Schlüsselwörter Brustkrebs - Therapieempfehlung - Chemotherapie - Antihormontherapie
Hintergrund
Die Brustkrebskonferenz in Wien „St. Gallen International Breast Cancer Conference“ beschäftigt sich mit der Therapie von Patientinnen mit Frühstadien des Mammakarzinoms. Nach 3 Tagen, an
denen überwiegend Übersichtsvorträge zu den wichtigen Themengebieten referiert werden, kommt es am 4. Tag zu einer Panel-Abstimmung über wichtige Themengebiete in der Behandlung von
Patientinnen mit frühem Mammakarzinom. Die Fragen und deren Antworten sind in dieser Arbeit festgehalten (Supplement Tab. S1 ), welche von den St.-Gallen-Panelisten (SG-Panelisten;
Supplement Tab. S2 ) bewertet worden waren. Des Weiteren werden einige ausgewählte Themenkomplexe in den wissenschaftlichen Kontext gerückt, sodass eine differenzierte
Hintergrundinformation zur Verfügung steht bei der Beurteilung der Fragen.
Lebensqualität und Survivorship
Lebensqualität und Survivorship
Eine Studie, die seit der Brustkrebskonferenz in San Antonio 2022 im Hinblick auf ihre klinische Relevanz für die Patientinnen diskutiert wurde, ist die POSITIVE-Studie. In diese Studie
wurden junge Patientinnen unter einer Antihormontherapie eingeschlossen, die einen Kinderwunsch hatten. Es wurde ermittelt, wie die Rückfallrate war, wenn für maximal 2 Jahre die endokrine
Therapie unterbrochen wurde. Von den 516 eingeschlossenen Patientinnen wurden ca. 75% schwanger, und 44 hatten bei einer medianen Nachbeobachtungszeit von 41 Monaten einen Rückfall [1 ]. In Wien/St. Gallen wurden 2 Fälle vorgestellt, zum einen eine prämenpausale Patientin mit mehr als 3 positiven Lymphknoten (hohes Rückfallrisiko) und eine noch
relativ junge Frau mit Perspektive auf eine erhaltene Fertilität nach Ende der endokrinen Therapie (28 Jahre alt). In beiden Fällen hatte die Mehrzahl der SG-Panelisten (ca. 78%) nicht dafür
gestimmt, dem Vorgehen der POSITIVE-Studie zu folgen (Supplement Tab. S1; Fragen 4 und 5 ). Anscheinend hat das hohe Rückfallrisiko der vorgestellten Fälle und die Perspektive für eine
Schwangerschaft nach Ende der regulären endokrinen Therapie die Experten davon abgehalten, die endokrine Therapie unterbrechen zu wollen. Es bleibt abzuwarten, wie die Daten der
POSITIVE-Studie mit einer längeren Nachbeobachtungszeit klinisch bewertet werden.
Genetik
Auch wenn eine Reihe von Brustkrebsrisikogenen wissenschaftlich etabliert werden konnten [2 ] – [8 ] und ca. 40% des familiären
Brustkrebskrisikos erklärbar ist [9 ], sind die Mutationsfrequenzen für die meisten etablierten Brustkrebsrisikogene niedrig. Nach BRCA1/2 -Mutationen
gehören PALB2 -Mutationen mit zu den häufigsten Mutationen der Keimbahn. Die Frequenz unter Brustkrebspatientinnen ist jedoch mit 0,5 – 2% immer noch sehr niedrig, und in Individuen ohne
Brustkrebs ist die Mutationsfrequenz ca. 0,1% [3 ]. Deswegen wird für die meisten Gene, die im Rahmen einer Paneltestung genotypisiert werden [10 ], die individuelle Evidenz für präventive und therapeutische Maßnahmen schwer zu erheben sein, alleine wegen der niedrigen Fallzahlen. Vor diesem Hintergrund
waren die Abstimmungen im SG-Panel von besonderem Interesse. Hier wurden vom SG-Panel Meinungen zur kontralateralen prophylaktischen Mastekomie abgefragt für Patientinnen, die eine neue
Mammakarzinomdiagnose und die Diagnose einer Mutation in verschiedenen Brustkrebsrisikogenen erhalten haben. Die Abstimmungsergebnisse sind in [Abb. 1 ]
dargestellt. Es lässt sich festellen, dass die SG-Panelisten bei niedrigerem Lebenszeitrisiko und bei postmenopausalen Patientinnen weniger motiviert sind, eine kontralaterale Mastektomie zu
empfehlen als bei Patientinnen mit höherem Risiko und niedrigerem Alter. Insbesondere bei mittleren Risikokonstellationen gehen die Meinungen noch deutlich auseinander (z. B. bei
PALB2 -Mutationen oder bei postmenopausalen Patientinnen mit BRCA2 -Mutation). Diese Ergebnisse passen gut zu den Lebenszeit-Risikoeinschätzungen, die vom Breast Cancer Association
Consortium (BCAC) veröffentlicht wurden ([Abb. 2 ]) [3 ].
