Arthritis und Rheuma 2025; 45(06): 434-435
DOI: 10.1055/a-2674-8966
Verbandsnachrichten

Zukunft sichern – die Rolle der akutstationären Rheumatologie in einer zukunftsfähigen Versorgung und ärztlichen Weiterbildung

 

Die gegenwärtige Debatte um die Zukunft stationärer Versorgungsstrukturen im Rahmen der Krankenhausreform, genauer des Krankenhausversorgungsverbesserungsgesetzes (KHVVG) und der forcierten Ambulantisierung betrifft sämtliche Fachdisziplinen der Inneren Medizin, wobei auch die Rheumatologie von den Entwicklungen betroffen ist. Der Artikel von Alexander Pfeil, Martin Fleck, Hanns-Martin Lorenz, Ulf Müller-Ladner, Heinz-Jürgen Lakomek und Christof Specker mit dem Titel „‘Akutstationäre Rheumatologie‘ in Deutschland: Unverzichtbare Säule in der rheumatologischen Versorgung und der Facharztweiterbildung“, publiziert in der Zeitschrift für Rheumatologie ist in diesem Kontext von hoher Relevanz [1], da er einen Aspekt beleuchtet, der bislang in der aktuellen Diskussion zu wenig beachtet wurde: die unentbehrliche Rolle der stationären rheumatologischen Versorgung nicht nur für komplex erkrankte Patientinnen und Patienten mit entzündlich rheumatischen Erkrankungen, sondern ebenso für die Weiterbildung angehender Fachärztinnen und Fachärzte für Rheumatologie.

Entzündlich-rheumatische Erkrankungen manifestieren sich heutzutage nicht mehr ausschließlich in Form von Gelenkbeschwerden, sondern gehen darüber hinaus und sind durch immunvermittelte Systemmanifestationen mit potenziell lebensbedrohlicher Organbeteiligung (z. B. Lunge, Herz und Niere) gekennzeichnet [2], [3]. Zusätzlich führt der demografische Wandel zu einer Zunahme von entzündlich-rheumatischen Erkrankungen (1,5–2000 000 Erkrankte versus ca. 1450 000 Betroffene im Jahr 2016) [4].

Insbesondere in Fällen wie Vaskulitiden, Kollagenosen oder autoinflammatorischen Syndromen mit einer organbedrohenden Manifestation und der Notwendigkeit einer intensiven und komplexen Diagnostik, Differenzialdiagnostik, immunsuppressiven Therapie bzw. Therapie von Komplikationen ist die stationäre Versorgung von entscheidender Bedeutung. Sie ermöglicht ein rasches, multidisziplinär abgestimmtes Vorgehen, engmaschige Überwachung und den Einsatz intensivierter immunmodulatorischer oder neuer Therapien (z. B. Chimäre-Antigen-Rezeptor(CAR)-T-Zellen oder bi- und trispezifische T-Cell-Engager) [5], [6], die im ambulanten Setting weder sicher noch adäquat durchführbar wären.

Des Weiteren werden im Artikel Indikationen und Kontextfaktoren zur fachstationären Aufnahme in die Rheumatologie definiert [7] ([ Abb. 1 ]). Die dargestellten Indikationen und Kontextfaktoren veranschaulichen die Realität moderner Versorgungsstrukturen. Für eine stationäre Aufnahme sind Kontextfaktoren von Relevanz, zu denen unter anderem eine hohe Krankheitsaktivität zählen, sofern eine ambulante Kontrolle als nicht ausreichend erachtet wird. Des Weiteren zählen die Erstmanifestation oder das Rezidiv einer systemischen Erkrankung mit Organbeteiligung, therapieassoziierte Komplikationen (z. B. Infektionen), Multimorbidität, Frailty, Polypharmazie und psychosoziale Komplexität zu den Faktoren, die eine sektorübergreifende rheumatologische Versorgung notwendig machen und oft nur stationär geleistet werden können. Auch jüngere Patientinnen und Patienten mit neu diagnostizierten rheumatischen Systemerkrankungen bedürfen in vielen Fällen einer intensiven Betreuung, die psychosoziale Unterstützung und interdisziplinäre Vernetzung einschließt. Die vorliegenden Anforderungen können durch ambulante Strukturen nicht ausreichend abgedeckt werden.

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Abb. 1 Darstellung der Indikationen, Kontextfaktoren und die Weiterbildungsrelevanz der stationären Rheumatologie [1], [7].

Darüber hinaus adressiert der Artikel einen weiteren, nicht minder bedeutsamen Punkt, nämlich die stationäre Weiterbildung als Grundvoraussetzung für eine qualitativ hochwertige rheumatologische Facharztausbildung. Die Vermittlung diagnostischer und therapeutischer Kernkompetenzen – von der Differenzialdiagnose komplexer Systemerkrankungen über das Management akuter Organbeteiligungen bis zur Steuerung innovativer Therapiestrategien – gelingt nur in einem klinischen Umfeld, das strukturelle Tiefe, zeitliche Kontinuität und fachärztliche Supervision gewährleistet [8]. Genau dies wird durch das stationäre Setting geboten – jedoch nicht als Selbstzweck, sondern als integraler Bestandteil eines durchdachten Weiterbildungskonzepts [9], [10].

Es sei darauf hingewiesen, dass im Artikel insbesondere die Forderung an die für die Gesundheitspolitik verantwortlichen Entscheidungsträger betont wird, die stationäre Weiterbildung nicht dem ökonomischen Druck zu opfern. Die Forderung der Autoren, die Musterweiterbildungsordnung um klar definierte stationäre Anteile zu ergänzen und im Rahmen der Vorhaltefinanzierung gezielt zu fördern, ist als berechtigt zu erachten. Andernfalls droht ein struktureller Qualitätsverlust – nicht nur in der Weiterbildung, sondern in der rheumatologischen Versorgung insgesamt. Es geht nicht allein um Strukturen, sondern um die Frage, wie die Versorgung rheumatologischer Patientinnen und Patienten in Zukunft sichergestellt werden kann.

FAZIT

Die akutstationäre Rheumatologie stellt kein veraltetes Versorgungsmodell dar, sondern ist ein hochmodernes und notwendiges Element eines funktionierenden Gesundheitssystems. Dies ist zum einen bedingt durch die zunehmende Komplexität rheumatologischer Erkrankungen, zum anderen durch die Qualifikation des fachärztlichen Nachwuchses.

Alexander Pfeil, Martin Fleck, Hanns-Martin Lorenz, Ulf Müller-Ladner, Christof Specker, Heinz-Jürgen Lakomek

KONTAKTADRESSE

Verband Rheumatologischer Akutkliniken e. V.
Geschäftsstelle
Prof. Dr. med. Heinz-Jürgen Lakomek
Direktor Universitätsklinik für Geriatrie
Johannes Wesling Klinikum Minden
Hans-Nolte-Str. 1, 32429 Minden
Tel.: 0571/790 3801
Fax: 0571/790 29 3800
E-Mail: lakomek@vraev.de
Internet: www.vraev.de

IMPRESSUM

Verantwortlich für den Inhalt
Prof. Dr. med. Heinz-Jürgen Lakomek
Geschäftsführer, Verband rheumatologischer Akutkliniken e. V.
E-Mail: heinz-juergen.lakomek@muehlenkreiskliniken.de



Publication History

Article published online:
01 December 2025

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Abb. 1 Darstellung der Indikationen, Kontextfaktoren und die Weiterbildungsrelevanz der stationären Rheumatologie [1], [7].