Schlüsselwörter
Öffentliche Gesundheit - Stadtplanung - Stadtentwicklung - Lebensverhältnisse - Chancengleichheit - Initiativen
Key words
Public Health - urban planning - urban development - living conditions - equity - initiatives
Beim Blick auf Stadtentwicklung aus gesundheitlicher Perspektive spielen Stadtplanung
und Public Health als Disziplinen und als Handlungsfelder eine zentrale Rolle. Denn
Stadtentwicklung umfasst verschiedene stadtgestaltende Prozesse in Politik,
Verwaltung und Wirtschaft sowie Initiativen von Institutionen und Privatpersonen,
die zur Stadtgestaltung beitragen. Für die Konzeption und Umsetzung von
StadtGesundheit, verstanden als die Anwendung von Public Health-Theorie und -Praxis
für die Gesundheit städtischer Bevölkerungen, ist die
Verbindung von Stadtplanung, Stadtentwicklung und Gesundheit ein tragendes Element
[1]
[2]
[3].
1. Schlüsselkonzepte und Entwicklungslinien in Stadtplanung und Public
Health
1. Schlüsselkonzepte und Entwicklungslinien in Stadtplanung und Public
Health
Die beiden Handlungsfelder Stadtplanung und Public Health lassen sich durch
Schlüsselkonzepte und Entwicklungslinien beschreiben und einordnen. Zudem
gibt es mit Zukunftsfähigkeit, sozialer Gerechtigkeit und umweltbezogener
Gerechtigkeit übergeordnete Konzepte, die in beiden Handlungsfeldern
verfolgt werden.
1.1 Stadtplanung und Public Health als Arbeitsfelder von Politik und
Verwaltung
Nach Auffassung vieler Praktiker:innen, Forscher:innen und Initiativen birgt eine
integrierte Sicht von Stadtplanung und Public Health ein erhebliches Potential
zur Lösung zentraler Anliegen einer auf Gesundheit ausgerichteten
Stadtentwicklung. So verfügt die Stadtplanung mit Instrumenten der
Bauleitplanung, der integrierten Stadtentwicklung oder der Verkehrsentwicklung
über Möglichkeiten der Gestaltung und Steuerung, welche die
Verteilung und Zugänglichkeit von Grünflächen, die
Belastung mit Lärm oder die Bewegungsfreundlichkeit des
öffentlichen Raums beeinflussen können. Diese
Gestaltungsmöglichkeiten können wichtige Determinanten von
Gesundheit (wie Grünflächen, ruhige Orte oder
Bewegungsmöglichkeiten) schaffen und stehen dem öffentlichen
Gesundheitsdienst nur mittelbar über Beteiligungsverfahren zur
Verfügung [4]
[5]. Zudem verfügen Stadtplanung und
Stadtentwicklung im Vergleich zum Öffentlichen Gesundheitsdienst
über bedeutendere finanzielle Ressourcen auf kommunaler Ebene. Diese
Ressourcen sind sowohl in der Ausstattung der jeweiligen kommunalen
Ämter und der ökonomischen Bedeutung der Bodenordnung
begründet als auch in umfangreichen öffentlichen
Förderprogrammen, etwa in den Bereichen Städtebau (z. B.
Stadtumbau) und Mobilität (z. B. Aus-, Um- und Neubau von
Straßenräumen).
Public Health und Community Health liefern der Stadtplanung neue Sichtweisen auf
soziale Ungleichheit, Umwelt- und Naturschutz; sie unterstreichen Partizipation
als bedeutsames Thema. Hierzu zählt ein Verständnis von
Vulnerabilität gesellschaftlicher Gruppen, verbunden mit einer
ressourcenorientierten Perspektive und dem Ansatz von Empowerment als
Stärkung eigener Handlungsfähigkeit [6]
[7]. Gemeinsame Entwicklungslinien in Stadtplanung und Public Health
beziehen sich auf die Verankerung von Gesundheitsbelangen in der Bauleitplanung
sowie in der umsetzungsorientierten Bauordnung (Abstände in Bezug auf
Belichtung und Belüftung, Barrierefreiheit, wohnungsnahe
Spielmöglichkeiten etc.), auf Immissionsschutz, geregelte Ver- und
Entsorgung sowie Daseinsvorsoge auch im Hinblick auf gesundheitliche Versorgung.
Gemeinsamkeiten gibt es zudem im Hinblick auf interventionsbezogene Prozesse und
Verfahren. So ist der Public Health Action Cycle mit den Schritten
Problembestimmung, Strategieformulierung, Umsetzung und Bewertung [8] die Grundlage von Interventionen in
Public Health und umfasst die zentralen Schritte der räumlichen Planung.
