Einleitung
Soziale und gesundheitliche Ungleichheit sind eng miteinander verknüpft.
Personen mit einem niedrigen sozioökonomischen Status haben einen
schlechteren subjektiven Gesundheitszustand, nutzen seltener
Gesundheitsförderungsprogramme und haben eine um etwa zehn Jahre niedrigere
Lebenserwartung als besser Gestellte [1]
[2]. Als wichtige Einflussfaktoren auf die
Gesundheitschancen gelten Arbeits-, Wohn- und allgemeine Lebensbedingungen sowie der
Zugang zu bestimmten Ressourcen [3]
[4]
[5].
Nach dem „Health Asset Model“ gilt es besonders die kommunalen
Ressourcen zu stärken, um die Gesundheit von Menschen in schwierigen
Lebenslagen zu fördern. „Assets“ oder auf Deutsch
„Aktivposten“ sind Ressourcen, die als Grundlagen gesehen werden, um
die Gesundheit zu erhalten und zu fördern sowie die gesundheitliche
Ungleichheit zu verringern [6]. Laut
Weltgesundheitsorganisation zählen hierzu soziale, finanzielle, physische
sowie Umwelt- oder Humanressourcen, wie z. B. Bildung,
unterstützende soziale Netzwerke und natürliche Ressourcen [7].
Ein aussagekräftiger Indikator zur Identifikation von Kommunen mit einem
Mangel an Aktivposten hinsichtlich Gesundheit und zugleich einem hohen Anteil an
Menschen in schwierigen Lebenslagen ist der Deprivationsindex. Empirische Studien
konnten den Zusammenhang zwischen Deprivation und regionalen gesundheitlichen
Unterschieden der Bevölkerung mehrfach aufzeigen (z. B. [8–10]). Für Bayern steht der
Bayerische Index Multipler Deprivation (BIMD) als geeignetes Instrument zur
Verfügung [11]
[12].
Inwiefern relevante Akteur/-innen in deprivierten Kommunen in Bayern selbst
einen Handlungsbedarf in Bezug auf Maßnahmen der Prävention und
Gesundheitsförderung mit Fokus auf Menschen in schwierigen Lebenslagen
wahrnehmen, wurde bisher nicht untersucht. Daher liegt dieser Studie folgende
Forschungsfrage zugrunde: Wie wird der Handlungs- und Unterstützungsbedarf
in Bezug auf die Umsetzung von Maßnahmen der Prävention und
Gesundheitsförderung mit Fokus auf Menschen in schwierigen Lebenslagen in
deprivierten Kommunen wahrgenommen?
Methodik
Zur Beantwortung der Forschungsfrage wurden semi-strukturierte
Expert/-inneninterviews in deprivierten Kommunen durchgeführt. Dabei
war das erste der zwei Auswahlkriterien die Zugehörigkeit zum
fünften Quintil und damit zum höchsten Deprivationsgrad
gemäß BIMD 2010 [11]. Um die
Diversität Bayerns besser abzubilden, wurden Kommunen aus unterschiedlichen
Regierungsbezirken gewählt. Dafür wurden im zweiten Schritt die
Kommunen in die Regierungsbezirke unterteilt und jeweils drei Kommunen mit dem
höchsten Deprivationsgrad in absteigender Reihenfolge kontaktiert, aus denen
im dritten Schritt Expert/-innen (z. B. Personen aus Politik oder
Gesundheitswesen, Ehrenamtliche) identifiziert wurden. Einschlusskriterium war die
aktive Ausführung der Tätigkeit. Insgesamt 19 Personen aus sieben
Kommunen wurden kontaktiert, von denen zehn Teilnehmende (Response Rate:
52,6%) aus fünf Kommunen (siehe [Tab. 1]) akquiriert wurden. Die
Teilnehmenden waren in Kirche, Gesundheitswesen oder Lokalpolitik tätig.
Tab. 1 Charakteristika der ausgewählten
Zielkommunen.