Abb. 1 Darstellung der Ergebnisse über mehrere Fragen, wie viele der SG-Panelisten eine kontralaterale Mastektomie bei Brustkrebpatientinnen in verschiedenen Situationen und mit
verschiedenen festgestellten Keimbahmutationen empfehlen würden (mBRCA1: BRCA1-Keimbahnmutation; mBRCA2: BRCA2-Keimbahnmutation; mPALB2: PALB2-Keimbahnmutation; mATM:
ATM-Keimbahnmutation).
Abb. 2 Lebenszeitrisiko bis zum 80. Lebensjahr für die 8 validierten Brustkrebsrisikogene [3 ] (Abbildung aus [65 ]).
Adjuvante endokrine Therapie und Chemotherapieentscheidungen bei HRpos/HER2neg Patientinnen
Adjuvante endokrine Therapie und Chemotherapieentscheidungen bei HRpos/HER2neg Patientinnen
Endokrine Therapien und Abemaciclib
Die hauptsächlichen Fragen, die in der adjuvanten endokrinen Therapie diskutiert werden, sind:
die Länge der adjuvanten endokrinen Therapie,
der Einsatz von CDK4/6-Inhibitoren (Abemaciclib bislang zugelassen),
der Einsatz von Aromatasehemmern + ovarieller Funktionssuppression (OFS) bei prämenopausalen Patientinnen,
die Hinzunahme von OFS zu einer Therapie mit Tamoxifen bei prämenopausalen Patientinnen.
In Bezug auf die Indikation für eine Chemotherapie wurden verschiedene Biomarker etabliert, die Patientinnen mit einer exzellenten Prognose zuverlässig identifizieren können [11 ] – [14 ]. Bei Patientinnen in der Prämenopause ist die Situation komplexer, weil prinzipiell 3 verschiedene endokrine Therapien
(Tamoxifen, Tamoxifen + GnRH-Analogon und Aromatasehemmer + GnRH-Analogon) zur Verfügung stehen. Die Suppression der ovariellen Funktion (OFS) mit GnRH-Analoga ist eine wirksame Medikation
zum Ausschalten der Ovarfunktion. Nach einer Chemotherapie haben jedoch ein Großteil der prämenopausalen Patientinnen eine persistente chemotherapieinduzierte Amenorrhö [15 ], [16 ], [17 ]. Somit beeinflussen sich Risiko, Indikation zur Chemotherapie und Nutzung der
endokrinen Therapie in der Prämenopause gegenseitig.