Bezogen auf Partizipation wird in beiden Disziplinen von Stufenmodellen
ausgegangen, die mehr oder weniger Gestaltungsmacht in der Entscheidungsfindung
beschreiben (für Public Health siehe [9], für Stadtplanung siehe [10]).
1.2 Stadtentwicklung durch Initiativen
Neben einer von Seiten der kommunalen Politik und Verwaltung initiierten
Stadtplanung nehmen urbane Initiativen in vielfältiger Form Einfluss auf
die Stadtentwicklung. Oft bemühen sie sich um gerechte, inklusive
und/oder nachhaltige kommunale Ansätze und verfolgen
häufig Themen, die sowohl einen Gesundheitsbezug haben als auch von
stadtplanerischer Relevanz sind. Das Spektrum solcher Initiativen reicht von
spezifischen Aktivitäten wie Stadtteilspaziergängen, die von
Wohlfahrtsverbänden oder Senior:innenbüros organisiert werden,
über „Sport im Park“-Aktivitäten lokaler
Sportvereine, Urban Gardening-Aktivitäten oder Nachbarschaftsinitiativen
bis hin zu umfassenderen Aktionen zu den Themen bezahlbarer Wohnraum,
nachhaltige Mobilität oder Stadtutopien. Diese Initiativen sind
teilweise „hoch oben“ auf der Partizipationsleiter einzuordnen,
wenn Akteure selbstbestimmt zu gesunden Lebenswelten in Kommunen beitragen. Es
geht aber auch um breite Bewegungen wie Fridays for Future, die einen
gesellschaftlichen Wandel in Richtung einer „Großen
Transformation“ verfolgen und in verschiedenen Städten
beispielsweise zur Verabschiedung von Deklarationen zum Klimanotstand
geführt haben. Oft beeinflussen solche Initiativen mit ihren
vielfältigen und ganz unterschiedlichen Vorgehensweisen wiederum das
Handeln von Politik und Verwaltung.
1.3 Übergeordnete Themenlinien: Zukunftsfähigkeit, soziale
Gerechtigkeit und umweltbezogene Gerechtigkeit
Soziale und Chancengerechtigkeit sind gemeinsame Anliegen vieler
Aktivitäten in der Stadtentwicklung, im Gesundheitswesen und im
übergeordneten und integrativ angelegten Diskurs einer
zukunftsfähigen Entwicklung. Dieser Diskurs verfügt mit den
UN-Nachhaltigkeitszielen / Sustainable Development Goals (SDG)
über ein Zielsystem, das neben einer globalen Gerechtigkeitsperspektive
auch Gerechtigkeit zwischen den Generationen verfolgt. Für das Teilthema
„Stadtentwicklung, urbane Initiativen und Gesundheit“ sind
insbesondere SDG 3 (Gute Gesundheitsversorgung) und SDG 11 (Nachhaltige
Städte und Gemeinden) relevant, wenngleich insbesondere SDG 3 mit einem
Fokus auf der Verringerung der Mütter- und Kleinkindsterblichkeit nicht
die zentralen Bedarfe in Deutschland adressiert, sondern vor allem aus einer
globalen Perspektive zu verstehen ist. Auch andere SDGs wie „Keine
Armut“ (SDG 1) oder „Weniger Ungleichheiten“ (SDG 10)
sind für die Stadtentwicklung ebenso von Bedeutung wie
„Maßnahmen zum Klimaschutz“ (SDG 13).
Aufgrund ihrer sich gegenseitig beeinflussenden Entwicklungen haben die UN-weiten
Aktivitäten zur nachhaltigen Entwicklung und die in der Ottawa-Charta
ihren Ursprung findende „Gesunde Städte Bewegung“ der
WHO viele Parallelen, die eine Integration von Stadtplanung mit kommunaler
Gesundheitsförderung und Prävention erleichtern sollten. Zwar
ist bisher noch keine regelhafte Zusammenarbeit der zuständigen
Fachämter entstanden [11] und
weder Krankenkassen noch intermediäre Organisationen wie
Koordinierungsstellen zur gesundheitlichen Chancengleichheit werden bislang als
Akteure im Rahmen der Stadtentwicklung wahrgenommen. Jedoch lässt sich
immerhin die Aufnahme der Kommune als sogenanntes Setting in das
Präventionsgesetz (§20 Sozialgesetzbuch V) als bedeutende
institutionelle Innovation ansehen.
