mit
konsekutiver Intima- und Adventitia- Hyperplasie bzw. struktureller
Schädigung der Media, kann es initial zu Stenosierung bzw. langfristig
auch aneurysmatischen Aufweitung der betroffenen Gefäße kommen,
wobei sich diese Aufweitungen typischerweise im Bereich der Aorta selbst und nur
selten in den aortennahen Abgängen entwickeln.
Takayasu-Arteriitis
Die TAK ist eine granulomatöse Erkrankung, welche sich
hauptsächlich an der Aorta und ihren größten
Ästen manifestiert. Das Erkrankungsalter liegt vor dem 40. Lebensjahr.
Die Erkrankung führt relativ schnell zu stenotischen
Veränderungen, vor allem im Bereich der Arteria subclavia und Axillaris,
was ihr im englischsprachigen Raum aufgrund fehlender Pulse im Bereich der
Handgelenke, den Beinamen „pulseless disease“ eingebracht hat.
Die Erkrankung findet sich gehäuft bei Asiaten. Die erste
Krankheitsphase ist häufig geprägt von Allgemeinsymptomen, wie
Fieber, Nachtschweiß oder einem ungewollten Gewichtsverlust. Im weiteren
Verlauf treten dann Symptome in Folge der
Gefäßentzündungen auf, hierzu können Schmerz im
Bereich der Halsgefäße, die sogenannte Karotidynie oder auch
thorakalen bzw. abdominelle Schmerzen bei Entzündung der Aorta
zählen. In Folge von Stenosierung oder Verschluss von
Gefäßen können eine Claudicatio Symptomatik der oberen
und unteren Extremität mit Pulsverlust, eine Angina abdominalis oder
Angina pectoris auftreten. Klinisch zeigen sich häufig
Strömungsgeräusche. Bei Beteiligung der Arteria renalis kann es
zu Hypertension bis hin zu hypertensiven Entgleisungen kommen [3 ]
[4 ].
Riesenzellarteriitis
Die RZA ist ebenfalls eine granulomatöse Arteriitis welche die Aorta und
ihre Hauptäste betrifft. Häufig betroffen sind zudem die
kranialen, mittelgroßen Gefäße, dies kann zu Symptomen
wie Amaurosis fugax, Kau-Claudicatio oder sonstigen
Durchblutungsstörungen im Kopf-Halsbereich führen. In diesem
Fall spricht man auch von einer Arteriitis temporalis oder cranialis, wobei
beide Bezeichnungen nicht synonym zur RZA verwendet werden sollten, da nicht bei
allen Patienten mit RZA die cranialen Gefäße betroffen seien
müssen und es auch eine reine Aortitis bei der RZA gibt [5 ]. Man kann die RZA Patienten nach
Gribbons et al. nach dem Befallsmuster in verschiedene Gruppen einteilen [6 ]:
Patienten mit kranialer Arteriitis mit Kopfsymptomatik und damit
einhergehend hohem Risiko für kraniale Ischämien oder
Visusverlust
Patienten mit reiner Vaskulitis der Aorta und ohne Nachweis einer
kranialen Vaskulitis; hier kommt es selten zu Visusproblemen, Patienten
leiden unter Gefäßwandveränderungen der oberen
Extremitäten.
Patienten mit kranialer und aortaler
Großgefäßvaskulitis und dem damit verbundenen
Risiko für beide Komplikationen
Patienten ohne nachweisbare kraniale oder aortale Vaskulitis aber
bestehender Morgensteifigkeit und Claudicatio der Beine.
Bei Befall der Arteria temporalis lässt sich diese häufig im
Bereich der Schläfe gut sehen und ist bei der klinischen Untersuchung
häufig verhärtet und schmerzhaft palpabel, was bei
entsprechender Klinik den Begriff der Arteriitis temporalis prägte
([Abb. 1 ]). In diesem Bereich ist
eine Gefäßbiopsie relativ komplikationsarm möglich, was
eine histopathologische Sicherung der Erkrankung ermöglichen kann.
Anders als bei der TAK sind Kaukasier häufiger von der RZA betroffen als
Asiaten. Gefürchtete Komplikationen der RZA sind Apoplex und die
plötzliche Erblindung in Folge einer anterioren ischämischen
Optikusneuropathie. Selten können Kopfhaut- oder Zungennekrosen
auftreten ([Abb. 2 ]).
