Z Sex Forsch 2025; 38(01): 53-54
DOI: 10.1055/a-2520-8959
Bericht

Der Kinosaal wird zum Begegnungsraum – Bericht über das 19. Pornfilmfestival vom 22.-27. Oktober 2024 in Berlin

Leonie Zilch
Institut für Film-, Theater-, Medien und Kulturwissenschaft, Johannes Gutenberg-Universität Mainz
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2024 lud das Pornfilmfestival Berlin zum 19. Mal in Folge dazu ein, Pornografie in ihrer ästhetischen Vielfalt zu erfahren (https://pornfilmfestivalberlin.de/). Filmisch verhandelt, befragt und herausgefordert werden hier unter der Rahmung des Pornografischen (normative) Vorstellungen von Sexualität, Begehren, Körpern, Sexualmoral und Geschlechtsidentität. Der Kinosaal wird so zum Begegnungsraum sowohl mit eigenem und fremdem individuellen Begehren, Fantasien und Grenzen als auch mit einem kollektiven Begehren nach einem unaufgeregten, kritischen und neugierigen Umgang mit Pornografie und den in den Filmen präsentierten Sexualitäten. Die Orte dafür waren wie seit vielen Jahren die Kinos Moviemento und Babylon Kreuzberg, in deren Kinosälen sich durchschnittlich 8 000 Zuschauer:innen zum kollektiven Pornoschauen versammelten. Zusätzlich gab es einen Online-Streaming-Festivalpass, über den ausgewählte Filme auf PinklabelTV (https://pinklabel.tv/on-demand/) gesichtet werden konnte. Gegründet wurde das Festival 2006 vom Filmemacher und Produzenten Jürgen Brüning, der bis heute Teil des sechsköpfigen Kurator:innenteams – derzeit bestehend aus Manuela Kay, Paulita Pappel, KIKI Petersen, Constanza Godoy und Walter Crasshole – ist. Das Team aus Filmemacher:innen, Filmtheoretiker:innen, Filmproduzent:innen und Journalist:innen hatte 2024 in ehrenamtlicher Arbeit ein abwechslungsreiches Programm aus 33 Langfilmen und ca. 110 Kurzfilmen zusammengestellt, die im Rahmen von 18 kuratierten Kurzfilmprogrammen liefen.

Das sorgfältig kuratierte Programm ermöglichte Einblicke in internationale Produktionen vor allem von unabhängigen Filmemacher:innen und kleinen Produktionsfirmen, deren Filme andernfalls kaum zugänglich sind. Die thematischen Rahmen der Kurzfilmprogramme sind nicht jedes Jahr gleich, sondern speisen sich aus den eingereichten und ausgewählten Filmen. Aus wissenschaftlicher Perspektive von besonderem Interesse sind thematische Muster, die sich über die Jahre hinweg verankert haben, oder auch Themen, die neu aufkommen und sich eventuell etablieren. Alljährliche Klassiker sind etwa die Art/Experimental Porn Shorts, BDSM Porn Shorts, Fetish Porn Shorts, Fun Porn Shorts, Gay Porn Shorts, Lesbian Porn Shorts und Queer Porn Shorts. Weitere Kurzfilmprogramme des Jahres 2024, die vereinzelt auch schon in den letzten Jahren zu sehen waren, waren die Angst & Horror Porn Shorts, Confessionals Shorts, Eco Porn Shorts, Future Visions Porn Shorts, Hetero Porn Shorts, Liberated Desires Shorts, Porn Starter Kit Shorts, Sex & Politics Shorts, The More The Merrier Porn Shorts, XXXX Porn Shorts. Was sich hier zeigt: Zusammengestellt werden die Programme sowohl in Hinsicht auf sexuelle Praktiken (BDSM, Fetische), sexuelle Orientierung und Identität, also wer mit wem Sex hat (Gay, Lesbian, Queer, Hetero, Gruppensex) sowie Ästhetik bzw. Genrezugehörigkeit (experimentell, Kunstfilm, Angst und Horror). Darüber hinaus greifen die gewählten Rahmungen interessanterweise Topoi auf, die fest in der Kulturgeschichte der Pornografie verankert sind: Sowohl die Beichte (Confessionals Shorts) als auch die Befreiung (Liberated Desires Shorts) sind mit Foucault gesprochen fest im Sexualitätsdispositiv verankert.