Das Leitbild der umweltbezogenen Gerechtigkeit (kurz Umweltgerechtigkeit) bietet
neben der zukunftsfähigen Entwicklung und der sozialen Gerechtigkeit als
ein weiteres Schlüsselkonzept vielfältige theoretische und
methodische Ansätze, die den Blick auf benachteiligte Stadtteile und
Bevölkerungsgruppen qualifizieren können. Beispielsweise werden
Analyse zu umweltbezogener Verteilungsgerechtigkeit genutzt, um in der Stadt
Herne im Rahmen der Klimaanpassung Maßnahmen zu priorisieren oder in
Bochum ruhige Gebiete auszuweisen [12].
Zudem bietet es Ansätze, sich mit dem in Deutschland neu aufkommenden
Thema der strukturellen Benachteiligung von Communities aufgrund ihrer
nationalen, kulturellen oder ethnischen Definition zu befassen. Umweltbezogene
Gerechtigkeit hat erst in den letzten Jahren Eingang in den Diskurs zur
Stadtentwicklung gefunden [13]. Im
Gegensatz beispielsweise zu den USA handelt es sich zudem in Deutschland bisher
nicht um einen von Initiativen getragenen Ansatz.
Einige urbane Initiativen stellen eine Verbindung zwischen den
Schlüsselkonzepten Zukunftsfähigkeit, soziale Gerechtigkeit und
umweltbezogene Gerechtigkeit her. So verfolgt Public Health mit dem
erwähnten Empowerment-Ansatz die Selbstwirksamkeit von Menschen
und lenkt mit seiner in Deutschland noch jungen Teildisziplin Community
Health den Fokus auf diverse Untergruppen, die teilweise nicht oder nur
informell organisiert sind [6]. In der
Stadtentwicklung spielen Initiativen, die für inklusive,
ökologische und/oder gesundheitsförderliche Lebenswelten
eintreten, eine bedeutende Rolle. In Instrumenten der Stadtplanung und des
planerischen Umweltschutzes ist die Beteiligung der Öffentlichkeit
verbindlich verankert. Diese Beteiligung erhielt erneut Nachdruck durch die
Aalborg Charta[1], die Urban Agenda[2] oder die erwähnten SDGs und
stellt eine übergeordnete Zielsetzung dar. Auch wenn im Sinne dieser
Vereinbarungen das Ziel einer Beteiligung möglichst diverser Gruppen
verfolgt wird, ist soziale Ungleichheit in diesen Prozessen häufig zu
beobachten. Sie wird beispielsweise mit dem Ansatz der umweltbezogenen
Verfahrensungerechtigkeit beschrieben [13].
1.4 Memoranden, Thesen, Positionspapiere
Mittlerweile beschäftigt sich eine diverse Akteurslandschaft mit der
Nahtstelle von Stadtplanung, urbanen Initiativen und Gesundheit. Zu
verschiedenen Anlässen und in unterschiedlichen Institutionen arbeiten
Wissenschaft und Praxis gemeinsam zu diesen Themen. Die Arbeitsgruppe
Gesundheitsfördernde Gemeinde- und Stadtentwicklung (AGGSE) hat das
Potential einer integrativen Betrachtung in Thesen lösungsorientiert
aufgezeigt.[3] Die Akademie
für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft (ARL) hat sich in den
Diskurs durch grundlagenorientierte Werke sowie lösungsorientierte
Positionspapiere eingebracht.[4] Das
Gesunde Städte-Netzwerk der WHO-Europa[5] und das Gesunde Städte-Netzwerk Deutschland[6] (z. B. [14]) thematisieren
gesundheitsfördernde Stadtentwicklung ebenso wie der
regelmäßige Public Health-Kongress „Armut und
Gesundheit“[7]. Zudem bilden
sich neue interdisziplinäre Zugänge wie die Neurourbanistik, die
ihrerseits eine Charta zu psychischer Gesundheit in der Stadt
veröffentlicht hat[8].Die
Vielzahl der Memoranden begründet sich unter anderem in der breiten und
disziplinenübergreifenden Akteurslandschaft, die dazu führt,
dass verschiedene Verbände, Institutionen und Initiativen ihre jeweilige
Sichtweise darlegen.
