Schlüsselwörter
Allgemeinmedizin - Hausarztmangel - Praktikum - Famulatur - Ländliche Gebiete - Landarzt
Key words
family practice - shortage of family physicians - rural area - internshipArtikel online veröffentlicht 2024
Einleitung
In vielen ländlichen Regionen und manchen Großstädten
Deutschlands herrscht bereits ÄrztInnenmangel oder ist aufgrund der
Altersstruktur der dort praktizierenden ÄrztInnen zu erwarten [1]. Dass die Hälfte der
HausärztInnen plant, vorzeitig in den Ruhestand zu gehen, verschärft
die Situation noch einmal [2]. Um die
hausärztliche Versorgung sicherzustellen und Medizinstudierende für
eine Tätigkeit auf dem Land zu gewinnen, wurden politische Maßnahmen
implementiert [1]
[3]. Mit dem „Masterplan Medizinstudium
2020“ will das Bundesministerium für Bildung und Forschung die
Allgemeinmedizin in Aus- und Weiterbildung stärken [4]. Über die
„Landarztquote“, in der sich Bewerbende verpflichten, nach dem
Studium im ländlichen Raum tätig zu sein, sollen bis zu 5,8%
der Studienplätze vergeben werden [5].
Internationalen Beispielen folgend [6]
[7]
[8]
[9] gibt es in Deutschland auch
zahlreiche regionale Förder- und Schwerpunktprogramme [10]
[11]
[12]
[13]
[14]
[15].
Fördermaßnahmen, die Studierende mit ländlichen Regionen in
Kontakt bringen, können dazu führen, dass diese in dieser Region
bleiben. Diese sog. „Klebeeffekte“ sind in der internationalen
Literatur gut beschrieben [16]
[17]. Für den deutschsprachigen Raum
liegen nur wenige Studien vor [18]
[19]. Grundsätzlich scheint es
für die Entscheidung, eine spätere hausärztliche
Tätigkeit auf dem Land in Erwägung zu ziehen, wesentlich zu sein,
während der universitären Ausbildung kontinuierlich mit
hausärztlicher Medizin in Kontakt zu kommen [18]
[20]. Auch kann die Bindung von
jungen ÄrztInnen an den ländlichen Raum durch finanzielle Anreize
sowie eine gute Work-Live-Balance gestärkt werden [21].
Vier Ärzte aus Klinik und Praxis im strukturschwachen Bayerischen Wald haben
diesen Ansatz auf ihre Region angewandt und 2014 die „LandArztMacher
GbR“ gegründet, die Medizinstudierende während ihres
Studiums in einen intensiven Kontakt mit dem ländlichen Raum bringt.
Aufgrund ihrer langjährigen Lehrerfahrung (TUM, Uni Regensburg) haben die
Verantwortlichen den Eindruck gewonnen, dass
-
Studierende den ländlichen Raum nicht kennen und nur vom
Hörensagen „die Arbeit als ÄrztIn auf dem
Land“ einschätzen können.
-
die individuelle Förderung der Studierenden an der Uni zu kurz kommt
und diese besonders effektiv im Rahmen einer Eins-zu-eins-Betreuung
umgesetzt werden kann.
-
das Vermitteln von Rollenmodellen einen konkreten Einblick in die
ärztliche Tätigkeit auf dem Land ermöglicht.
-
attraktive fachliche Ausbildungsangebote die besonderen Herausforderungen und
Möglichkeiten in der Tätigkeit im ländlichen Raum
vermitteln können.
Die „LandArztMacher“ bieten gezielt diese Punkte in ihrem Praktikum
auf dem Land an und stellen die Vermittlung von ärztlicher Haltung sowie das
Einüben von Fertigkeiten in den Mittelpunkt. Für die
„LandArztMacher“ stellt sich nach neun Jahren Projektlaufzeit die
Frage, ob das Projekt seine Ziele erreicht hat:
-
Haben Studierende nach dem Praktikum ein konkreteres Bild von der
landärztlichen Tätigkeit?
-
Können sich Studierende nach dem Praktikum vorstellen, später
im ländlichen Raum tätig zu werden?
