Schlüsselwörter Hören - Gleichgewichtskontrolle - Posturographie - Hörrehabiliation - Cochlea-Implantat
1. Einleitung
Die Regulation des Gleichgewichts wird durch komplexe Verarbeitungsprozesse
afferenter sensorischer Informationen der peripheren Vestibularorgane, des visuellen
Systems sowie der propriozeptiven Sensoren gewährleistet [1 ]. Während beim gesunden Menschen die
Regulation des Gleichgewichts weitestgehend im Hintergrund erfolgt, wird deren
Bedeutung in der Regel erst dann deutlich, wenn es in einem dieser sensorischen
Systeme zu einem inadäquaten bzw. unterbrochenen Informationsfluss kommt,
was sich beispielsweise bei einer akuten Pathologie des peripheren
Gleichgewichtssystems als Schwindel und Erbrechen klinisch manifestiert. Auch bei
einem Wegfall der visuellen Achse, wie es bei Dunkelheit der Fall ist, zeigt sich
ein erhöhtes Sturzrisiko, was besonders deutlich bei einer
zusätzlichen Schädigung der anderen beiden Säulen der Fall
ist wie beispielsweise bei einem vorgeschädigten peripheren Vestibularorgan
oder bei zusätzlicher Unebenheit des Bodens.
In den letzten Jahren wurde zunehmend die Fragestellung untersucht, inwieweit
auditive Informationen auf der afferenten Seite ebenfalls zur
Gleichgewichtsregulierung beitragen, und ob das Hörorgan gar als vierte
Säule der posturalen Regulation zu werten ist. Allein die anatomische
Nähe wie auch physiologische Schnittstellen können eine Interaktion
zwischen dem Hör- und Gleichgewichtsorgan vermuten lassen. Dennoch wurde
dieser Zusammenhang bisher wenig untersucht, auch wenn sich in den letzten Jahren
immer mehr Arbeitsgruppen mit dieser Fragestellung beschäftigten. Ob der
Einfluss des Hörens auf das Gleichgewicht eher stabilisierend oder
destabilisierend wirkt, und in welchem Maße das Hören in Relation zu
den anderen sensorischen Säulen bei der posturalen Regulation eine Rolle
spielt, kann nicht pauschal beantwortet werden und erfordert eine differenzierte
Betrachtung der jeweiligen Situation unter Berücksichtigung der komplexen
sensorischen Interaktionsmechanismen.
Ziel dieser Arbeit ist es daher, einen Überblick über dieses
Themengebiet mit Erläuterung der anatomischen und physiologischen
Zusammenhänge zu schaffen unter Berücksichtigung der aktuellen
Studienlage. Zudem soll der Zusammenhang zwischen Hören und Gleichgewicht im
Hinblick auf die klinische Bedeutung beleuchtet werden.
2. Anatomie und Physiologie
2. Anatomie und Physiologie
Das Hörorgan, bestehend aus der Cochlea, und das Vestibularorgan, bestehend
aus Utrikulus, Sacculus und den drei Bogengängen, sind als Bestandteile des
Innenohres anatomisch eng miteinander verbunden, was auch eine funktionelle
Interaktion vermuten lässt ([Abb.
1 ]). Während in der Cochlea auditorische Reize zu
Höreindrücken verarbeitet werden, erfasst das Vestibularorgan
Änderungen der Position des Kopfes im Raum in Form von Drehbeschleunigungen
(Bogengänge) und linearen Beschleunigungen (Otolithenorgane: vertikal:
Sacculus, horizontal: Utriculus).
Abb. 1 Schematische Darstellung des häutigen Labyrinths
(Quelle: Strutz J, Mann W. Praxis der HNO-Heilkunde, Kopf- und
Halschirurgie. Stuttgart: Thieme, 3. Auflage, 2017: 15).
Entwicklungsgeschichtlich betrachtet waren die Otolithenorgane auch als
Hörorgane funktionabel: So sind die Maculaorgane bei Fischen neben der
Registrierung von Linearbeschleunigungen auch für die Erfassung von
Höreindrücken zuständig, was insbesondere Sacculus und
Lagena, ein bei Fischen vorkommendes drittes Maculaorgan, betrifft [2 ].
Auch wenn die akustische Empfindlichkeit der Maculaorgane beim Menschen nur noch
rudimentär vorhanden ist, und die Evolution trotz der anatomischen
Verbundenheit für eine weitestgehend unabhängige Arbeitsweise des
Hör- und des Gleichgewichtsorgans gesorgt hat [3 ], so lässt sich diese dennoch zu
diagnostischen Zwecken nutzen: Eine Stimulation der Otolithenorgane durch Schall,
Vibration oder galvanische Reizung kann einen vestibulären Reflex
auslösen, welcher durch Erfassung vestibulär evozierter myogener
Potentiale (VEMPs) objektivierbar ist [4 ]. Bei
einer überschwelligen Stimulation mit z. B. 500 Hz-Reizen
über Luft- oder Knochenleitung können entsprechend der neuronalen
Projektionen von Sacculus und Utriculus Potentiale mittels Elektroden an der
kontralateralen Augenmuskulatur (oVEMPS bei Utriculus) oder dem ipsilateralen
Musculus sternocleidomastoideus (cVEMPS bei Sacculus) abgeleitet und die Funktion
der Makulaorgane beurteilt werden. An der Signalübertragung akustischer
Reize sind überwiegend Typ I Rezeptoren beteiligt, während wiederum
Typ II Rezeptoren überwiegend für die Kodierung linearer
Beschleunigungsstimuli zuständig sind [2 ]
[4 ]
[5 ].
Ein Zusammenhang zwischen Cochlea und Sacculus spielt möglicherweise auch bei
Degenerationsprozessen eine Rolle: In einer auf VEMPs basierten Studie von 2012
konnten Zuniga et al. [6 ] bei Patienten
über 70 Jahren einen signifikanten Zusammenhang zwischen einem sowohl
altersabhängigen als auch lärminduzierten Hörverlust im
Hochtonbereich und reduzierter Sacculus-Funktion in Form von reduzierten
cVEMP-amplituden nachweisen. Interessanterweise war dieser Zusammenhang für
Utriculus und die Bogengänge nicht erkennbar. Die Autoren sehen hier in der
Embryologie einen möglichen Erklärungsansatz: So bildet der
Sacculus-Anteil des Ohrbläschens in der 6. Entwicklungswoche eine
schlauchförmige Ausstülpung, den Ductus Cochlearis, welcher sich zur
Cochlea weiterentwickelt, während die Bogengänge aus dem
utriculären Anteil des Ohrbläschens entstehen [7 ].
Die anatomische Verbundenheit zwischen dem Vestibularorgan und der Cochlea
lässt sich insbesondere bei Vorliegen einer Pathologie verdeutlichen, wie
beispielsweise beim „Syndrom des dritten Fensters“: Kommt es, wie
bei dem Bogengangsdehiszenzsyndrom [8 ]
[9 ]
[10 ] zu
einem Defekt im knöchernen Labyrinth, liegt neben dem ovalen und dem runden
Fenster ein „drittes Fenster“ vor, durch welches sowohl
Schallenergie auf das Bogengangssystem wirken kann als auch Schallenergie austreten
kann. Das schallinduzierte Auftreten von Schwindel ist klinisch als
Tullio-Phänomen bekannt.
Zentralneurologisch spielen bei der posturalen Regulation des Gleichgewichts auf
efferenter Seite insbesondere das nigrostriäre und cerebelläre
System eine Rolle [11 ]. Zudem wurden auf
mehreren Ebenen Verknüpfungen zwischen vestibulären und
cochleären Kerngebieten nachgewiesen, was in einer Arbeit von Anton et al.
[12 ] detailliert und übersichtlich
beschrieben wird.
3. Zusammenhang zwischen Hörverlust und Gleichgewicht
3. Zusammenhang zwischen Hörverlust und Gleichgewicht
Epidemiologische Studien konnten vermehrt einen Zusammenhang zwischen einer Reduktion
des Hörvermögens und einer verminderten Gleichgewichtsfunktion
aufzeigen.
So beschreiben Viljanen et al. [13 ] in einer
prospektiven Beobachtungsstudie an älteren Frauen eine Korrelation zwischen
Hörminderung und eingeschränkter Mobilität. In einer
weiteren Studie konnte die gleiche Arbeitsgruppe bei älteren weiblichen
Zwillingen ein erhöhtes Sturzrisiko bei eingeschränktem
Hörvermögen nachweisen [14 ].
Lin et al. [15 ] errechneten bei Patienten mit
Hörverlust eine Erhöhung des Sturzrisikos um den Faktor 1,4 je
10 dB Hörverlust. Eine systematische Übersichtsarbeit und
Meta-Analyse von Jiam et al. [16 ] untersuchte
den Zusammenhang zwischen Hörverlust und Stürzen und kam anhand der
12 Studien, welche die Einschlusskriterien erfüllten, zu dem Schluss, dass
ein Hörverlust mit einem signifikant erhöhten Sturzrisiko bei
älteren Patienten assoziiert ist.
In einer prospektiven Beobachtungsstunde mit 2190 Teilnehmern konnten Chen et al.
