Ich war zum ersten Mal in meinen fast 20 Jahren Berufserfahrungen auf dem
Deutschen Pflegekongress. Dadurch, dass ich nach meiner Ausbildung direkt in der
Endoskopie angefangen habe, hielt ich es immer für unnötig und ließ den Kollegen
und Kolleginnen von Station den Vortritt. Der ENDOCLUBNORD, Augsburg, Endo Live,
der DGE-BV oder der DGVS haben mich mehr gereizt.
Dadurch, dass die DEGEA nun seit einiger Zeit im Deutschen Pflegerat vertreten
ist, wurden wir EZR-Sprecher (Endoskopie-Zirkel-Regional-Sprecher) gefragt, wer
Lust hätte, sich mit auf nach Berlin zu machen. Angespornt, mal was Neues zu
probieren, sagte ich zu. Mal schauen, was ich mir als eingefleischte
Endoskopieschwester so mitnehmen kann.
Als ich ankam, war ich überwältigt von der Menge der Teilnehmer. Es waren ca.
9000 Pflegende registriert. Es gab keine Tickets mehr. Der Kongress war
ausgebucht. Wow, das beeindruckte mich schon sehr. Ich spürte die Stimmung der
Teilnehmer. Sie hatten Lust auf Austausch, Wertschätzung ihrer Arbeit, aber vor
allem auf Veränderung. Das zog sich durch alle Vorträge, die ich besuchte. Unter
anderem wurde viel über Pflegekammern, Akademisierung der Pflege und deren
Verantwortungsbereich diskutiert. Dies interessierte mich am meisten, weil ich
zugeben muss, dass sich die Notwendigkeit mir bisher auch noch nicht
erschloss.
Richtig klar wurde mir die Bedeutung der Pflege bei dem Vortrag „Neues aus der
Anstalt: Humor in der Pflege – Zwischen Burnout und Coolout“. Es wurde
kabarettistisch eine Unterhaltung gezeigt, wie ein OP-Pfleger versuchte,
dringend isotonische Kochsalzlösung in der Apotheke zu bestellen. Dies ist nur
möglich, wenn ein Arzt die Bestellung unterschreibt bzw. freigibt. Dabei ist die
ärztliche Fachrichtung völlig irrelevant und ob er Assistenzarzt oder Oberarzt
ist. Wenn ich als Privatperson in die Apotheke gehe, darf ich so viel
isotonische Kochsalzlösung kaufen wie ich möchte, aber als Pflegeexpertin wird
es mir nicht zugetraut? Das ist wirklich witzig! Genauso wie andere
Medizinprodukte und Arzneimittel, die über die Apotheke bestellt werden. Wir
sedieren jeden Tag Patienten bei allen endoskopischen Untersuchungen. Wir
wissen, wieviel Ampullen Propofol wir in der Woche benötigen. Trotzdem benötigen
wir einen Arzt für die Freigabe, egal, ob er in der Abteilung arbeitet oder
nicht. Jetzt mal Hand aufs Herz: Wer von euch kennt das Passwort seines
Vertrauensarztes, um eigenständig Medikamente für die Abteilung zu
bestellen?
Genauso ist es mit den Pflegediagnosen. Eine ärztliche Diagnose wird nicht
angezweifelt. Sie steht, sobald ein Arzt sie dokumentiert hat. Wenn wir
Pflegekräfte den Pflegebedarf, z. B. im häuslichen Bereich erfassen, kommt der
Medizinische Dienst und überprüft diese. Warum gibt es Zweifel? Wer kann besser
Pflegediagnosen identifizieren als die Personen mit der Pflegeausbildung?
Zurück zur Propofolsedierung: Denn das ist unser Alltag. Trotz
Delegationsnachweis und regelmäßigen Schulungen (die überwiegend nur wir
Pflegekräfte besuchen!) darf ich rechtlich nur Propofol in Absprache mit dem
endoskopierenden Arzt geben. Dabei ist es mittlerweile wissenschaftlich
nachgewiesen, dass man nicht „multi tasking“ fähig ist. Dennoch soll ich als
Pflege den endoskopierenden Arzt in seiner Untersuchung regelmäßig unterbrechen
(was nachweislich das Stresslevel des Arztes erhöht), um mir die Freigabe zu
bestätigen, dass ich das Medikament spritzen darf. Kann ein Arzt die
Sedierungstiefe eines Patienten einschätzen, wenn er sich hauptsächlich auf die
endoskopische Untersuchung konzentriert? Mit jahrerlanger praktischen Erfahrung
kann ich als Pflegefachperson mit Augenmaß und Blick auf die Vitalwerte
abschätzen, ob der Patient z. B. einen Bolus benötigt.
Versteht mich bitte nicht falsch. Ich verstehe die privat- und strafrechtliche
Verantwortung, die die Ärzte tragen – auch und vor allem für uns Pflegekräfte!
Und ich verstehe, dass ihre Approbationen auch an vielen Tätigkeiten hängen, die
wir als Pflege ausführen. Ich möchte hiermit auch nicht die Kompetenz unserer
Ärzte herabsetzen. Auf gar keinen Fall! Ich schätze die Zusammenarbeit mit
meinen ärztlichen Kollegen sehr. Und ich weiß, dass sie auch meine Kompetenz
schätzen! Ich finde nur, dass es endlich an der Zeit ist, die Kompetenz und
damit die Verantwortung der Pflege heraufzusetzen! Es müssen die Tätigkeiten
identifiziert werden, die wir schon jeden Tag selbstständig durchführen, obwohl
wir es eigentlich nicht dürfen. Und es muss für uns eine rechtliche Grundlage
geschaffen werden. Und das ist nur über die Pflegekammer möglich. Denn die
Pflegekammer wird in politischen Entscheidungen und in deren Gesetzgebungen mit
einbezogen. Sie kann mitbestimmen und festlegen, was wir als Pflege können und
dürfen. Natürlich werden wir dadurch dann auch regelmäßig nachweisen müssen,
dass wir uns fachlich fortbilden und auf unserem jetzigen Bildungsstand nicht
stehenbleiben. Dafür dürfen wir dann aber auch mehr Verantwortung
übernehmen.
Wer von euch ist auch dazu bereit?