Regierungsbezirk
|
BIMD 2010 der Kommune
|
Einwohner/-innenzahl
|
Oberbayern
|
58,6
|
~ 25,000
|
Niederbayern
|
68,5
|
~ 2,400
|
Oberpfalz
|
62,2
|
~ 2,100
|
Oberfranken
|
78,4
|
~ 1,300
|
Unterfranken
|
50,8
|
~ 600
|
BIMD Bayerischer Index Multipler Deprivation, Version 2010
Die Interviews wurden mit Hilfe eines dafür erstellten und getesteten
Interviewleitfadens (s. Supplementary Material 1, online verfügbar)
zwischen Mai und Juli 2019 durchgeführt und erfolgten somit noch vor Beginn
der COVID-19-Pandemie. Sie fanden in der jeweiligen Kommune in geschlossen
Räumen und ohne Beisein anderer Personen statt [13]. Der Fragenkatalog beinhaltete drei
Themenblöcke zu Strukturen, Ressourcen und Herausforderungen. Die
Gespräche dauerten im Mittel 69,6 Minuten (Min.: 43,1; Max.: 86,5) und
wurden mit dem Diktiergerät Olympus DM-720 aufgezeichnet. Nach Beendigung
des Interviews wurde ein Postskript mit Eindrücken, Auffälligkeiten
und etwaigen Störungen angefertigt [13].
Die Transkription der Interviews erfolgte wörtlich nach Dresing und Pehl
[14] mit Hilfe der Software MAXQDA
Standard 2018 (Release 18,2,0, VERBI GmbH, Berlin). Zur Anonymisierung wurden alle
Textstellen, die Rückschlüsse auf die Region oder die Person
zulassen, durch anonymisierende Platzhalter ersetzt und Befragten eine randomisierte
Nummer von 01–10 zugeordnet.
Die Daten wurden entsprechend der sieben Phasen der Inhaltsanalyse nach Kuckartz
deduktiv-induktiv analysiert [15]. Deduktive
Kategorien ergaben sich aus Leitfaden und Forschungsfrage. Eine ergänzende
induktive Bildung von Subkategorien ermöglichte die Einbeziehung weiterer
Konzepte aus den Daten. Das Kategoriensystem wurde anhand aller Interviews erstellt
und durch mehrere Kodierbesprechungen evaluiert und modifiziert. Zusätzlich
wurde das konsensuelle Kodieren nach Hopf und Schmidt angewandt [16], bei dem eine zweite Wissenschaftlerin
Schlüsselstellen von sieben Interviews kodierte. Diese Kodierung wurde
verglichen und diskutiert, bis Konsens über die Interpretation der Daten
erlangt wurde.
Ergebnisse
In der Analyse ergaben sich drei Hauptkategorien mit Subkategorien (s.
Supplementary Material 2, online verfügbar). Die erste
Hauptkategorie entstand deduktiv, die beiden weiteren induktiv aus den Daten.
Insgesamt bieten die Kategorien einen Einblick in die Situation der Kommunen in
Bezug auf die Zielgruppen, vorhandene Aktivposten sowie Handlungsbedarfe in Bezug
auf Gesundheitsförderung.
Wahrgenommene Zielgruppen mit Unterstützungsbedarf
Teilnehmende nannten unterschiedliche Zielgruppen mit
Unterstützungsbedarf. Insgesamt neun Befragte nannten finanziell
schlechter Gestellte als relevante Gruppe, wobei sich besonders ältere
Personen laut Befragten die Teilnahme am kommunalen Leben „nicht so
leisten“ könnten:
Oder beim Bus jetzt/diesmal kostet es auch zehn Euro (.) jetzt, wenn
sie zu zweit fahren dann sind es schon zwanzig Euro, dann wollen sie noch
Kaffee trinken, da kommt schon was zusammen (..) das ist
vielleicht/für viele ist das schon (.) ein bisschen teuer
dann. (P06)
In zwei der Kommunen schien diese Problemlage an Bedeutsamkeit zu gewinnen, da
die Anzahl der finanziell schlechter Gestellten zunehme.
Auch Wohnräume und -umgebungen wurden kritisiert: Adäquater
Wohnraum sei knapp und somit höherpreisig. Die Zielgruppe könne
sich „nicht leisten, das Haus zu renovieren“. Personen in
maroden oder abgelegenen Wohnungen sowie wohnungslose Personen wurden zudem als
Zielgruppe benannt, welche oftmals einen erschwerten Zugang zu
Versorgungsstrukturen habe.