[17 ] in einem Beobachtungszeitraum von 10
Jahren einen Zusammenhang zwischen eingeschränktem
Hörvermögen und physischer Funktionseinschränkung
nachweisen. Zudem beschreiben die Autoren für Frauen ein mit der
Hörminderung einhergehendes erhöhtes Risiko für Behinderung
oder Pflegebedürftigkeit von jeweils 31%. Berge et al. [18 ] zeigten in einer retrospektiven Studie mit
Einschluss von 1075 Patienten, dass eine abnehmende Hörschwelle ein starker
Prädiktor für eine Zunahme posturaler Instabilität war.
4. Hören und Gleichgewicht in prospektiven Studien
4. Hören und Gleichgewicht in prospektiven Studien
Während epidemiologische Studien einen Zusammenhang zwischen Hören
und Gleichgewicht erhärten, bleiben dennoch weiterhin Fragen offen,
insbesondere welche (patho)-physiologischen Interaktionsmechanismen der
audiovestibulären Interaktion zugrunde liegen.
Prospektive Querschnitts- oder Kohortenstudien ermöglichen dem Untersucher,
Einflussfaktoren und Endpunkte entsprechend gezielter Fragestellungen zu definieren
mit dem Ziel, ein tieferes Verständnis der komplexen intersensorischen
Verschaltung zu erhalten als Basis für die langfristige Entwicklung
evidenzbasierter therapeutischer Aspekte.
In den letzten Jahren konnte man eine Zunahme der Relevanz dieser Thematik in der
Literatur beobachten, was es einerseits erleichtert, den Kenntnisstand über
dieses Themengebiet zu erweitern, anderseits wiederum für Unklarheiten
sorgt, da die aktuelle Studienlage sich insbesondere durch Inhomogenität und
fehlende Vergleichbarkeit auszeichnet [19 ]
[20 ]
[21 ].
4.1 Interaktion von Hören und Gleichgewicht bei
Normalhörenden
4.1.1 Stabilisierender Effekt auditorischer Reize
In der Mehrzahl der Studien, welche die Interaktion von Hören und
Gleichgewicht bei Hörgesunden untersuchten, konnte ein eher
positiver Einfluss von auditorischem Input auf das Gleichgewicht berichtet
werden.
4.1.1.1 Quasistatische Messverfahren
Hinsichtlich der verwendeten Methoden der Gleichgewichtsmessung wird in
den meisten bisher veröffentlichten Arbeiten auf quasistatische
Messverfahren wie Fußplatten-Messsysteme
zurückgegriffen. Hier wird bewusst der Begriff
„quasi“-statisch als Abgrenzung zu dynamisch-mobilen
Testverfahren verwendet, da auch beim Stehen geringfügige
Bewegungen im Spiel sind.
In einer bereits einige Jahre zurückliegenden Studie untersuchten
Easton et al. [22 ] die
Körperschwankung an 18 hörgesunden Probanden (davon 10
von Geburt an blind) mit und ohne Präsentation von Schall
über zwei lateral oder einen frontal angeordneten Lautsprecher.
Dabei wurde eine Reduktion der Körperschwankung in der
binauralen lateralen Situation im Vergleich zur einzelnen frontalen
Schallquelle beschrieben, wobei berücksichtigt werden muss, dass
eine sehr kurze Distanz (5 cm) zwischen den lateralen
Lautsprechern und der Ohrmuschel vorlag.
In einer Pilotstudie befassten sich Kanegaonkar et al. [23 ] mit dem Gleichgewicht in
Abwesenheit von Schall: Es wurde die posturale Stabilität bei 20
jungen, gesunden Teilnehmern auf einem Nintendo Balance Board (Fa.
Nintendo, Kyoto, Japan) in unterschiedlichen Testkonditionen untersucht.
Die Autoren konnten u. a. erhöhte Schwankungswerte
nachweisen, wenn die Untersuchung in einem schallisolierten Raum bzw.
mit zusätzlichem Lärmschutz im Vergleich zu einem
normalen Untersuchungsraum erfolgte.
Zhong und Yost [24 ] untersuchten an
19 normalhörenden Teilnehmern wie sich räumliches
Hören (frontale Schallquelle mit weißem Rauschen) auf
die Durchführung des Tandem- Romberg-Tests sowie des
Fukuda-(Unterberger-)Tretversuchs auswirkte. Dabei wurde in beiden Tests
eine signifikante Reduktion der Körperschwankung unter
auditorischer Reizung beobachtet.
Ross et al. [25 ] beschrieben bei 19
gesunden Probanden eine Reduktion der Variabilität der
Körperschwankung, welche mittels eines
Fußplatten-Messsystems erhoben wurde unter Exposition von
weißem Rauschen über Kopfhörer. Dieser Effekt
konnte von der gleichen Arbeitsgruppe in einer späteren Studie
auch bei einer älteren Kohorte nachgewiesen werden [26 ].
Vitkovic et al. [27 ]
führten eine umfangreiche Studie durch, in welcher die posturale
Schwankung auf einem Nintendo-Wii-Balance-Board bei
Normalhörenden (n=50), bei Patienten mit
Hörminderung (n=28) sowie bei Patienten mit
vestibulärer Dysfunktion (n=19) unter verschiedenen
auditorischen Konditionen untersucht wurde. Hier wurde insbesondere bei
rotatorischen Reizen ein positiver Effekt auf die posturale
Stabilität beschrieben.
Bei den Untersuchungen von Gandemer et al. [28 ]
[29 ] stand die Fragestellung im Vordergrund, inwieweit die
Beschaffenheit des auditorischen Umfelds die posturale
Stabilität beeinflusst. Die Messung der Körperschwankung
erfolgte bei gesunden Probanden (n=20) mittels eines
Fußplatten-Messystems, während weißes Rauschen
in einem dreidimensionalen rotierenden Feld präsentiert wurde.
Im Vergleich dazu erfolgten Messungen ohne Schallquelle oder mit einer
stationären Schallquelle, wobei sich unter rotatorischem
3D-Input eine Reduktion der Körperschwankung im Vergleich zu den
Kontrollkonditionen zeigte [28 ].
In einer darauf aufbauenden Arbeit wurde bei 35 gesunden Teilnehmern die
Körperschwankung mit verschiedenen statischen Schallquellen in
einem echofreien und einem normalen Raum untersucht. Darüber
hinaus wurden in einem weiteren Experiment multiple dreidimensionale
Geräuschkulissen wie beispielsweise Motorenlärm,
Zikadenzirpen oder Glockenläuten in echofreier Umgebung
hinzugeführt. Die Autoren konnten aufzeigen, dass die Reduktion
der Körperschwankung um so ausgeprägter war, je
reichhaltiger das auditorische Umfeld, dem die Teilnehmer exponiert
waren, gestaltet war. Die Autoren erklärten dies anhand eines
Modells einer auditorischen räumlichen Landkarte, welche zur
Orientierung des Körpers im Raum auf kognitiver Ebene erstellt
wird [29 ].
In einer ebenfalls auf einem Fußplatten-Messystem basierenden
Studie von Xu et al. [30 ]
befassten sich die Autoren mit der Frage, in welchem Maße der
Frequenzbereich sowie die Lautstärke von Musik bei der
Interaktion mit dem Gleichgewichtssystem relevant sind. Hierfür
wurde bei 110 jungen Probanden die posturale Stabilität mittels
eines Fußplatten-Messystems unter Präsentation von Musik
mit unterschiedlichen Frequenzkomponenten (100 Hz,
1000 Hz und 4000 Hz) sowie in zwei
Lautstärkegruppen (≥46,6 dB) erfasst. Hierbei
zeigte sich ein Benefit bei 100 Hz und≥46,6 dB,
was bei den anderen Frequenzen und bei niedrigem Schallpegel nicht der
Fall war. Die Autoren sehen hier einen Zusammenhang zu vorausgehenden
experimentellen Studien [31 ]
[32 ], die zeigten, dass bei
Mäusen eine Exposition von 100 Hz bei 70 dB
über einen Monat zu einem vestibulären Schaden
führte, was laut den Autoren eine mögliche
Affinität des Gleichgewichtsorgans zum Niedrigfrequenz-Bereich
vermuten lasse.
Anton et al. [33 ] untersuchten den
Einfluss unterschiedlicher auditorischer Reize auf die posturale
Kontrolle bei 30 gesunden Probanden. Dabei wurde die
Oberkörperschwankung in verschiedenen Standkonditionen unter
fünf verschiedenen akustischen Bedingungen in zwei
unterschiedlichen Räumen (kurze und lange Nachhallzeit) erfasst.
Zusammenfassend zeigte sich eine Zunahme der Stabilität in einem
echoreichen Raum unter Präsentation unterbrochener auditorischer
Stimuli, während kontinuierliches Rauschen eine Verschlechterung
der posturalen Stabilität bewirkte.