-
Halten es Studierende für wichtig, im Rahmen des Medizinstudiums ein
von der Universität vermitteltes Praktikum im ländlichen
Raum zu absolvieren?
-
Wie schätzen Studierende die Attraktivität des
ländlichen Raumes ein?
Methode
Setting und Projektbeschreibung
Das Exzellent-Projekt der „LandArztMacher“ ist eine
vierwöchige Famulatur im Bayerischen Wald in Praxen und Kliniken mit
gemeinsamen fachlichen Lehrveranstaltungen.
Vorbereitung
Die Studierenden bewerben sich
über die Projekthomepage (Motivationsschreiben, Lebenslauf). Es
folgt ein strukturiertes Videogespräch (15 min).
Start
Das Projekt beginnt mit einem
zweitägigen Teambuildingevent. Dies legt die Grundlage für
das mehrwöchige Zusammenleben der aus verschiedenen
Universitäten und Bundesländern kommenden Teilnehmenden.
Praktikum
Die Studierenden arbeiten montags ganztags,
an den weiteren Werktagen von 8–12 Uhr in den Praxen und Kliniken:
sie übernehmen zunehmend die Betreuung der PatientInnen unter
Supervision und vertiefen ihre praktischen Fertigkeiten aus den
Lehrveranstaltungen.
Lehrveranstaltungen
An drei Nachmittagen sowie
samstags finden gemeinsame Lehrveranstaltungen statt. Schwerpunkte sind das
Einüben von hausärztlich relevanten Tätigkeiten und
das Kennenlernen von Behandlungsschwerpunkten in der
Primärversorgung. Die 3–5 Stunden dauernden
Lehrveranstaltungen umfassen Untersuchungstechniken ebenso wie
Entscheidungsfindungen und Fallbesprechungen.
Gemeinschaftsunterkunft
Die Teilnehmenden sind in
Gruppen von bis zu 14 Personen in Ferienhäusern untergebracht. Sie
organisieren und verpflegen sich selbst.
Kosten
Übernachtungskosten, Fahrtkosten vor
Ort und Honorare für Referenten werden vom Projektpartner AOK Bayern
sowie den Landratsämtern übernommen.
Item-Beschreibung
Die Studierenden wurden vor und nach den vierwöchigen Praktika mit einem
30 Items umfassenden Fragebogen mit sozioökonomischen Fragen sowie
Fragen zu den Themen ärztlichen Haltung (Grundsatz des Vorrangs des
Patientenwohls, der Autonomie der Patienten und der sozialen Gerechtigkeit [22]
[23]), ländlicher Raum, berufliche Zukunft und Aufgaben von
AllgemeinmedizinerInnen evaluiert. Für die Auswertung wurden zehn Items
berücksichtigt: Alter und Geschlecht, Abiturnote, Semesterzahl und
Studienabschnitt, generelle Wichtigkeit eines Praktikums im ländlichen
Raum, vier Fragen zur Attraktivität des ländlichen Raums (Skala
von 0/keine bis 10/volle Zustimmung) sowie die
Einschätzung der persönlichen Vorstellungen über die
Aufgaben von AllgemeinmedizinerInnen (Skala von 0/ keine bis
100/exakte Vorstellung). Die unterschiedlichen Skalen (0–10 bzw.
0–100) ergaben sich unter Einbeziehung des studentischen Feedbacks zu
einer Testversion des Fragebogens.
Studiendesign
Bei vorliegender Arbeit handelt sich um eine wiederholte Querschnittstudie bzw.
um eine Vorher-Nachher-Studie.
Statistische Analysen
Für den Alter- und Abitur-Notendurchschnitt wurde der arithmetische
Mittelwert als Lagemaß und die Standardabweichung als
Streuungsmaß berechnet. Bei den restlichen Frageitems zeigte die
manuelle Inspektion des Datensatzes Ausreißer, weshalb der Median als
Lagemaß und der Interquartilsbereich als Streuungsmaß genutzt
wurde.
Fehlende Werte wurden nicht imputiert, sondern in den Berechnungen nicht
berücksichtigt.