In Bezug auf die Länge der endokrinen Therapie zeigt sich bei den SG-Panelisten ein klarer Trend, dass die Länge der Therapie vom Stadium anbhängig gemacht wird ([Abb. 3 ], Fragen 74 bis 77 ). Interessanterweise nimmt eine Länge von 7 – 8 Jahren bei allen Stadien eine relevant große Gruppe von Patientinnen ein. Die
Abschätzung des Nutzen-Risiko-Verhältnisses basierend auf der Vielzahl der durchgeführten Studien scheint die Dauer von 7 – 8 Jahren Gesamttherapiedauer als Favoriten zu bestimmen [18 ], [19 ], [20 ], [21 ], [22 ], [23 ], [24 ], [25 ], [26 ]. Ein genomischer Test scheint nicht vonnöten
zu sein (Fragen 78 und 79 ), um die Dauer der endokrinen Therapie festzulegen.
Abb. 3 Abstimmungsergebnis für verschiedene Stadien eines HRpos/HER2neg Mammakarzinoms in Bezug auf die Länge der endokrinen Therapie.
Bislang gibt es positive Studien für 2 CDK4/6-Inhibitoren, die monarchE-Studie [27 ], [28 ], [29 ] und die NATALEE/TRIO-033-Studie [30 ]. Abemaciclib ist für Patientinnen mit einem hohen Risiko bereits zugelassen. In Europa basiert die Zulassung
auf den Patientinnen entsprechend der Kohorte I. Dies waren Patientinnen mit mindestens 4 positiven Lymphknoten oder 1 – 3 positiven Lymphknoten und zusätzlich einem Tumor von mindestens
5 cm Größe oder einem Tumor-Grading von 3. In den USA war die Nutzung von Abemaciclib zusätzlich vom Biomarker Ki-67 abhängig. Dies wurde von der wissenschaftlichen und klinischen
Gemeinschaft immer wieder kritisiert [31 ], [32 ]. Dies sah auch die Mehrzahl der SG-Panelisten so (77,27%, Frage 80 ). In
der Tat hat die amerikanische Zulassungsbehörde FDA die Indikation kürzlich angepasst, sodass die Kriterien in den USA nun denen in Europa entsprechen [33 ].
Im Zusammenhang mit der Indikationsfindung für Abemaciclib wird die genaue Prognosebestimmung der Patientinnen in Zukunft eine bedeutende Rolle spielen. So ist z. B. auch die Bestimmung des
Lymphknotenstatus im Kontext des momentanen klinischen Vorgehens für das axilläre Staging von Bedeutung. Nicht immer werden 4 Lymphknoten entnommen. So wurde im SG-Panel beispielhaft auf die
Situation eingegangen, dass bei einer axillären Sentinel-Knoten-Biopsie nur 1 Lymphknoten entnommen wurde und dieser auch Tumorzellen enthielt. Mit einem Grading von 2 und einer Tumorgröße
von 2,3 cm erhielt diese Beispielpatientin eine adjuvante Chemotherapie. Ein relevanter Anteil der SG-Panelisten (33,6%) hätte die axilläre Resektion ausgedehnt, um sicherzustellen, dass
alle Informationen für eine Indikationsstellung für Abemaciclib vorhanden sind (Supplement Tab. S1, Frage 81 ). Die meisten Kollegen hätten keine weitere Therapie durchgeführt (44,4%).
In der Literatur sind einige Modelle beschrieben, die das Risiko für weitere Lymphknoten ausrechnen [34 ]. Bei dem in Frage 81 vorsgestellten Fall
beträgt das Risiko für weitere positive Lymphknoten mit dem MSKCC-Rechner 15% [35 ] und mit dem MD Anderson-Rechner 26% [36 ],
wenn man sonst durchschnittliche Patientinnen- und Tumorcharakteristika annimmt. Unklar ist, ob die SG-Panelisten das Risiko auch so einschätzten und die Verteilung der gegebenen Antworten
auf diesem angenommenen Risiko basiert, oder ob intuitiv ein anderes Risiko angenommen wurde.