In neueren Programmen und Memoranden findet die integrierte Sicht auf
Stadtentwicklung und Gesundheit zunehmend Eingang. Exemplarisch sind hier die
überarbeitete Leipzig Charta zur Stadtentwicklung[9] und diverse Ansätze zu
städtischer Resilienz in Zeiten unterschiedlicher Gefahrenlagen, wie
Pandemien, Extremwetterereignisse und Terrorismus, zu sehen. Hierzu
zählen das Memorandum Urbane Resilienz der Nationalen
Stadtentwicklungspolitik in Deutschland[10] und diverse WHO-Dokumente. So positiv die Aufnahme von
Schlüsselkonzepten in entsprechende Memoranden ist, so wichtig bleibt
es, von allgemeinen Leitvorstellungen zu konkretem Handeln mit realen
Veränderungen zu gelangen. Die Memoranden, Thesen und Positionspapiere
verdeutlichen den Bedarf an institutioneller Innovation auch im planerischen
Kontext. Der Ansatz StadtGesundheit zielt darauf ab, aus der Vielzahl separater
Entwicklungen Wesentliches herauszufiltern und vor Ort einzubringen. Ein
Handlungsziel ist beispielsweise in den Thesen der AGGSE, neben dem eher
„defensiv“ ausgerichteten Gesundheitsschutz auch
Prävention und ressourcenorientierte Gesundheitsförderung
intensiver in die Stadtentwicklung und die Arbeit des Öffentlichen
Gesundheitsdienstes zu integrieren.
2. Spannungsfelder und Lösungsansätze
2. Spannungsfelder und Lösungsansätze
Trotz gemeinsamer Ziele und Entwicklungslinien stehen Stadtentwicklung und Gesundheit
durchaus in einem Spannungsverhältnis.
2.1 Exemplarische Spannungsfelder und mögliche
Lösungsansätze
Die Erwartungen aus dem Gesundheitsbereich und aus der Zivilgesellschaft an die
Stadtplanung, die über ein umfangreiches Instrumentarium und finanzielle
sowie personelle Ressourcen verfügt, werden nicht immer erfüllt.
Für die Stadtplanung ist Gesundheit nur ein Belang unter Vielen und sie
regelt ausschließlich räumlich relevante Aspekte. Zudem
verstehen Akteure des Gesundheitswesens sich oft nicht als Akteure der
Stadtentwicklung und verfügen in der Regel nicht über ein
eigenes räumliches Fachplanungsinstrument, wie es beim Denkmalschutz,
der Sozialplanung oder der Nahmobilität der Fall ist. Häufig
wird die Gestaltung der städtischen Lebensverhältnisse von
Akteuren des Gesundheitswesens nicht als maßgeblicher Weg
eingeschätzt, sondern die Aufklärung und Information sowie die
Erhöhung der persönlichen Gesundheitskompetenz stehen im
Vordergrund. Diese Strategie ist zwar nachvollziehbar, die individuelle
Orientierung bedarf aber für ein gesundheitsrelevantes Handeln auch der
Berücksichtigung der entsprechenden (Lebens-)Verhältnisse. Die
Evidenz zu sozialer Ungleichheit bei Gesundheit zeigt, dass
verhältnisbezogene Ansätze insbesondere für diejenigen,
die über wenig Ressourcen und Teilhabechancen verfügen,
gesundheitsförderlich sind. Gemäß dem
Ungleichheitsparadox [15] können
etwa reine Informationskampagnen hingegen die soziale Ungleichheit noch
verstärken. Derartige Wirkungen werden in den Gesundheitswissenschaften
als „Intervention Generated Inequalities“ (IGI) [16] bezeichnet.
Wird von der Stadtplanung die Bedeutung gesundheitsnaher Belange wie
Freiraumschutz, Immissionsschutz, Klimaanpassung oder sozialgerechte
Bodennutzung als Gesundheitsdeterminante erkannt und die räumliche
Relevanz von Gesundheitsbelangen in die Logiken räumlicher Planung
eingebracht, so kann – dem Ansatz „Health in All Policies
(HiAP)/ Gesundheit in gesamtgesellschaftlicher Verantwortung“
folgend – nachhaltige StadtGesundheit durchaus verfolgt und das
Spannungsfeld der konkurrierenden Belange entkräftet werden. Hierzu ist
allerdings ein grundlegendes Verständnis von räumlicher Planung
und deren Funktionsweise ebenso zentral wie Kenntnisse von
Gesundheitsförderung und Prävention. Gesundheitsbezogene Daten,
bspw. der Gesundheitsberichterstattung, sollten von Seiten der
Gesundheitsämter für räumliche Planungsprozesse
aufbereitet werden. In diesem Kontext untersucht beispielsweise das Deutsche
Institut für Urbanistik in einem Projekt des Umweltbundesamtes[11] die Potentiale von
Lärmminderungs- und Grünplanung sowie von integrierter
Stadtentwicklung für Gesundheit mit einem Fokus auf
ämterübergreifender Zusammenarbeit; hier geht es auch um die
aktive Einbindung der Gesundheitsakteure, insbesondere der
Gesundheitsämter, in die Planungsprozesse [17].