Ergebnisse
Entwicklung des Programms
Wurden im Sommer 2014 noch 16 Studierende in einer Unterkunft betreut, waren es
im Sommer 2022 41 in drei Ferienhäusern. Die Zahl der
hausärztlich tätigen Praxen stieg von sieben in zwei Landkreisen
auf 36 in fünf Landkreisen, die der Kliniken von zwei auf sechs. Die
Entwicklung der Teilnehmendenzahlen zeigt [Tab.
1]. Den Ablaufplan des Praktikums im Frühjahr 2022 zeigt [Abb. 1].
Abb. 1 Ablaufplan des Praktikums im Frühjahr 2022.
Tab. 1 Entwicklung der Teilnehmendenzahlen nach
Saison.
|
n
|
%
|
n (Anzahl gültiger Werte)
|
363
|
100%
|
Sommer 2014
|
9
|
3
|
Winter 2015
|
10
|
3
|
Sommer 2015
|
13
|
4
|
Winter 2016
|
11
|
3
|
Sommer 2016
|
15
|
4
|
Winter 2017
|
12
|
3
|
Sommer 2017
|
21
|
6
|
Winter 2018
|
24
|
7
|
Sommer 2018
|
27
|
7
|
Winter 2019
|
20
|
6
|
Sommer 2019
|
23
|
6
|
Winter 2020
|
22
|
6
|
Sommer 2020
|
27
|
7
|
Winter 2021
|
22
|
6
|
Sommer 2021
|
38
|
10
|
Winter 2022
|
28
|
8
|
Sommer 2022
|
41
|
11
|
Evaluation des Programms
Insgesamt lagen Daten von 363 Teilnehmenden vor (74% weiblich,
n=267, Alter: Spannbreite 19–46 Jahre, Mittelwert: 23,2 Jahre,
SD: 2,41 Jahre), die sich alle im klinischen Abschnitt des Medizinstudiums
befanden. Eine Übersicht der Charakteristika der Teilnehmenden zeigt
[Tab. 2].
Tab. 2 Charakteristika der Teilnehmenden
|
n (Anzahl gültiger Werte, %)
|
Mittelwert
|
Standard-abweichung
|
Spannbreite
|
Geschlecht
|
363
|
|
|
|
weiblich
|
267 (74%)
|
|
|
|
männlich
|
93 (26%)
|
|
|
|
Alter
|
361
|
23.2
|
2.41
|
19–46 Jahre
|
Abitur-Notendurchschnitt
|
348
|
1.3
|
0.32
|
1.0–2.9
|
Semester
|
352
|
7.1
|
1.53
|
4–10
|
Die Ergebnisse der Evaluation sind in [Tab.
3] dargestellt.
Tab. 3 Selbsteinschätzung der
Teilnehmenden.
|
Item
|
Zeitpunkt
|
n (Anzahl gültiger Werte)
|
Median
|
Inter-quartils-bereich
|
|
Ich halte es für wichtig, im ländlichen Raum
ein Praktikum im Rahmen des Medizinstudiums ableisten zu
können.
|
1
|
362
|
8
|
[7]
[8]
[9]
[10]
|
2
|
355
|
9
|
[8]
[9]
[10]
|
Attraktivität ländlicher Raum
|
Ich kann mir zum jetzigen Zeitpunkt gut vorstellen,
später als Ärztin/Arzt
grundsätzlich im ländlichen Raum zu
arbeiten
|
1
|
362
|
7
|
[5]
[6]
[7]
[8]
|
2
|
355
|
8
|
[7]
[8]
[9]
|
Ich kann mir zum jetzigen Zeitpunkt gut vorstellen,
später als Ärztin/Arzt im
Bayerischen Wald zu arbeiten.
|
1
|
362
|
5
|
[3]
[4]
[5]
[6]
|
2
|
355
|
6
|
[4]
[5]
[6]
[7]
[8]
|
Für mich ist im ländlichen Raum das fehlende
kulturelle Angebot ein wichtiger Nachteil.
|
1
|
331
|
6
|
[4]
[5]
[6]
[7]
[8]
|
2
|
319
|
6
|
[3]
[4]
[5]
[6]
[7]
[8]
|
Die fehlende Infrastruktur im ländlichen Raum
Bayerwald (Schulen, Freizeitgestaltung, Arbeitsplatz
für den Partner) macht diesen ländlichen
Raum für mich für eine spätere
berufliche Tätigkeit unattraktiv.