Seiwerth et al. [34 ] untersuchten
die posturale Regulation und Stabilität bei 30
Normalhörenden in den Konditionen mit und ohne auditorischem
Input. Dabei wurde Rauschen (Fastl-Rauschen [35 ]) im Freifeld über eine
frontale Schallquelle präsentiert. Die Messung erfolgte mittels
eines Fußplatten-Messystems. Hierbei zeigte sich keine
Änderung in der posturalen Stabilität. Das System
erlaubte jedoch eine frequenzspezifische Analyse der posturalen
Subsysteme, die unter auditorischem Input eine Umgewichtung hinsichtlich
ihrer Beteiligung an der posturalen Regulation (Modell der selektiven
kompensatorischen Optimierung) aufwiesen.
Bei Ninomiya et al. [36 ] wurden auf
einem Fußplatten-Messystem die posturale Stabilität bei
zehn Patienten mit Hörgeräteversorgung und zehn
Normalhörenden unter frontaler Schallpräsentation
untersucht. Dabei konnte bei Normalhörenden eine Reduktion der
Schwankung unter Präsentation auditorischer Reize festgestellt
werden.
4.1.1.2 Dynamisch-mobile Messverfahren
Während die meisten Studien die posturale Stabilität
mittels Fußplatten-Messystemen erfassten, wurde diese
Fragestellung in einigen Arbeiten auch mittels dynamischer Verfahren
untersucht:
Munnings et al. [37 ]
führten mit 44 normalhörenden und gesunden Probanden den
Unterberger-(Fukuda-)Tretversuch unter verschiedenen sensomotorischen
und auditorischen Bedingungen durch und konnten eine Reduktion der
Eigenrotation und der longitudinalen Abweichung unter Abspielen von
Metronomklang in einem Standard-Untersuchungsraum nachweisen.
Auch bei Karim et al. [38 ] zeigte
sich bei acht jungen, gesunden Probanden eine Reduktion der
Winkelabweichung bei der Durchführung des
Unterberger-(Fukuda-)Tretversuchs unter frontaler Präsentation
von weißem Rauschen über einen Lautsprecher, was bei
Schallpräsentation über Kopfhörer nicht der Fall
war.
Seiwerth et al. [39 ] untersuchten
die vestibulopinale Kontrolle mittels Unterberger-(Fukuda-)Tretversuchs
unter frontaler Präsentation von Rauschen (Fastl-Rauschen, [35 ]) bei 30 jungen, gesunden
Probanden. Sie konnten einen signifikanten Nutzen unter auditorischem
Input hinsichtlich einer Reduktion der longitudinalen Abweichung und der
Eigenrotation nachweisen, während sich in der Winkelabweichung
kein Unterschied zeigte.
Bei Anton et al. [12 ] stand die
Fragestellung im Vordergrund, wie sich auditorische Reize auf das
Gangbild auswirkten. Dabei wurde bei 30 gesunden Probanden eine
Schallquelle im Raum präsentiert, während sich die
Probanden in unterschiedlichen Gangkonditionen auf die Schallquelle zu
bewegten. Dabei konnte eine Reduktion der Oberkörperschwankung
beim Gehen mit offenen Augen, mit Tandem-Schritten und beim Gehen
über Hindernisse nachgewiesen werden, während sich beim
Gehen mit rotierendem Kopf kein Effekt zeigte.
4.1.2 Kein Einfluss auditorischer Reize auf das Gleichgewicht
Während in der Mehrzahl der Studien, die den Einfluss des
Hörens auf das Gleichgewicht untersuchten, ein
gleichgewichtsstabilisierender Einfluss berichtet wird, gibt es auch
Arbeiten, die keinen Einfluss oder auch einen destabilisierenden Effekt
auditiver Reize auf das Gleichgewicht beschreiben.
So wurde in der bereits erwähnten Arbeit von Easton et al. [22 ] in einer anderen auditorischen
Kondition mit frontaler räumlicher Schallpräsentation kein
Einfluss auf die posturale Stabilität festgestellt.
Palm et al. [40 ] konnten in einer
Studie, welche bei 23 gesunden Probanden die Interaktion visueller und
auditorischer Afferenzen hinsichtlich der posturalen Stabilität
untersuchten, im Vergleich zum visuellen Input keinen Einfluss auditorischer
Reize (Musik über Kopfhörer) auf die posturale
Stabilität nachweisen.
Chen et al. [41 ] führten bei 24
gesunden Probanden eine Studie durch, welche den affektiven Einfluss
auditorischer Stimuli (unangenehm, neutral oder angenehm) auf die posturale
Stabilität untersuchte. Die Präsentation erfolgte
über zwei Lautsprecher im Raum, während die posturale
Stabilität auf einem Fußplatten-Messsystem evaluiert wurde.
Hier zeigte sich sowohl bei angenehmen als auch bei neutralen
Geräuschen kein Unterschied, während sich bei unangenehmen
Geräuschen eine signifikante Zunahme der Schwankung in
anterior-posteriorer Richtung ergab.
Bei Azevedo et al. [42 ] wurde bei 20
gesunden Probanden die posturale Stabilität auf einem
Fußplatten-Messsystem in verschiedenen auditorischen Konditionen
(ohne Schall und ohne Hörschutz, ohne Schall und mit
Hörschutz, mit Schall und ohne Hörschutz, mit Schall und mit
Hörschutz) erfasst. Dabei ließ sich kein Unterschied
zwischen den Konditionen erkennen.
Auch bei Maheu et al. [43 ] wurde bei 14
gesunden Teilnehmern kein Einfluss von weißem Rauschen, welches von
einer posterior aufgestellten Schallquelle präsentiert wurde, auf
die Stabilität in verschiedenen Standkonditionen nachgewiesen.
Oikawa et al. [44 ] konnten in einer
Studie, die den Effekt des Hörens auf das Gleichgewicht bei
Patienten mit Cochlea Implantat (CI) auf einem Fußplatten-Messystem
untersuchten, in der Kontrollgruppe von acht gesunden,
normalhörenden Probanden keinen Unterschied mit oder ohne
Schallpräsentation (weißes Rauschen über einen
frontalen Lautsprecher) feststellen.
Auch in der bereits erwähnten Studie von Xu et al. [30 ], worin ein stabilisierender Effekt
bei 100 kHz angeführt ist, zeigte sich in höheren
Frequenzen (1000 und 4000 kHz) kein Einfluss.
Ibrahim et al. [45 ] konnten bei Messung
der posturalen Stabilität mittels Romberg auf Schaumstoff und
Tandem-Stand-Test bei 21 normalhörenden Probanden keinen Unterschied
der Stabilität unter frontaler Präsentation von Schall
(3 kHz bei 30 dB) nachweisen.
4.1.3 Destabilisierender Effekt auditorischer Reize
Einige wenige Studien berichteten allerdings auch von einen
destabilisierenden Effekt auditorischen Inputs auf die
Gleichgewichtsregulation bei Normalhörenden.
Bereits 1991 führten Raper und Soames [46 ] eine Studie mit 30 jungen gesunden
Probanden durch, welchen auf einer Fußplattform stehend verschiedene
auditorische Stimuli (Ruhe, Reinton von 250 Hz und
Hintergrundsprache) in unterschiedlicher räumlicher Anordnung
präsentiert wurde. Dabei zeigte sich zusammenfassend eine
Erhöhung des Schwankens unter auditorischen Stimuli im Vergleich zur
Situation in Ruhe, woraus die Autoren auf einen destabilisierenden Einfluss
auf das Gleichgewicht schließen.
Tanaka et al. [47 ] untersuchten den
Einfluss eines über Kopfhörer präsentierten
weißen Rauschens, welches von einer Seite zur anderen rotierte bei
zwölf gesunden Patienten, und stellten darunter ein erhöhtes
Schwanken auf einem Fußplatten-Messystem fest. Nach Aufteilung der
Studienpopulation in eine jüngere und eine ältere Gruppe sei
dieser Effekt in der älteren Gruppe deutlicher
ausgeprägt.
In einer anderen, ebenfalls auf einem Fußplatten-Messsystem basierten
Arbeit konnten Park et al. [48 ] bei
elf gesunden Probanden eine Zunahme der Körperschwankung mit
zunehmender Frequenz des über Kopfhörer
präsentierten Schalls beobachten.
In der Studie von Gago et al. [49 ]
wurde bei 24 hörgesunden Patienten mit M. Alzheimer und bei 24
gesunden Probanden die Situation nicht mittels aktiver Präsentation
auditorischer Stimuli, sondern in der Abwesenheit von
Umgebungsgeräuschen durch Tragen eines Gehörschutzes
untersucht. Dabei zeigte sich in der schallsupprimierten Situation eine
Reduktion der Körperschwankung, welche mittels eines
Fußplatten-Messsystems erfasst wurde.
5. Interaktion von Hören und Gleichgewicht bei Patienten mit
Schwerhörigkeit
5. Interaktion von Hören und Gleichgewicht bei Patienten mit
Schwerhörigkeit
Ein stabilisierender Effekt des Hörens auf das Gleichgewicht verleitet zu der
Annahme, dass der apparativen Hörrehabilitation neben der primären
Intention der Verbesserung des Hörvermögens auch eine Rolle bei der
Verbesserung der posturalen Stabilität sowie der Reduktion des Sturzrisikos
zukommen kann. Vor diesem Hintergrund sind in den letzten Jahren auch zunehmend
Arbeiten entstanden, die dieser Fragestellung überwiegend bei Patienten mit
Hörrehabilitation durch Hörgeräte oder CI nachgingen.