Die Mobilität finanziell schlechter Gestellter beschrieben die Befragten
als eingeschränkt. Darüber hinaus wurden andere nicht-mobile
Personen, etwa ohne Auto oder Führerschein, thematisiert. Sechs Befragte
sprachen vorwiegend von älteren Personen, die aufgrund fehlender
Mobilität mit verschiedenen Schwierigkeiten konfrontiert seien:
Die [Älteren] kommen ja nicht weg. (..) Also (.) viele Ältere
haben (.) zwar Führerscheine aber keine Autos. (.) Die [Autos] haben
die Jungen und (.) für die Jungen ist es egal (.) also
Arbeitsplätze in [[der Kommune]] gibt’s sehr wenig bis gar
keine (.), die MÜSSEN also auswärts arbeiten und dann kaufen
die halt auch auswärts ihr Zeugs gleich mit ein. (…) Es gab
bis (.) Anfang/bis Ende letzten Jahres (.) in [[dem Nachbarort]]
einen Supermarkt. (.) Der hat dann auch zugemacht (.) Also die sind dann auf
jemanden angewiesen der sie hinbringt. (P04)
Aus zwei weiteren Kommunen wurde eine Abhängigkeit dieser Zielgruppe bei
der Versorgung mit Lebensmitteln, Fahrt zum Arzt sowie in Bezug auf das soziale
Leben beschrieben. Insgesamt sprachen fünf Befragte von der
Notwendigkeit, die Zielgruppe bei der täglichen Versorgung bzw. einem
selbstbestimmten Leben zu unterstützen.
Als weitere Zielgruppe wurden einsame Personen benannt. Fehlende soziale
Strukturen wurden als Gefahr für die Gesundheit gesehen, wobei besonders
das Alter sowie alleinstehend zu sein als Risikofaktoren beschrieben wurden. P05
beobachtete eine zunehmende soziale Isolation:
Das wird halt jetzt (.) fürchte ich, immer mehr, (.) je mehr diese
sozialen Strukturen wegbrechen, und (.) eben viele so (.) ja, viel so
dieses, ich glaube die neue Version ist Cocooning: Man baut sich ein, in
sein eigenes kleines Reich und lässt keinen mehr dazu. (P05)
Neben der Einbindung in das kommunale Leben nannten drei Teilnehmende daher auch
persönliche Verbindungen als Bedarfe. Während sechs Befragte
einen konkreten Handlungsbedarf für aufsuchende Arbeit
äußerten, nahm P04 eine weniger aktive Haltung ein: Die Anzahl
der sozial isolierten Personen in deren Kommune beschränke sich auf
„vielleicht fünf“, um die man sich nicht kümmern
müsse, da sich „irgendwo noch eine Cousine zweiten Grades oder
sowas“ findet, um sich dieser Personen anzunehmen.
Aktivposten für Prävention und
Gesundheitsförderung
Die Kommunen sahen unterschiedliche Ressourcen in Bezug auf
Gesundheitsförderung für Menschen in schwierigen Lebenslagen.
Sieben Teilnehmende beschrieben soziale Unterstützung als wichtigen
Aktivposten, der Gesundheit und Wohlbefinden stärke. Langjährige
Freundschaften und familiäre Strukturen prägen ein
„aufeinander achten“, wie P01 anhand einer Gegebenheit im
Einkaufsladen darstellte:
Die Leute kriegen es halt teilweise noch eingepackt, da ist eine Treppe, die
trägt‘s auch noch manchmal mit über die Treppe
runter oder stellt den Korb in‘s Auto mit rein (.) Ist einfach
familiär. Und dann treffen sich halt paar da wird halt mal ein paar
Minuten gesprochen und sich unterhalten. Dass die Leute auch brauchen vor
allem die Einzelnen, die alleine wohnen. (P01)
Auch ehrenamtlich Engagierte, die durch Aktivität, Wissen oder
Unterstützung einen positiven Beitrag leisten, wurden als Aktivposten
genannt. Die Förderung der gesellschaftlichen Teilhabe und die Milderung
des allgemeinen Ressourcenmangels, z. B. durch selbstorganisierte
Bürgerbusse und Nachbarschaftshilfe, nannten Befragte als wichtige
Ressourcen, auch für die Gesundheit von Menschen in schwierigen
Lebenslagen. Die Interviews deuteten jedoch an, dass personelle Aktivposten in
den Kommunen häufig nur durch ehrenamtlich Tätige abgedeckt
wurden. Gleichzeitig ließe jedoch ehrenamtliches Engagement –
insbesondere der jungen Bevölkerung – nach. Dies führte
P01 z. B. auf weite Arbeitswege zurück.