|
1
|
328
|
6
|
[4]
[5]
[6]
[7]
[8]
|
2
|
319
|
6
|
[4]
[5]
[6]
[7]
[8]
|
|
Vorstellung von der Tätigkeit eines
Allgemeinarztes
|
1
|
303
|
65
|
[50–75]
|
2
|
293
|
90
|
[85–95]
|
Zeitpunkt 1= vor dem vierwöchigen Praktikum; Zeitpunkt
2= nach dem vierwöchigen Praktikum. Skala von
0/keine Zustimmung bis 10/volle Zustimmung.
Schon von Beginn an hielten die Teilnehmenden ein Praktikum im ländlichen
Raum für sehr wichtig (Median: 8, auf einer Skala 1–10); diese
Einstellung war am Ende noch stärker ausgeprägt (Median: 9). Die
Bereitschaft, im ländlichen Raum zu arbeiten, war bereits zu Beginn hoch
(Median: 7, auf einer Skala 1–10) und steigerte sich im Verlauf des
Praktikums (Median: 8). Die Bereitschaft der Teilnehmenden, speziell im
Bayrischen Wald arbeiten zu wollen, war weder zu Beginn noch am Ende des
Praktikums hoch, steigerte sich aber ebenso (s. [Tab. 3]).
Hinsichtlich des kulturellen Angebots oder der Infrastruktur im Bayerwald
änderte sich die Einstellung der Teilnehmenden nicht (jeweils Median:
6).
Die Studierenden haben nach dem Praktikum eine sehr viel genauere Vorstellung von
der Tätigkeit von AllgemeinmedizinerInnen (Median steigt von 65 auf 90
bei einer Skala von 0–100). Allerdings reicht die Spannbreite von
anfangs 5–100 bis zu 40–100 am Ende.
Diskussion und Schlussfolgerungen
Diskussion und Schlussfolgerungen
Das Exzellent-Projekt der „LandArztMacher“ gehört mit seiner
neunjährigen Laufzeit und über 400 Teilnehmenden zu den
ältesten und größten Projekten dieser Art in Deutschland.
Die hier veröffentlichten Ergebnisse aus den ersten acht Jahren des Projekts
geben vielversprechende Hinweise, wie dem drohenden LandärztInnenmangel
getrotzt werden kann.
In der vorliegenden Untersuchung wurde Folgendes erfasst: 1. die Wichtigkeit eines
Praktikums im ländlichen Raum aus Sicht der Medizinstudierenden, 2. ihre
Bereitschaft, später im Bayerischen Wald - oder allgemein im
ländlichen Raum - zu arbeiten, 3. ihre konkreten Vorstellungen von der
Tätigkeit von LandärztInnen, 4. ihre Einschätzung der
Attraktivität des ländlichen Raumes hinsichtlich Infrastruktur und
kulturellen Angebots. Diese Zielgrößen wurden zu Beginn und Ende
eines vierwöchigen Praktikums abgefragt und können als erste
Indikatoren für den Projekterfolg dienen, bevor langfristige
Studienergebnisse vorliegen.
Wichtigkeit Praktikum ländlicher Raum
Die Möglichkeit, ein Praktikum im ländlichen Raum zu absolvieren,
wurde von den Teilnehmenden als sehr wichtig erachtet – wichtiger als
vor dem Praktikum. Institute für Allgemeinmedizin an bayerischen
Universitäten (LMU, TUM, FAU, JMU, Universität Augsburg) bieten
durch ihre Lehrpraxen Lehre bis zu einem gewissen Grad in der Fläche an.
Studierende können in Blockpraktika und im PJ mit dem ländlichen
Raum in Kontakt kommen. Fördermaßnahmen wie die „Beste
Landpartie“ (TUM, FAU) in Bayern unterstützen zusätzlich
die Lehre in ländlichen Regionen [11]. Trotzdem wählen viele Studierende für ihre
Pflichtpraktika unserer Erfahrung nach lieber Praxen im städtischen als
im ländlichen Raum. Unsere Ergebnisse könnten ein Hinweis darauf
sein, noch intensivere Anstrengungen zu unternehmen, den ländlichen Raum
in die universitäre Lehre einzubinden.
