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DOI: 10.1055/a-2691-8758
Editorial
Autor*innen
Liebe Leserinnen und Leser,
die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen hat in den vergangenen Jahren, auch in Folge der Corona-Pandemie, viel mediale und gesellschaftliche Aufmerksamkeit gewonnen. Sie ist ein Indikator dafür, wie gut es einer Gesellschaft gelingt Teilhabe, Entwicklung und Wohlbefinden zu ermöglichen. Genau darum geht es auch in der Kampagne der Bundesschülerkonferenz „UNS GEHT‘S GUT?“: Sie fragt nach den realen Lebensbedingungen junger Menschen und macht deutlich, dass Ängste, Überforderung und Erschöpfung keine individuellen Probleme sind, sondern gesamtgesellschaftliche Herausforderungen.
Seelische Gesundheit ist weder Privileg noch Luxusgut. Sie ist, wie die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 und die UN-Kinderrechtskonvention festhalten, ein zentraler Bestandteil des Rechts auf ein Leben in Würde, Gesundheit und Wohlbefinden. Dieses Recht verpflichtet Politik, Institutionen und Fachsysteme ebenso wie zunehmend die Gesellschaft als Ganzes.
Die Diskussion um psychische Gesundheit darf nicht zwischen Fachgesellschaften, Ministerien und Interessensvertretern verharren. Junge Menschen selbst sind längst Akteurinnen und Akteure dieses Diskurses. Die Kampagne „UNS GEHT‘S GUT?“ der Bundesschülerkonferenz und ihr 10-Punkte-Plan zeigen, was konkret gebraucht wird: mehr Personal in Schulsozialarbeit und schulpsychologischen Diensten, bessere Schulstrukturen, Förderung von Medienkompetenz, mentale Gesundheit als Querschnittsaufgabe für die Schulen, gezielte Fortbildungen für Lehrkräfte, präventive Gesundheitsförderung, Schutzkonzepte gegen Mobbing, Vermittlung von Schlüsselkompetenzen wie Stressbewältigung, schulische Rückzugsräume sowie umfassende Unterstützung für benachteiligte Kinder und Jugendliche. Diese Forderungen machen deutlich: Die Perspektive junger Menschen ist keine Ergänzung des Diskurses, sondern eine demokratische Notwendigkeit. Wer über die Zukunft psychischer Gesundheit spricht, muss jene hören, deren Lebensrealität damit unmittelbar verbunden ist.
Gesellschaftlich betrachtet bedeutet dies: Fehlende Unterstützung in Schulen, überlastete Systeme und ungleiche Zugänge zu therapeutischer Hilfe sind nicht nur Struktur- und Versorgungsprobleme, sondern Ausdruck einer Prioritätensetzung. In einer Zeit, in der der Alltag junger Menschen von politischen und ökologischen Krisen, digitalem Wandel und Leistungsdruck geprägt ist, wird die Förderung seelischer Gesundheit zur politischen Zukunftsaufgabe.
Menschen und Institutionen, die sich für die seelische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen verantwortlich fühlen, von Fachkräften aus Medizin, Pädagogik, Psychologie, Psychotherapie und Sozialarbeit bis hin zu Verantwortlichen in Schulen und Kommunen, befinden sich an einer zentralen Schnittstelle zwischen individueller Unterstützung und gesellschaftlicher Verantwortung. Sie begleiten junge Menschen nicht nur therapeutisch oder pädagogisch, sondern zunehmend auch im Sinne von Advocacy, also als Einsatz für ihre Rechte und Bedürfnisse. Dies umfasst interdisziplinäre Zusammenarbeit, die Bereitschaft, gesellschaftliche Strukturen kritisch zu hinterfragen, und das Engagement, die Stimme für diejenigen zu erheben, die selbst noch zu wenig Gehör finden.
Seelische Gesundheit als Menschenrecht ernst zu nehmen, bedeutet Räume der Mitgestaltung zu schaffen: in Schulen, in der Gesundheitsversorgung, in der Politik. Kinder und Jugendliche brauchen nicht nur Schutz, sondern auch die Möglichkeit an den Bedingungen mitzuwirken, die ihr Wohlbefinden beeinflussen. Eine Gesellschaft, die diese Teilhabe ermöglicht und die Forderungen der Kampagne „UNS GEHT‘S GUT?“ anerkennt, schafft bessere Voraussetzungen für die psychische Gesundheit junger Menschen und somit für ihre eigene Zukunft.
„UNS GEHT‘S GUT?“
Weitere Infos zur Kampagne „UNS GEHT’S GUT?“ finden Sie auf den Seiten der Bundesschülerkonferenz: https://bundesschuelerkonferenz.com/
Herzliche kollegiale Grüße aus Bonn,
Ulf Thiemann
Publikationsverlauf
Artikel online veröffentlicht:
22. Januar 2026
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