Abb. 1 Sichtbar verdickte Arteria temporalis mit lokalem, starkem
Druckschmerz und Sensibilitätsstörungen der Kopfhaut bei
einem Patienten (Patient 1) mit Polymyalgia Rheumatica Symptomatik und
anhaltender Entzündungskonstellation.
Abb. 2 Kopfhautnekrose eines nicht behandelten Patienten (Patient
2) mit Arteriitis temporalis.
Wie bei der TAK können zu Beginn der Erkrankung Allgemeinsymptome wie
eine B-Symptomatik oder ein unproduktiver Reizhusten vorliegen. Eine
häufige Begleiterkrankung stellt die Polymyalgia Rheumatica (PMR) dar,
welche durch Muskelschmerzen und -schwäche im Bereich des
Schulter-/Beckengürtels geprägt ist [7 ]. Es wird davon ausgegangen, dass die RZA
im Sinne eines Kontinuums aus der PMR hervorgehen kann, sofern diese nicht
erkannt bzw. adäquat behandelt wird [8 ]. Eine neuere, systematische Metaanalyse fand eine PMR-Symptomatik
bei 42% der RZA Patienten und bei ca. 22% der PMR-Patienten eine
RZA [9 ]
[Tab. 1 ].
Tab. 1
Takayasu-Arteriitis („pulseless disease“)
Riesenzell-Arteriitis (Arteritis temporalis, arteriitis
cranialis, Aortitis ..)
Alter bei Erstmanifestation
<40 Jahre
>50 Jahre
Geschlechtsverteilung
F » M
F » M
Ethnische Inzidenz Unterschiede
Asiatischer Raum häufiger
Kaukasier häufiger
Histologie
Granulomatöse Entzündung mit Riesenzellen
Granulomatöse Entzündung mit Riesenzellen
Klinik
B-Symptomatik, Gefäßstenosen an A. subclavia;
A. renalis mit Symptomen der Organischämie.
Claudicatio der Arm oder fehlende Pulse; Karotidynie PMR
eher selten
B-Symptomatik, Kau-Claudicatio, Polymyalgia Rheumatica;
Amaurosis fugax oder auch permanente Visusstörung;
Sensibilitätsstörungen der Kopfhaut
Therapieoption
GC, MTX, TCZ (nicht in D zugelassen)
GC, MTX, TCZ
Klassifikation und Diagnose
Klassifikation und Diagnose
Die derzeit noch vorhandenen Klassifikationskriterien für RZA und TAK stammen
aus dem Jahr 1990 [10 ]
[11 ]. Da sich vor allem die Bildgebung seither
massiv verbessert hat, kommen diese heute eigentlich nicht mehr zur Anwendung;
allerdings gibt es bis heute auch noch keine Aktualisierung. Die Diagnosestellung
erfolgt anhand verschiedener Parameter wie der Anamnese, körperlicher
Untersuchung, Laborparametern, bildgebender Verfahren und bedarfsweiser Hinzunahme
einer Histopathologie [5 ]
[12 ].
Körperliche Untersuchung
Neben einer genauen internistischen Untersuchung steht die gründliche
Erhebung des arteriellen Gefäßstatus im Vordergrund. Periphere
Pulsdefizite, Strömungsgeräusche oder schmerzhafte
Gefäßverhärtungen (wie im Bereich der Arteria temporalis)
können Hinweise für eine GGV sein.
Labor
Laborchemisch stehen, aufgrund fehlender spezifischer Marker oder Antikörper,
lediglich die unspezifischen Entzündungsmarker C-reaktives Protein (CRP) und
die Blutsenkungsgeschwindigkeit (BSG) bei Diagnostik und Monitoring zur
Verfügung. Eine Diagnose einer (bisher unbehandelten)
Großgefäßvaskulitis ohne Nachweis hoher
Entzündungszeichen (in der Regel BSG>50 mm/h) ist
sehr unwahrscheinlich. Auch Leukopenien oder Thrombopenien sind untypisch [12 ]
[13 ].