Bereitschaft zur Tätigkeit im ländlichen Raum
Insgesamt konnten sich die Teilnehmenden gut vorstellen, später im
ländlichen Raum zu arbeiten. Sowohl die Akzeptanz des Landes allgemein
als auch die des Bayerischen Waldes im Besondern haben sich im
Vorher-Nachher-Vergleich um einen Punkt verbessert. Ob daraus eine vermehrte
spätere Tätigkeit im ländlichen Raum resultiert, bleibt
vorerst Spekulation. Mehrere Studien konnten zeigen, dass eine
frühzeitige Berührung mit der ländlichen
Allgemeinmedizin während des Studiums und eine Steigerung der
praktischen Ausbildungsinhalte die Wahrscheinlichkeit erhöhen,
später LandärztIn zu werden [5]
[18]
[19]. Eine fachliche und persönlich
intensive Betreuung, wie sie im Projekt der „LandArztMacher“
umgesetzt wird, hat sich ebenfalls als positiv erwiesen [24]. Das Ergebnis des Projektes kann vor
diesem Hintergrund vorsichtig als Erfolg gewertet werden.
Vorstellung von der landärztlichen Tätigkeit
Hier haben zwei Strategien möglicherweise Erfolge gezeigt. Zum einen
wurde mit den zentralen Lehrveranstaltungen zu hausärztlich relevanten
Themen (s. [Abb. 1]) eine wichtige
Grundlage für die individuelle Tätigkeit in der Hausarztpraxis
gelegt. Das Gefühl, viel gelernt zu haben, ein guter inhaltlicher und
methodischer Aufbau des Kurses sowie das Üben allgemeinmedizinischer
Vorgehensweisen sind wertvolle Erfahrungen für Studierende [25]. Zum anderen konnte dieses Wissen in
der Eins-zu-eins-Betreuung durch HausärztInnen im direkten
PatientInnenkontakt implementiert und geübt werden.
PraxisärztInnen als Rollenmodelle konnte sich gezielt auf die
Vermittlung der ärztlichen Haltung konzentrieren [26].
Einschätzung Attraktivität ländlicher Raum
Konnte die Einstellung zur Tätigkeit im ländlichen Raum
gesteigert werden, hat sich die Einstellung zum kulturellen Angebot sowie der
Infrastruktur dagegen nicht verändert. Möglicherweise hatten die
Studierenden bereits vor Praktikumsbeginn eine realistische Einschätzung
vom Leben auf dem Land. Obwohl den Studierenden attraktive
„Freizeitaktivitäten“ angeboten wurden, hatten sie zum
Projektende kein besseres Bild von der Region. Es könnte sein, dass nur
Studierende teilgenommen haben, die „das Land“ schon zu kennen
meinten [14]
[27] und deshalb kein zusätzlicher
(Aha-)Effekt erreicht werden konnte.
Stellenwert der „LandArztMacher“ im gesundheitspolitischen
Kontext
Die Arbeitsgruppe „Regionen für ärztliche
Ausbildung“ der Landesregierung Baden-Württemberg fokussiert auf
die ärztliche Ausbildung aus einer sektoren- und
bereichsübergreifenden Perspektive. Sie fordert die verstärkte
Ausbildung im ländlichen Raum, Bereitstellung von Unterkünften
sowie Unterstützung der Lehrpraxen beim Mentoring der Studierenden [28]. Diese Forderungen setzt das Projekt
der „LandArztMacher“ in wesentlichen Teilen erfolgreich um.
Zusammenfassung
Wir sind uns der eingeschränkten Aussagekraft unserer Ergebnisse bewusst: die
Teilnehmenden hatten schon vorab Interesse an der Landarztmedizin, sonst
hätten sie vermutlich nicht ein so aufwändiges Praktikum freiwillig
absolviert. Dennoch war eine Steigerung des hohen Ausgangsniveaus möglich.