Chemotherapie bei HRpos/HER2neg Patientinnen
Klinisch eine der wichtigen Fragen unserer Zeit ist, welchen HRpos/HER2neg Patientinnen eine Chemotherapie erspart werden kann. Dementsprechend war ein großer Themenblock bei der Abstimmung
der SG-Panelisten diesem Thema gewidmet. Für verschiedene Szenarien wurden Abstimmungen durchgeführt. Dabei wurde klar, dass der Recurrence Score insbesondere bei jungen Patientinnen (in
diesem Fall 34 Jahre) eine große Rolle bei der Therapieentscheidung für oder gegen eine Chemotherapie spielte. Bei dem Fallbeispiel der 34-jährigen Patientin hatten 90% der Panelisten die
Intention, eine Chemotherapie zu geben, wenn mindestens 1 Lymphknoten befallen war und der Recurrence Score 21 betrug. In derselben Konstellation bei einer 47-jährigen Patientin waren nur
noch 57% von der Chemotherapie überzeugt (Supplement Tab. S1, Fragen 86 und 92 ). Gegebenenfalls waren die SG-Panelisten geleitet von der kürzlich vorgestellten Subgruppenanalyse der
TailorX-Studie, in welcher der Effekt der Chemotherapie bei nodal negativen Patientinnen untersucht worden war [37 ]. In der Analyse wurde ein Vorteil der
Chemotherapie insbesondere bei prämenopausalen Patientinnen gezeigt, die einen Recurrence Score von mindestens 21 hatten und zusätzlich ein hohes klinisches Risiko. In dieser Gruppe war der
absolute Unterschied für das fernmetastasenfreie Überleben 11,7% nach 12 Jahren, wenn vor der endokrinen Therapie zusätzlich eine Chemotherapie durchgeführt worden war [37 ].
Von einer Tamoxifen-Monotherapie ohne vorherige Chemotherapie auf der anderen Seite waren die SG-Panelisten in 92,2% der Fälle nur dann überzeugt, wenn die Patientin 47 Jahre war, keine
befallenen Lymphknoten hatte und der Recurrence Score 11 oder weniger betrug. Alle Abstimmungsergebnisse für die Fallvariationen sind in [Abb. 4 ]
wiedergegeben, und weitere Fragen zu dem Thema finden sich in der Supplement-Tab. S1, Fragen 83 bis 103 .
Abb. 4 Wahl der Therapie unter den SG-Panelisten für verschiedene Szenarien bei der Behandlung von prämenopausalen Patientinnen mit HRpos/HER2neg Mammakarzinom (T: Tumorgröße; N:
Nodalstatus; RS: Oncotype Recurrence Score).
Triple Negative Therapy und BRCA-assoziierte Tumoren
Triple Negative Therapy und BRCA-assoziierte Tumoren
Für Patientinnen mit triple-negativem Mammakarzinom und erhöhtem Rückfallrisiko wurden in den letzten Jahren die beiden Therapieoptionen Olaparib [38 ], [39 ] und Pembrolizumab [40 ], [41 ] in das Therapiemanagement aufgenommen.
Pembrolizumab in der adjuvanten Situation
Insbesondere das Studiendesign der Keynote-522-Studie hatte einige Fragen aufgeworfen, die in einigen Ländern mehr oder weniger prominent diskutiert worden waren [42 ]. Auch die SG-Panelisten stellten sich einigen dieser Kontroversen.
Offensichtlich ist die Frage, ob eine Pembrolizumab-Therapie nach einer pCR nach der neoadjuvanten Therapie fortgeführt werden sollte. Mit knapp 60% war die Mehrzahl der SG-Panelisten
dafür, die Therapie in jedem Fall fortzusetzen (Supplement Tab. S1, Frage 107 ). In der Keynote-522-Studie wurde in Kombination mit dem Pembrolizumab keine dosisdichte Chemotherapie
gegeben. Dies führt natürlich zu der Frage, ob eine dosisdichte Chemotherapie in Kombination mit Pembrolizumab gegeben werden sollte, so wie es bei Patientinnen mit erhöhten Rückfallrisiko
der Therapiestandard sein sollte [43 ]. Dem gegenüber stehen Überlegungen, dass eine dosisdichte Therapie in Kombination mit Pembrolizumab nicht getestet wurde
und auch die Toxizität dieses Regimens nicht bekannt ist. Knapp 30% der SG-Panelisten gaben an, dass sie eine dosisdichte Chemotherapie vor dem Hintergrund durchführen würden, auch in
Kombination mit Pembrolizumab (Frage 106 ). Der Rest der SG-Panelisten würde dies nicht befürworten bzw. war sich unsicher in Bezug auf diese Frage.