Derzeit gibt es aufgrund der wahrnehmbaren Folgen des Klimawandels sowie der
Corona-Pandemie eine breite Debatte zu Fragen von StadtGesundheit und hohe
Erwartungen an Lösungen für resiliente,
gesundheitsfördernde und gerechte Städte. Die Ereignisse der
vergangenen Jahre treffen auf bestehende Problemlagen. Zu diesen zählen
umweltbezogene Mehrfachbelastungen für benachteiligte
Bevölkerungsgruppen oder auch Nachverdichtung als Antwort auf fehlenden
bezahlbaren Wohnraum, die dichtebedingt gesundheitlich nachteilige Folgen haben
kann [18]. Hinzu kommen
Transformationserfordernisse im Bereich der fossilen Mobilität, die in
ihren Wirkungsmechanismen gut erforscht sind. Des Weiteren sind neue
Anforderungen relevant, welche die Resilienz gegenüber
zukünftigen Pandemien sowie anderen vor allem klimawandelbedingten
Folgen erhöhen und auch im Wechselspiel aus gebautem Raum, Akteuren des
Gesundheitswesens und urbanen Initiativen gesehen werden können.
Maßnahmen für Gesundheit wie auch für Nachhaltigkeit
können sich positiv verstärken, aber auch wechselseitig
behindern. Eine Übersicht über Synergien und Antagonismen
urbaner Gesundheitsdeterminanten geben Tonne et al. [19]. Zur Debatte gehört daher auch,
Zielkonflikte herauszuarbeiten. So können Schutz und Förderung
von Biodiversität die gesundheitsfördernde intensive Nutzung von
Grünflächen einschränken oder die Ausweisung Ruhiger
Gebiete im Rahmen der Lärmaktionsplanung einer ökologisch
sinnvollen Nutzungsmischung und Nachverdichtung entgegenstehen;
ökonomische Effizienzaspekte der Gesundheitsversorgung können zu
einem Rückzug gesundheitlicher Versorgung aus städtischen
Teilräumen und somit einer Einschränkung der wohnortnahen
Versorgung führen. Diese Debatten sollten multiperspektivisch
geführt werden und die Möglichkeiten der Wissensgenerierung
transdisziplinärer Methoden nutzen, d. h. Praxis und
Wissenschaft sowie Initiativen und diverse Bevölkerungsgruppen
einzubinden. Entscheidungen im Bereich der Stadtentwicklung benötigen
sogenannte „sozial robuste Orientierungen“, d. h.
wissenschaftlich fundierte und gesellschaftlich akzeptierte Zielvorstellungen,
die den identifizierten Missständen begegnen [20].
Das Anliegen von sozialer Gerechtigkeit in Stadtplanung und Public Health kann
orientiert an dem Leitbild von „Health Equity in all
Policies“ zu Lösungen führen. So kann die Kenntnis
der Vulnerabilität von Bevölkerung zu grundlegenden Innovationen
in den Instrumenten der Stadtplanung und des planerischen Umweltschutzes
beitragen, indem Risikogruppen systematisch berücksichtigt werden und
das bevölkerungsbezogene Vulnerabilitätsprinzip implementiert
wird [13]
[21].
2.2 Instrumente zur Integration von Stadtplanung und
Gesundheit
Für eine integrierte StadtGesundheit steht ein
umfangreiches Instrumentarium etablierter und neuer Ansätze zur
Verfügung. Der sogenannte Triple Win-Ansatz des INHERIT-Projekts
kann mit dem Dreifachnutzen für Gesundheit, Chancengleichheit und
ökologische Nachhaltigkeit leitend sein. In diesem EU-Projekt wurden in
einem Diskussions- und Bewertungsverfahren “10 Lektionen guter
Praxis“ abgeleitet, u. a. zur intersektoralen Zusammenarbeit und
zur zentral wichtigen Aufgabe konsequenter Evaluation [22]. Gute Lernchancen bieten auch
Städtenetzwerke wie URBACT[12],
Healthy Cities[13] und ICLEI[14]. Gerade von europäischer Ebene
gibt es mit dem Neuen Europäischen Bauhaus[15], mit Förderinitiativen wie
URBACT[16] oder der Joined Action
on Health Equity in Europe
[17]
vielversprechende Ansätze, die es erlauben, den internationalen Stand in
Forschung und Praxis zu integrieren.