Allerdings ist unter bestimmten Medikamenten, wie Tocilizumab, die Wertigkeit zur
Beurteilung der Krankheitsaktivität von BSG/CRP stark vermindert und
auch Leukopenien finden sich relativ häufig. TCZ reduziert sie CRP
Produktion und man kann sich beim Monitoring auf diese Parameter nicht mehr
verlassen. In dieser Situation sind der klinische Befund bzw. bildgebende Verfahren
von großer Wichtigkeit.
Bildgebung
Mittlerweile stehen uns verschiedene hochauflösende Bildgebenden Verfahren
zur Darstellung von Gefäßen bzw. der
Gefäßwände zur Verfügung. Der Ultraschall (US) mit
Dopplerfunktion ist die an der häufigsten verwendeten Technik in Europa und
besonders gut geeignet zur Darstellung der Kopf-/Halsgefäße
sowie proximalen Armgefäße (Arteria subclavia/axillaris).
Mit Hilfe des US können sowohl Gefäßwandverdickungen, in
Form eines sogenannten Halos (englisch für
„Heiligenschein“), als auch Stenosen oder Erweiterungen der
Gefäße sichtbar gemacht werden ([Abb. 3 ]). Im Bereich der Arteria temporalis ist die aufgehobene
Komprimierbarkeit des Gefäßes durch den Schallkopf eines der
Kriterien welche neben dem Halo für eine
Gefäßwandentzündung spricht. Im Bereich der Aorta thoracalis
besteht aufgrund der Luftüberlagerung die Haupteinschränkung neben
der notwendigen Erfahrung des Untersuchers. Die EULAR empfiehlt daher als Methode
der Wahl ergänzend die Magnet Resonanz Tomographie (MRT) [5 ]
[13 ].
Sie eignet sich ebenfalls sehr gut zur Darstellung entzündlicher
Veränderungen der Gefäßwand großer
Gefäße. Durch die MR Angiographie lassen sich zusätzlich die
Gefäßlumen sehr gut darstellen.
Abb. 3 Dopplersonografische Darstellung der Arteria temporalis im
Quer-/Längsschnitt eines Patienten mit RZA. Zu sehen ist die
verdickte Gefäßwand mit sogenanntem Halo-Zeichen.
Alternativ sollten Computer Tomografie (CT) oder auch die Kombination von CT mit
einer Positronen Emission Tomographie (PET) eingesetzt werden. Eine CT ist breit
verfügbar, relativ schnell durchführbar und durch eine
zusätzliche Kontrastmittelgabe lassen sich
Gefäßwandveränderungen vor allem der Aorta mit einer hohen
Sensitivität detektieren ([Abb. 4 ]).
Die Hinzunahme der PET erhöht die diagnostische Sensitivität weiter,
da der Fluordesoxyglucose (FDG)-Tracer sich in entzündlichem Gewebe
anreichert und dadurch neben der Verdickung der Gefäßwand auch noch
funktionell die Inflammation visualisiert. Hier ist die Strahlenbelastung, neben den
Kosten der Untersuchung, als Einschränkung gerade bei jungen Patienten zu
erwähnen [5 ]
[13 ]
[14 ].
Abb. 4
a Computertomographische Angiographie einer 19-jährigen
Patientin mit Takayasu-Arteriitis und Gefäßstenosen und
-Abbrüchen; b Computertomographie mit sagitaler
Rekonstruktion der Aorta eines Patienten mit Skalp-Nekrose als
Primärmanifestation einer RZA (Patient 2).
Die invasive Diagnostik mittels interventioneller Angiographie, welche früher
als Goldstandard galt, kommt so gut wie nicht mehr als Primärdiagnostik zum
Einsatz [5 ]
[13 ]
[14 ].
Biopsie
Bei der Arteriitis temporalis kann relativ unkompliziert eine Biopsie gewonnen
werden, in der Regel werden 1–2 cm einer Temporalarterie
hierfür chirurgisch entnommen. Die histologische Aufarbeitung zeigt eine
relativ hohe Sensitivität und Spezifität ([Abb. 5 ]). Bei zu kurzstreckigen Biopsaten
verringert sich die Sensitivität, da häufig ein diskontinuierlicher
Gefäßbefall vorliegt. Durch die immer weiter verbesserte Bildgebung,
vor allem des US ist diese invasive Diagnostik aber nur noch dann indiziert, wenn
Unsicherheit in der Bildgebung bezüglich der Diagnose besteht [15 ]
[16 ]
Abb. 5 Histologische Aufarbeitung einer Biopsie der A. Temporalis des
Patienten mit der Skalp-Nekrose bei RZA. In der HE Färbung zeigt
sich das typische Bild einer RZA mit verdickter Adventitia/Media mit vielen
Histiozyten und einzelnen Riesenzellen sowie obliteriertem
Gefäßlumen.