Auch wenn die Kriterien für eine Pembrolizumab-Therapie durch die Keynote-522-Studie vorgegeben sind (Tumor von mindestens 2 cm oder mindestens 1 positiver Lymphknoten), wurde die Frage
diskutiert, ob auch Patientinnen mit kleineren Tumoren ohne positive Lymphknoten eine neoadjuvante Therapie mit Chemotherapie und Pembrolizumab erhalten sollten. Diese Frage wurde nur von
4,6% der SG-Panelisten mit „ja“ beantwortet (Frage 109 ). Somit bleiben die meisten Kolleginnen und Kollegen hier im Rahmen der Zulassung. Es gibt Daten aus kleineren einarmigen
Studien, bei denen auch Patientinnen im Stadium I mit Chemotherapie und Pembrolizumab behandelt worden waren [44 ]. Die pCR-Raten schienen vergleichbar mit
denen der Keynote-522-Studie.
BRCA -assoziierte Tumoren
Im Falle einer Keimbahnmutation in BRCA1 oder BRCA2 kommt zusätzlich die Frage auf, ob zusätzlich zu Pembrolizumab nach neoadjuvanter Therapie eine Behandlung mit Olaparib
durchgeführt werden sollte. Bei dem gegebenen Gesamtüberlebensvorteil mit Olaparib ist der PARP-Inhibitor eine Therapie, die in den meisten nationalen und internationalen Therapieleitlinien
empfohlen wird. Die SG-Panelisten widmeten sich dieser Frage für den Fall einer Patientin, die nach neoadjuvanter Therapie mit Chemotherapie und Pemrbolizumab keine pCR erreicht hatte
(Frage 114 ). Die große Mehrheit der SG-Panelisten empfahl die Gabe von Olaparib (insgesamt 86%). Insgesamt 62% der SG-Panelisten würden die Therapien kombinieren und 24% würden sie in
Sequenz durchführen. Capecitabin spielte bei den SG-Panelisten im Rahmen der gestellten Frage bei dieser Patientin mit einer BRCA1 -Mutation keine Rolle.
Im Falle einer Patientin mit HRpos/HER2neg Mammakarzinom stellt sich bei einer Keimbahnmutation in BRCA1 oder BRCA2 die Frage der Kombination oder Sequenz mit Abemaciclib.
Hierfür wurde eine Patientin konstruiert mit einer BRCA2 -Mutation und einem hohen Rückfallrisiko (Frage 115 ). Knapp die Hälfte der SG-Panelisten befürworteten eine sequenzielle
Gabe. Eine Kombinationstherapie wird in der Regel nicht befürwortet, und war keine Antwortmöglichkeit. Wichtig ist zu bemerken, dass in der OlympiA-Studie die adjuvante endokrine
Standardtherapie zusammen mit Olaparib gegeben wurde [39 ].
Während bei Patientinnen ohne BRCA1/2 -Mutation mit TNBC-Tumoren im Stadium II oder III die meisten SG-Panelisten (78%) eine platinhaltige Chemotherapie gefordert hatten (Frage
104 ), stellt sich die Frage bei Patientinnen mit BRCA1/2 -Mutation leicht anders dar. Hier stimmten nur 37% der SG-Panelisten klar für eine platinhaltige Chemotherapie. Dies geht
z. B. mit den Daten der GeparSixto einher. In dieser Studie, die für oder gegen eine platinhaltige Chemotherapie randomisiert hatte, stellte sich heraus, dass Patientinnen mit einer
BRCA1/2 -Mutation auch auf eine platinfreie Chemotherapie extrem gut ansprechen und es eher die Patientinnen ohne BRCA1/2 -Mutation sind, die von einer Therapie mit Platin
profitieren [45 ].
