PPH 2024; 30(02): 103
DOI: 10.1055/a-2225-1794
Rund um die Psychiatrie

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Gitte Herwig

Heeg J, Dirmaier J, Verthein U et al. Identifikation von Informationsbedürfnissen zur Prävention des problematischen Konsums von Z-Substanzen und Benzodiazepinen – eine Fokusgruppenstudie. Psychiatrische Praxis 2023; 50 (3): 150–153. doi:10.1055/a-1950-6725

Hintergrund: Medikamentenabhängigkeit ist in Deutschland ein schwerwiegendes Problem, geschätzt gibt es derzeit circa 1,5–1,9 Mio. Betroffene. Im Fokus stehen insbesondere Z-Substanzen (ZS) und Benzodiazepine (BZD). Die Wirkstoffgruppe der ZS umfasst Schlafmittel, die zur Therapie von Ein- und Durchschlafstörungen angewendet werden. BZD werden bei Schlafstörungen (SST), innerer Unruhe und Angstzuständen eingesetzt. ZS und BZD sollen entsprechend der S3-Leitlinie „Nicht erholsamer Schlaf/Schlafstörungen“ aufgrund ihrer Nebenwirkungen (NW) und der Gefahr einer Abhängigkeit nur für eine Kurzzeittherapie (Zeitraum 3–4 Wochen) eingesetzt werden. Dennoch werden ZS und BZD nicht leitliniengerecht verordnet, insbesondere bei Frauen und Personen über 60 Jahren. Im Rahmen des Projekts „Entwicklung, Dissemination und Evaluation von Gesundheitsinformationen zur Reduktion von Missbrauch und Abhängigkeit von Schlaf- und Beruhigungsmitteln“ (EDER-MIA) sollen evidenzbasierte, bedarfsgerechte Gesundheitsinformationen in elektronischer Form zur Aufklärung über ZS und BZD zur Verfügung gestellt werden.

Methode: Die Informationsbedürfnisse (IB) von Betroffenen wurden im Rahmen von 3 Fokusgruppen mit 19 Teilnehmenden (TN) erhoben. Die TN wurden mittels eines semistrukturierten Leitfadens nach IB zu Schlaf- und Beruhigungsmitteln, Schlafschwierigkeiten, Angst, Unruhe und sonstigen Medikamenten befragt. Die Ergebnisse wurden anhand der zusammenfassenden Inhaltsanalyse nach Mayring ausgewertet.

Ergebnisse: Drei Oberkategorien konnten im Zusammenhang mit Informationsbedürfnissen eruiert werden: SST, BZD, Hilfsangebote. 1. IB zu Schlafstörungen: unter anderem Wunsch nach mehr Übersichtlichkeit möglicher Ursachen; Wunsch nach Information über nichtmedikamentöse Behandlungsstrategien; 2. IB zu Z-Substanzen/Benzodiazepinen: unter anderem Zeitrahmen für eine sichere Einnahme; Information zu Langzeitfolgen, Abhängigkeitsrisiko; Entzugsmöglichkeiten; 3. IB zu Hilfsangeboten: unter anderem Bedarf nach mehr Anlaufstellen für Hilfe, Information bezüglich weiterer Behandlungsangebote (Gruppenangebote/Selbsthilfegruppen).

Fazit: Es besteht ein großer Informationsbedarf dazu, wie Schlafprobleme (nicht)medikamentös therapiert werden können sowie zu den Gefahren von ZS und BZD und zur Orientierung im Hilfesystem. Informationen für Betroffene wurden auf der Onlineplattform „psychenet.de“ (→ Schlafstörungen) zusammengestellt.

Gitte Herwig

Laimbacher S, Wolfensberger P, Hahn S. „Wer arbeitet in der Praxis, wenn wir zunehmend Akademiker haben müssen?“ Im Spannungsfeld: APN-Rollenentwicklung in der Psychiatrie. Pflege 2023; 36 (6): 327–333. doi:10.1024/1012-5302/a000959

Hintergrund: Obwohl der Bedarf an neuen Versorgungsstrukturen und -modellen infolge wachsender Anforderungen an die Gesundheitsversorgung steigt, steht die Implementierung von Advanced Practice Nursing (APN) in der deutschsprachigen psychiatrischen Versorgung noch am Anfang. Es gibt noch zahlreiche Unklarheiten im Hinblick auf die Rollenausübung, darüber hinaus fehlt eine gesetzliche Reglementierung der Rolle. Abseits systematischer APN-Rollenentwicklung anhand bekannter Modelle, wie dem „PEPPA-Framework“, stellt sich die Frage nach den emotionalen und interaktionellen Aspekten der APN-Rollenentwicklung in der klinischen Praxis.

Methode: Um die Fragestellung zu beantworten, wurden die in einer Primärstudie erhobenen Daten aus 13 semistrukturierten, problemzentrierten Interviews einer ergänzenden, retrospektiven Sekundäranalyse unterzogen. Die Auswertung erfolgte induktiv anhand der thematischen Analyse nach Braun und Clarke. Es nahmen 11 Pflegefachpersonen in unterschiedlichen Positionen (unter anderem Management, Fachleitungen, APNs) und jeweils eine Vertretung der Medizin und des Personaldiensts an den Interviews einer Klinik in der Schweiz teil. Alle Teilnehmenden hatten in ihrer beruflichen Praxis Kontakt mit einer APN.

Ergebnisse: Es konnten 3 Hauptkategorien ermittelt werden: 1. Berufsidentität in der Bredouille: unter anderem löst fortschreitende Akademisierung der Pflege Insuffizienzgefühle und Ängste bei nicht akademisch ausgebildeten Personen aus; 2. Unter Druck weitentwickeln müssen: unter anderem wahrgenommener Druck, Veränderung gestalten zu müssen, führt zum Teil zu Frustration und Resignation; Unterstützung des Pflegemanagements ist essenziell; fehlendes innerbetriebliches Bekenntnis zur Weiterentwicklung; 3. APN als Personifizierung des Wandels: unter anderem wird die Stellvertreterrolle der APN als „personifizierter Wandel“ emotional ambivalent gesehen; Hinzukommen der neuen Rolle und das Einbringen von neuen Ansichten wird zum Teil kritisch betrachtet; Verunsicherung bezüglich Gestaltungsspielraum und Entscheidungskompetenzen; Unstimmigkeiten, die zu Kontroversen führen, wie die ungeklärte Integration der APN-Rolle in bisherige Führungsstrukturen.

Fazit: Rollen zu klären, alle Betroffenen frühzeitig einzubeziehen, über Intentionen und Inhalte der Rolle aufzuklären, bisherige Führungsstrukturen und Entscheidungskompetenzen zu überdenken sowie Leadership-Qualitäten auf allen Management-Stufen sind notwendige Voraussetzungen, um die APN-Rolle zu etablieren.

Gitte Herwig



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Article published online:
22 March 2024

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