Professor von Kaisenberg, warum ist die Beteiligung und Erstellung von Leitlinien
wichtig für die DEGUM?
Leitlinien bilden das Rückgrat für die standardisierte Diagnostik und Therapie im
deutschsprachigen Raum. Sie basieren auf qualitativ hochwertigen klinischen und wissenschaftlichen
Studien und werden mithilfe moderner Methoden bewertet. Die Erstellung von und Beteiligung
an Leitlinien ist daher von zentraler Bedeutung für eine wissenschaftliche Fachgesellschaft
wie der DEGUM.
DEGUM-Leitlinienbauftragter Prof. Dr. von Kaisenberg © privat
Sie sind der Leitlinien-Beauftragte der DEGUM, was ist Ihre Aufgabe?
Der Leitlinien-Beauftragte der DEGUM wird vom Vorstand ernannt und arbeitet gemeinnützig.
Meine Aufgaben umfassen unter anderem die Profilierung der DEGUM als wissenschaftliche
Fachgesellschaft, die Steigerung der Sichtbarkeit der Leitlinien-Initiativen nach
außen, den Aufbau und die Pflege von Beziehungen und Kooperationen, die Positionierung
der DEGUM innerhalb der Fachgesellschaften sowie die enge Zusammenarbeit mit der AWMF,
da DEGUM-Leitlinien AWMF-Leitlinien sind.
Als Leitlinien-Beauftragter sind Sie ja auch für die interne und externe Zusammenarbeit
verantwortlich.
Ich unterstütze Eigeninitiativen aller Sektionen der DEGUM für neue Leitlinien und
ermutige die Mitglieder der Sektionen, sich an Leitlinien zu beteiligen. Meine Aufgabe
ist es außerdem, Methoden für Forschung und Leitlinien-Entwicklung zu akquirieren
und sie der DEGUM zur Verfügung zu stellen. Darüber hinaus pflege ich Kontakte mit
nationalen und internationalen Verbänden und Gremien, z. B. mit dem Royal College
of Obstetricians & Gynaecologists im Vereinigten Königreich (Green Top Guidelines).
In meiner Rolle als Leitlinien-Beauftragter trage ich somit zur politischen und wissenschaftlichen
Ausrichtung der DEGUM bei. Im Einvernehmen mit dem Vorstand führe ich zudem die Verhandlungen
mit anderen Fachgesellschaften und leite die Leitlinien-Kommission.
Wie hat sich die Rolle des Ultraschalls in den Leitlinien in den letzten Jahren entwickelt?
Die Anwendung des Ultraschalls ist zunehmend auf eine evidenzbasierte Grundlage gestellt
worden, dies betrifft die Standardeinstellungen, das Training, das Quality Assessment
(Audit), die Software-Algorithmen, die rechtlichen Grundlagen und neue Anwendungsgebiete.
Die hierfür erstellten Leitlinien haben die verfügbare Literatur analysiert und es
wurden Evidence Tables erstellt. In dem Prozess „from evidence to recommendation“
wurden Handlungsempfehlungen erstellt.
In welchen Fachbereichen entstehen derzeit die meisten Leitlinien, in denen der Ultraschall
eine besonders wichtige Rolle spielt?
Besonders stark sind die Fachgebiete Pränatalmedizin, Orthopädie und Unfallchirurgie,
Innere und Kardiologie.
Wie fördert die DEGUM die Forschung im Bereich der Ultraschalldiagnostik und -therapie
und wie werden die Ergebnisse dieser Forschung in die Leitlinien-Entwicklung integriert?
Die DEGUM fördert – auf Antrag – einzelne Forschungsprojekte finanziell, insbesondere
solche, die neue methodische Ansätze haben oder die bestimmte Fragen qualitativ hochwertig
beantworten können. Die Ergebnisse von Studien, sofern aussagefähig und belastbar
und von hoher Evidenz, fließen in die Leitlinien-Entwicklung ein.
Was sind die Voraussetzungen für eine Leitlinien-Erstellung? Wie sehen die einzelnen
Schritte aus?
Die DEGUM hat eine SOP, also eine Standardvorgehensweise, für die Erstellung von AWMF-Leitlinien
geschrieben, die von Mitgliedern, Sektionen und Arbeitskreisen der DEGUM befolgt wird.
Die SOP regelt die Initiierung, Administration und Finanzierung der AWMF-Leitlinien
und gibt klare Richtlinien für die Veröffentlichung von DEGUM-Publikationen vor. Form
der Publikation, Autorenschaft und Federführung werden festgelegt, bevor die Arbeit
an einer Leitlinie beginnt. Die DEGUM unterstützt die Erstellung von AWMF-Leitlinien
finanziell und personell und arbeitet eng mit anderen Fachgesellschaften zusammen.
Die Leitlinien müssen bestimmte Kriterien erfüllen und werden vom Vorstand nach Beratung
durch Sektionsvorsitzende oder Sprecher von Arbeitskreisen und dem Leitlinien-Beauftragten
verabschiedet. Die DEGUM finanziert z. B. die systematische Literaturrecherche und
Evidenzbewertung von Studien (Stichwort Evidenz-Tabellen), fördert die Mitarbeit an
Leitlinien anderer Fachgesellschaften und übernimmt die Reisekosten für entsandte
Mitglieder. Es wird um eine regelmäßige Berichterstattung über den Fortschritt der
Leitlinienarbeit gebeten, und die fertige Leitlinie muss vom Vorstand ratifiziert
werden. Leitlinien sind 5 Jahre gültig und werden dann aus dem AWMF-Register entfernt,
wenn sie nicht aktualisiert werden. Besondere Vorkommnisse sollen dem Vorstand und
dem Leitlinien-Beauftragten gemeldet werden. Die AWMF bietet neuerdings an, Teilnehmer
und Mandatierte für Leitlinien für ihre Tätigkeit zu schulen und auszubilden.
Wie lange dauert es, bis eine Leitlinie veröffentlicht wird?
Dies hängt vom Umfang der Leitlinie ab: 2 Jahre sind schnell, 3 Jahre sind nicht selten;
ein Leitlinien-Update geht schneller. Danach werden die Leitlinien mindestens alle
5 Jahre aktualisiert – es gibt auch Living Guidelines, die jährlich aktualisiert werden.
Wie unterstützt die DEGUM die Implementierung von Leitlinien in der klinischen Praxis
und welche Ressourcen werden dafür bereitgestellt?
Auf verschiedenen Wegen, zum Beispiel durch Publikation in der Fachzeitschrift „Ultraschall
in der Medizin“ und anderen Fachzeitschriften, durch Vorstellung auf dem Dreiländertreffen
oder in den DEGUM-Ultraschallkursen.
Hier gibt es weitere Infos zu den Leitlinien der DEGUM: https://www.degum.de/aktivitaeten/leitlinien/uebersicht.html