Medikamentöse Therapie
Grundsätzlich gilt: bei alleinigem Verdacht auf eine GGV muss umgehend eine
Therapie eingeleitet werden um ischämische Komplikationen zu verhindern
[13 ]
[14 ].
Glucokortikoide
Glucokortikoide (GC) stellten weiterhin die Initialtherapie der GGV da, was vor allem
an der sehr kurzen Wirklatenz liegt. Bei der RZA werden initial, sofern keine
ischämischen Komplikationen vorliegen, schon seit langem 40 bis
60 mg Prednisolonäquivalent eingesetzt [13 ]
[14 ]
[17 ]
[18 ]. Die Dosierung wurde nicht aus
randomisiert-kontrollierten Studien abgeleitet, hat sich jedoch in der klinischen
Routine bewährt und in Studien keine Unterlegenheit gegenüber
hochdosierten GC aufgezeigt. Ferne geht man davon aus, dass durch den Einsatz der GC
ischämische Sekundärkomplikationen verhindert werden. Hochdosierte
GC (500–1000 mg Methylprednisolon) sollten bei Patienten mit RZA mit
begleitender Amaurosis fugax bzw. akutem Visusverlust und/oder
ischämischem Schlaganfall eingesetzt werden, die Dauer beträgt
typischerweise 3–5 Tag gefolgt von einer Reduktion auf 1 mg
für jedes Kilogramm Körpergewicht [13 ]
[14 ].
Die GC sollten in der Folge schrittweise reduziert werden, sodass man nach 3 Monaten
10–15 mg/Tag (RZA) bzw. 15–20 mg (TAK) und
nach 12 Monaten kleiner-gleich 5 mg/Tag (RZA) bzw. kleiner-gleich
10 mg/Tag Prednisolonäquivalent erreicht [18 ]
[19 ].
Ab wann versucht werden kann die GC vollständig auszuschleichen sollte
individuell festgelegt werden, frühestens jedoch nach 12 Monaten stabiler
Remission. Dies gilt insbesondere für die, im Vergleich zur RZA,
häufiger zu Rezidiven (ca. bei 70% der Patienten) neigende TAK.
Steroidsparende Therapien bei RZA
Um die Gefahr von GC-induzierte Nebenwirkungen wie Bluthochdruck, Diabetes
mellitus, Glaukome, Infektkomplikationen, osteoporotische Frakturen und
Nebenniereninsuffizienz zu minimieren, werden GC-sparende Medikamente eingesetzt
um eine tägliche Prednisolon-Dosis von≤5 mg/Tag
zu erreichen [13 ]
[14 ]. Demnach sollten steroidsparende
Therapien frühzeitig, d. h. ggf. auch primär bei
Patienten mit RZA und folgenden Komorbiditäten:
Schlecht einstellbarem Diabetes mellitus
Glaukom
Schlecht kontrollierbarer Hypertonie
Manifester Osteoporose
Rezidivierenden Infektionen
Bereits bestehenden schweren Stenosen oder Aneurysmata
Oder im Fall eines Rezidivs/refraktären Verlaufs
Als bisher einzig zugelassene Therapie steht uns der humanisierte monoklonale
Antikörper Tocilizumab (TCZ) gegen den IL-6 Rezeptor zur
Verfügung. TCZ wurde aufgrund der Daten aus der randomisiert
kontrollierten-GiACTA-Studie für die Behandlung der RZA zugelassen [20 ]. Im Vergleich zu Plazebo erreichte die
Verum-Kohorte in Kombination mit GC eine höhere Rate an Remissionen, bei
gleichzeitige reduziertem GC-Bedarf.