Allerdings zeichnet sich auch hier, wie es bei Normalhörenden der Fall ist,
die Studienlage insbesondere durch eine Inhomogenität hinsichtlich des
Studiendesigns, der Studienpopulation wie auch der posturalen und auditorischen
Testbedingungen aus, wodurch eine Vergleichbarkeit und Einordnung in den
Gesamtkontext deutlich erschwert wird.
5.1 Einfluss der Hörrehabilitation mittels Hörgeräten
auf das Gleichgewicht
Im Jahr 2020 wurde erstmals eine systematische Übersichtsarbeit, welche
den Einfluss von Hörgeräten auf die Gleichgewichtskontrolle
untersuchte, von Borsetto et al. [19 ]
veröffentlicht. Bei der Erstellung der Übersichtsarbeit
orientierten sich die Autoren an den PRISMA-Kriterien [50 ]. Die Suchstrategie ergab 5768
Einträge, davon erfüllten letztendlich acht Arbeiten (vier
Querschnittstudien, drei kontrollierte Querschnittstudien und eine
nicht-randomisierte prospektive Studie) mit insgesamt 200 Patienten die
Kriterien zum Einschluss in die systematische Analyse:
Lacerda et al. [51 ] untersuchten den
Einfluss von Hörgeräten bei 56 älteren Patienten mit
beidseitiger Innenohrschwerhörigkeit und beidseitiger
Hörgeräteversorgung. Dabei wurden jeweils vor sowie vier Monate
nach Hörgeräteanpassung der SF-36 Fragebogen zur Beurteilung der
Lebensqualität [52 ], der FES-I
Fragebogen [53 ] zur Evaluation der Angst
vor Stürzen beantwortet sowie der Berg-Balance-Scale (BBS) [54 ] jeweils als Gleichgewichtstest
durchgeführt. Dabei zeigte sich eine Verbesserung der
Lebensqualität wie auch eine Reduktion der Angst vor Stürzen
nach Hörgeräteanpassung.
Bei Rumalla et al. [55 ] wurde der
Romberg-Test auf Schaumstoff sowie der Tandem-Stand-Test unter punktueller
frontaler Präsentation von weißem Rauschen jeweils in
unversorgter und versorgter Situation, d. h. mit an- und ausgeschalteten
Hörgeräten, untersucht. Dabei konnten die 14 Patienten, die 65
Jahre und älter waren, jeweils in der versorgten Situation eine
höhere posturale Stabilität aufweisen.
Die Bereits erwähnte Studie von Vitkovic et al. [27 ] wurde ebenfalls in die
Übersichtsarbeit von Borsetto et al. [19 ] eingeschlossen. Hier zeigte sich in der Gruppe der
Hörgeräteversorgten (n=28) keine signifikante
Verbesserung der Stabilität in der Situation mit
Hörgeräten. Allerdings war zu beobachten, dass in den
Konditionen mit Schallpräsentation das Schwanken in unversorgter
Situation eher zunahm, während mit Hörgeräten eine
Abnahme des Schwankens eintrat.
Negahban et al. [56 ] berichten von einer
Verbesserung der posturalen Stabilität durch bilaterale
Hörgeräteversorgung. So zeigte sich bei 22
Hörgeräteträgern unversorgt ein erhöhtes
Schwanken auf einem Fußplatten-Messsystem ohne Hörgeräte
im Vergleich zur Situation mit Hörgeräten. Auch eine unversorgte
Kontrollgruppe (n=25) wies im Vergleich zu den Patienten mit
Hörgeräten erhöhte Schwankungswerte auf. Dabei wurde
jeweils kein Geräusch präsentiert, die Messungen erfolgten in
einem normalen Raum.
Des Weiteren wurde die Studie von Shayman et al. [57 ] eingeschlossen. Hier wurde bei drei Patienten mit
Schwerhörigkeit der Einfluss von apparativer Hörrehabilitation
auf das Gangbild untersucht. Zwei Patienten waren beidseits mit
Hörgeräten versorgt, während ein Patient beidseitig
CI-Träger war. Beim Gehen auf Drucksensoren wurden die
Schrittlänge und die Gehgeschwindigkeit erfasst, zudem wurde auch der
Mini-Balance Evaluation Systems Test (Mini-BEST [58 ]) durchgeführt. Die Konditionen waren jeweils bestversorgt
und unversorgt und die Testung wurde bei Umgebungsgeräuschen
durchgeführt, welche von Laufbändern (Ganganalyse) oder einer in
der Nähe verlaufenden Autobahn (mini-BEST) erzeugt wurden. Dabei zeigte
sich bei allen Patienten eine Verbesserung der Ganggeschwindigkeit in der
bestversorgten Situation.
Eine weitere Studie, die nicht das statische Gleichgewicht untersuchte, war die
Arbeit von Weaver et al. [59 ], die der
Frage nachgingen, inwieweit sich apparative Hörrehabilitation auf das
Gangbild auswirke. Dabei wurden Ganganalysen bei 13 beidseitig
hörgeräteversorgten Patienten sowie bei zwölf Patienten
mit beidseitigen CI durchgeführt, während von
Regengeräuschen überlagertes weißes Rauschen frontal
präsentiert wurde. Es konnte bei beiden Gruppen kein Unterschied
zwischen den versorgten und unversorgten auditorischen Konditionen festgestellt
werden.
In der ebenfalls eingeschlossenen Studie von McDaniel et al. [60 ] wurde bei 22 erwachsenen Patienten mit
bilateraler Hörgeräteversorgung der Sensory Organization Test
(SOT), bestehend aus sechs Testkonditionen mit und ohne
Hörgeräte auf einem Fußplattenmesssystem
durchgeführt. Dabei wurde Stereo-Sprachgemurmel im Raum
präsentiert. Die Autoren konnten keine Verbesserung der posturalen
Stabilität zwischen den beiden auditorischen Konditionen nachweisen.
Auch die Arbeitsgruppe von Maheu et al. [61 ] untersuchte den Einfluss des Hörvermögens auf das
Gleichgewicht bei 14 Normalhörenden und 18 Patienten mit
Innenohrschwerhörigkeit, wovon wiederum zehn Patienten auch eine
Vestibulopathie aufwiesen. Die Messung der posturalen Stabilität
erfolgte auf einer Druckmessplatte in verschiedenen Konditionen (modified
clinical test for sensory integration of balance, mCTSIB [62 ]). Dabei wurde rosa Rauschen von
posterior präsentiert. Es zeigte sich, dass insbesondere die Gruppe der
Hörgeschädigten mit Gleichgewichtsstörungen einen
Benefit durch Hörgeräte hatte.
In einer weiteren systematischen Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2021,
welche ebenfalls unter Berücksichtigung der PRISMA-Kriterien
durchgeführt wurde, gingen Ernst et al. [21 ] der Frage nach, inwieweit eine Hörrehabilitation mittels
Hörgeräten oder CI zu einer Verbesserung von
Gleichgewichtsstörungen im Alter bzw. zu einer Reduktion des
Sturzrisikos führen kann. Nach Identifikation von 2598 Titeln wurden
schließlich zehn Studien für die qualitative Analyse
eingeschlossen, wovon fünf Studien den Einfluss von
Hörgeräten auf das Gleichgewicht untersuchten, welche bereits in
der Übersichtsarbeit von Borsetto et al. [19 ] beschrieben wurden. Dies waren die
Arbeiten von Lacerda et al. [51 ], Rumalla
et al. [55 ] Negahban et al. [56 ], McDaniel et al. [60 ] und Weaver et al. [59 ]. Bei den anderen identifizierten
Arbeiten waren die Patienten mittels CI versorgt, worauf in einem
späteren Abschnitt gesondert eingegangen wird.
Zu diesem Thema wurde von Carpenter und Campos [20 ] ebenfalls eine Übersichtsarbeit veröffentlicht,
welche jedoch nicht nach PRISMA-Kriterien durchgeführt wurde, allerdings
relativ strenge Einschlusskriterien anwendete: So wurden nur Arbeiten
berücksichtigt, welche, um eine objektiven Vergleich zu
ermöglichen, mindestens einen quantitativen Test mit mindestens
30 s Stehen auf beiden Beinen beinhalteten. Die Autoren befassen sich in
dieser Arbeit kritisch mit dem Effekt von Hörverlust auf das
Gleichgewicht. Es wurden unter anderem drei Studien mit
Hörgeräteversorgten Patienten eingeschlossen, welchen ebenfalls
in den vorausgehenden Abschnitten bereits vorgestellt wurden (Negahban et al.
[56 ], Vitcovic et al. [27 ] und Maheu et al. [61 ].
In der Studie von Ninomiya et al. [36 ]
zeigte sich, wie bereits erwähnt, eine Verbesserung der Schwankung
für Normalhörende, was sowohl in anterio-posteriorer Richtung
als auch in mediolateraler Richtung zu beobachten war. Bei der Gruppe mit
Hörgeräten war dies jedoch nur in der anterio-posterioren
Richtung der Fall.