HER2-positive Erkrankung
Bei Patientinnen mit HER2-positiver Erkrankung sind mit Trastuzumab, Pertuzumab [46 ], [47 ], [48 ] und T-DM1 3 Standardtherapien etabliert [49 ]. Auch das Neratinib ist für die spätere Therapiesituation zugelassen [50 ], [51 ], [52 ]. Neuerungen sind z. B. von der Destiny-Breast05-Studie zu erwarten, die T-DM1 postneoadjuvant mit
Trastuzumab-Deruxtecan vergleicht [53 ]. Diese Studie rekrutiert noch.
Dementsprechend sind keine großen Kontroversen abgestimmt worden. Die Mehrzahl der SG-Panelisten sind sich einig, dass bei kleinen Tumoren eine Chemotherapie mit Paclitaxel-Monotherapie
möglich ist (Frage 111 ) und dass nach einer neoadjuvanten Therapie mit Trastuzumab, Pertuzumab, Taxan und Platin und erreichter pCR Pertuzumab nach der Operation in der adjuvanten
Situation nicht fortgeführt werden muss (Frage 112 ).
Oligometastatic Disease
Die Grenzen zwischen palliativer und kurativer Therapieintention verschieben sich
Einige retrospektive Untersuchungen konnten zeigen, dass Patientinnen mit prognostisch günstigem Brustkrebs in der fortgeschrittenen Situation eine besseres Gesamtüberleben haben (Hazard
Ratios zwischen 0,6 und 0,7), wenn sie lokal wie eine Patientin in Frühstadien behandelt wurde (inklusive Operation und Strahlentherapie) [54 ], [55 ], [56 ], [57 ], [58 ]. Vor dem Hintergrund ist diese
Therapiestrategie zwar akzeptiert, jedoch kann argumentiert werden, dass die meisten Patientinnen trotzdem an ihrer fortgeschrittenen Tumorerkrankung versterben werden und die Überlegungen
in Bezug auf die Nebenwirkungen und unerwünschten Effekte der Therapie im Vordergrund stehen sollten [58 ]. Daten mit einem hohen Evidenzniveau zu dem Thema
sind nicht vorhanden.
In diesem Zusammenhang sind 3 Fragen gestellt worden (Frage 118 bis 120 ). Es wurden 3 verschiedene Fälle mit oligometastasierter Erkrankung vorgestellt, eine triple-negative
Patientin und 2 HER2-positive Patientinnen (eine hormonrezeptorpositiv und die andere hormonrezeptornegativ). Für alle Fälle votierten die SG-Panelisten für eine umfangreiche Therapie der
Primärerkrankung (57 – 68%) analog zur Situation von Patientinnen im Frühstadium. Mit den neuen Therapieoptionen, mit denen schon in der metastasierten Situation ein Gesamtüberlebensvorteil
nachgewiesen werden konnte (CDK4/6-Inhibitoren, Trastuzumab-Deruxtecan, Sacituzumab-Govitecan), wird diese Frage mit Sicherheit weiter an Relevanz gewinnen.
Molecular Diagnostics
Analyse von ctDNA noch nicht klinische Routine bei Patientinnen mit frühem Mammakarzinom
In mehreren Studien konnte der prognostische Mehrwert einer Bestimmung von zirkulierender Tumor-DNA (ctDNA) für Patientinnen mit Frühstadien gezeigt werden [59 ] – [61 ]. Es ist gut vorstellbar, dass zirkulierende Tumor DNA einen bedeutsamen Beitrag bei der Prognostizierung und Therapieplanung für
Patientinnen mit Frühstadien des Mammakarzinoms leisten wird. Auch in der weiteren Nachsorge kann davon ausgegangen werden, dass eine Indikation für eine aktive Erkrankung von Nutzen sein
kann. Mit Tumormarkern und zirkulierenden Tumorzellen ist bereits gezeigt worden, dass auch 2 Jahre nach der Primärdiagnose eine weitere Einteilung in prognostische Gruppen möglich ist [62 ], [63 ].