Alternativ zur zugelassenen Therapie mit TCZ kann als steroidsparende Medikation
das uns Rheumatologen gut bekannte Methotrexat (MTX) eingesetzt werden. Eine
Metaanalyse von 3 randomisiert-kontrollierten Studien (RKS) bei Patienten mit
RZA konnte sowohl eine signifikante Reduktion des Rezidivrisikos als auch einen
GC-sparenden Effekt nachweisen [21 ]. Das
Nebenwirkungsprofil von MTX unterschied sich zur Plazebo-Therapie nicht
signifikant. Zusammenfassend kann und wird MTX zur Behandlung der RZA, als
steroidsparendes Medikament eingesetzt, auch wenn hierfür keine formale
Zulassung vorliegt [22 ]
[13 ].
Langzeiterfahrungen zum Einsatz von TCZ fehlen noch, allerdings kam es im Rahmen
der Studie bei einem Teil der Patienten nach Abschluss der 52-wöchigen
Behandlung zu einem Relaps der Erkrankung. Die optimale Dauer der TCZ-Behandlung
bei Patienten mit RZA und die Art und Weise der Reduktion gilt es somit noch zu
definieren. Die Langzeitdaten der GIACTA-Studie zeigen, dass am Ende der 2 Jahre
Nachbeobachtung 44% der Patienten, welche ursprünglich TCZ
erhielten, anhaltend in Remission waren und wiederum 65% hiervon ganz
ohne Therapie auskamen. Laut Expertenmeinung empfehlen wir bei kompletter,
stabiler Remission und ohne erhöhtes Risiko für Rezidive
(z. B. abgeschätzt anhand des Systemic inflammatory response
index [23 ]) nach 1 Jahre die
Therapieintervall zu strecken und evtl. ganz abzusetzen. Bei einem
SIR>/=3 behandeln wir länger, meist>2
Jahre. Bei bereits bestehenden Gefäßwandveränderungen
und stattgehabten Ischämien sollte die immunsuppressive Therapie
dauerhaft fortgesetzt werden, wobei hier auch eine Rückkehr auf ein
alternatives Immunsuppressivum wie MTX durchaus möglich ist [24 ].
Aktuell läuft in Frankreich eine Phase III Studie welche die
Nichtunterlegenheit von MTX gegenüber TCZ prüft
(ClinicalTrials.gov Identifier: NCT03892785). Eine kleine, offene Studie, welche
auf dem EULAR 2022 vorgestellt wurde, konnte zeigen, dass durch die Hinzunahme
von TCZ bei der RZA auch eine kurze Steroidtherapie über 8 Wochen
ausreichend sein kann, um erneut eine Remission zu erreichen.
Steroidsparende Therapien bei TAK
Zur Behandlung der TAK stehen in Europa keine zugelassenen immunsuppressive
Therapie zur Verfügung, dennoch empfehlen die Leitlinien eine
steroidsparende Therapie und eine eher langsamere Steroidreduktion aufgrund der
bekanntermaßen hohen Rezidivgefahr der TAK [13 ]
[14 ].
Kleinere Fallserien konnten einen GC-sparenden und
Krankheitsaktivität-reduzierenden Effekt von Mycophenolatmofetil (MMF),
MTX, oralem Cyclophosphamid, Azathioprin und Leflunomid zeigen [25 ]
[26 ]
[27 ]
[28 ].
Der Einsatz von Biologika zur Behandlung der TAK wurde in zwei RKS mit TCZ und
Abatacept untersucht. Hierbei konnte in der Abatacept Studie der Primäre
Endpunkt nicht erreicht werden [29 ]. In
der TCZ-Studie wurde der primäre Endpunkt ebenfalls knapp nicht
erreicht, allerdings hatte sich in einer post hoc Auswertung eine signifikante
Reduktion der Zeit bis zum Rezidiv zeigen lassen [30 ]. Ähnliche Ergebnisse hatten
Fallserien, retrospektive sowie prospektive Analysen erbracht. In Japan wurde
aufgrund der Daten TCZ zur Behandlung der TAK zugelassen. Die Evidenz
für den Einsatz von TNF-alpha Blockern bei der TAK stützt sich
auf kleinere, nicht kontrollierte Fallserien. Hierbei am häufigsten
eingesetzt wurde Infliximab gefolgt von Adalimumab und eine Metaanalyse konnte
einen GC-sparenden Effekt zeigen [27 ].