Neben Normalhörenden untersuchten Ibrahim et al. [45 ] auch neun Patienten mit
Hörgeräteversorgung und konnten in der Situation mit
Hörgerät unter Schallpräsentation sowohl bei der
Durchführung des Romberg-auf-Schaumstoff-Tests als auch des
Tandem-Standtests eine Verbesserung beobachten, was bei Normalhörenden
nicht der Fall war.
5.2 Einfluss der Hörrehabilitation mittels aktiver Mittelohr- und
Knochenleitungsimplantate auf das Gleichgewicht
In einer Studie von Seiwerth et al. [63 ]
wurde der Fragestellung der Interaktion von Hören und Gleichgewicht bei
Patienten mit aktiven Mittelohr – und Knochenleitungsimplantaten
nachgegangen. Dabei wurde die posturale Stabilität bei 26 mittels
quasistatischer und dynamisch-mobiler Messverfahren
(Unterberger-(Fukuda)-Tretversuch, Fußplatten-Messsystem, mobile
Posturographie mittels Oberkörperschwankungssensor) jeweils in
bestversorgter und unversorgter Situation unter frontaler Präsentation
von Rauschen (Fastl-Rauschen) untersucht. Dabei zeigte sich nur in der
Oberkörperschwankung in einer mobilen Gangmessung ein Benefit durch
Bestversorgung, sowie vereinzelt individuelle Verbesserungen in der statischen
Posturographie.
5.3 Einfluss der Hörrehabilitation mittels Cochlea Implantat auf das
Gleichgewicht
Im Vergleich zur Situation bei Normalhörenden oder Patienten mit
Hörgeräteversorgung stellt sich die Bewertung
audiovestibulärer Interaktionsmechanismen bei Patienten mit CI komplexer
dar:
So steht einem möglichen stabilisierenden Benefit durch auditorische
Reize eine potenzielle interventionsbedingte vestibuläre
Einschränkung gegenüber. Eine Schädigung
vestibulärer Strukturen durch die Elektrodeninsertion in die Cochlea
liegt allein durch die anatomischen Gegebenheiten im Bereich des
Möglichen und wurde bereits mehrfach in prospektiven oder retrospektiven
Studien, die die Gleichgewichtsfunktion prä- und postoperativ
beurteilten, untersucht. Eine detaillierte Übersicht zu dieser
Fragestellung bietet eine im Jahr 2017 veröffentlichten Meta-Analyse von
Ibrahim et al. [64 ]. Es konnten 27 Studien
zur Auswertung eingeschlossen werden. Darin zeigte sich ein signifikanter
Einfluss der CI-Operation auf die Ergebnisse der kalorischen Testung sowie der
VEMP, während kein signifikanter Einfluss auf die Ergebnisse des
Video-Kopf-Impulstests, auf posturale Messungen sowie auf subjektive Bewertungen
des Gleichgewichts, welche mittels DHI-Fragebogen (Dizzines-Handycap-Inventory)
erfasst wurden, zu erkennen war. Die Autoren weisen jedoch auf eine starke
Heterogenität der Ergebnisse hin, was auf relevante methodische
Unterschiede zurückzuführen sei und eine abschließende
Bewertung erschwere [64 ].
Analog zur Situation bei Patienten mit Hörgeräteversorgung wurden
mehrere Studien durchgeführt, bei denen die posturale Stabilität
mit und ohne CI untersucht wurde:
So konnten in der bereits erwähnten Übersichtsarbeit von
Carpenter und Campos [20 ] fünf
Studien entsprechend der Einschlusskriterien ausgewertet werden:
Suarez et al. [65 ] konnten bei 13 Kindern
mit unilateraler CI-Versorgung mittels eines Fußplatten-Messystems keine
Änderung der posturalen Stabilität in den Situationen mit oder
ohne CI nachweisen.
Auch eine weitere Arbeitsgruppe um Huang et al. [66 ], welche die Funktion des Gleichgewichts bei Kindern mit CI
untersuchte, konnte bei 24 unilateral implantierten Teilnehmern keinen
Unterschied in der Körperschwankung auf einem
Fußplatten-Messystem zwischen den Konditionen „CI an“
und „CI aus“ feststellen.
Bei Shayman et al. [67 ] wurde das
Gleichgewicht im Stand bei 13 Erwachsenen mit bilateraler (n=10) und
unilateraler CI-Versorgung in den Konditionen „CI an“ und
„CI aus“ mittels am Körperstamm und am Kopf getragenen
Sensoren unter frontaler Präsentation von weißem Rauschen
untersucht. Dabei zeigte sich eine signifikante Reduktion der Beschleunigung wie
auch der Geschwindigkeit von Kopfbewegungen in anteroposteriorer Richtung mit
aktiviertem CI. Demgegenüber zeigte sich kein signifikanter Effekt mit
CI auf den Körperstamm.
Oikawa et al. [44 ] untersuchten das
Gleichgewicht bei Normalhörenden und acht Patienten mit unilateraler
CI-Versorgung mittels eines Fußplatten-Messystems mit aktiviertem CI mit
und ohne Präsentation von weißem Rauschen. Dabei zeigte sich in
der Abwesenheit visueller Informationen ohne Rauschen eine Verlagerung des
Körperschwerpunktes zur CI-versorgten Seite, was mit
Schallpräsentation nicht zutraf.
Miwa et al. [68 ] verwendeten ebenfalls ein
Fußplatten-Messsystem, um die Stabilität bei neun Patienten mit
unilateraler CI-Versorgung präoperativ sowie>vier Monate
postoperativ in den Konditionen „CI an“ und „CI
aus“ zu erfassen. Dabei zeigte sich eine signifikante Verbesserung der
Stabilität mit aktiviertem CI.
In der systematischen Übersichtsarbeit von Ernst et al. [21 ] wurden insgesamt sechs Studien mit
CI-Patienten eingeschlossen:
Weaver et al. [59 ] konnten bei der
Untersuchung des Gangbilds bei zwölf Patienten keinen Benefit mit
aktiviertem CI nachweisen.
Parietti-Winkler et al. [69 ]
führten bei zehn Patienten mit unilateraler CI-Versorgung eine
vestibuläre Funktionsdiagnostik sowie eine Überprüfung
der posturale Stabilität mittels eines Druckplatten-Messystems
präoperativ sowie ein Jahr postoperativ durch. Dabei zeigte sich eine
Verbesserung der posturalen Kontrolle ein Jahr nach Implantation, was
insbesondere in komplexen sensorischen Testsituationen deutlich wurde. Zudem
konnten die Autoren im zeitlichen Verlauf eine Kompensation vestibulärer
Defizite beobachten.
Louza et al. [70 ] berechneten das
Sturzrisiko nach CI-Versorgung bei 20 erwachsenen Patienten mittels mobiler
Posturographie mit Messzeitpunkten jeweils einen Tag präoperativ sowie
drei und fünf Tage postoperativ und konnten keine Änderung des
Sturzrisikos nachweisen.
Bei Guigou et al. [71 ] wurden im Rahmen
einer multizentrischen prospektiven Studie 15 uni- und sieben bilateral
CI-versorgte Patienten hinsichtlich Ihrer posturalen Stabilität mittels
eines Fußplatten-Messsystems untersucht. Dabei wurde in der
schallpräsentierenden Kondition Cocktail-Party-Klang rotierend
über Kopfhörer abgespielt, was in der bilateral versorgten
Gruppe einen destabilisierenden und in der unilateral versorgten Gruppe einen
eher stabilisierenden Effekt nach sich zog.
Als weitere Arbeit wurde die Studie von Wiszomirska et al. [72 ] eingeschlossen. Darin wurde bei 21
Patienten jeweils vor und drei Monate nach CI-Implantation die posturale
Stabilität mittels einem Fußplattenmesssystem erfasst, wobei
sich keine wesentliche Änderung der Stabilität zeigte. Zudem
erfolgte noch der Einschluss der bereits beschriebenen Studie von Oikawa et al.
[44 ] in die
Übersichtsarbeit.
Eine weitere, in den Übersichtsarbeiten nicht erwähnte Studie ist
eine andere Arbeit von Louza et al. [73 ].
Hier erfolgte die Erfassung des Sturzrisikos bei 33 Patienten mit CI-Versorgung
mittels eines mobilen Messystems mit Focus auf unterschiedliche auditorische
Situationen (CI an/aus, mit Musik, mit Sprache), wobei eine
geringgradige, jedoch signifikante Reduktion des Sturzrisikos insbesondere unter
Präsentation von Musik oder Sprache beobachtet wurde.
Auch Hallemans et al. [74 ] konnten in einer
Pilotstudie bei acht Patienten mit CI und bilateralem kalorischem Ausfall eine
Verbesserung des Gangbildes unter Präsentation von Musik beobachten.
Der Zusammenhang zwischen Hören und Gleichgewicht muss bei CI-Patienten
gesondert betrachtet werden: So kommen zusätzlich zur reinen
Hörverbesserung durch das CI noch weitere zu berücksichtigende
Aspekte hinzu: Es gibt Hinweise, dass eine elektrische Co-Stimulation
vestibulärer Strukturen, analog zur Stimulation des Nervus fazialis
[75 ], durch das CI erfolgen kann: So
konnte in mehreren Studien nachgewiesen werden, dass durch CI-Stimulation eine
Reizung der Otolithenorgane im Sinne einer Aufzeichnung von e-cVEMPS [76 ]
[77 ]
[78 ]
[79 ] oder e-oVEMPS [80 ] möglich ist. Ein
Erklärungsansatz wäre die lokale Ausbreitung der elektrischen
Reizung auf die vestibulären Strukturen [74 ]
[81 ].