Das Konzept der „LandArztMacher“ scheint in der Gesamtschau der
Ergebnisse aufzugehen: sowohl die Verortung des Projektes im ländlichen Raum
sowie die intensive individuelle Betreuung durch engagierte LehrärztInnen
als positive Rollenmodelle als auch attraktive Lehrveranstaltungen scheinen
erfolgreich gewirkt zu haben. Ärztliche Ressourcen wurden geschont, indem
die Lehrveranstaltungen zentral in größeren Gruppen
durchgeführt wurden. Ein weiteres Ergebnis ist, dass die
Einschätzung der Attraktivität des ländlichen Raumes nicht
gesteigert werden konnte. Um Ressourcen zu sparen, konzentrierten sich die
„LandArztMacher“ deshalb auf Lehrveranstaltungen und
Eins-zu-eins-Betreuung. Den Studierenden wurde ersatzweise eine Liste mit
Freizeitangeboten und AnsprechpartnerInnen zur Verfügung gestellt. Im
gesundheitspolitischen Kontext bilden die Projekte der
„LandArztMacher“ somit einen vielversprechenden Baustein zur
Verhinderung des LandärztInnenmangels.
Stärken und Limitationen
Eine große Stärke des Programms ist seine Konstanz: Bis auf
marginale Änderungen (z. B. Sonokurse in den Praxen statt in
Kliniken) ist das Gesamtkonzept über die gesamte Zeit gleichgeblieben.
Als Limitationen sind zu nennen: da es keine Kontrollgruppe gibt, können
die AutorInnen nicht sicher sagen, ob die beobachteten Veränderungen auf
die Teilnahme am Programm zurückzuführen sind [29] oder auf andere Faktoren, die zwischen
den beiden Befragungszeitpunkten gewirkt haben; deshalb handelt es sich auch um
eine deskriptive, und keine kausale Analyse. Die Befragung beruht auf reiner
Selbsteinschätzung der TeilnehmerInnen; es wurde also z. B.
nicht überprüft, wie viele TeilnehmerInnen tatsächlich
LandärztInnen bzw. HausärztInnen geworden sind. Wie sich die
Studienergebnisse später in der Berufswirklichkeit widerspiegeln, ist
kaum absehbar. Das liegt vor allem an dem mehrjährigen Weg vom
Medizinstudium bis zur späteren Niederlassung in einer
LandärztInnenpraxis. In dieser Zeit spielen multiple und kaum von
Dritten zu beeinflussende, individuelle Faktoren eine Rolle, welche
Facharztrichtung und welcher Arbeitsort letztendlich gewählt werden.
Ferner ist nicht auszuschließen, dass nur Studierende am Projekt
teilgenommen haben, die dem ländlichen Raum nicht abgeneigt
und/oder besonders motiviert sind (Selektionsbias)[30]. Außerdem kann ein sog.
„Sozialer Erwünschtheitsbias“ vorliegen [31], d. h. die Teilnehmenden
antworten auf eine Art und Weise, von der sie glauben, dass sie sozial
akzeptierter ist als die Realität. Abschließend soll darauf
verwiesen werden, dass unterschiedliche Definitionen des Begriffs
„Ländlicher Raum“ eine Vergleichbarkeit unserer
Ergebnisse mit denen anderer Studien erschweren [32].
Empfehlungen
Die OrganisatorInnen der „LandArztMacher“ empfehlen, sich auf die
Vermittlung von attraktiven Rollenmodellen zu konzentrieren. Durch intensive
Ein-zu-eins-Betreuung kann ein Zuwachs an praktischem Wissen, Fertigkeiten und
ärztlicher Haltung erzielt werden. Zentral angebotene gemeinsame
Teachings zur Vermittlung von hausärztlichen Fähigkeiten
entlasten die Praxisteams. Im Sinne einer größtmöglichen
Effizienz können für die Organisation von
Freizeitaktivitäten tendenziell weniger Ressourcen eingeplant und so ein
möglichst hoher Effekt im Sinne der attraktiven Vermittlung der
Tätigkeit von HausärztInnen auf dem Land erreicht werden.
Fördermittel
Das Projekt wird in Teilen von der AOK und der Gesundheitsregionen Plus
gefördert. Die Förderer haben keinen Einfluss auf die Auswertung und
Interpretation der Daten.