Zwei retrospektive Multicenter-Studien verglichen die Wirksamkeit von TCZ versus
TNF Blocker bei refraktären TAKL Patienten und fanden keinen Unterschied
[31 ]
[32 ].
Die Deutschen S2k Leitlinien empfehlen den frühen Einsatz
steroidsparender Medikamente ohne sich konkret zu Wirkstoffen zu
äußern und den Einsatz von TNF Blockern oder TCZ bei
refraktären Patienten [13 ].
Anti-Thrombozytäre Wirkstoffe und Statine
Der Nutzen einer antithrombozytären Behandlung (ATB) bei Patienten mit
RZA ist unklar. Die Ergebnisse verschiedener retrospektiver Untersuchungen
hierzu sind widersprüchlich bzw. uneindeutig. In einer großen
Metaanalyse konnte bei Patienten mit RZA kein protektiver Effekt von
Acetylsalicylsäure (ASS) nachgewiesen werden. Die aktuellen Leitlinien
geben entsprechend auch keine Empfehlung für eine prophylaktische ATB
bei Patienten mit RZA [13 ]
[14 ].
Ebenfalls gering ist die Evidenz für den Einsatz einer ATB bei Patienten
mit TAK, wobei in einer retrospektiven Studie ein protektiver Effekt für
eine prophylaktische ASS Behandlung gezeigt werden konnte [33 ]. Eine allgemeine Empfehlung für
den prophylaktischen Einsatz wurde hieraus jedoch in der Leitlinie nicht
abgeleitet [13 ]
[14 ]. Gleiches gilt für den Einsatz
von Statinen, für welche in einer kleinen retrospektiven Auswertung ein
Rezidiv-protektiver Effekt festgestellt werden konnte [34 ]. Unabhängig davon sollten bei
Vorliegen entsprechender Komplikationen bzw. Komorbiditäten wie
signifikanter Gefäßstenosen (auch Sekundäre bei GGV),
ischämischer Ereignisse oder kardiovaskulärer Konstellationen
die Indikation für den Einsatz einer ATB geprüft werden.
Interventionelle/operative Therapien
Interventionelle/operative Therapien
Gerade bei der TAK sind symptomatische Stenosen häufig zu finden.
Symptomatische Stenosen sollten, wo möglich, dilatiert werden, allerdings
erst wenn die Gefäßwandentzündung medikamentös gut
kontrolliert ist. Ob eine Intervention mit reiner Ballon Angioplastie oder mit
zusätzlicher Stentversorgung besser ist, ist noch nicht endgültig
geklärt. Auch die Frage, ob eine Intervention mit medikamentenbeschichten
Ballons eine längerfristige Verbesserung bringen, muss noch weiter evaluiert
werden. Rezidive sind mit allen Methoden weiterhin relativ häufig, gerade
bei der Arteria renalis scheint eine reine Ballon Angioplastie mit etwas besseren
Ergebnissen und weniger Rezidiven einherzugehen [35 ]
[36 ].
Neue potentielle Angriffspunkte/Therapien
Andere IL-6-Antagonisten
Der IL-6-Antikörper Sirukumab, welcher zur Behandlung der
Rheumatoiden Arthritis (RA) entwickelt wurde jedoch aufgrund von
Sicherheitsbedenken keine FDA/EMA Zulassung erhielt, konnte in einer
RKS gegenüber der Plazebo Therapie eine signifikante Reduktion von
Krankheitsschüben in der 52-wöchigen Behandlungsphase
bewirken und ein gutes Sicherheitsprofil wurde dokumentiert [37 ]. Ob es mit diesem Präparat
weiter geht ist aktuell nicht bekannt. Eine Phase-3 Studie mit dem
für die RA zugelassenen IL6-Rezeptor-Antagonisten Sarilumab bei
Patienten mit RZA und PMR musste bei unzureichender Rekrutierung im
Zusammenhang mit der SARS-Cov2-Pandemie abgebrocht werden. Daten liegen hier
bisher nicht vor.