Borsetto et al. [19 ] sehen hinsichtlich der
Interpretation audiovestibulärer Mechanismen bei CI-versorgten
Patienten, abgesehen von der inhomogenen Datenlage, folgende Herausforderungen:
So seien Erwachsene oft einseitig CI-versorgt, wodurch der stabilisierende
Faktor eines binaural bedingten räumlichen Hörens wegfalle.
Darüber hinaus könne die für den cochleären
Hörschaden ursächliche Grunderkrankung auch mit einer
Degeneration vestibulärer Innenohrstrukturen einhergehen. Ernst et al.
[21 ] betonen, dass der
Neuroplastizität und der Adaptation an die CI-Versorgung, welche eine
gewisse Zeit beansprucht, eine besondere Bedeutung zukommt. Daher werden
Studien, welche beispielsweise Konditionen mit „CI an“ und CI
aus“ vergleichen, entsprechend kritisch betrachtet, wohingegen
longitudinale Studien, welche ein ausreichendes Zeitfenster zur Neuroadaptation
berücksichtigen, als wesentlich aussagekräftiger
eingeschätzt werden.
6. Interaktion von Hören und Gleichgewicht bei Patienten mit
Gleichgewichtsstörungen
6. Interaktion von Hören und Gleichgewicht bei Patienten mit
Gleichgewichtsstörungen
Die Mehrzahl der bisher durchgeführten Studien, welche sich mit der
Interaktion von Hören und Gleichgewicht befassten, wurden an
Normalhörenden oder an Patienten mit apparativer Hörrehabilitation
durchgeführt. Es liegt jedoch nahe, auch die Situation bei Patienten mit
Gleichgewichtsstörungen zu betrachten. Einige wenige Arbeiten sind dieser
Fragestellung auch gezielt nachgegangen bzw. haben sie in ihrem Studiendesign
berücksichtigt.
In der Arbeit von Stevens et al. [82 ] wurde
mittels eines schwerpunktbasierten Fußplatten-Messsystems untersucht,
inwieweit sich auditorische Reize auf das Gleichgewicht bei zwölf Patienten
ohne subjektiven Schwindel und bei acht Patienten mit
Gleichgewichtsstörungen unterschiedlicher Genese auswirken. Die Tests
erfolgten unter verschiedenen auditorischen, visuellen und propriozeptiven
Bedingungen. Dabei wurde u. a. weißes Rauschen räumlich
mittels vier über Kreuz angeordneten Lautsprechern präsentiert. Es
zeigte sich, dass die Teilnehmer hinsichtlich der posturalen Stabilität um
so mehr vom auditorischen Input profitierten, je stärker das Gleichgewicht
beeinträchtigt war.
In der bereits mehrfach erwähnten Arbeit von Vitkovic et al. [27 ] wurden 19 Patienten mit
vestibulärer Störung untersucht. Hier fiel insbesondere auf, dass
diese Patienten in höherem Ausmaß von einem Benefit auditorischer
Reize profitierten, verglichen mit den Patienten und Normalhörenden ohne
Gleichgewichtsstörungen. In der ebenfalls bereits zitierten Studie von
Shayman et al. [57 ] zeigte sich der positive
Effekt der Hörgerätversorgung insbesondere beim Patienten mit Morbus
Menière.
Auch bei Hallemanns et al. [74 ] hatten alle
acht CI-versorgten Patienten eine bilaterale Vestibulopathie und konnten von Musik
hinsichtlich des Gangbilds profitieren, und auch Maheu et al. [61 ] konnten durch Hörgeräte
eine Reduktion des Sturzrisikos bei Patienten mit Hörstörung und
gleichzeitiger vestibulärer Pathologie nachweisen.
Demgegenüber konnte in der Studie von Wiszomirska et al. [72 ] auch in der Gruppe mit vestibulären
Störungen (n=10) kein auditorischer Benefit auf die
Stabilität nachgewiesen werden.
Dozza et al. [83 ] stellten im Jahr 2005 eine
Methode auditorischen Biofeedbacks bei Patienten mit bilateraler Vestibulopathie
vor. Dabei wurde bei neun Patienten mit bilateraler Vestibulopathie und bei einer
Kontrollgruppe mit neun gesunden Probanden die posturale Stabilität auf
einem Fußplatten-Messsystem aufgezeichnet, während über
Kopfhörer auditorische Signale als Biofeedback präsentiert wurden.
Hierbei wurden die Informationen der Fußplatte, welche das Schwanken
erfassten, direkt in audiologische Signale umkodiert, welche an den Patienten
weitergegeben wurden, wie beispielsweise eine Erhörung der Frequenz oder der
Lautstärke entsprechend einer bestimmen Richtung des Schwankens. Es zeigte
sich bei beiden Gruppen eine Verbesserung der Stabilität mit auditorischem
Biofeedback. Da die auditorischen Signale letztendlich codierte kognitive
Informationen über die Position des Körpers im Raum liefern, welche
dem Patienten durch den Ausfall der Gleichgewichtsorgane nicht mehr zur
Verfügung stehen, steht weniger der rein akustische Charakter des Schalls
als vielmehr der Informationsgehalt im Vordergrund des Wirkmechanismus, analog zu
vibrotaktilen Biofeedback-Systemen [84 ].
7. Erklärungsansätze für Mechanismen der
audiovestibulären Interaktion
7. Erklärungsansätze für Mechanismen der
audiovestibulären Interaktion
7.1 Auditorische Landmarken
Es wurden verschiedene Modelle für Mechanismen der
audiovestibulären Interaktion entwickelt. Ein Erklärungsansatz
für den stabilisierenden Effekt auditorischer Reize ist, dass diese
räumlichen Landmarken darstellen und dazu beitragen können, den
Körper im Raum korrekt zu orientieren [12 ]
[19 ]
[61 ]. Voraussetzung für eine
korrekte Lokalisation der Schallquelle ist ein intaktes Richtungshören,
welches bei Normalhörenden als mittlerer Winkelfehler zwischen zwei und
sechs grad angegeben wird [85 ]
[86 ]
[87 ]. Vor diesem Hintergrund kommt auch der apparativen
Hörrehabilitation mit einer mutmaßlichen Verbesserung des
Richtungshörens eine gewichtige Rolle zu.
Das Modell der auditorischen Landmarken entwickelten Gandemer et al. [29 ] weiter zur Theorie einer
räumlichen auditorischen Landkarte und schlussfolgerten aus ihren
Experimenten mit 3D-Schallpräsentation, dass der stabilisierende Effekt
von räumlichem Schall um so größer ist, je reichhaltiger
das auditorische Umfeld gestaltet ist.
Auch die Auswahl des Untersuchungsraums ist hierbei von Bedeutung. So wird
vermutet, dass Reflexionen von Schallquellen, welche sowohl externe Lautsprecher
als auch eigene Körpergeräusche sein können, von den
Wänden eines normalen Untersuchungsraums reflektiert werden und so als
zusätzliche auditorische Landmarken genutzt werden können, was
in echoarmen Räumen nicht der Fall ist [23 ]
[33 ].
7.2 Stochastische Resonanz
Bei Versuchen, in denen Schall über Kopfhörer übertragen
wurde, kann angenommen werden, dass die stützende Wirkung auditorischer
Signale als Landmarken wegfällt. Dies könnte auch die Ergebnisse
erklären, bei denen unter Schallpräsentation mittels
Kopfhörern kein Unterschied bei der posturalen Stabilität
demonstriert werden konnte [38 ]
[40 ]. Dennoch gibt es auch Experimente mit
Kopfhörern mit stabilisierendem Effekt auf das Gleichgewicht [25 ], sodass der audiovestibulären
Interaktion möglicherweise noch weitere Mechanismen zugrunde liegen.
Maheu et al. [43 ] brachten einen
Erklärungsansatz ein, welcher auch von Gandemer et al. [88 ] aufgegriffen wurde, dass auditorische
Reize mittels stochastischer Resonanz stabilisierend auf das Gleichgewicht
wirken. Die Theorie der crossmodalen stochastischen Resonanz beschreibt, dass
unter auditorischem Input die Sensibilität in anderen an der
Gleichgewichtsregulation beteiligten sensorischen Komponenten erhöht
wird [89 ]. Dadurch wird beispielsweise die
Detektionsrate für primär unterschwellige visuelle und
propriozeptive Signale erhöht und diese in die posturale Regulation
integriert [90 ]
[91 ].
7.3 Umgewichtung posturaler Subsysteme
Eine weitere Hypothese audiovestibulärer Interaktionsmechanismen
beschreibt, dass es bei einem Ausfall oder Minderfunktion eines an der
posturalen Kontrolle beteiligten Systems zu einer Hochregulierung eines anderen
Subsystems kommen kann. Dies würde erklären, warum in einigen
Studien insbesondere Patienten mit Gleichgewichtsstörungen vermehrt auf
auditorische Reize als Feedback zurückgreifen können.