Die Confessionals Shorts präsentierten 2024 drei dokumentarische Kurzfilme, in denen Menschen uns an ihren Erfahrungen teilhaben lassen, wie es ist, sich am Rand oder jenseits der Norm zu bewegen. In „I Really Want to Get Fucked“ (Robin Astera, DE 2024) sehen wir einen nichtbinären Transmann of color sich auf einem Bett rekeln und masturbieren. Die Stimme aus dem Off berichtet über den Wunsch und die Unmöglichkeit, sich aufgrund traumatischer Erfahrungen ficken zu lassen, was zusätzlich die Tätigkeit in der Sexarbeit verkompliziert. In „Sadie’s Baby“ (Ian McClellan, US 2018) folgen wir Sadie Lune, einer bekannten queeren Performancekünstlerin und Sexarbeiterin, auf dem Weg zur Erfüllung ihres Kinderwunsches. Wir bezeugen ein Befruchtungsritual und die Trauer darüber, dass dieses nicht erfolgreich war. Wir begleiten sie von San Francisco nach Berlin, wo sie schließlich mit ihrer queeren Familie in Freundschaft und Partner:innenschaft ihren Wunsch verwirklicht. „A Body Like Mine” (Maja Classen, DE 2023) porträtiert Puck. Bei Puck handelt es sich um die Persona oder das Alter Ego einer Schwarzen in Berlin lebenden Frau, die sich mithilfe von Puck ihren Körper, ihre Sexualität sowie künstlerische und öffentliche Räume aneignet, aus denen ihr Schwarzer Körper als von weißen Schönheitsnormen abweichend ausgeschlossen ist. Am Ende bleibt unklar, ob Puck noch Persona oder in die Person aufgegangen ist.

Auch im Liberated Desires-Programm liegt der Fokus auf verschiedenen Körperlichkeiten, die filmisch befreit werden – hier vor allem auf der Repräsentationsebene, indem ihnen Sichtbarkeit zuteilwird. In „Ansiedad“ (Lola Pistola, ES 2023) etwa tobt sich eine nur im T-Shirt bekleidete Frau zum Ketchup Song in teils exzentrischen Bewegungen aus, die der Songlogik folgend immer schneller werden, um das beengende Gefühl der Angst im wahrsten Sinne des Wortes wegzuschütteln und wegzutanzen. Gleich zwei Filme („Vives“ von Isa, BR 2024 und „You Can’t Get What You Want but You Can Get Me“ von Samira Elagoz & Z Walsh, NL/FI 2024) verleihen der Liebe und dem Begehren von zwei Transpersonen Ausdruck. „Mut zur (unbehinderten) Lust – Eine Reise zum Selbstwert durch Leidenschaft“ (Ben Nordmann, DE 2024) zeigt die Erfahrungen einer Frau mit Behinderung, die nach einem geeigneten Sexarbeiter sucht, um ihre sexuelle Lust zu zweit auszuleben.

Auch zwei Dokumentarfilme griffen die Themen Sex und Behinderung und Trans-Sichtbarkeit auf. In dem brasilianischen Dokumentarfilm „Acsexybility“ (Daniel Goncalves, BR 2023) erzählen verschiedene Menschen mit Behinderung auf anekdotische und humorvolle Weise von ihren sexuellen Erfahrungen, den ihnen begegnenden Vorurteilen und ihrem Umgang mit diesen. Der hybride Dokumentarfilm „Desire Lines“ (Jules Rosskam, US 2024) erzählt die Geschichte eines iranisch-amerikanischen Transmanns, der ein LGBTQ + -Archiv besucht und dabei seiner eigenen Geschichte begegnet sowie in einen intergenerationellen Austausch mit dem transmännlichen Archivmitarbeiter gerät. Filmisch durch Archivmaterial erinnert wird dabei wiederholt an den Aktivisten Lou Sullivan und seine Bedeutung für die Geschichte von schwuler Transmännlichkeit. Durch die semi-fiktionale Erzählweise und die Arbeit mit Rückblenden verschwimmen in dem Film Vergangenheit und Gegenwart, Erinnerung, Imagination und Realität und der Film wird selbst zu einem Teil der erzählten Bewegungsgeschichte.