IL12/23-Antagonisten
In den letzten Jahren gab es zudem Fallserien und Fallberichte zum
erfolgreichen Einsatz des IL12/23-Antikörpers Ustekinumab
(UST) bei refraktären PatientInnen mit TAK [38 ]
[39 ]
[40 ]. Passend zu dieser
Beobachtung hatten genomweite Assoziationsstudien (GWAS) bei Patienten mit
TAK eine Assoziation zum IL12B-Gen feststellen können [41 ] und eine randomisierte Studie
läuft derzeit in Japan (ClinicalTrials.gov Identifier: NCT04882072).
Zu dem IL23-Antagonisten Guselkumab läuft gerade eine Phase II
Studie auch in Europa (ClinTrial.Gov: NCT04633447).
IL17-Antagonisten
Bei der RZA wurden zuletzt sehr vielversprechende, erste Daten einer Phase 2
Studie, zum Einsatz des IL17-A-Antikörpers Secukinumab (SEC)
präsentiert [42 ]. SEC ist ein
etabliertes und effektives Biologikum bei der Behandlung der Psoriasis,
Psoriasisarthritis und Spondyloarthritiden mit einem guten Sicherheitsprofil
und konnte in der Studie mit 52 Patienten im Vergleich zur Plazebo-Gruppe
eine signifikant höhere Rate von Remissionen erzielen [43 ]. Die Phase III Studie läuft
demnächst an (ClinTRial.Gov: NCT05380453)
Janus Kinase Inhibitoren (JAKi)
Hinweise für die klinische Wirksamkeit von JAKi stammen aktuell nur
aus Beobachtungsstudien und Fallberichten. Meistens handelt es sich hierbei
um Patienten mit TAK und nicht mit RZA [44 ]. Die meisten Daten existieren zum JAK1/3-Inhibitor
Tofacitinib (TOF), welcher bei Patienten mit TAK im Vergleich zu Methotrexat
eine Verlängerung der Dauer der rezidivfreien Erkrankung bewirken
konnte [45 ]. Ähnliche
Ergebnisse erbrachte eine Beobachtungsstudie mit TOF im Vergleich zu
Leflunomid, wobei hier vergleichbar gute Effektivität der beiden
Substanzen gezeigt wurde [46 ]. In
China rekrutieren aktuell 2 Studien zu TOF bei Patientin mit TAK, im
Vergleich zu MTX oder Adalimumab (ClinicalTrials.gov Identifier: NCT05151848
und NCT05102448). Studien mit dem selektiven JAK-1 Inhibitor Upadacitinib
bei Patienten mit GCA (ClinicalTrials.gov Identifier: NCT03725202) und TAK
(ClinicalTrials.gov Identifier: NCT04161898) rekrutiert aktuell ohne, dass
bislang Zwischenergebnisse vorliegen.
Zusammenfassung
Weiterhin werden Großgefäßvaskulitiden meist (zu)
spät diagnostiziert. Bei jedem Patienten mit anhaltend erhöhten
Entzündungszeichen und/oder Fieber unklarer Genese sollte an
diese Erkrankungen gedacht werden, insbesondere wenn folgende Zeichen (Red Flags)
zusätzlich zu finden sind:
Karotidynie
Hypertonie bei jungen Patienten
Kopfschmerzen im Schläfenbereich
Kau- oder Zungenclaudicatio
Amaurosis fugax
abgeschwächte periphere Pulse
Strömungsgeräusche über
großen Gefäßen
Claudicatio
Blutdifferenzen>10 mmHg zwischen den beiden
Armen
Großzügige Indikation zur Gefäßdarstellung mittels
US, (PET)/CT oder MRT ist gegeben bei Patienten mit Fieber unklarer Genese
und/oder anhaltend hohen Entzündungszeichen.
Bezüglich der Therapie bleibt die Steroidtherapie der Goldstandard aber uns
steht zumindest bei der RZA nun eine zugelassene, sehr effektive Biologika-Therapie
mit dem IL6-Rezeptor Antagonisten TCZ zur Verfügung. Die Indikation zur
steroidsparenden Therapie, auch mit z. B. MTX sollte eher
großzügig gestellt werden, da bei dem oft älteren
Patientengut der RZA Steroidnebenwirkungen und bei den jungen TAK Patienten vorallem
die Rezidivgefahr zu fürchten ist.