Die posturalen Subsysteme sind, je, nach Alter, Gesundheitszustand und Aufgabe
unterschiedlich an der posturalen Regulation beteiligt. Im universellen Modell
der selektiven und kompensatorischen Optimierung beschreiben Baltes und Baltes
[92 ] die Möglichkeit, dass
optimierte Funktionsfähigkeit durch kompensatorische
Ressourcenumverteilung erreicht werden kann. Bezogen auf die
Gleichgewichtskontrolle wurde das Prinzip sensorischer Umverteilungsmechanismen
bereits von Asslander et al. [93 ]
vorgestellt.
Eine Quantifizierung der hierarchischen Ordnung von an der
Gleichgewichtsregulation beteiligten Komponenten erscheint letztendlich
schwierig. Es wurden bei Untersuchungen zum Thema Hören und
Gleichgewicht auch Experimente durchgeführt, in denen sensorische
Subsysteme unterdrückt wurden, um so jeweilige Beteiligungen an der
posturalen Regulation zu vergleichen. Dabei scheint das Hören im
Vergleich zu den anderen sensorischen Achsen, wie beispielsweise visuellen
Reizen, eine eher untergeordnete Rollte einzunehmen [22 ]
[24 ]
[49 ].
Allerdings scheint bei der Gleichgewichtsregulierung nicht nur der relative
Beitrag audiologischer Reize, sondern auch deren potentielle Eigenschaft, eine
Umverteilung posturaler Ressourcen zu induzieren, von Bedeutung zu sein. Dabei
könnte wiederum der o.g. Erklärungsansatz der stochastischen
Resonanz eine Rolle spielen. Dass hierbei sensorische Umverteilungsmechanismen
im Gange sind, lassen bereits die Arbeiten an Patienten mit vestibulären
Störungen vermuten [27 ]
[57 ]
[82 ]: So erweist sich diese Patientengruppe als affiner für
einen stabilisierenden Effekt auditorischen Inputs als Probanden ohne
vestibuläre Störung.
Maheu et al. [43 ] untersuchten in ihrer
Arbeit gezielt Umverteilungsmechanismen posturaler sensorischer Komponenten
unter auditorischem Input und beschrieben eine Zunahme der Gewichtung der
visuellen Achse in Abwesenheit auditorischer Reize, was für die
propriozeptive Achse nicht zutraf. Bei Miwa et al. [68 ] war ein positiver Effekt der
CI-Versorgung deutlicher, wenn die Augen geschlossen waren, als mit offenen
Augen.
Auch bei Seiwerth et al. [34 ] wurde der
Aspekt sensorischer Umverteilungsmechanismen mit untersucht. Hier zeigte sich
bei Normalhörenden unter auditorischem Input eine reduzierte
Aktivität der visuellen und vestibulären Achse, während
bei Patienten mit Schwerhörigkeit eine Hochregulierung der
vestibulären Achse in bestversorgter Situation zu beobachten war [63 ].
7.4 Hörverlust und Gleichgewicht im Alter
Ergebnisse epidemiologischer Studien konnten zeigen, dass ein Hörverlust
auch mit einer Reduktion der posturalen Stabilität einhergehen kann.
Abgesehen von einer allgemeinen Reduktion neuronaler und sensorischer
Kapazitäten im Alter gibt es weitere Erklärungsansätze
[20 ]: Neben dem bereits
erwähnten eingeschränkten binauralen Hörvermögen
mit einhergehender Reduktion der Fähigkeit, den Körper im Raum
richtig einzuordnen, wurde gezeigt, dass ein eingeschränktes
Hörvermögen vermehrt kognitive Ressourcen beansprucht, welche
wiederum bei notwendigen posturalen Regulationsprozeduren fehlen und zu einer
Instabilität beitragen können [94 ].
Letztendlich kann man aufgrund der anatomischen Gemeinsamkeiten, der
funktionellen Verzahnung und der embryonalen Verbundenheit auch vermuten, dass
neuronale und strukturelle Degenerationsprozesse der Cochlea und des
Vestibularorgans pathophysiologisch nach ähnlichen Mechanismen ablaufen
[20 ].
8. Einflussfaktoren bei Studien zu Hören und Gleichgewicht
8. Einflussfaktoren bei Studien zu Hören und Gleichgewicht
Bei Sichtung der Literatur zum Thema Hören und Gleichgewicht fällt
insbesondere auf, dass eine große Inhomogenität hinsichtlich
multipler Einflussfaktoren vorliegt, was eine Vergleichbarkeit sehr erschwert sowie
eine Verallgemeinerung der Ergebnisse unmöglich macht [19 ]
[20 ]
[21 ]. Dies ist auch ein
möglicher Erklärungsansatz für die Diskrepanz der Ergebnisse
innerhalb der Studien. Im Folgenden werden die relevanten Einflussfaktoren
erläutert und eingeordnet ([Abb.
2 ]).
Abb. 2 Übersicht über relevante Einflussfaktoren bei
experimentellen Studien zu Hören und Gleichgewicht.
8.1 Studiendesign und Studienpopulation
Die Mehrzahl der bisherigen Arbeiten zum Thema Hören und Gleichgewicht
sind experimentelle Querschnittstudien, in denen bei einer Studienpopulation
innerhalb eines Testumfelds verschiedene Konditionen miteinander verglichen
werden, wie beispielsweise bei Innersubjekt-Studien die Konditionen
„bestversorgt“ und „unversorgt“ oder „CI
an“ und „CI aus“. Kohortenstudien bilden als
Longitudinalstudien, wie bsp. von Lacerda et al. [51 ] und Wiszomirska et al.[72 ], bei dieser Fragestellung die Ausnahme.
Dabei komme, wie Ernst et al. schlussfolgern [21 ], der Langzeitbeobachtung mehr Bedeutung zu, da somit auch
neuroplastische Lernprozesse beim Zurückgreifen auf auditorische Signale
zur Gleichgewichtskontrolle berücksichtigt werden.
Hinsichtlich der Studienpopulation fällt insbesondere eine deutliche
Variabilität in Bezug auf das Alter, die Anzahl, den Hör- und
Gleichgewichtsstatus sowie Komorbiditäten der Studienteilnehmer auf.
8.2 Messverfahren zur Quantifizierung der posturalen
Stabilität
Zur Beurteilung der posturalen Kontrolle stehen eine Vielzahl an Methoden und in
der klinischen Praxis etablierten Systemen zur Verfügung, denen bei
Experimenten zur Interaktion mit auditorischen Signalen eine wichtige Rolle als
Einflussfaktoren zukommt: Neben der subjektiven Evaluation des Gleichgewichts
mittels Fragebögen [51 ] gibt es
Testverfahren, bei denen der Untersucher das Abschneiden des Tests evaluiert,
wie beispielsweise die Erfassung der Dauer des Stehens auf einem Bein, der
Tandem-Standtest oder auch Testbatterien wie beim „Timed up and go
Test“. Diese Ergebnisse sind jedoch insbesondere aufgrund des
subjektiven Charakters kritisch zu bewerten, was Carpenter und Campos [20 ] in ihrer Übersichtsarbeit
veranlasste, nur objektive schwankungsbasierte Messverfahren mit einer
Standdauer von>30 Sekunden in Ihre Übersichtsarbeit
einzuschließen.
Viele Arbeitsgruppen führten Untersuchungen zu dieser Fragestellung
mittels quasistatischer Messverfahren durch. Dabei steht in der Regel der
Proband auf einem Fußplatten-Messsystem, welches mittels Drucksensoren
Schwankungen quantifizieren und eine objektive Auswertung gewährleisten
kann (Bsp.: [Abb. 3 ]).
Abb. 3 Beispiel für ein Fußplatten-Messsystem:
IBS, (IBS Interactive Balance System (Fa. neurodata GmbH, Wien,
Österreich), welches zusätzlich zu
Kräfteschwankungen zwischen Vor- und Rückfuß
mittels frequenzorientierter Fast-Fourier-Analyse des Kraft-Zeit-Signals
eine Analyse posturaler Subsysteme ermöglicht [104 ]
[105 ]
a : Fußplatten, angeordnet im 30° Winkel b :
Einsatz bei Messung mit frontaler Schallpräsentation in
echoarmer Kabine.
Demgegenüber besteht die Möglichkeit, Sensoren am
Körperstamm ([Abb. 4 ]) oder
Systeme mit mehreren Sensoren [59 ] oder
Reflektoren [74 ] an Stamm,
Extremitäten und dem Kopf der Probanden anzubringen, sodass eine
differenzierte Analyse des Schwankens am Körperschwerpunkt, ggf. in
Relation zu den Daten der Extremitäten oder des Kopfes, möglich
ist. Ganganalysen können zudem auch mit Druckplatten, welche als Strecke
angeordnet sind, erfasst werden [57 ].