Als einen der größten Aktivposten beschrieben die Kommunen
Vereinsstrukturen, welche organisierte Treffen, Feste und andere Veranstaltungen
ermöglichten. Diese seien wichtig, um Menschen gesellschaftlich zu
integrieren und den Zusammenhalt in der Kommune zu fördern, wie P03
beschrieb:
Also, als erstes fällt mir da ein unheimlich reges soziales Leben, das
sich durch immense Vereinstätigkeit äußert. Also,
(.) der Ort hält als Ort zusammen, als Gemeinschaft, und (.)
insofern wird ein soziales Miteinander gepflegt. (P03)
Besonders Sportvereine, von denen alle Befragten berichteten, könnten
zusätzlich die Möglichkeit zur Steigerung der
körperlichen Aktivität bieten. Vereinzelt wurde jedoch auch
angesprochen, dass Menschen in schwierigen Lebenslagen z. B. aufgrund
fehlender finanzieller Mittel weniger an diesen Angeboten teilnahmen. Kirchliche
Strukturen hingegen förderten laut Befragten besonders die
gesellschaftliche Teilhabe (z. B. Organisation von Ausflügen mit
teilweise finanzieller Unterstützung sozial schlechter Gestellter).
Für Bewegung und Erholung sahen die Teilnehmenden besonders die Umgebung
als wichtige Ressource. Alle befragten Kommunen liegen in ländlichen
Gebieten, umgeben von Grünflächen, Wäldern oder Bergen.
Auch die erbaute Umwelt (z. B. Schwimm- oder Kletterhallen) nannten
Teilnehmende als Raum für Bewegung. Sechs Befragte sahen diese Umgebung
als Aktivposten für Gesundheit, der sich auch zum Stressabbau
eignet:
Und das ist die einzige Ressource, wo man wirklich sagen kann, an der
Gesundheit, die Natur (..) wo man zur Ruhe kommen kann, wo der Stress
abgebaut wird und solche Sachen. (P07)
Obwohl viele Befragte von dem vielfältigen Angebot positiv berichteten,
sprachen sie auch an, dass dieses nur vereinzelt genutzt wurde. Um die Umgebung
für alle Menschen attraktiver zu gestalten, bedarf es aus Sicht der
Befragten daher eines Ausbaus oder besseren Nutzbarmachung.
Handlungsbedarfe in Bezug auf Prävention und
Gesundheitsförderung
Teilnehmende berichteten über verschiedene Barrieren und
Handlungsbedarfe, die sie in ihren Kommunen in Bezug auf Gesundheit wahrnahmen.
Hier äußerten sie vor allem einen Mangel an
Arbeitsplätzen sowie fehlende Versorgungsstrukturen, was zu Abwanderung
und Strukturabbau führte. Während ein Defizit an
Geschäften des täglichen Bedarfs zu geringerer
Lebensqualität sowie einem Mangel sozialen Austauschs führte,
beklagten Teilnehmende besonders einen Rückgang an medizinischen und
gesundheitlichen Strukturen. Vier Befragte berichteten von weggebrochenen
Strukturen und selbst Kommunen mit vorhandenen Strukturen beschrieben diese als
gefährdet:
Da dann mit dazu sind wir auch NOCH in der glücklichen Lage und
hoffentlich auch noch länger, dass wir einen Allgemeinarzt vor Ort
haben. (P05)
Teilnehmende sahen daher für den Ausbau und Erhalt ärztlicher
Versorgung Handlungsbedarf, für den auch politische
Unterstützung gefordert wurde. Eine Verbesserung wäre laut
Befragten auch im Ausbau der Nahverkehrsstrukturen und Mobilität sowie
hinsichtlich adäquaten Wohnraums wichtig. Die Teilnehmenden betonten,
dass der Mangel an Strukturen die Benachteiligung sozial schlechter Gestellter
multipliziere.
