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DOI: 10.1055/a-2289-6148
Transkulturelle Psychotherapie
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Anerkennung der Vielfalt
Wir verinnerlichen von Kindheit an zumeist unbemerkt kulturell geprägte Denk- und Verhaltensmuster. Elemente einer Kultur sind nicht nur Sprache, Gewohnheiten, Rituale oder Ähnliches, sondern auch moralische, normative und wertbezogene Vorstellungen. Unser Denken, Fühlen, Interpretieren und Handeln ist durch unsere kulturellen Hintergründe beeinflusst. Der Kleidungsstil, die Art und Weise, wie wir uns ausdrücken, oder unser Verhalten in Konfliktsituationen sind Ausdruck unseres soziokulturellen Kontextes. Kultur kann soziale Zugehörigkeit signalisieren und reproduzieren – oder eben Grenzen und Unterschiede markieren. Wir alle haben feine Antennen dafür, welche soziokulturellen Kodexe unser Gegenüber markiert. Problematisch wird es dann, wenn dies zur Stigmatisierung, Entwertung, Diskriminierung oder Ausgrenzung und zu einer dichotomen Wahrnehmung von „Wir“ und „Andere“ führt. Dies betrifft Menschen aus unterschiedlichsten sozialen Milieus, wie Angehörige anderer Generationen, sexueller Orientierungen, Bildungsschichten, Genderzugehörigkeiten, Sprachen und Dialekten, Regionen usw.
Wir leben in einer zunehmend pluralistischen Welt, in der kulturelle Diversität zum Alltag gehört. Rund 25 % der Bewohner in Deutschland weisen einen Migrationshintergrund auf. In den letzten Jahren führten politischen Unruhen und Kriege, Wirtschaftskrisen und die klimatischen Veränderungen zu erheblichen Migrations- und Flüchtlingsbewegungen. Viele der Geflüchteten sind traumatisiert oder leiden unter anderen psychischen Problemen und Erkrankungen. Der Verlust der Heimat, die Notwendigkeit, in der neuen Welt zurechtzukommen, sich anzupassen und auch abzugrenzen, Identitätsfragen und Generationskonflikte, wirtschaftliche und arbeitsbezogene Probleme, die Sorge um Angehörige im Ursprungsland, langwährende aufenthaltsrechtliche Unsicherheiten oder Diskriminierungserfahrungen führen zu erheblichen Belastungen und gesundheitlichen Problemen. Die Zahl der Menschen mit transkulturellem Hintergrund, die psychotherapeutische Unterstützung benötigen, nimmt entsprechend ihrem wachsenden Anteil an der Bevölkerung ständig zu – aber noch immer gibt es viele Barrieren hinsichtlich einer adäquaten psychosozialen Versorgung. Vielfältige Faktoren erschweren die Behandlung von Patient*innen aus anderen Kulturen, etwa sprachliche Kommunikationsprobleme, Verzerrungen im Diagnoseprozess oder kulturell unterschiedliche Krankheitskonzepte.
Publication History
Article published online:
25 February 2025
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