Abb. 4 Beispiel für ein
Oberkörperschwankungs-Messsystem: Vertiguard (Zeisberg,
Metzingen, Germany) welches an der Hüfte in der Nähe des
Körperschwerpunktes getragen (a ) mittels
Beschleunigungssensoren die Oberkörperschwankung erfasst.
b : Einsatz zur dynamisch-mobilen Messung beim Gehen auf
Schaumstoffmatten mit frontaler Schallpräsentation in echoarmer
Kabine.
Diese Messverfahren ermöglichen neben quasistatischen Tests auch mobile
Verfahren wie Gangtests oder Testbatterien wie dem SBDT und kommen
möglicherweise klinischen Alltagssituationen näher, wie
z. B. bei der Evaluation des Sturzrisikos [95 ].
Bei allen Testverfahren können zudem auch Störungen oder
erschwerte Bedingungen der an der posturalen Regulation beteiligten Systeme
induziert werden, wie z. B. das propriozeptive System durch
Schaumstoffmatten oder das visuelle System mittels verschlossener Augen.
8.3 Auditorisches Umfeld
8.3.1 Schallpräsentation
Dem auditorischen Setting kommt bei experimentellen Studien zur Interaktion
von Hören und Gleichgewicht eine zentrale Rolle zu. So muss
prinzipiell unterschieden werden, ob auditorische Reize aktiv
präsentiert werden, ob nur die Umgebungsgeräusche bzw.
Schallreflexionen des Untersuchungsraums genutzt wurden oder ob die Messung
in kompletter Abschirmung von auditorischen Signalen (z. B. durch
Tragen von Gehörschutz) durchgeführt wurde.
Aktive Schallpräsentation kann sowohl über Kopfhörer
als auch im Freifeld mittels Lautsprecher(n) in den unterschiedlichsten
Anordnungen (mono, stereo, frontal, zirkulär, dreidimensional)
präsentiert werden, wobei der Abstand der Schallquelle zum Ohr und
die Lautstärke ebenfalls relevante Faktoren darstellen.
Eine weitere Bedeutung kommt darüber hinaus der akustischen
Beschaffenheit der Räumlichkeiten zu: Bei einem normalen
Untersuchungsraum, in dem die Schallwellen an den Wänden reflektiert
werden, muss man eine gewisse Nachhallzeit berücksichtigen,
während in einem schallisolierten, echoarmen oder echofreien Raum
keine Schallreflexion zu erwarten ist.
Dies alles sollte vor dem Hintergrund des Erklärungsansatzes, dass
auditorische Reize als räumliche Landmarken dienen bei der Bewertung
von Studien bzw. bei Designs zukünftiger Studien bedacht werden.
8.3.2 Schallqualität
Die Qualität des präsentierten Schalls nimmt ebenfalls eine
bedeutende Rolle ein:
In vielen Arbeiten wurde Rauschen in verschiedenen Abwandlungen (oft
weißes Rauschen, teils auch rosa Rauschen oder Fastl-Rauschen)
verwendet. Es wurden jedoch auch Versuche mit der Präsentation von
Sinustönen, Sprachgemurmel, Musik oder alltäglichen
Geräuschen durchgeführt. Dies ist ein wichtiger Aspekt, da
auch gezeigt wurde, dass die emotionale Komponente, welche durch ein
Geräusch hervorgerufen wird, nicht zu vernachlässigen
ist:
Bei Chen et al. [41 ] zeigte sich bei
Geräuschen, die unangenehme Assoziationen hervorrufen, wie
beispielsweise „Übergeben“ oder
„Schreien“ eine Abnahme der posturalen Stabilität,
und auch bei Anton et al. [33 ] war
eine Zunahme der Oberkörperschwankung bei kontinuierlicher
Geräuschpräsentation im Vergleich zu einer Verbesserung bei
intermittierendem Geräusch zu beobachten.
In der ebenfalls bereits beschriebenen Arbeit von Park et al. [48 ] wurde das Störempfinden des
Geräusches nach Frequenz und Lautstärke mittels einer
Sieben-Punkte-Skala erfasst. Dabei war eine signifikante Zunahme des Grades
des subjektiven Störempfindens mit der Zunahme der Frequenz und der
Lautstärke zu erkennen. Während objektiv bezüglich
der Lautstärke kein Einfluss auf die Stabilität beobachtet
werden konnte, zeigte sich eine Zunahme des Schwankens in anteroposteriorer
Richtung mit zunehmender Frequenz des präsentierten
Geräusches.
Auch in den Arbeiten von Seiwerth et. al. mit Normalhörenden [34 ]
[39 ] und Patienten mit Hörrehabilitation [96 ] wurde das präsentierte
Geräusch, Fastl-Rauschen (ein Rauschen, das Hinsichtlich seiner
spektralen Verteilung und Hüllkurvenschwankung menschlicher Sprache
gleicht [35 ] eher als unangenehm
empfunden.
Bei Musik [73 ]
[74 ] kommt, zusätzlich zu
potenziell individuell angenehmen (oder auch unangenehmen) Assoziationen,
die rhythmogene Wirkung bei z. B. Ganguntersuchungen hinzu, wodurch
ebenfalls eine stabilisierende Wirkung erreicht werden kann [73 ]
[74 ].
Die Auswahl der Geräusche bei experimentellen Studien ist in gewissem
Sinne eine Gratwanderung, da die Geräusche einerseits orientierend
als Stütze dienen, jedoch gleichzeitig nicht ablenken sollen. Es
wird zudem vermutet, dass das Gleichgewicht beeinträchtigt werden
kann, wenn die Probanden gleichzeitig kognitive Aufgaben erfüllen
müssen wie beispielsweise Zählen, Rechnen etc., wie es in
der Übersicht von Carpenter und Campos [20 ] beschrieben wird [97 ]
[98 ]
[99 ]
[100 ]
[101 ]
[102 ]
[103 ]. Durch Belegung
zentralneurologischer Ressourcen komme es so zu einer Konkurrenzsituation
mit der Verschaltung posturaler Systeme, was sich negativ auf die kognitive
Testung wie auch auf die posturalen Messungen auswirken könne [20 ].
8.4 Schlussfolgerung und Ausblick
In mehreren epidemiologischen Studien konnte ein Zusammenhang zwischen einer
Verschlechterung des Hörvermögens und einer Reduktion der
Gleichgewichtsfunktion, Erhöhung des Sturzrisikos oder
Einschränkung der Mobilität deutlich aufgezeigt werden.
Auditorische Reize scheinen neben visuellen, propriozeptiven und
vestibulären Informationen an posturalen Regulationsprozessen beteiligt
zu sein, wenn auch in verhältnismäßig deutlich
geringerem Maße als die jeweilige visuelle, propriozeptive oder
vestibuläre Achse. Der stabilisierende Effekt scheint höher zu
sein, wenn eine der drei anderen Achsen (visuell, vestibulär,
propriozeptiv) beeinträchtigt oder ausgefallen ist. Die Studienlage
erlaubt auch Einblicke in die komplexen Mechanismen audiovestibulärer
Interaktion und bietet mit verschiedenen Modellen
Erklärungsansätze wie beispielweise der auditorischen Landkarte
oder der stochastischen Resonanz. Auditorische Informationen können
sowohl stützend als auch negativ auf die posturale Kontrolle wirken. Ob
der Effekt zur Gleichgewichtsregulation eher stabilisierend oder eher
störend ist scheint auch mit der Qualität der auditorischen
Reize zusammenzuhängen.
Es muss jedoch betont werden, dass die Datenlage hinsichtlich einer Vielzahl an
Einflussfaktoren sehr inhomogen ist, was die Vergleichbarkeit, Aussagekraft und
Möglichkeit zur Verallgemeinerung der jeweiligen Ergebnisse deutlich
einschränkt ist. Zudem muss der Publikation-Bias mit eingerechnet
werden, welcher möglicherweise eine Dunkelziffer an nicht
veröffentlichten, vermeintlich negativen Ergebnissen vermuten
lässt.
Vorbehaltlich der fehlenden Evidenz kann man zusammenfassend unter
Berücksichtigung der bisher erschienen Studien annehmen, dass
auditorische Informationen das Potential haben, mit dem Gleichgewicht zu
interagieren sowie unter bestimmten Umständen stabilisierend auf die
posturale Kontrolle zu wirken.
Vor diesem Hintergrund sind folgende klinische Aspekte relevant: So wird die
Rolle von apparativen und implantierbaren Hörgeräten um die
reine Funktion der Hörverbesserung im Sinne einer möglichen
Stütze bei der Gleichgewichtsregulierung erweitert. Zudem sollte bei der
Durchführung von Messungen zur posturalen Erfassung in der klinischen
Routine bedacht werden, dass Umgebungsgeräusche das Testergebnis
beeinflussen können.
In Zukunft könnten auditorische Signale auch eine wichtige Rolle bei der
Entwicklung von Rehabilitationstherapien vestibulärer Erkrankungen im
Sinne eines Biofeedback-Systems oder implementiert in
Virtual-Reality-Strategien.
Letztendlich sind jedoch zukünftig kontrollierte, prospektive
Beobachtungsstudien erforderlich, um Fragestellungen, welche den Zusammenhang
zwischen Hören und Gleichgewicht untersuchen, auf evidenzbasierten,
wissenschaftlich fundierten Boden zu stellen.