Einen weiteren Handlungsbedarf sahen Teilnehmende in Bezug auf die Wiederbelebung
der Dorfgemeinschaft. Fünf Befragte sahen Orte für soziale
Treffen (z. B. Cafés, Wirtshäuser, öffentliche
Räume) als Einflussfaktoren auf das gesellschaftliche Leben und die
Gesundheit. Die Teilnehmenden berichteten, dass viele dieser Treffpunkte fehlten
oder geschlossen wurden. P06 berichtete von den Folgen der Schließung
eines Cafés:
Ja also [ein] Café wäre schon nicht schlecht und jetzt haben
[die älteren Personen] eben beim [[Supermarkt]] haben da (.) jeden
Donnerstag ab halb zehn/(..) lassen sie (..) bei ihnen in der
Küche haben sie eine große Eckbank/da die Senioren
rein. Wer halt kommen will (.) da hat ein jeder (..) eine Tasse Kaffee vor
sich und einfach (.) ein bisschen, dass man sich unterhält. (.) Weil
viele Senioren sind ja doch sehr einsam. (P06)
Auch der Bürgermeister P10 und die Familienbeauftragte P02 sahen den
gleichen Bedarf, sprachen in diesem Zusammenhang jedoch davon, dass
Cafés oder Wirthäuser für solche Treffen nicht immer
geeignet seien, da ein Wirtshausbesuch oft mit finanziellen Ausgaben verbunden
sei.
Sieben Teilnehmende sahen eine Notwendigkeit für finanzielle
Unterstützung von außen, wobei drei über bereits
bestehende Stabilisationshilfen für die Kommune durch den Freistaat
Bayern berichteten. Durch diese mit Regelungen belegte Hilfe ist es ihnen jedoch
nicht möglich, finanzielle Mittel für „freiwillige
Leistungen“ (z. B. Unterstützung von Vereinen oder
Ehrenamt) bereit zu stellen, wie P05 erzählte:
Unterstützung vom Verein im Allgemeinen wird als freiwillige Leistung
angesehen. (.) Ist ja nicht Pflichtaufgabe der Kommune. Pflichtaufgabe
Straßen, Wasser, Kanal, Breitband zähle ich inzwischen auch
dazu, diese klassischen Sachen. (..) Sport wiederrum ist freiwillige Aufgabe
einer Kommune, aber wichtige Aufgabe. (P05)
Des Weiteren äußerten die Befragten, dass sie
Fördergelder beantragen würden, der verpflichtende Eigenanteil
jedoch häufig eine zu große Hürde darstelle. Dies
verdeutlicht die schwierige finanzielle Situation aller befragten Kommunen,
besonders in Hinblick auf die Abmilderung der Folgen des Strukturabbaus. Die
Ergebnisse zeigen zudem, dass in Kommunen wenig bis keine Ressourcen in Form von
Personal, Räumlichkeiten oder Wissen für
gesundheitsförderliche Angebote (z. B. Gesundheitsbildung)
besteht. Auch der Bedarf nach Wahrnehmung und Anerkennung der Kommune von
außen (z. B. Politik) wurde geäußert.
Fünf Befragte berichteten hierbei von einem Gefühl des
„Vergessenwerdens“, das durch den Strukturabbau
verstärkt würde.
Diskussion
Die Ergebnisse zeigen auf, dass Akteur/-innen in deprivierten Kommunen in
Bayern Zielgruppen und Handlungsbedarfe zur Gesundheitsförderung von
Menschen in schwierigen Lebenslagen wahrnehmen. Hierbei wurden besonders finanziell
schwächere und sozial isolierte Personen als Zielgruppen definiert. Andere
„klassische“ Zielgruppen der gesundheitlichen Chancengleichheit, wie
z. B. Arbeitslose, Menschen mit Fluchterfahrung oder Alleinerziehende wurden
nicht benannt, obwohl der BIMD 2010 z. B. die Arbeitslosigkeit mit
25%iger und damit hoher Gewichtung miteinbezieht [11]. Hier stellt sich die Frage, ob diese
Zielgruppen in den Kommunen weniger vorhanden sind, oder lediglich nicht
wahrgenommen wurden.
Insgesamt schien bei der Benennung unterschiedlicher Zielgruppen ein Fokus auf den
Lebensphasen zu liegen. Besonders ältere Personen wurden als Hauptzielgruppe
gesehen, während Personen mittleren Alters selten genannt wurden. Die
Aussagen zur Arbeitsplatzsituation in den Kommunen deutet darauf hin, dass
Erwerbstätige hier vor Ort nur wenig präsent sind. Somit stellt sich
auch die Frage, ob ältere Personen tatsächlich den
größten Unterstützungsbedarf haben oder lediglich am
sichtbarsten waren. Systematische Bedarfsanalysen (z. B. bei
Pendler/-innen) könnten helfen, diese Frage zu klären.