Digitale Anwendungen stellen
zunehmend Instrumente dar, die vielfältige Lösungen zur
Entscheidungsunterstützung, Partizipation und Versorgung beitragen
können. So werden in vielen Verfahren zur
Öffentlichkeitsbeteiligung in der Stadtentwicklung
online-Partizipationsverfahren eingesetzt. Die umfassenden Datenbestände
werden in Kommunen mit verschiedenen Methoden integriert. Gerade der Einsatz von
Geographischen Informationssystemen (GIS) bietet für Public Health und
Stadtplanung eine gute Grundlage der Datenunterstützung. Diese reichen
von umfangreichen integrierten Bestandsanalysen über die Auswahl und
Abgrenzung von Plangebieten bis hin zur Standortfindung. SmartCity- und
Smart(public)Health-Ansätze können hier integriert werden
(z. B. [23]).
Ein
methodisches Werkzeug zur Umgestaltung von Städten in Richtung
„gesund und nachhaltig“ stellt auch das Health Impact Assessment
(HIA) dar, welches die Auswirkungen von (Planungs-)Entscheidungen entlang
unterschiedlicher Wirkpfade – möglichst im Voraus –
abzuschätzen versucht. Hierbei liegt eine Herausforderung darin, dem
systemischen Charakter von Städten gerecht zu werden, d. h. auch
Rückkopplungen, Wechselwirkungen und Ungewissheit passend zu
berücksichtigen und dabei gleichzeitig partizipativ zu arbeiten [24], An frühere Entwicklungen wie
z. B. European Policy Health Impact Assessment (EPHIA)[18] anknüpfend, untersucht das
Verbundprojekt „GFA_Stadt“ die heute bestehenden Potenziale und
Hemmnisse für eine Gesundheitsfolgenabschätzung [25].
Das Instrument der
gesundheitsbezogenen „Standortanalyse“[19] unterstützt Akteur:innen bei
der Einschätzung ihres Quartiers oder Netzwerkes hinsichtlich der
Bereitschaft, integrierte kommunale Strategien auf- oder auszubauen. Eine
weitere methodische Innovationen ist das Place Standard Tool, das als
StadtRaumMonitor
[20] auf
Deutschland übertragen wurde und derzeit zu Fragen der Klimafolgen
weiterentwickelt wird [26]. Sowohl der
konkrete Kriterien umfassende „Leitfaden Gesunde Stadt“ als auch
der Ansatz „Fachplan Gesundheit“ werden vom Landeszentrum
Gesundheit NRW als neue Instrumente empfohlen [27]. Trotz einer gewissen „Ausbremsung“ durch die
Corona-Pandemie wird in mehreren Städten an einem solchen Fachplan
gearbeitet.
Zudem kommen Analysen zu Mehrfachbelastungen im Kontext
umweltbezogener Gerechtigkeit zum Einsatz. In Berlin wurde eine
Mehrfachbelastungsanalyse erstellt und unter anderem in die
Flächennutzungsplanung integriert[21]. Das Modell zu Spatial Urban Health Equity Indicators
(SUHEI) ist ein Screening-Werkzeug, in dem Umweltbelastungen und Ressourcen aus
der Perspektive umweltbezogener Ungerechtigkeit im gesamtstädtischen
Vergleich als Mehrfachbelastung dargestellt werden. Die Umweltindikatoren
können mit Indikatoren zu bevölkerungsbezogener
Vulnerabilität kombiniert werden, um Hot-Spots auszuweisen [28]. In Städten des Ruhrgebiets
werden diese Analysen in Planungsprozesse wie Lärmaktions[22]- oder Klimaanpassungsplanung[23] eingebunden
Beispielhaft sind
auch neue Formen sozialraumorientierter gesundheitlicher Versorgung wie
Community Health Nurses, die an dem Ansatz der Gemeindeschwester
anknüpfen und unter anderem community-spezifisch als
Gesundheitslots:innen fungieren sowie einen Beitrag zur gesundheitlichen
Versorgung leisten. Als neue sozialraumbezogene Versorgungseinrichtung sind
Gesundheitskioske zu bewerten. Sie fungieren als Anlaufstellen und Teil
regionaler Versorgungsmodelle. Ihre Realisierung wurde über Mittel des
GKV-Innovationsfonds, ein Förderinstrument der Gesetzlichen Kranken- und
Pflegekassen, mitentwickelt. Teilweise entstehen diese Konzepte im Kontext
integrierter Stadtentwicklungskonzepte [29].
3. Empfehlungen
Ausgehend von den beschriebenen Entwicklungen werden im Folgenden Empfehlungen
für Wissenschaft, Praxis und Ausbildung sowie für die
Förderlandschaft zur Stärkung einer integrierten Betrachtung von
Stadtplanung, urbaner Initiativen und städtischer Gesundheit formuliert.