Pornografie, dies wird seit Jahrzehnten immer wieder betont, war und ist insbesondere für marginalisierte Personen, deren Körper in den Mainstream-Medien kaum oder gar nicht repräsentiert werden, ein wichtiges Medium, um das eigene Begehren als berechtigt, den eigenen Körper als begehrenswert zu erfahren. Es überrascht entsprechend nicht, dass das Publikum ebenso divers und international ist wie die gezeigten Filme. Auf der Homepage heißt es, über die Hälfte der Besucher:innen sei weiblich, insgesamt sei das Publikum hetero-, homo-, bi-, trans*, nichtbinär und queer gemischt – und das war definitiv der Fall.

Die Filmauswahl des Pornfilmfestivals 2024 führte auf eindrückliche Weise vor Augen, wie normiert Darstellungen von Sexualität in unserer Gesellschaft sind. Als Forschende ist es beständig unsere Aufgabe, die eigenen Verzerrungen zu überprüfen und im Idealfall bestmöglich zu überwinden. Der Besuch des Pornfilmfestivals kann daher insbesondere für Forschende der Sexualwissenschaft eine große Bereicherung sein. Ich besuche das Festival seit sieben Jahren und kann mich gut an meinen ersten Besuch erinnern. Er war schockierend, befreiend sowie augenöffnend zugleich. Schockiert war ich jedoch nicht von den Darstellungen, sondern davon, wie ungewohnt es für mich war, bestimmte Körper beim Sex zu sehen, sexuelle Praktiken und Begehren zu bezeugen, die mir gänzlich neu waren – und zu diesem Zeitpunkt war ich durchaus mit feministischer und queerer Pornografie vertraut. Doch auch ästhetisch ist der Besuch augenöffnend. Wer behauptet, Pornografie sehe immer gleich aus, hat nicht viele Filme gesehen bzw. schaut immer nur die gleichen. Es ist beeindruckend, wie sexuelle Spannung filmisch inszeniert werden kann, ohne dass die Bilder dabei sexuell explizit sein müssen. Im Jahr 2024 richtete sich ein eigenes Kurzfilmprogramm an die Erstbesucher:innen: Die Porn Starter Kit Shorts präsentierten eine bunte Vielfalt von sieben Kurzfilmen, die sowohl explizit als auch nicht-explizit waren, animiert, dokumentarisch, queer, lesbisch, lustig und fantasievoll. Dabei richteten sich die XXXX Shorts quasi an die Hartgesottenen: Mit „Härter als Hardcore“ beworben, inszenierten die drei Kurzfilme u. a. Vergewaltigungs- und Rachefantasien, Praktiken wie Sounding (Harnröhrenstimulation) und ein exzessives Spiel mit Körperflüssigkeiten (Blut durch feine Schnitte mit einer Rasierklinge oder Urin).

Für Forschende von Interesse sind jedoch nicht nur die Filme selbst, sondern auch die große Präsenz von Filmemacher:innen, die für Gespräche nach den Screenings zur Verfügung stehen und Einblicke in die Produktionsbedingungen geben. In Form eines Panel-Gesprächs tauschten sich dieses Jahr außerdem verschiedene Content-Creator:innen über ihren Arbeitsalltag, ihre Herausforderungen und Wünsche aus. Einig waren sich alle, dass die STI-Testmöglichkeiten und -bedingungen in Deutschland mangelhaft und überteuert sind, ebenso dass Werbung und Marketing auf Social Media notwendig, aber extrem aufwendig und kräftezehrend sind. Neben einfacheren Arbeitsbedingungen wünschten sich alle Beteiligten eine Entstigmatisierung von Sexarbeit und Pornografie. Sie schilderten es als mental zermürbend, immer überlegen und einschätzen zu müssen, wem man wie viel vom eigenen Job berichten kann, da sie einerseits glücklich mit ihrer Berufswahl sind und gerne offen damit umgehen würden, andererseits sich selbst vor Stigmatisierung und Verletzung schützen möchten.

Das Pornfilmfestival gibt wertvolle Einblicke in zeitgenössische Pornografie und ermöglicht den Kontakt und Austausch mit Pornografieschaffenden, deren Arbeitsbedingungen und Perspektiven in der Forschung bislang noch unterrepräsentiert sind.



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Article published online:
18 March 2025

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