Es muss jedoch angemerkt werden, dass trotz der Fortschritte bei den ctDNA-Bestimmungen in der frühen Therapiesituation noch keine Studien durchgeführt worden sind, die entweder zum
Zeitpunkt der Primärdiagnose oder im weiteren Krankheitsverlauf ctDNA in eine Therapie- oder Therapiemanagemententscheidung einbezogen haben. Somit sind die Antworten auf die Fragen der
SG-Panelisten auch relativ eindeutig (Fragen 122 bis 126 ). Fast alle SG-Panelisten glauben, dass ctDNA-Testungen zurzeit noch nicht als Routinetestung durchgeführt werden sollten
(86%), und dass erst prospektive Studien zu dem Thema durchgeführt werden sollten (89%). Auch sollten Ergebnisse aus klinischen Studien zurzeit noch nicht genutzt werden, um
Routine-Therapieentscheidungen zu unterstützen. Die in Deutschland zurzeit rekrutierende SURVIVE-Studie (https://www.survive-studie.de ) [64 ] beschäftigt sich genau mit diesem Thema. Das Studiendesign der SURVIVE-Studie ist in [Abb. 5 ] dargestellt. In diese Studie
werden Patientinnen eingeschlossen, die ein hohes Rezidivrisiko haben. Die Primärtherapie darf nicht länger als 2 Jahre abgeschlossen sein. Die Patientinnen werden randomisiert in einen Arm,
in dem eine intensivierte Nachsorge stattfindet basierend auf regelmäßigen Untersuchungen von individualisierten (informativen) ctDNA-Bestimmungen. Hierfür wird der Primärtumor auf
Mutationen untersucht. Dieses individuelle Mutationsprofil wird dann in der Blutabnahme zuätzlich zu etablierten Tumormarkern und zirkulierenden Tumorzellen untersucht.
Abb. 5 Studiendesign der SURVIVE-Studie (Standard Surveillance vs. Intensive Surveillance in Early Breast Cancer-Studie).
Die Datenlage zu dem interessanten Biomarker ctDNA wird in den nächsten Jahren wahrscheinlich deutlich zunehmen. Zusätzlich zum Messen der Tumoraktivität geben ctDNA-Bestimmungen auch
Hinweise auf das genomische Profil der Tumoraktivität und könnten somit Therapieentscheidungen bei einem entsprechend positiven Test beeinflussen.
Ausblick
Weitere Aspekte zu histopathologischen Faktoren, dem duktalen Carcinoma in situ, dem männlichen Brustkrebs, der Strahlentherapie, zu operativen Therapien und den Knochentherapien sind
ebenfalls in Supplement Tab. S1 zu finden.
Die Abstimmungen des SG-Panels in Wien stellen ein Stimmungsbild von vielen internationalen Kolleginnen und Kollegen dar (Supplement Tab. S2 ) und berücksichtigt deswegen auch anteilig
die Präferenzen verschiedener Länder und Gesundheitssysteme. Es ist nicht auszuschließen, dass dies auch bei den Abstimmungen berücksichtigt wurde und die SG-Panelisten in diesem Sinne
abgestimmt haben.
Da die Durchführung von onkologischen Therapien immer eine Individualentscheidung zwischen Patientin und den Versorgenden darstellt, sind insbesondere die Fallvariationen von großem Wert,
weil sie wie bei keiner anderen Konferenz die Trends beleuchten, die leichte Veränderungen in der Krankheitskonstellation bewirken. Dies sollte den Patientinnen und den Behandelnden helfen,
ihre Situation und Ihren Standpunkt besser einzuordnen.