Empfehlungen an die Wissenschaft
-
Forschung zu Gelingensbedingungen gesundheitsfördernder
Stadtentwicklung. Bestehende Ansätze zu StadtGesundheit
sollten wissenschaftlich im Hinblick auf diejenigen Faktoren untersucht
werden, die StadtGesundheit fördern. Wirkungsanalysen zu
verschiedenen Maßnahmen und Interventionen sind hier ebenso relevant
wie planungs- und entscheidungstheoretische Analysen im
Governancegefüge der Stadtentwicklung. Hierbei gilt es, methodisch
zu berücksichtigen, dass Planungsprozesse sowie deren Umsetzung und
darauffolgende Wirkungen je nach Planungsgegenstand mehrere Jahre in
Anspruch nehmen. Das Potenzial verschiedener fachplanerischer
Ansätze (Fachpläne für Gesundheit, Denkmalschutz,
Jugendhilfeplanung, Nahmobilität, Bewegte Stadt, Klima etc.) im
Wechselspiel mit Ansätzen integrierter Stadtplanung und
Stadtentwicklung ist hier ein relevantes Forschungsfeld.
-
Raumrelevanz verschiedener Determinanten von Gesundheit. Mit
verbesserten Kenntnissen zur Vulnerabilität von Räumen und
Bevölkerungsgruppen könnten evidenzbasiert Wirkungspfade
aufgezeigt werden. Hierzu gilt es, disziplinäre Erkenntnisse, bspw.
in der Lärmwirkungsforschung, und gleichzeitig
interdisziplinäre Evidenz, bspw. zu Mehrfachbelastungseffekten, zu
gewinnen und diese auf Planungsinstrumente zu beziehen. Das Institut
für Urban Public Health (InUPH) an der Universität Duisburg
Essen sowie das Institut für Public Health und Pflegeforschung (IPP)
Bremen als WHO Collaborating Center for Environmental Health Inequalities
können dafür institutionelle Ankerpunkte bilden, ebenso
weitere interdisziplinäre Forschungsnetzwerke (Neurourbanistik,
Lärmwirkungsforschung[24]). Diese Forschung ist als umfassende Grundlagenforschung zu
sehen, die ihre Ergebnisse derart anlegt und aufbereitet, dass sie den
Akteuren in Politik, Verwaltung und Initiativen zugänglich ist. So
können die Erkenntnisse Grundlage für neue Richt- und
Grenzwerte planerischen Handelns oder umfassender Änderungen
rechtlicher Grundlagen sein.
Empfehlungen an die Förderlandschaft und gemeinsam an Wissenschaft und
Praxis
-
Integrative Forschungsinitiativen. Eine Verbindung bestehender
Innovationsförderprogramme in der Stadtentwicklung –
insbesondere ExWoSt (Experimenteller Wohnungs- und Städtebau) des
Bundes – und Gesundheit – besonders der Innovationsfonds des
Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) – sollte die Schnittstellen
thematisieren und gemeinsam integrierte Lösungen entwickeln.
Außerdem könnte ein BMBF-Schwerpunktprogramm zu Stadt,
Umwelt und Gesundheit, das innovative Formate transdisziplinärer
Forschung zur StadtGesundheit ermöglicht, zur Integration und zu
evidenzbasiertem Wissenstransfer beitragen. Die DFG sollte in ihren
einschlägigen Fachkollegien die Relevanz des Themas
berücksichtigen.
-
Wissensaufbereitung und Wissenszugang: Initiativen wie die im Aufbau
befindliche Datenbank “Wissen für gesunde
Lebenswelten“, die den Praxistransfer von Erkenntnissen
unterstützen soll [30], sind
zu begrüßen. Inhaltlich sollte es hier neben vertrauten
Ansätzen wie Kompetenzsteigerung und soziale Unterstützung
auch um die Gestaltung der Lebenswelten gehen, über die
allerdings oftmals in anderen Sektoren als „Gesundheit“
entschieden wird. Da hier die Auswirkungen getroffener Entscheidungen auf
Gesundheit oft nicht näher untersucht werden, liegt eine besondere
Herausforderung darin, auch für solche Ansätze einen
Wissensfundus aufzubauen. Hierbei wäre vor dem Hintergrund der in
diesem Beitrag getroffenen Aussagen eine Berücksichtigung der
Wirkungen von Stadtplanung und Urbanen Initiativen vielversprechend.
Empfehlungen an die Praxis
-
Ein regelmäßiger Fachaustausch zu StadtGesundheit
sollte über Konferenzen wie „Stadt der Zukunft“ oder
„Armut und Gesundheit“, über bestehende Netzwerke
wie das Gesunde Städte-Netzwerk sowie über
Berufsverbände, gemeinsame Exkursionen, Fallstudien, Wettbewerbe
oder Aktivitäten wie den Urban Health digiSpace[25] erfolgen, um die Weiterentwicklung
praxisorientierter Strategien und Instrumente zu unterstützen.