Die geringe Präsenz erwerbstätiger Personen schien auch eine sinkende
Nachfrage an infrastrukturellen Ressourcen nach sich zu ziehen. Geschäfte,
gesellschaftliche Angebote oder Nahverkehrsstrukturen können wirtschaftlich
nicht erhalten werden, wodurch auch Möglichkeiten der gesellschaftlichen
Teilhabe, besonders für Senior/-innen verschwinden. Dieser
Zusammenhang zwischen Deprivation und Einsamkeit wurde auch in einer Studie aus
England aufgezeigt [17]. Grundsätzlich
schien soziale Isolation ein Kernthema der Kommunen darzustellen, da sich Angebote
fast ausschließlich auf gesellschaftliche Teilhabe fokussierten –
jedoch meist in geringer Intensität (z. B. ein
Senior/-innenkreis pro Monat). Dies reicht nicht aus, um vereinsamte
Menschen aus der Isolation zu holen. Zudem zeigen die Daten kaum Hinweise, dass von
Vereinsamung bedrohte Personen systematisch angesprochen werden.
Die Studie zeigt Handlungsbedarf für die Verbesserung der gesundheitlichen
Versorgung im ländlichen Bereich auf, welcher für Bayern bereits
bekannt ist [18]. Vor dem Hintergrund des
allgemeinen Ressourcenmangels werden diese Ergebnisse nochmals dringlicher. In den
deprivierten Kommunen trifft bereits jetzt der Rückgang medizinischer
Strukturen auf eine schlechte Erreichbarkeit der Ärzte, eine alternde
Bevölkerung und eine steigende Nachfrage nach medizinischen Leistungen [19]. Auch infrastrukturelle Maßnahmen,
wie die Einführung von Ärzte- oder Einkaufsbussen sowie weitere
Transportlösungen erscheinen vor dem Hintergrund der Deprivation schwer
umsetzbar, aber geboten, um allen Menschen die gleichen Zugangschancen zu
ermöglichen [20]
[21]. Insgesamt verweisen viele der genannten
Bedarfe auf den Ausbau von Infrastrukturen, besonders in Bezug auf den Transport und
die Wohnsituation von Menschen in schwierigen Lebenslagen, die jedoch nur mittels
finanzieller Unterstützung umsetzbar wären. Der Aspekt der
ungleichen Wohnsituationen wurde auch in einer Studie zu sozialer Ungleichheit und
COVID-19 nochmals herausgearbeitet und hat somit nicht an Aktualität
verloren [22].
Selbst bestehende Aktivposten in den Kommunen werden laut Befragten wenig genutzt,
was besonders in Bezug auf die Natur und erbaute Umgebung betont wurde.
Gesundheitsbildungsmaßnahmen, welche in den Interviews kaum benannt wurden,
könnten dabei unterstützen, dass Ressourcen besser genutzt werden
[23]. Hier gilt es jedoch zu
klären, ob die vorhandenen Strukturen auch für alle Menschen
gleichermaßen zugänglich sind und die Maßnahmen
zielgruppengerecht geplant und umgesetzt werden [24]
[25]. Ferner könnten
sich einige der gefundenen Bedarfe z. B. durch das Pandemiegeschehen
verändert haben [22]
[26]
[27].
Weitere Forschung und Diskussion zum Themenbereich Gesundheitsförderung und
Prävention im ländlichen (bayerischen) Raum könnten hierzu
Aufschluss geben.
Die Ergebnisse zeigen in deprivierten Kommunen einen Bedarf dafür auf,
dass in Bezug auf gesundheitliche Chancengleichheit Angebote spezifischer auf
Menschen in schwierigen Lebenslagen ausgerichtet und für diese attraktiv
und nutzbar gestaltet werden [28].
Regionale Vernetzungsarbeit könnte zudem unterstützen, um
z. B. bestehende Maßnahmen und Angebote der
Gesundheitsförderung und Prävention auf weitere Kommunen
auszuweiten oder lokale Präventionsbündnisse zu fördern
[19]
[29]. Hier wären beispielsweise Veranstaltungen mit
Akteur/-innen, Ehrenamtlichen und politischen Vertreter/-innen
denkbar, was deprivierten Kommunen gleichzeitig ein Gefühl des
„Wahrgenommen Werdens“ vermitteln könnte.