-
Zugänge zu Informationen für Forschung (Daten,
Pläne, Stellungnahmen). Eine niedrigschwellige
Zugänglichkeit zu Plänen, Konzepten,
(Umweltverträglichkeits-)Studien und Stellungnahmen wäre
eine wichtige Grundlage für wissenschaftliche Evaluationen.
Ansätze wie Open Data und die digitale Bereitstellung von Planwerken
sowie Sitzungsunterlagen bieten hier eine Grundlage; die jeweiligen
Zugangsmöglichkeiten müssen bisher jedoch in der Regel in
kommunalen Einzelstrukturen aufwändig identifiziert werden.
-
Empfehlungen und Arbeitshilfen für die Praxis: Für die
kommunale Praxis im Bereich der StadtGesundheit sollten begründete
Empfehlungen und Arbeitshilfen zur Verfügung stehen; ihr Einsatz
sollte gefördert und ihre Wirksamkeit evaluiert werden. Hierbei kann
auf bestehende Ansätze wie die Toolbox Umweltgerechtigkeit[26] oder den Leitfaden Gesunde Stadt
([24]) aufgebaut werden. Dies gilt
für übergeordnete Leitfäden und Schulungen ebenso
wie für Arbeitshilfen, die auf kommunaler Ebene entwickelt oder
adaptiert werden. Eine ämterübergreifende Entwicklung vor
Ort schafft eine gute Voraussetzung für „Gesundheit als
gesamtgesellschaftliche Aufgabe“. Dabei sind auch
Akteurskonstellationen jenseits der Verwaltung, bspw. Gesundheits- oder
Sozialraumkonferenzen und urbane Initiativen, einzubeziehen.
Empfehlungen an die Aus- und Weiterbildung
-
Integration von StadtGesundheit in Curricula der Aus-, Fort- und
Weiterbildung. Fach- und Methodenwissen zu Stadt und Gesundheit
sollte in der Aus-, Fort- und Weiterbildung verstärkt
berücksichtigt werden; dabei sollte insbesondere auf eine
integrierte Betrachtung geachtet werden. Eine Vernetzung von Hochschulen
für studiengangübergreifende Aktivitäten wie
Exkursionen, eine Förderung der Themen durch Preise und Wettbewerbe
für studentische (Abschluss-)Arbeiten sowie problembasiertes Lernen
in realen Kontexten mit der Praxis in Lehr- und Lernformen wie dem
Projektstudium bieten dafür gute Möglichkeiten.
-
Gesundheitliche Folgenabschätzung vermitteln. Die
gesundheitliche Folgenabschätzung (Health Impact Assessment, HIA)
als qualitativer und quantitativer Ansatz zur Analyse der Auswirkungen von
(Planungs-)Entscheidungen sollte in Ausbildungsgänge und
Fortbildungskurse aufgenommen werden.
Übergeordnete Empfehlungen
-
Transdisziplinäre Forschung. Transdisziplinäre
Forschungszugänge sollten dazu beitragen, neues Wissen aus und
für die Praxis und Wissenschaft gemeinsam zu generieren und sozial
robuste Orientierungen als Leitlinien für handelnde Akteur:innen zu
entwickeln. Um transdisziplinäre Forschung zu ermöglichen,
gilt es, Zusammenarbeitsstrukturen zu unterstützen, neue Methoden zu
entwickeln und in der Ausbildung die entsprechenden Kompetenzen anzulegen.
Außerdem ist es erforderlich, diese Zugänge in Wissenschaft
und Praxis über eigene Forschungslinien, Preise und Auszeichnungen
oder eine Berücksichtigung bei der Bewertung von Arbeitsleistungen
anzuerkennen. Ein besonderes Potenzial dürfte in
transdisziplinären Fallstudien liegen, wenn sie kompetent
vorbereitet und durchgeführt sowie fachgerecht ausgewertet
werden.
Danksagung
Die Autor:innen danken K. Marquart, S. Gatting und S. Ritzinger (Bielefeld)
für umfangreiche Literaturrecherchen; ferner S. Baumgart (Bremen), C. Bunge
(Berlin), U. Dapp (Hamburg), M. Frinken (Hamburg), A. Rüdiger (Dortmund) und
J. Pohlan (Hamburg) für die erhaltenen Anregungen zu einer Vorfassung des
Textes.
Fördermittel
Fritz und Hildegard Berg-Stiftung, Deutsches Stiftungszentrum (Essen). – We
acknowledge support for the publication costs by the Open Access Publication Fund of
Bielefeld University and the Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG).